Dienstag, 5. Mai 2020

Immunitätsausweis: Debatte über gezielte Infektionen "an Haaren herbeigezogen"

Ein Macher des geplanten digitalen Seuchenpasses hat den Ansatz verteidigt. Zunächst solle es darum gehen, den PCR-Teststatus auf dem Handy nachweisen zu können.

Von Stefan Krempl

Stephan Noller, Geschäftsführer der IT-Sicherheitsfirma Ubirch, hat die kontroverse Debatte über den von ihm und einem Firmenkonsortium entworfenen "digitalen Corona-Impfpass" als jenseits von Gut und Böse bezeichnet. "In Deutschland sind wir gut darin, solche Diskussionen aufzumachen", erklärte er am Dienstag bei der Online-Konferenz "Basecamp on Air" von Telefónica zum Thema "Digital gegen das Virus". Befürchtungen, dass sich aufgrund eines solchen potenziellen Immunitätsnachweises Menschen voraussichtlich gezielt mit Sars-Cov-2 zu infizieren suchten, bezeichnete er als "abstrakt" und "an den Haaren herbeigezogen".

Dafür müsste man sich in die Klinik schleichen und zu jemand ins Krankenbett legen, meinte Noller. Das wäre ähnlich abenteuerlich, wie wenn sich eine Person vor den Bus werfen würde mit dem Ziel, eine Versorgungsrente zu bekommen. Ein Medienkünstler hatte zuvor angesichts der Initiative für den digitalen Seuchenpass kritisiert, dass die in der Krise um sich greifende Technikgläubigkeit "total verrückte" Blüten treibe. Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber warnte angesichts des Plans der Bundesregierung, einer digitalen Immunitätsdokumentation per Impfpass-App den rechtlichen Boden zu bereiten, vor einer Diskriminierungswelle.

Noller empfahl, mit der skizzierten Digitalanwendung zunächst "nicht auf Immunität" über Antikörpertests zu gehen, sondern auf einen Nachweis, ob jemand das neuartige Coronavirus habe. Dafür ließen sich viel mehr PCR-Tests durchführen und so ganze Belegschaften, Leute in Altenheimen oder Busfahrer abchecken lassen. Bei Covid-19 komme nämlich ein "spannender Effekt" ins Spiel: Man "ist drei Tage nicht ansteckend." Der Digitalexperte spielte damit eventuell auf Erkenntnisse an, dass der Zeitraum zwischen einer Corona-Infektion und ersten Symptomen wohl drei Tage beträgt. Innerhalb dieser Phase können Virenträger aber durchaus Dritte anstecken.

Jedenfalls plädierte Noller dafür, das aktuelle Testgeschehen digital zu begleiten und Ergebnisse mit dem aktuellen Status in Form einer App oder eines QR-Codes "in der Hosentasche verfügbar" zu halten. Dies lasse sich etwa über das Lissi-Projekt der Bundesdruckerei datenschutzfreundlich gestalten, $(LB2880044:die zu der Firmenallianz gehört)$. Dabei gebe es keinen zentralen Speicher und jeder Nutzer könne selbst entscheiden, ob er sein Testergebnis etwa beim Betreten eines Pflegeheims oder Restaurants vorzeige. Das Laborergebnis lasse sich dann über einen Link in der Blockchain verifizieren, also mit einem Kryptoanker zeigen, dass alles mit rechten Dingen zugehe.

Derzeit würden 200.000 bis 300.000 vorhandene PCR-Testkapazitäten pro Woche nicht genutzt, plädierte der Unternehmer hier für eine konsequentere Strategie von Bund und Ländern: "Alle Labore sagen, sie haben Kapazitäten verfügbar." Für Antikörpertests und darauf aufbauenden weitergehende Nachweise sei es dagegen "noch etwas früh", das lasse sich besser in zwei Monaten diskutieren. Eine einschlägige App sollte aber schon jetzt gebaut werden, da es sich auch dabei um ein "wesentliches Instrument" handeln könnte, "um den Laden wieder zum Laufen zu bringen".



Zu der in Österreich sich schon seit fünf Wochen im Feld befindlichen Tracing-Anwendung "Stopp Corona" kämen auch dort weitere Maßnahmen fürs "Containment 2.0" etwa mit Symptomchecks und raschen Tests zum Tragen, erklärte Christian Winkelhofer vom IT-Haus Accenture, das die App für das Rote Kreuz innerhalb von zwei Wochen entwickelt hat. Über diese seien mittlerweile schon hunderte Infektionsmeldungen erfolgt. Ihre "volle Wirksamkeit" solle die Lösung nun bei mehr Kontaktsituationen nach dem Lockdown entfalten, weswegen eine "starke Werbemaßnahme" nächste Woche geplant sei.

Über die neue Schnittstelle zum Kontaktnachverfolgen per Bluetooth von Apple und Google zeigte sich Winkelhofer "sehr glücklich", da sich diese nun mit dem dezentralen Protokoll DP3T zusammen implementieren lasse. "Zwanghaften Charakter" etwa über Steuervergünstigungen für Nutzer $(LB2888201:sollte eine solche Anwendung aber nie annehmen)$.

Digitale Instrumente im Kampf gegen das Virus seien nötig, "um auf mittelalterliche Interventionen in unser Alltagsleben" verzichten zu können, konstatierte Bernhard Rohleder vom Branchenverband Bitkom. Neben einer Tracing-App brachte Jörg Debatin vom Health Innovation Hub des Bundesgesundheitsministeriums, hier etwa eine "Corona-Akte" ins Spiel als "Dokumentation des medizinisch Notwendigen" inklusive Vorerkrankungen und Medikation, aber auch zum Eintragen von Besuchen und Kontakten. Sinnvoll sei auch ein digitales Home-Monitoring Infizierter, damit diese rasch ins Krankenhaus gebracht werden könnten, wenn sich Symptome verschlechterten.

Die Netze hielten bei solchen mobilen Anwendungen durchaus mit, betonte Pia von Houwald, Direktorin der Sparte Digitale Dienste bei Telefónica Deutschland. Sie seien leistungsstark, stabil sowie weitreichend und damit "deutlich besser als ihr Ruf". Die Branche helfe zudem, auf Basis von rund neun Milliarden anonymisierter und aggregierter Daten über "Netzevents" pro Tag Mobilitätsströme sichtbar zu machen.

Georg Polzer vom Telefónica-Partner Teralytics zeigte hier etwa, dass die Reisetätigkeit zwischen dem Ruhrgebiet und Berlin am vorigen Samstag im Vergleich zu einem Februarwochenende insgesamt um 87 Prozent abgenommen habe mit keinerlei Flug- und fast 90 Prozent weniger Zugnutzungen. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) sei der Personendurchfluss an U-Bahn-Stationen um 70 Prozent eingebrochen.

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