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Donnerstag, 30. Juli 2026

Kehrtwende im Kabinett: Wie die EEG-Novelle die Energiewende umkrempelt

Die Bundesregierung billigt das EEG 2027 und das Netzpaket: Mehr Markt und weniger Förderung sollen Systemkosten senken, lösen aber scharfe Kritik bei Verbänden aus.


Mit den Entwürfen für die Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) 2027 und des begleitenden Netzanschlusspakets setzt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unter Katherina Reiche (CDU) auf einen Paradigmenwechsel. Die Zeit des ungebremsten Einspeisens unter staatlichem Schutzschirm geht zu Ende. Künftig sollen Marktmechanismen, Netzverfügbarkeit und Eigenverantwortung das Tempo bestimmen. Das Wirtschaftsministerium feiert das Paket als großen Schritt zur Kosteneffizienz, der die explodierenden Kosten für Eingriffe in die Fahrweise von Kraftwerken und Erzeugungsanlagen (Redispatch) von derzeit über drei Milliarden Euro jährlich eindämmen soll. Der Bund betont zwar das Festhalten am 80-Prozent-Erneuerbaren-Ziel bis 2030. Doch aus Wissenschaft, Umweltverbänden und Industrie hagelt es Kritik. Hinter der Fassade von Marktintegration und Effizienz befürchten Kritiker verdeckte Einschnitte, verpasste Netzausbauchancen und gravierende Nachteile für die digitale Infrastruktur.

Strukturell greift die Reform tief in das bisherige Fördersystem ein. Das Prinzip der fixen Einspeisevergütung wird schrittweise gestrichen. Künftig gilt für nahezu alle neuen Anlagen die Pflicht zur Direktvermarktung, womit Strom preissensibel am Markt platziert werden muss. Was bei großen Freiflächenanlagen längst Praxis ist, trifft nun auch das Heimbereich-Segment. Für private Photovoltaikanlagen unter 25 Kilowatt Leistung fällt die dauerhafte Einspeisevergütung ab 2027 weg. Stattdessen setzt die Regierung auf Eigenverbrauch und gewährt lediglich einen befristeten Direktvermarktungsbonus für vier Jahre. Wer künftig Solarstrom ohne eigenen Speicher ins Netz speist, muss auch eine dauerhafte Kappung der Einspeisespitzen auf 50 Prozent hinnehmen. Damit wandelt sich die Kombination aus Photovoltaik und Heimspeicher vom optionalen Extra zum faktischen Standard.

Das Ministerium rechtfertigt diesen Schritt mit der höheren Kosteneffizienz von Freiflächenanlagen und verweist auf Kosteneinsparungen im Bundeshaushalt. Die Ausgaben für die EEG-Förderung sollen von rund 40 Millionen Euro im Jahr 2027 auf moderate 3,5 Milliarden Euro im Jahr 2032 sinken. Branchenvertreter wie der Bundesverband Solarwirtschaft sehen darin jedoch eine Schönrechnerei. Die finanzielle Entlastung des Bundes werde auf den Markt abgewälzt, was bei kleineren Dachanlagen zu einem Nachfrageeinbruch von bis zu zwei Dritteln führen könnte. Auch Wissenschaftler warnen vor Risiken für den Ausbaupfad, loben jedoch die gezielte Überarbeitung des Referenzertragsmodells, die den Bau von Windkraftanlagen in Süddeutschland ohne teure Sonderboni wirtschaftlich attraktiver mache. Um das Ausbauziel bei Wind an Land zu sichern, setzt der Entwurf 12 Gigawatt an zusätzlichen Ausschreibungsmengen an.

Besonders scharf fällt die Kritik an den Regelungen des parallel beschlossenen Netzanschlusspakets aus. Um Netzengpässe zu bewältigen, entfällt in ausgewiesenen Engpassgebieten künftig unter bestimmten Auflagen der Entschädigungsanspruch für Anlagenbetreiber, wenn deren Strom abgeregelt werden muss. Dieser sogenannte Redispatch-Vorbehalt soll Anreize schaffen, Anlagen gar nicht erst in überlasteten Regionen zu errichten. Die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie, Simone Peter, sieht darin aber eine unfaire Lastenverteilung. Jahrelange Versäumnisse der Netzbetreiber beim Netzausbau würden nun auf den Rücken der Anlagenbetreiber abgewälzt. Zwar hat das Bundeskabinett die Regelung gegenüber Vorentwürfen auf maximal sechs Jahre befristet und die Entschädigungsfreiheit gedeckelt. Doch Denkfabriken wie Agora Energiewende und der Branchenverband BDEW fordern weiterhin eine genaue Überprüfung der Folgewirkungen im anstehenden parlamentarischen Verfahren.

Eine unerwartete Front tut sich zudem in der Digital- und Telekommunikationsbranche auf. Der Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) sowie der Bitkom sehen den Ausbau von Rechenzentren und Mobilfunknetzen gefährdet. Ursprünglich geplante Sonderrechte für einen prioritären Stromanschluss von Mobilfunkmasten wurden im Energiewirtschaftsrecht gestrichen. Übrig blieb nur eine befristete Auskunftspflicht der Verteilnetzbetreiber. Zudem stößt das neue Recht der Netzbetreiber, vermeintlich ungenutzte Anschlussleistungen wieder zu entziehen, auf Ablehnung. Da digitale Infrastrukturen und Ladeparks Reserven für Spitzenlasten und künftiges Wachstum benötigen, drohe eine pauschale Abschöpfung diese Investitionen zu entwerten.

Auch bei den Fördermodellen für Großprojekte gehen die Meinungen auseinander. Zwar führt der Entwurf zweiseitige Differenzverträge ein, bei denen der Staat in Hochpreisphasen Gewinne oberhalb der Zielmarke abschöpft. Doch ohne flexible Korridore blockiert dies nach Ansicht von Umwelt- und Wirtschaftsverbänden den Abschluss langfristiger Stromlieferverträge mit der Industrie. Das Gesetz benötigt noch die beihilferechtliche Genehmigung der EU-Kommission. Der Blick der Verbände richtet sich zudem auf den Bundestag. Die Anhörungsfristen im Vorfeld wurden als extrem kurz kritisiert, weshalb die Netz- und Energiebranche im nun folgenden parlamentarische verfahren vehement auf Nachbesserungen drängt, um das Fundament der Energiewende nicht zu gefährden.

Stefan Krempl


Mittwoch, 29. April 2026

Elektro schlägt Verbrenner: Warum der neue Tankrabatt am Preisvorteil scheitert

Trotz der geplanten Steuersenkung auf Diesel und Benzin bleiben E-Autos im Unterhalt deutlich günstiger – besonders für Besitzer von Solaranlagen.

Die Diskussion über die Kosten der Mobilität erreicht in diesen Tagen einen neuen Höhepunkt. Die Bundesregierung versucht mit einer Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe, die Belastung für Autofahrer ab dem 1. Mai zu lindern. Doch aktuelle Berechnungen des Hamburger Energiedienstleisters 1Komma5° zeigen, dass dieser politische Eingriff das grundlegende Preisgefüge zwischen fossilen und elektrischen Antrieben kaum verschiebt. Selbst wenn die Preise an den Tankstellen für zwei Monate um 17 Cent pro Liter fallen, bleibt das Laden eines Elektroautos in fast jedem Nutzungsszenario die wirtschaftlich attraktivere Wahl.

Der Blick auf die Zahlen verdeutlicht die Diskrepanz zwischen den Antriebsarten. Ein herkömmlicher Benziner schlägt derzeit mit durchschnittlich 15,56 Euro pro 100 Kilometer zu Buche. Werden die versprochenen Entlastungen der Bundesregierung wirksam, sinkt dieser Wert lediglich auf 14,25 Euro.

Im direkten Vergleich dazu wirkt der Betrieb eines Elektroautos fast wie ein Schnäppchen: Wer sein Fahrzeug zu Hause an der heimischen Wallbox mit dem deutschen Durchschnittsstrompreis von 37 Cent pro Kilowattstunde lädt, zahlt für dieselbe Strecke lediglich 7,34 Euro. Damit bewegen sich die Fahrtkosten für Stromer bei knapp der Hälfte dessen, was für einen Verbrenner fällig wird – Tankrabatt hin oder her. Auch Diesel-Fahrer profitieren von der Steuersenkung nicht in einem Maße, das den Abstand zur Elektromobilität gefährlich schrumpfen ließe; ihre Kosten liegen mit eingerechnetem Rabatt immer noch bei rund 13,93 Euro.

Oft wird in der Debatte angeführt, dass Mieter ohne eigene Lademöglichkeit oder Langstreckenfahrer durch hohe Preise an öffentlichen Ladesäulen benachteiligt seien. Doch selbst dieses Szenario hält einer genaueren Überprüfung nicht stand. Geht man von einem Preis von 60 Cent pro Kilowattstunde an einer öffentlichen Station aus, ergeben sich Kosten von etwa 11,90 Euro pro 100 Kilometer. Das sind immer noch 16 Prozent weniger als die Kosten für Benzin unter Berücksichtigung des kommenden Steuervorteils. Das E-Auto behält also auch ohne den „Heimvorteil“ der eigenen Steckdose die Nase vorn.

Jannik Schall, Mitgründer von 1Komma5°, betont in diesem Zusammenhang, dass sich der Kostenvorteil durch die Krise der fossilen Energien deutlich vergrößert hat und eine kurzfristige politische Maßnahme wie der Tankrabatt an dieser strukturellen Überlegenheit nichts ändert.

Die wahre Revolution der Mobilitätskosten findet jedoch hinter der Haustür statt. Das maximale Sparpotenzial erschließt sich jenen, die Mobilität und Eigenheim energetisch verknüpfen. Durch die Kombination einer Photovoltaikanlage mit einem Batteriespeicher und einer intelligenten Steuerung lassen sich die Kosten pro 100 Kilometer auf einen Bruchteil reduzieren. Werden dynamische Stromtarife genutzt, lädt das System das Fahrzeug bevorzugt dann, wenn das Angebot am Markt hoch und der Preis niedrig ist – etwa in den windstarken Nachtstunden oder bei strahlendem Sonnenschein. Ein durchschnittlicher Preis von 12 Cent pro Kilowattstunde ist in einem solchen vernetzten Ökosystem absolut realistisch.

In der Praxis bedeutet das, dass die Kosten für 100 Kilometer Fahrt auf nur noch 2,38 Euro sinken können. Im Vergleich zum Benziner entspricht dies einer Ersparnis von rund 85 Prozent. Der entscheidende Hebel ist die Nutzung des selbst erzeugten Solarstroms, da in diesem Fall keine Steuern, Abgaben oder Umlagen anfallen. Intelligente Softwaresysteme übernehmen dabei heute die komplexe Aufgabe, zwischen dem Eigenstrom vom Dach und dem günstigen Börsenstrom abzuwägen, ohne dass der Nutzer selbst Zeitfenster oder Preisentwicklungen überwachen muss.

Stefan Krempl

Dienstag, 28. April 2026

Abschied von Kohle, Öl und Gas: Städte werden zu Motoren der Energiewende

Metropolen weltweit zeigen auf einer wegweisenden Konferenz in Kolumbien, wie der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen die wirtschaftliche Resilienz und Sicherheit stärkt.

Während sich in Santa Marta, Kolumbien, derzeit Regierungsvertreter aus über 60 Nationen zur ersten internationalen Konferenz über den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen versammeln, wird eine Botschaft immer deutlicher: Die Abkehr von Kohle, Öl und Gas ist längst keine reine ökologische Notwendigkeit mehr, sondern der effektivste Hebel für globale Energiesicherheit und wirtschaftliche Stabilität. Die gemeinsame Initiative Kolumbiens und der Niederlande markiert einen Wendepunkt in der internationalen Klimadiplomatik, indem sie den Fokus von abstrakten Zusagen auf die konkrete, lokale Umsetzung lenkt. In einer Welt, die von volatilen Energiemärkten und geopolitischen Spannungen geprägt ist, erweisen sich fossile Abhängigkeiten zunehmend als Risiko für nationale Haushalte und die soziale Stabilität.

Urbane Zentren als strategische Vorreiter

Städte stehen im Epizentrum dieser Transformation. Da urbane Räume für rund 75 Prozent der energiebedingten globalen Emissionen verantwortlich sind, entscheidet sich der Erfolg der globalen Energiewende in den Straßen von Metropolen wie Bogota, London oder Warschau. Die aktuelle Datenlage stützt diesen Kurs: Neue Solar- und Windkraftanlagen produzieren Strom mittlerweile um mindestens 50 Prozent günstiger als fossile Kraftwerke. Angesichts der Tatsache, dass 92 Prozent aller Länder über ein Potenzial an erneuerbaren Energien verfügen, das ihren Bedarf um das Zehnfache übersteigt, wird der Ausstieg zunehmend zu einer Frage der ökonomischen Vernunft.

Innerhalb des C40-Netzwerks, einem Zusammenschluss führender Weltstädte, sinken die Pro-Kopf-Emissionen bereits seit vier Jahren kontinuierlich. Diese Entwicklung zeigt, dass nachhaltiges Wachstum und die Entkopplung von fossilen Importen machbar sind. In Melbourne etwa versorgt eine gemeinsame Beschaffungsstrategie für Ökostrom bereits sämtliche kommunalen Aktivitäten zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen. Solche Modelle senken nicht nur die CO2-Bilanz, sondern schützen öffentliche Haushalte vor den Preisschocks der globalen Märkte.

Soziale Gerechtigkeit und neue Arbeitsmärkte

Ein zentraler Aspekt der Konferenz in Santa Marta ist der "gerechte Übergang". Der Ausstieg darf keine Elitenveranstaltung sein, sondern muss die Lebensqualität breiter Bevölkerungsschichten verbessern. In Warschau werden gezielt einkommensschwache Haushalte beim Umstieg auf saubere Heizungen unterstützt, um Energiearmut zu bekämpfen. In Curitiba, Brasilien, senkt die Nutzung von Solarenergie die Kosten für öffentliche Gebäude um fast ein Drittel, während gleichzeitig grüne Arbeitsplätze entstehen.

Die wirtschaftliche Dimension ist groß: Schätzungen zufolge könnten bis 2040 vier von zehn Arbeitsplätzen in den C40-Städten dem grünen Sektor angehören. Allein durch den Rückgang der Luftverschmutzung und die damit verbundene Verbesserung der öffentlichen Gesundheit ließen sich bis 2050 weltweit über 776.000 vorzeitige Todesfälle verhindern. Diese gesundheitlichen Vorteile übersetzen sich direkt in eingesparte Gesundheitskosten in Billionenhöhe.

Deutschlands Rolle und der globale Fahrplan

Auch die deutsche Bundesregierung und insbesondere das Umweltministerium wollen das Forum in Kolumbien nutzen, um ihre Erfahrungen mit dem Kohleausstieg und der Transformation der Industrie zu teilen. Mit dem Ziel, die erneuerbaren Energien bis 2030 auf 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs auszubauen, setzt Deutschland auf eine massive Elektrifizierung von Wärme und Verkehr. Das aktuelle Klimaschutzprogramm sieht vor, allein bis 2030 Milliardenmengen an Erdgas und Benzin einzusparen.

International unterstützt Deutschland Projekte wie die Agri-Photovoltaik in Kolumbien, die Landwirtschaft und Stromerzeugung kombiniert, oder Strukturwandel-Projekte in Südafrika. Diese Partnerschaften verdeutlichen, dass der Verzicht auf fossile Brennstoffe vor allem im globalen Süden neue wirtschaftliche Perspektiven abseits der Krisenanfälligkeit schafft.

Die Ergebnisse der Beratungen in Santa Marta sollen in einen internationalen Fahrplan einfließen, den die brasilianische COP30-Präsidentschaft koordiniert. Dieser "Fahrplan der Macher" soll bis zur Weltklimakonferenz in Antalya später in diesem Jahr fertiggestellt werden und den globalen Konsens zur Verdreifachung der erneuerbaren Kapazitäten zementieren. Es geht nicht mehr um das "Ob", sondern um das "Wie" der Umsetzung – und die Städte der Welt haben bereits damit begonnen, die Antwort zu liefern.

Stefan Krempl

Montag, 27. April 2026

Versteckte Potenzialanalyse: Wie Erneuerbare die Gemeindekassen füllen könnten

Eine Studie im Auftrag des Wirtschaftsministeriums zeigt enorme Gewinnchancen für Kommunen durch Ökostrom – doch Ministerin Reiche lässt die Ergebnisse in der Schublade.

Die Zahlen, die das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sowie das Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult zusammengetragen haben, sind beachtlich. Erreicht Deutschland seine Ausbauziele für erneuerbare Energien, könnten die direkten Einnahmen für Städte und Landkreise von derzeit 5,5 Milliarden Euro auf rund 12,4 Milliarden Euro jährlich ansteigen. Besonders ländliche Regionen, die oft unter strukturellen Defiziten leiden, dürften durch Steuereinnahmen, Pachtzahlungen und neue Arbeitsplätze massiv profitieren. Laut den Modellrechnungen für alle rund 400 deutschen Landkreise würde die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze in diesem Sektor bundesweit auf über 100.000 steigen.

Dass diese positiven Aussichten nicht offensiv vom Bundeswirtschaftsministerium kommuniziert werden, sorgt in Fachkreisen für Irritationen. Die Studie war bereits Anfang des Jahres fertiggestellt und ist auf den 27. Februar 2026 datiert. Erst Mitte April tauchte sie fast unbemerkt auf einer Unterseite des Ministeriums sowie nun auch beim IÖW auf, ohne begleitende Pressemitteilung oder öffentliche Vorstellung durch die Ministerin Katherina Reiche (CDU).

Beobachter vermuten hinter dieser Zurückhaltung politisches Kalkül. Die Ministerin betont in ihrer Amtsführung regelmäßig die Notwendigkeit von Kosteneffizienz und verweist auf die Belastungen durch den schleppenden Netzausbau. Ein Bericht, der die wirtschaftlichen Segnungen der Wind- und Solarkraft so deutlich hervorhebt, passt offenbar nicht in das aktuelle Narrativ ihres Ressorts. Dieses fiel unter der Führung Reiches zuletzt eher durch Gesetzesvorhaben auf, die den Ausbau der Erneuerbaren erschweren würden.

Dabei liefert die Untersuchung wertvolle Hinweise darauf, wie die Akzeptanz für die Energiewende vor Ort gesteigert werden kann. Ein zentraler Punkt ist die Verteilung der Gewinne. Bisher fließt fast die Hälfte der Wertschöpfung aus den Regionen ab, weil viele Anlagen großen, überregionalen Investoren gehören. Die Studienautoren betonen, dass das volle Potenzial nur dann ausgeschöpft wird, wenn die Kommunen und ihre Bürger finanziell am Betrieb der Anlagen beteiligt sind.

Bürgerenergiegesellschaften, kommunale Eigeninvestitionen und lokale Stromtarife sind hier die entscheidenden Hebel. In Pionierregionen wie Wunsiedel in Bayern oder Lichtenau in Nordrhein-Westfalen lässt sich bereits beobachten, wie die Energiewende zum Wirtschaftsmotor wird. In solchen Vorreiter-Kommunen sind bis zu zehn Prozent des lokalen Wirtschaftswachstums der letzten Dekade direkt auf die grüne Infrastruktur zurückzuführen.

Die Mehreinnahmen in den Gemeindekassen sind dabei kein Selbstzweck. Die Analyse zeigt einen direkten Zusammenhang zwischen den Erträgen aus erneuerbaren Energien und der Verbesserung der sozialen Infrastruktur. Kommunen mit hohen Einnahmen aus Wind- und Solarparks investieren vermehrt in die Breitbandversorgung oder höhere Kita-Quoten. Damit wird der Ausbau der Energieinfrastruktur zu einem Instrument der regionalen Strukturpolitik.

Um diese Effekte bundesweit zu verstetigen, empfehlen die Experten jedoch deutliche Nachbesserungen an den gesetzlichen Rahmenbedingungen. So müssten finanzschwache Kommunen bessere Möglichkeiten zur Kreditaufnahme für Energieprojekte erhalten, und die Gründung von Genossenschaften sollte bürokratisch vereinfacht werden.

Die Tatsache, dass das Wirtschaftsministerium diese Handlungsempfehlungen bisher weitgehend ignoriert und die Studie erst nach öffentlichem Druck der Institute überhaupt auffindbar machte, wirft Fragen nach der strategischen Ausrichtung der deutschen Energiepolitik unter der aktuellen Regierung auf. Während die wissenschaftlichen Daten eine klare Sprache für eine beschleunigte, regional verankerte Energiewende sprechen, scheint das Ministerium den Fokus eher auf die Probleme und Kosten der Transformation zu legen.

Für die Kommunen bleibt die Erkenntnis, dass das Wissen um ihren möglichen Wohlstand zwar vorhanden ist, im politischen Berlin aber derzeit wenig Gehör findet. Die Information, dass die Institute mutmaßlich erst nach einer Publikation vergütet werden, verleiht der späten Veröffentlichung zudem einen faden Beigeschmack – es wirkt, als sei die Transparenz hier eher eine buchhalterische Notwendigkeit als ein politisches Anliegen gewesen.

Stefan Krempl

Dienstag, 14. April 2026

Energiewende zum Selberbauen: Prototype Fund sucht Open-Source-Hardware

Mit bis zu 10.000 Euro Förderung soll das Projekt OpenEnergy des Prototype Fund Hardware die Stromerzeugung in Bürgerhand bringen und technische Hürden für Laien abbauen.

Die Vision der dezentralen Energiewende klingt in der Theorie simpel: Jedes Dach nutzt die Sonne, jeder Garten den Wind, und lokale Gemeinschaften versorgen sich selbst mit sauberem Strom. Doch wer diesen Traum in die Realität umsetzen will, landet oft unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Wer heute eine Photovoltaikanlage oder einen Speicher installiert, kauft meist eine „Blackbox“. Diese proprietären Systeme sind oft hermetisch abgeriegelt, lassen sich kaum an individuelle Bedürfnisse anpassen und machen eine Reparatur in Eigenregie nahezu unmöglich. Dazu kommen oft intransparente Cloud-Anbindungen, die datenschutzrechtliche Fragen aufwerfen und die Unabhängigkeit der Nutzer konterkarieren.

Dabei gibt es längst eine engagierte Community, die beweist, dass es anders geht. Seit Jahren tüfteln Entwickler weltweit an offenen Alternativen, von selbstgebauten Kleinwindanlagen bis hin zu frei programmierbaren Ladereglern. Das Problem dabei ist die Zugänglichkeit. Viele dieser Open-Source-Hardware-Projekte verharren in einem prototypischen Stadium oder sind nur so dokumentiert, dass nur ausgewiesene Technik-Experten mit dem Lötkolben in der Hand etwas damit anfangen können. Um diese Lücke zwischen technischer Machbarkeit und breiter gesellschaftlicher Anwendung zu schließen, geht der Prototype Fund Hardware nun in die dritte Runde.

Im Rahmen des Projektes OpenEnergy soll eine umfassende, offene Bürgerenergieanlage entstehen, die weit über das bloße Bastelprojekt hinausgeht. Erklärtes Ziel ist es, ein modulares System zu schaffen, das alle Komponenten für die lokale Stromproduktion aus Solar- und Windkraft bereitstellt. Dafür werden nun mindestens drei Teams oder Einzelpersonen gesucht, die bereit sind, ihre Expertise in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Gefragt sind Köpfe, die entweder bereits erprobte Hardware-Projekte entscheidend verbessern oder dafür sorgen, dass die Dokumentation so aufbereitet wird, dass auch technische Laien die Systeme sicher aufbauen und bedienen können.

Das Spektrum der gesuchten Komponenten ist breit gefächert und bildet das Herzstück jeder Energieanlage ab. Es geht um Wechselrichter, die den erzeugten Gleichstrom in nutzbaren Wechselstrom wandeln, um Batteriemanagementsysteme (BMS) für sichere Speicherlösungen, MPPT-Tracker zur Optimierung der Energieausbeute sowie die mechanischen Komponenten von Kleinwindanlagen und Solarpanels. Auch Steuerungs- und Überwachungssysteme, die für Transparenz beim Energiefluss sorgen, stehen im Fokus. Entscheidend ist dabei der Open-Source-Gedanke: Jede Einreichung muss zwingend als Open-Source-Hardware veröffentlicht werden. Das bedeutet, dass am Ende des sechsmonatigen Förderzeitraums eine frei lizenzierte Dokumentation stehen muss, die Quellcodes, Design-Files, Materiallisten und detaillierte Zusammenbauanleitungen umfasst.

Finanziell unterstützt wird diese Arbeit mit bis zu 10.000 Euro pro Projekt, finanziert durch die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Es geht aber um mehr als eine Finanzspritze. Die ausgewählten Teams werden Teil eines Netzwerks, in dem Austausch und gegenseitiges Lernen im Vordergrund stehen. Während der Umsetzungsphase bieten verschiedene Formate die Möglichkeit, technische Hürden gemeinsam zu überwinden und die Idee einer resilienten, quelloffenen Energieversorgung voranzutreiben. Am Ende steht die öffentliche Vorstellung der Ergebnisse, die hoffentlich den Grundstein für eine Energiewende legt, die ihren Namen wirklich verdient.

Stefan Krempl

Samstag, 28. März 2026

Turbo für die Windkraft: Bundesrat fordert umfangreiche Sonderausschreibung

Die Länderkammer will den Ausbau der Windenergie an Land mit einem zusätzlichen Volumen von 5000 Megawatt beschleunigen und einen Projektstau verhindern.

in der deutschen Energiepolitik zeichnet sich eine neue Dynamik ab, die direkt aus den Bundesländern befeuert wird. Am Freitag hat der Bundesrat eine weitreichende Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, die den Ausbau der Windenergie an Land deutlich beschleunigen soll. Kern des Entwurfs ist eine einmalige Sonderausschreibung noch für das laufende Jahr, die ein Volumen von stolzen 5000 Megawatt (MW) umfasst. Dieser Vorstoß, der ursprünglich auf eine Initiative Bayerns zurückgeht und von einer breiten Allianz aus Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein getragen wird, zielt darauf ab, die Lücke zwischen theoretisch genehmigten Projekten und deren praktischer Umsetzung zu schließen.

Die Begründung der Länderkammer: 2025 markierte einen Wendepunkt in den Genehmigungsverfahren. Durch umfassende administrative Beschleunigungsmaßnahmen wurde eine Rekordzahl an neuen Windenergieprojekten bewilligt. Doch nun droht das System an seinem eigenen Erfolg zu ersticken. Die aktuellen regulären Ausschreibungsvolumina reichen nicht aus, um all diese genehmigten Vorhaben zeitnah in den Markt zu bringen.

Ohne die vorgeschlagene Sonderausschreibung, die explizit zusätzlich zu den bestehenden Kontingenten erfolgen soll, blieben zahlreiche Projekte in der Warteschleife hängen. Ein solcher Realisierungsstau wäre fatal für die nationalen Energieziele, da Windkraft an Land das Rückgrat der erneuerbaren Stromerzeugung bildet und insbesondere in den kritischen Wintermonaten sowie in der Nacht die Versorgungssicherheit garantiert.

Die Branche reagiert mit Erleichterung auf das Signal aus der Länderkammer. Kerstin Andreae vom Verband BDEW betont, die Initiative komme zum richtigen Zeitpunkt. Windenergie sei nicht nur eine günstige und heimische Quelle, die unabhängig von globalen Krisen und Preisschwankungen funktioniere, sondern auch ein Garant für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Die nun vorhandene "Pipeline" an genehmigten Kapazitäten müsse dringend genutzt werden, um die Souveränität des Wirtschaftsstandortes zu sichern.

Verpasste Ziele und neue Hoffnung

Die Dringlichkeit wird durch einen Blick auf die Statistik untermauert. Laut den Vorgaben des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) hätte Deutschland bereits Ende 2024 eine installierte Leistung von 69 Gigawatt (GW) erreichen sollen. Doch dieser Meilenstein wird voraussichtlich erst im Laufe dieses Jahres passiert. Das eigentliche Ziel für Ende 2026 liegt sogar bei 84 GW, was nach aktueller Prognose ohne drastische Zusatzmaßnahmen kaum noch erreichbar scheint. Die Sonderausschreibung wird daher als notwendiges Korrektiv gesehen, um den Ausbaupfad zumindest ansatzweise wieder zu korrigieren.

Über den konkreten Gesetzentwurf hinaus hat der Bundesrat eine Entschließung verabschiedet. Darin fordern die Länder von der Bundesregierung mehr Klarheit über die langfristigen Rahmenbedingungen. Planungssicherheit ist das Stichwort, das nicht nur für 2026, sondern auch für 2027 und 2028 zusätzliche Volumina einfordert. Investoren und Kommunen benötigten eine verlässliche Rechtsgrundlage, heißt es, um die Transformation des Stromsystems voranzutreiben.

Der Ball liegt beim Bundestag

Wie es nun weitergeht, hängt maßgeblich von der schwarz-roten Koalition und dem Bundestag ab. Die Bundesregierung hat die Gelegenheit, Stellung zu dem Entwurf der Länder zu nehmen. Danach wandert das Dossier ins Parlament. Starren gesetzlichen Fristen für die Behandlung von Länderinitiativen gibt es nicht. Angesichts des drängenden Zeitplans für das Erreichen der Klimaschutzziele und der breiten Unterstützung durch die bevölkerungsreichen Bundesländer steht die Bundespolitik jedoch unter Zugzwang, diesen "Windkraft-Turbo" nicht lange in den parlamentarischen Mühlen mahlen zu lassen.

Stefan Krempl

Freitag, 13. März 2026

Leaks im Wirtschaftsministerium: Reiche lässt Beamten-Mails durchleuchten

Nach dem Durchstechen brisanter Gesetzentwürfe greift Wirtschaftsministerin Reiche zu drastischen Mitteln und sorgt für massive Verunsicherung in der Belegschaft.

Im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) herrscht Eiszeit. Was sich seit dem Amtsantritt von Katherina Reiche (CDU) als schleichende Entfremdung zwischen der Hausleitung und dem Apparat abzeichnete, ist nun in eine offene Vertrauenskrise eskaliert. Das Ministerium, in dem rund 2500 Menschen die Leitlinien der deutschen Wirtschaftspolitik entwerfen, sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, die selbst langjährige Beamte fassungslos machen. Nach Informationen, die zuerst durch den Spiegel bekannt wurden, hat die Hausleitung die E-Mail-Konten mehrerer Mitarbeiter systematisch durchforsten lassen. Es ist eine Maßnahme, die in der Geschichte des Hauses ohne Beispiel ist und die Stimmung an einem ohnehin schon belasteten Standort auf einen neuen Tiefpunkt sinken lässt.

Der Anlass für diesen digitalen Generalverdacht ist politischer Sprengstoff. In den vergangenen Wochen gelangten Details aus vertraulichen Gesetzentwürfen an die Öffentlichkeit, noch bevor diese innerhalb der Regierung oder mit den betroffenen Branchenverbänden abgestimmt waren. Es geht dabei nicht um Petitessen, sondern um die Kernbereiche der Energiepolitik: das sogenannte Netzpaket und die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Beide Papiere enthielten Vorschläge, die in der Branche für Entsetzen sorgten, da sie den Ausbau von Ökostromanlagen und privaten Solardächern massiv verteuern oder gar unwirtschaftlich machen könnten.

Die Reaktion der Ministerin auf diese Indiskretionen war hart. Reiche, die über die Durchsuchungsaktion vorab informiert gewesen sein soll, ließ laut dem Spiegel Stichproben durchführen. Jeweils zwei Personen kontrollierten offenbar die Postfächer, um die Quelle der Leaks zu identifizieren. Gefunden wurde bei dieser Aktion nach aktuellem Kenntnisstand nichts. Die betroffenen Beamten erfuhren erst im Nachgang, dass ihre digitale Kommunikation gesichtet worden war. Während die Pressestelle des BMWE zu internen IT- und Geheimschutz-Maßnahmen offiziell schweigt, ist die Empörung hinter den Kulissen gewaltig. Insider berichten von einer tiefen Verunsicherung, die weit über die unmittelbar Betroffenen hinausgeht.

Rechtlich mag die Durchsuchung durch interne Dienstvorschriften und Geheimschutzregeln gedeckt sein. Doch politisch und psychologisch wirkt sie wie ein Brandbeschleuniger. Kritiker werten das Vorgehen als unverhohlenen Einschüchterungsversuch. Es sei ein Signal an die gesamte Belegschaft: Wer Informationen nach außen gibt, muss mit Konsequenzen rechnen. Doch die Effektivität solcher Maßnahmen wird bezweifelt. Wer heute sensible Dokumente an die Presse durchsticht, nutzt dafür in der Regel keine offiziellen Dienst-Mailadressen. Die Aktion scheint daher weniger der Aufklärung als vielmehr der Disziplinierung zu dienen.

Besonders pikant ist der Vergleich mit der Amtszeit von Reiches Vorgänger Robert Habeck. Auch damals gab es Mail-Einsichten, doch diese erfolgten im Rahmen eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zum Atomausstieg – ein formalisierter, demokratischer Prozess. Die neue Aktion wirkt dagegen wie eine interne Jagd auf Abweichler. Sie offenbart zudem, wie wenig Kontrolle die Ministerin offenbar über ihr eigenes Haus hat. Wenn Entwürfe in einem so frühen Stadium an die Medien gelangen, deutet das auf massive interne Widerstände gegen die politische Linie hin.

Die Leaks selbst haben das Potenzial, die Koalition unter Kanzler Friedrich Merz schwer zu belasten. Die Veröffentlichung der Pläne zum Netzpaket am 8. Februar und zum EEG Ende Februar löste nicht nur bei den Grünen und Umweltverbänden scharfe Kritik aus, sondern sorgte auch beim Koalitionspartner SPD für Irritationen. Die Vorschläge, kleine Solaranlagen praktisch unwirtschaftlich zu machen, konterkarieren die bisherigen Bemühungen um eine bürgernahe Energiewende.

Das Ministerium verteidigt die Notwendigkeit von Vertraulichkeit als Grundlage einer funktionierenden Verwaltung. Die Herausgabe interner Informationen gefährde Entscheidungsprozesse und schade der Glaubwürdigkeit. Doch die Wahl der Mittel könnte sich als Bumerang erweisen.

Montag, 9. März 2026

Solar-Abgabe geplant: Teure Anschlussgebühren bremsen die Energiewende aus

Das Bundeswirtschaftsministerium plant im neuen Netzpaket einen Baukostenzuschuss für private Solaranlagen, der laut einer Umfrage viele Haushalte abschreckt.

Die hiesige Energiewende steht vor einer neuen bürokratischen Hürde, die das bisherige Tempo beim Ausbau der Solarenergie massiv drosseln könnte. Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet derzeit an einer Neuordnung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, dem sogenannten Netzpaket. Ein zentraler und höchst umstrittener Punkt dieses Entwurfs sieht vor, dass Haushalte beim Einbau einer neuen Solaranlage künftig einen Baukostenzuschuss an den jeweiligen Netzbetreiber leisten müssten. Damit sollen die Kosten für den allgemeinen Netzausbau mitfinanziert werden. Was technisch nach einer formalen Anpassung klingt, bedeutet für die Betroffenen in der Praxis eine erhebliche finanzielle Mehrbelastung direkt zum Start ihres Projekts.

Experten und Branchenvertreter schlagen nun Alarm, da die geplanten Gebühren die Wirtschaftlichkeit von Privatanlagen empfindlich treffen. Im Kern geht es um eine reine Anschlussgebühr für eine Infrastruktur, die in den meisten Fällen bereits besteht. Dennoch könnten Netzbetreiber im Schnitt rund 1000 Euro zusätzlich verlangen, wenn eine neue Photovoltaikanlage registriert wird. Je nach Region und lokaler Netzstruktur schwanken diese Kosten, doch die psychologische und finanzielle Wirkung auf potenzielle Käufer ist bereits deutlich messbar.

Wie tiefgreifend die Verunsicherung in der Bevölkerung ist, zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage, die das Energieunternehmen 1KOMMA5° beim Meinungsforschungsinstitut YouGov in Auftrag gegeben hat. Die Ergebnisse zeichnen ein düsteres Bild für die kommenden Monate. Demnach würde mehr als jeder vierte Befragte komplett auf die Investition in eine Solaranlage verzichten, sollte das Netzpaket in seiner jetzigen Form Gesetz werden. Konkret gaben 27 Prozent der Teilnehmer an, dass ein zusätzlicher Aufpreis von rund 1000 Euro für sie ein klares Ausschlusskriterium darstelle. Das wäre ein massiver Rückschlag für die Klimaziele der Bundesregierung, die eigentlich auf eine Beschleunigung des Zubaus setzt.

Doch nicht nur die direkten Absagen bereiten Sorgen. Weitere 37 Prozent der potenziellen Investoren gaben in der Befragung an, dass sie aufgrund der drohenden Zusatzkosten deutlich länger über die Anschaffung nachdenken würden. In einer Branche, die von Planungssicherheit lebt, wirkt diese abwartende Haltung wie Gift. Jannik Schall, Produktchef und Mitgründer von 1KOMMA5°, warnt vor den verheerenden Signalen, die von diesem Gesetzentwurf ausgehen. Er betont, dass die Deutschen ohnehin durch die allgemeine wirtschaftliche Lage verunsichert seien. In einer solchen Phase neue Gebühren und bürokratische Lasten einzuführen, erschwere den Weg zur privaten Energieunabhängigkeit unnötig.

Dabei ist die ökonomische Logik hinter der eigenen Solaranlage eigentlich bestechend einfach und lukrativ. Werden die Investitionskosten über den üblichen Garantiezeitraum einer Anlage umgelegt, kostet die selbst produzierte Kilowattstunde lediglich etwa sechs Cent. Vergleicht man dies mit dem durchschnittlichen Netzstrompreis von 37 Cent pro Kilowattstunde, ergibt sich durch den Eigenverbrauch eine Ersparnis von fast 84 Prozent. Wer zusätzlich auf eine Kombination aus Batteriespeicher und intelligenter Steuerung setzt, kann seine Eigenverbrauchsquote auf 70 Prozent und mehr steigern.

Trotz dieser langfristigen Vorteile wirkt die geplante Einmalzahlung wie eine künstliche Eintrittsbarriere. Kritiker monieren zudem, dass intelligente Systeme den Netzausbau eigentlich entlasten könnten, anstatt ihn zu verteuern. Wer durch smarte Steuerung und dynamische Stromtarife dann Energie bezieht, wenn ein Überangebot im Netz herrscht, trägt zur Stabilisierung des Gesamtsystems bei. Anstatt solche innovativen Ansätze zu fördern, scheint das geplante Netzpaket jedoch erst einmal die Kassen der Netzbetreiber füllen zu wollen.

Samstag, 28. Februar 2026

EEG-Novelle 2026: Experten warnen vor „Blindflug“ und „Solar-Schlucht“

Der Entwurf zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sieht das Aus der Solarförderung für kleine Anlagen vor – Fachleute befürchten massive Rückschläge für Klimaziele und Akzeptanz.

In der Energiepolitik bahnt sich ein fundamentaler Strategiewechsel an, der in der Fachwelt auf heftigen Widerstand stößt. Ein aktuell kursierender Referentenentwurf zur Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vom 22. Januar 2026 sieht massive Einschnitte vor. Während die Bundesregierung offiziell am Ziel von 80 Prozent Ökostrom bis 2030 festhält, fallen im Maschinenraum des Gesetzes entscheidende Leitplanken weg. Renommierte, vom Science Media Center (SMC) befragte Experten schätzen das als hochriskant ein.

Das Ende der Förderung für kleine Solaranlagen

Die wohl brisanteste Änderung betrifft die klassische Aufdach-Photovoltaik. Laut dem Entwurf aus dem Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) soll die garantierte Einspeisevergütung für Anlagen bis 25 Kilowattpeak (kWp) vollständig gestrichen werden. Eva Hauser vom Institut für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme sieht darin eine „Schwächung des PV-Ausbaus“. Sie warnt, dass sich die Bundesregierung damit eines wesentlichen Hebels zur Erreichung der Klimaziele entledige, zumal andere Sektoren wie Gebäude und Verkehr ihre Ziele bereits verfehlen.

Besonders drastisch formuliert es Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg: Er befürchtet, dass das Solarhandwerk bei einer Umsetzung dieser Pläne in die „Reiche-Schlucht“ stürze. Damit zieht er Parallelen zu massiven Arbeitsplatzverlusten in der Branche vor 15 Jahren. Er sieht in dem Entwurf eine gefährliche Zentralisierung der Energieversorgung „in die Hände weniger“ und eine Umverteilung von den Bürgern hin zu großen Konzernen.

Fehlende Steuerung durch gestrichene Mengenpfade

Ein weiteres Novum der Reform ist das Streichen konkreter Annahmen zum Bruttostromverbrauch für das Jahr 2030. Bisher diente ein fest definierter Mengenpfad als Kompass für die notwendigen Ausschreibungen. Michael Sterner kritisiert dies scharf: „Ministerin Reiche navigiert ohne Kompass in die Energiezukunft.“ Ohne klare Verbrauchsannahmen gebe es keine Planungssicherheit für Handwerk und Netzbetreiber. Das 80-Prozent-Ziel werde so von einer gesetzlichen Verpflichtung zu einer „bloßen Willenserklärung“.

Auch Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht die planerische Verbindlichkeit geschwächt. Zwar sei eine Marktintegration der Erneuerbaren langfristig richtig, doch der Entwurf vollziehe einen zu abrupten Systembruch. Da Netze nicht flächendeckend digitalisiert und der Smart-Meter-Rollout stocke, bedeute die Umstellung auf vollständige Direktvermarktung vor allem eines: mehr Risiko für private Haushalte und kleine Betreiber. „Marktintegration auf einem halbfertigen Spielfeld ist kein Effizienzgewinn, sondern ein Strukturbruch“, so Kemfert.

Gefahr für die gesellschaftliche Akzeptanz

Manfred Fischedick, Präsident des Wuppertal-Instituts, äußert große Zweifel, ob die Ausbauziele unter diesen Bedingungen überhaupt erreicht werden können. Er hebt hervor, dass Dachanlagen im letzten Jahr die Hälfte des Zubaus ausmachten und die höchste gesellschaftliche Akzeptanz genießen. Der Wegfall der Vergütung erschwere die Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten. „Diese breite Partizipation droht nun unnötigerweise wegzubrechen“, warnt Fischedick.

Zudem entstünden ökologische Nachteile: Uwe Holzhammer von der Technischen Hochschule Ingolstadt erwartet, dass Hausdachanlagen künftig kleiner dimensioniert werden, da sie sich nur noch am Eigenverbrauch orientieren. Wertvolle, bereits versiegelte Dachflächen blieben ungenutzt, während der Druck auf Freiflächen steige. Dies könne laut Eva Hauser die „Doppelkrise von Erdüberhitzung und Biodiversitätsschwund“ sogar verstärken.

Vereinzelte Stimmen für mehr Marktlogik

Lediglich Christian Rehtanz von der TU Dortmund bewertet die Stoßrichtung positiver. Er sieht in der Novelle den Versuch, den Ausbau auf „wirtschaftliche Füße“ zu stellen und Marktverzerrungen zu vermeiden. Da Strommengenpfade ohnehin schwer vorhersehbar seien, reiche ein enges Monitoring aus.

Dem halten Experten wie Michael Sterner entgegen, dass ohne gesetzliche Korrektive kein Hebel mehr bestehe, um bei Verzögerungen – etwa beim Netzausbau – Prozesse anzuschieben. In der Summe zeichnet der Großteil der Fachleute das Bild einer Reform, die das Erreichen der Klimaziele und den Rückhalt in der Bevölkerung leichtfertig aufs Spiel setzt.

Montag, 15. April 2013

Streit um beschleunigten Ausbau der Stromnetze


Der Ökonom Lorenz Jarass hat bei einer Anhörung im Bundestag am Mittwoch das geplante Gesetz (PDF-Datei) zum beschleunigten Ausbau der Stromnetze scharf kritisiert. In dem Entwurf heiße es, dass nicht nur der im Norden erzeugte Strom aus Windanlagen, sondern auch der aus konventionellen Kraftwerken in den Süden der Republik geleitet werden müsse, monierte der Professor der Hochschule RheinMain. Damit werde der lange gehegte Verdacht bestätigt, dass die ganzen vorgesehenen neuen Leitungen gar nicht erforderlich seien, "um die Integration der erneuerbaren Energien sicherzustellen". Vielmehr sollten sie vermeiden helfen, dass etwa ein Kohlekraftwerkbetreiber bei Starkwind seine Einspeisung ins Netz zurückfahren müsse.

"Die ganze Planung berücksichtigt überhaupt nicht die Kosten des Leitungsbaus", wetterte Jarass weiter gegen das Vorhaben. Diese blieben vorrangig an den Stromverbraucher hängen. Dass derzeit nach dem Gesetz für die Erneuerbaren auch die "allerletzte Windspitze" abgenommen werden müsse, widerspreche zudem dem Gebot der wirtschaftlichen Zumutbarkeit. Ungeklärt sei ferner die Frage, ob etwa ein ostdeutsches Braunkohlekraftwerk bei Starkwind einen Anspruch auf Schadensersatz habe. Insgesamt sei der Bedarfsplan der Bundesnetzagentur "total überdimensioniert".

"Wir brauchen viel mehr Regelungstechnik und einen gut abgestimmten Netzausbau", ergänzte Andreas Kuhlmann vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW. Er plädierte dafür, die hierzulande ausgerufene Energiewende zu "einer europäischen zu machen", um das Großprojekt zu stemmen. Generell machten die Verteilnetzbetreiber "einen guten Job", sodass es bisher nur "einige Ruckeleien" gegeben habe. Das Jahr 2015, in dem in Bayern etwa das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld abgeschaltet werden soll und die umstrittene neue Südthüringen-Leitung gen Süden noch nicht fertig ist, dürfte seiner Ansicht nach "schwierig" werden. Er gehe aber davon aus, dass die Übertragungsnetzbetreiber auch diese Kurve umschiffen könnten.

Boris Schucht, Chef des Berliner Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz Transmission, und Rotraud Hänlein von der Deutschen Umwelthilfe waren sich einig, dass die Devise lauten müsse: Nicht mehr Netz bauen als unbedingt nötig. Während die Umweltschützerin aber im Sinne einer Initiative des Bundesrats für mehr Teststrecken mit Erdkabeln warb, bezeichnete Schucht diese als kein Allheilmittel für Umweltverträglichkeit. Machbarkeitsstudien für Thüringen und die Uckermark hätten ergeben, dass die Eingriffe in die Natur dort größer wären als bei Freileitungen. In Ballungszentrum mache die unterirdische, "sehr kostspielige" Leitungsverlegung dagegen "weltweit Schule", nachdem das älteste Erdkabelprojekt in Berlin als Erfolg angesehen werde. Ganz ohne Netzausbau gehe es jedenfalls nicht, da die derzeitige Mitnutzungsmöglichkeit polnischer und tschechischer Netze für Windstrom ihre Grenzen erreicht habe.

Hänlein unterstrich, dass nach den heftigen Bürgerprotesten gegen den Bau eines Konverters im Meerbuscher Stadtteil Osterath zur Anbindung neuer Stromautobahnen "der Schutz des Wohnumfelds sehr viel ernster zu nehmen ist". Christoph Dörnemann vom dortigen Betreiber Amprion räumte ein, dass es bei dem Vorhaben "Kommunikationsfehler" gegeben habe. Oft bestünden bei der Standortwahl aber kaum Alternativen, da sonst die "netztechnische Gleichwertigkeit in Frage gestellt werden" könne. Vergleichbare andere Projekte liefen zudem deutlich besser. Es mache auf jeden Fall keinen Sinn, etwa schon jetzt auch den Emissions- und Artenschutz schon "vorzudiskutieren", wo sich noch gar nicht genau herauskristallisiert habe, welche Verbindungen gebraucht würden.

Umspannwerke müssten nicht "grundstücksscharf feststehen", erläuterte Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, die Vorgaben des Bundesbedarfsplans. Es sei möglich, die Anlagen "mit Stichleitungen" einige Kilometer von den eigentlichen Stromautobahnen weg aufzubauen. Die Vorwürfe Jarass' bezeichnete er als "völlig falsch". Niemand baue wegen eines Kohlekraftwerks eine Trasse in den Süden. Wegen fehlender Speichereinheiten seien Formen der konventionellen Energiegewinnung aber noch aufrechtzuerhalten. Insgesamt plädierte der Regulierer für eine rasche Verabschiedung des Gesetzes und eine baldige Koordination der "regionalen Energiewenden" der Bundesländer.

Für das Speichern erneuerbarer Energien gebe es "noch keine optimale Technologie", dämpfte auch Albert Moser von der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule Aachen Hoffnungen in diese Richtung. Derzeit gebe es nur "Punktspeicherwerke", die nur wenige Stunden an Energie vorhalten könnten. Andere Ansätze seien entweder noch deutlich zu teuer oder in ihrem Wirkungsgrad noch ungenügend. Thermische Kraftwerke seien daher "derzeit die günstigste Flexibilitätslösung".

In der Debatte zu kurz kamen Lex Hartman vom Stromnetzbetreiber Tennet alternative Leitungs- und Erzeugungsverfahren wie die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung  (HGÜ) oder die Offshore-Windgewinnung. Die Niederländer, die hierzulande in Niedersachsen aktiv sind, hätten derzeit in der Nordsee ein 6,2-Gigawatt-Projekt ins Auge gefasst, mit zwei weiteren Anlagen visierten sie insgesamt 8 Gigawatt an. Das Kapital dafür sei vorhanden. Letztlich müsse die Gesellschaft entscheiden, was sie wolle und wie viel Geld sie dafür auszugeben bereit sei.

Langfassung eines Beitrags für heise online.