Kritis-Gipfel 2026: BDEW und VKU schlagen Alarm. Ohne Milliarden-Investitionen und ein Ende der Transparenz-Sorglosigkeit drohe der Kollaps vieler kritischer Infrastrukturen.
Der erste Kritis-Gipfel in Berlin, der am Dienstag über die Bühne ging, soll einen Wendepunkt in der deutschen Sicherheitspolitik markieren. Was lange Zeit als technisches Nischenthema der Versorgungswirtschaft galt, ist spätestens nach den jüngsten Sabotageakten und dem weitreichenden Stromausfall in der Hauptstadt im Zentrum der nationalen Sicherheitsstrategie angekommen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sowie der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) haben diesen Gipfel genutzt, um ein unmissverständliches Signal an die Bundesregierung zu senden: Die Resilienz unserer Lebensadern ist kein optionales Extra, sondern das Fundament staatlicher Souveränität.
Die Bilder des Berliner Blackouts wirken nach. Wenn Ampeln ausgehen, Krankenhäuser auf Notstrom schalten und die digitale Kommunikation kollabiert, wird die Verwundbarkeit einer hochmodernen Industriegesellschaft schmerzhaft sichtbar. Vor diesem Hintergrund kamen Spitzenvertreter der Energiebranche mit der Politik, der Verwaltung und der Bundeswehr zusammen, um über eine neue Architektur der zivilen Verteidigung zu beraten. Staatssekretär Hans-Georg Engelke aus dem Innenministerium und Generalleutnant André Bodemann machten deutlich, dass die Grenzen zwischen äußerer und innerer Sicherheit verschwimmen. Hybride Bedrohungen zielen heute nicht mehr nur auf militärische Kasernen, sondern auf Umspannwerke, Leitungsnetze und Wasserwerke.
Ein zentraler Streitpunkt des Gipfels ist die bisherige Transparenzpraxis. BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae betonte, dass die weitreichenden Offenlegungspflichten – etwa durch das Informationsfreiheitsgesetz oder Open-Data-Vorgaben – in Zeiten hybrider Kriegsführung zum Sicherheitsrisiko mutiert seien. Wenn detaillierte Leistungs- und Geodaten kritischer Anlagen für jedermann im Netz abrufbar sind, liefert der Staat potenziellen Angreifern die Zielkoordinaten für physische oder digitale Attacken praktisch frei Haus. Die Branche fordert hier eine Neubewertung: Datentransparenz dürfe nicht zur Einladung für Saboteure werden, operative Angriffsflächen müssten konsequent minimiert werden. Dazu gibt es freilich gewichtige Gegenstimmen.
Neben dem Schutz der Daten steht die Kommunikationsfähigkeit im Krisenfall ganz oben auf der Agenda. Für den Fall eines großflächigen Netzausfalls braucht es Infrastrukturen, die unabhängig vom öffentlichen Netz funktionieren. Ein Hoffnungsträger ist hier das schwarzfallfeste 450-MHz-Funknetz, das speziell für die Bedürfnisse der Energie- und Wasserwirtschaft konzipiert wurde. Nur wenn die Betreiber auch im tiefsten Blackout untereinander und mit den Behörden kommunizieren können, ist ein schneller Netzwiederaufbau überhaupt denkbar.
VKU-Chef Ingbert Liebing ergänzte die Forderungskataloge um eine physische Komponente. Er forderte den Aufbau einer nationalen Notfallreserve, die unter anderem mobile Großaggregate umfassen soll. Ziel müsse es sein, im Ernstfall sogenannte Inselnetzstrukturen zu bilden, um die Energieversorgung idealerweise innerhalb von 24 Stunden wiederherzustellen. Liebing stellte dabei klar, dass die Abwehr von Terrorangriffen eine gesamtstaatliche Aufgabe bleibe. Stadtwerke seien keine Polizeieinheiten und könnten die Sicherheit nicht im Alleingang garantieren.
Die größte Hürde bleibt die Finanzierung. Die Sicherheit der kritischen Infrastruktur braucht klare gesetzliche Vorgaben und eine gesicherte Anerkennung der anfallenden Kosten. BDEW und VKU schlagen vor, die Finanzierung teilweise über den Verteidigungshaushalt abzuwickeln, da dieser nicht der Schuldenbremse unterliegt. Zusätzlich wird die Einrichtung eines dezidierten Resilienzfonds gefordert, um die notwendigen Milliardeninvestitionen in Schutzmaßnahmen, Reparaturkapazitäten und Krisenmanagement zu stemmen. Nur durch einen institutionalisierten Austausch, bis hin zum Nationalen Sicherheitsrat, lasse sich ein gemeinsames Lagebild erstellen, das schnell genug auf die Bedrohungen der Zukunft reagiert.