Montag, 11. Mai 2026

Autonomes Fahren: Chinas Software-Vorsprung setzt Europa unter Druck

Eine Marktanalyse zeigt: Huawei, Xpeng und Li Auto hängen europäische Autobauer bei Assistenzsystemen ab. Der Rückstand beträgt wohl bereits mehr als zwei Jahre.

In der chinesischen Metropole Peking lässt sich derzeit die Zukunft der Mobilität beobachten, und für die traditionelle europäische Automobilindustrie ist das Bild, das sich dort zeichnet, alles andere als beruhigend. In Deutschland wird aktuell noch intensiv über die ethischen Feinheiten von Level-3-Systemen debattiert. Derweil haben chinesische Tech-Giganten und spezialisierte Elektroauto-Startups bereits eine technologische Realität geschaffen, die den Massenmarkt dominiert.

Eine jetzt publizierte Marktanalyse der Unternehmensberatung P3, die die Leistungsfähigkeit fortgeschrittener Fahrerassistenzsysteme der Stufen L2+ und L2++ untersucht hat, kommt zu einem drastischen Ergebnis: Heimische chinesische Hersteller und der US-Pionier Tesla liegen in der technologischen Umsetzung mittlerweile mehr als zwei Jahre vor den etablierten Marken aus Europa.

Die Marktbeobachter stützen ihre Erkenntnisse auf einen harten Praxistest unter Realbedingungen. Auf einer komplexen Testroute im Herzen Pekings mussten die Systeme beweisen, wie sie mit der chaotischen Dynamik einer Megacity umgehen. Die Strecke umfasste nicht nur mehrspurige Autobahnen, sondern auch dichten Stadtverkehr, unübersichtliche Kreuzungen und spontane Baustellenbereiche. In diesem Umfeld zeigten vor allem die Systeme von Huawei, Xpeng und Li Auto eine Souveränität, die bisherige Maßstäbe verschiebt. Der entscheidende Vorsprung dieser Anbieter liegt dabei weniger in der reinen Hardware der Sensoren, sondern in der tiefgreifenden softwareseitigen Integration. Während europäische Systeme oft noch wie eine Sammlung isolierter Assistenzfunktionen wirken, bieten die chinesischen Marktführer ein nahtloses Gesamterlebnis. Die Verschmelzung von hochpräziser Navigation, vorausschauender Fahrstrategie und automatisierten Parkvorgängen erzeugt einen Kundennutzen, der in China längst zum kaufentscheidenden Kriterium gereift ist.

Der Analyse zufolge ist der qualitative Abstand an der absoluten Spitze mittlerweile gering. Die führenden Systeme agieren auf einem ähnlich hohen Niveau, doch die Dynamik am Markt ist beispiellos. Durch eine konsequente Strategie von Software-Updates über die Cloud können Hersteller die Rangfolge innerhalb weniger Wochen verändern. Ein Fahrzeug ist in China kein statisches Produkt mehr, das mit einem festen Funktionsumfang ausgeliefert wird, sondern eine lernende Plattform. Diese Agilität wird durch eine völlig andere Entwicklungsphilosophie befeuert. In China herrscht das Prinzip der schnellen Iteration vor, bei dem große Datenmengen aus der realen Fahrzeugflotte unmittelbar zur Optimierung der Algorithmen genutzt werden. Die regulatorischen Rahmenbedingungen unterstützen diesen Prozess durch einen „Lessons learned“-Ansatz: dieser ermöglicht Innovationen auf der Straße, während Europa oft noch in langwierigen theoretischen Validierungsprozessen verharrt.

Der technologische Rückstand hat für die europäische Industrie weitreichende Folgen. Um auf dem wichtigsten Automobilmarkt der Welt nicht völlig den Anschluss zu verlieren, sind europäische Hersteller zunehmend gezwungen, Kooperationen mit chinesischen Technologieunternehmen einzugehen. Es findet eine Umkehr der bisherigen Verhältnisse statt: War früher der Transfer von deutscher Ingenieurskunst nach China die Regel, so kaufen sich europäische Konzerne heute Know-how in den Bereichen Software-Stack und Künstliche Intelligenz bei ihren chinesischen Partnern ein.

Der Vorsprung der chinesischen Anbieter ist allerdings geografisch gebunden. Sobald diese Fahrzeuge auf europäischen Straßen unterwegs sind, sinkt ihre Performance signifikant. Dies liegt an den strengeren hiesigen Sicherheitsvorschriften, einer anderen Datenlage und oft veralteten Softwareständen für Exportmodelle. Doch das ist kein Grund zur Entwarnung für die heimische Industrie. Experten gehen davon aus, dass die Lernkurve der chinesischen Herausforderer auch in Europa steil nach oben gehen wird. In den kommenden Jahren wird der Übergang zu echten Level-3-Systemen erwartet, die dem Fahrer in bestimmten Situationen die Verantwortung vollständig abnehmen. Ob die europäischen Autobauer diesen Rückstand durch ihre neue Kooperationsbereitschaft aufholen können, wird die zentrale Frage für das Überleben ihrer Premium-Marken im digitalen Zeitalter sein.

Stefan Krempl

Glasfaserkabel als Wanzen: Wenn das Internet zum Spion wird

Forscher warnen: Dank KI und Lasertechnik lassen sich Gespräche direkt über Glasfaserleitungen belauschen – ganz ohne klassische Abhörgeräte.

In den dunklen Zeiten des Kalten Krieges war Spionage Handarbeit. Wanzen wurden mühsam in Wänden verbaut, Telefone präpariert und Lampen zu Sendern umfunktioniert. Doch die Überwachungstechnik der Zukunft benötigt möglicherweise gar keine zusätzliche Hardware mehr. Wie Geophysiker auf der Generalversammlung der European Geosciences Union berichteten, könnte die Infrastruktur, die unsere moderne Welt vernetzt, selbst zur Gefahr für die Privatsphäre werden: Die Glasfaserkabel, die unter unseren Straßen liegen und die Ozeane durchqueren, können als hochempfindliche Mikrofone zweckentfremdet werden.

Der Schlüssel zu dieser Entdeckung liegt laut einem Bericht von Science in einer Technologie, die eigentlich dazu gedacht ist, den Planeten besser zu verstehen. Unter dem Namen „Distributed Acoustic Sensing“ (DAS) nutzen Seismologen das weltweite Glasfasernetz bereits seit Jahren, um Erdbeben aufzuspüren, Vulkane zu überwachen oder den Verkehr in Großstädten zu analysieren. Dabei wird ein sogenannter Interrogator an ein Ende der Leitung angeschlossen.

Dieses Gerät schickt Laserpulse durch die Faser. Wenn nun eine Schallwelle – etwa ein Beben oder das Rollen eines LKWs – die Faser erreicht, wird diese minimal gedehnt oder gestaucht. Winzige Defekte im Glas reflektieren das Licht auf charakteristische Weise zurück. Aus diesen Mustern lässt sich präzise berechnen, wo und wie stark der Boden vibriert hat.

Doch Jack Lee Smith von der University of Edinburgh hat nun demonstriert, dass diese Sensibilität weit über tektonische Verschiebungen hinausgeht. Das System reagiert so fein auf akustische Wellen, dass es sogar menschliche Sprache wahrnehmen kann. In einem Feldversuch platzierten die Forscher Lautsprecher neben existierenden Glasfaserleitungen, die ursprünglich zur Überwachung von Küstenerosion verlegt worden waren.

Das Ergebnis war verblüffend: Die tiefen Frequenzen der menschlichen Sprache ließen sich ohne große Vorbehandlung aus den Daten herauslesen. Für die höheren Frequenzen bedurfte es zwar einer digitalen Nachbearbeitung. Doch am Ende reichte eine frei verfügbare Künstliche Intelligenz aus, um das Gehörte in Text zu verwandeln.

Das KI-Modell Whisper von OpenAI fungierte dabei als digitaler Übersetzer. Die Forscher fütterten die durch Lichtwellen erzeugten Audiodaten in die Software, die daraus in Echtzeit verständliche Transkripte erstellte. Smith warnt davor, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, dass die Kabel unter ihren Füßen akustische Wellen detektieren können. Fast überall, wo Glasfasern zum Einsatz kommen, besteht theoretisch ein Datenschutzrisiko.

Ganz so einfach, wie es im ersten Moment klingt, ist das Belauschen von Passanten aber noch nicht. Die Studie zeigte auch klare physikalische Grenzen auf. Besonders gut funktionierte das Abhören bei aufgewickelten Kabeln, die direkt an der Oberfläche lagen. Schon eine dünne Schicht aus Erde – etwa 20 Zentimeter – reichte aus, um die akustischen Signale so weit zu dämpfen, dass die Sprache unverständlich wurde. Auch schnurgerade verlegte Kabel erwiesen sich als weniger empfänglich für die feinen Schwingungen der Stimme.

Dennoch ist die Fachwelt alarmiert. Seismologen wie Céline Hadziioannou von der Universität Hamburg berichten von ähnlichen Erfahrungen: Bei Messungen in einem physikalischen Institut empfing sie über die Glasfaser versehentlich Lautsprecherdurchsagen aus dem Gebäude. Auch für die militärische Sicherheit birgt die Technik Sprengstoff. Frederik Tilmann vom GFZ Helmholtz-Zentrum Potsdam weist darauf hin, dass DAS-Systeme an Unterseekabeln die Bewegungen von Schiffen und sogar U-Booten tracken können. Bevor solche Forschungsdaten öffentlich geteilt werden, müsse man sich der Sicherheitsimplikationen bewusst sein.

Die Diskussion um das „Anzapfen“ von Glasfasern ist nicht neu, bekommt aber durch die DAS-Technik eine neue Qualität. Bereits 2017 stand die NSA wegen ihres „Upstream“-Programms in der Kritik. Damals ging es jedoch primär um das digitale Abgreifen des Datenstroms – also das Mitlesen von Bits und Bytes, die durch die Leitungen fließen. Die Geheimdienste suchten in der Flut der Kommunikation nach IP-Adressen und Stichwörtern. Nach massiven Protesten versicherte die NSA damals, die Überwachung unbeteiligter Dritter einzuschränken und nur noch Kommunikation zu sammeln, die direkt von einem Zielobjekt ausgeht oder an dieses gerichtet ist.

Während das Upstream-Programm darauf abzielte, den Inhalt der Datenpakete zu analysieren, macht DAS das Kabel selbst zum Sensor für die physische Umgebung. Es geht nicht mehr nur darum, was durchs Internet geschickt wird, sondern was in der Nähe der Leitung gesprochen wird.

Die wissenschaftliche Gemeinschaft steht damit vor einem Dilemma. Einerseits bietet die Nutzung von „Dark Fiber“ – also ungenutzten Glasfasersträngen, die bereits im Boden liegen – eine einmalige Chance für die Geoforschung. Man erhält ein riesiges Netz an Seismometern, ohne teure neue Sensoren verlegen zu müssen. Andererseits muss das Problem der Privatsphäre gelöst werden. Smith schlägt vor, die Daten so zu verarbeiten, dass Frequenzen, die für Sprache typisch sind, automatisch unterdrückt werden. Andere Experten raten dazu, Aufzeichnungen von aufgerollten Kabelabschnitten schlicht zu löschen, da diese für die Erdbebenforschung ohnehin kaum von Wert sind.

Die Forschungsergebnisse zeigen deutlich, dass wir in einer Welt leben, in der die Grenzen zwischen Infrastruktur und Überwachung fließend werden. Die Glasfaser, das Rückgrat unserer digitalen Gesellschaft, hat buchstäblich Ohren bekommen.

Stefan Krempl

Digitaler Führerschein: Bundesrat fordert Lichtbild und Polizei-Tools

Die Länderkammer stimmt der Reform des Straßenverkehrsgesetzes zu, knüpft den digitalen Führerschein aber an strikte Sicherheits- und Kontrollbedingungen.

Der Weg für den digitalen Führerschein in Deutschland ist frei, doch die praktische Umsetzung könnte holpriger werden als von der Bundesregierung ursprünglich geplant. Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am Freitag dem „Fünften Gesetz zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes“ zugestimmtDamit ist die rechtliche Grundlage für eine umfassende Digitalisierung von fahrer- und fahrzeugbezogenen Papieren sowie für neue Regelungen im Bereich des autonomen Fahrens und der Parkraumkontrolle gelegtDoch während das Gesetzespaket an sich die parlamentarische Hürde genommen hat, äußern die Länder in einer begleitenden Entschließung massive Bedenken hinsichtlich der praktischen Kontrolle durch die Polizei.

Im Zentrum der Kritik steht die Sorge, dass der digitale Nachweis der Fahrerlaubnis ohne ein integriertes Lichtbild zu einem Sicherheitsrisiko werden könnte. Die aktuelle Gesetzesfassung sieht vor, dass der digitale Führerschein übergangsweise auch ohne Foto eingeführt werden kann, solange der automatisierte Abruf aus den staatlichen Registern technisch noch nicht flächendeckend möglich ist.

Der Bundesrat hält dies für einen fatalen FehlerOhne Lichtbild fehle den Beamten bei einer Verkehrskontrolle die Möglichkeit, den Vorzeigenden zweifelsfrei als rechtmäßigen Inhaber des Dokuments zu identifizierenZwar argumentiert der Bund, dass die Identität im Zweifel über den ohnehin mitzuführenden Personalausweis geklärt werden könne, doch die Länder verweisen auf eine juristische Lücke : Es gebe in Deutschland keine allgemeine Rechtspflicht, einen Ausweis ständig mit sich zu führenEine bloße Verkehrskontrolle berechtige zudem nicht ohne Weiteres zu einer Identitätsfeststellung nach anderen Rechtsgrundlagen.

Die Länder verlangen daher: Entweder wird der digitale Führerschein erst dann scharf geschaltet, wenn das Lichtbild integriert ist – oder es muss kurzfristig eine neue Rechtsgrundlage herDiese müsste Autofahrer explizit dazu verpflichten, beim Nutzen des digitalen Führerscheins ohne Bild zusätzlich einen amtlichen Lichtbildausweis mitzuführen und auszuhändigenTechnisch scheint die Lösung mit Bild ohnehin greifbar, da die Voraussetzungen für den Abruf aus den Ausweisregistern im künftigen „XPass“-Standard bereits für den 1. November 2026 erarbeitet wurden.

Neben der Identifikationsfrage sorgt die technische Ausstattung der Sicherheitsbehörden für Diskussionsstoff. Der Bundesrat mahnt an, dass die Polizeien des Bundes und der Länder rechtzeitig vor dem „Go-Live“ mit den notwendigen digitalen Werkzeugen ausgestattet werden müssenEs reiche nicht aus, den Bürgern eine App zur Verfügung zu stellen; die Beamten benötigten auf ihren Dienstgeräten Funktionen, um die Echtheit zu prüfen, digitale Dokumente bei Fahrverboten entgegenzunehmen oder sie im Ernstfall sogar digital zu beschlagnahmen.

Dabei pochen die Länder auf finanzielle Fairness. Sie lehnen dauerhafte, kostenpflichtige Lizenzmodelle für die polizeiliche Software abStattdessen fordern sie einmalige Zahlungen für Software Development Kits (SDKs) oder fertig entwickelte Apps, ergänzt durch klassische Wartungsverträge für notwendige Updates und Anpassungen.

Abseits der Führerschein-Debatte bringt das Gesetz weitreichende Änderungen für den Straßenverkehrsalltag mit sich. Kommunen erhalten mehr Spielraum bei der digitalen Parkraumkontrolle und können Bewohnerparken sowie Parkvorrechte für Menschen mit Beeinträchtigungen flexibler gestalten. Auch gegen den sogenannten „Punktehandel“ geht der Gesetzgeber nun schärfer vor. Ein neuer Bußgeldtatbestand sanktioniert künftig das Angebot, gegen Bezahlung die Punkte anderer Verkehrssünder im Flensburger Register auf die eigene Kappe zu nehmen.

Ferner wird die Verfolgungsverjährung bei Verkehrsordnungswidrigkeiten von drei auf sechs Monate verlängertFür die Automobilindustrie besonders relevant ist die Anpassung der Begrifflichkeiten beim autonomen Fahren an internationale Standards, was den Ausbau hoch- und vollautomatisierter Fahrfunktionen in Deutschland rechtssicherer machen soll.

Stefan Krempl

Sonntag, 10. Mai 2026

Recht auf Reparatur: Bundesrat drängt auf Nachbesserungen für echte Nachhaltigkeit

Die Länderkammer begrüßt das neue Gesetz zur Förderung von Reparaturen, sieht aber umfangreichen Korrekturbedarf bei Kosten, Transparenz und rechtlicher Klarheit.


Der Weg zur Kreislaufwirtschaft in Deutschland ist geebnet, doch nach Ansicht des Bundesrates gleicht der aktuelle Fahrplan der Bundesregierung eher einer holprigen Landstraße als einer modernen AutobahnIn seiner Stellungnahme vom Freitag zum Regierungsentwurf für ein Gesetz zur Umsetzung der EU-Reparaturrichtlinie hat das Gremium deutlich gemacht, dass der bloße Wille zur Müllvermeidung nicht ausreicht, wenn die praktischen Hürden für Verbraucher und Betriebe zu hoch bleibenDie Exekutive arbeite vor allem verpflichtende Mindeststandards ab, monieren die Länder. Nötig sei eine deutlich ambitioniertere nationale Strategie, die Reparaturen nicht nur ermöglicht, sondern aktiv zum Standard macht.

Ein zentraler Kritikpunkt der Länderkammer betrifft die finanzielle Belastung. Bekanntermaßen seien die Reparaturkosten im Vergleich zu einer Neuanschaffung oft so hoch, dass sich die Mehrheit der Bürger trotz grundsätzlicher Reparaturbereitschaft am Ende doch für den Neukauf entscheideUm diese wirtschaftlichen Hemmnisse abzubauen, bittet der Bundesrat die Bundesregierung eindringlich, finanzielle Anreize wie einen nationalen Reparaturbonus oder steuerliche Vergünstigungen für Reparaturdienstleistungen zu prüfenErste Erfahrungen aus entsprechenden Programmen auf Landesebene hätten bereits gezeigt, dass solche Zuschüsse die Nachfrage spürbar ankurbeln können.

Besonderes Augenmerk legt der Bundesrat ferner auf die sprachliche und rechtliche Präzision des Gesetzentwurfs. Begriffe wie "angemessener Preis" oder "angemessener Zeitraum" für eine Reparatur zögen sich wie ein roter Faden durch den Text, blieben aber ohne klare DefinitionDie Länder warnen, dass diese Unbestimmtheit zu einer Flut von Rechtsstreitigkeiten führen könnte, die am Ende die Gerichte überlasten und die Verbraucher durch langwierige Verfahren abschreckenEs müsse klar sein, ob ein objektiver Maßstab angelegt wird oder ob das subjektive Empfinden eines Kunden zählt, wenn es darum geht, ob ein Reparaturentgelt noch als "angemessen" gilt.

Auch beim Thema Ersatzteile sieht der Bundesrat eine gefährliche Abweichung von den EU-Vorgaben. Während die Richtlinie lediglich fordert, dass Hersteller, die Ersatzteile anbieten, dies zu fairen Preisen tun, scheint der deutsche Entwurf eine generelle Bereitstellungspflicht zu suggerierenDa die EU jedoch eine Vollharmonisierung anstrebt, dürfe der nationale Gesetzgeber hier nicht übers Ziel hinausschießen, um Rechtsunsicherheiten für die Wirtschaft zu vermeidenGleichzeitig müsse sichergestellt werden, dass Software-Sperren oder Hardware-Tricks die Reparierbarkeit nicht hinterrücks torpedieren, wobei Ausnahmen für Produktsicherheit und geistiges Eigentum nicht als Vorwand für eine generelle Reparaturverweigerung dienen dürfen.

Ein weiteres Problemfeld ist die Verantwortlichkeit bei Herstellern mit Sitz außerhalb der EU. Viele Verbraucher kaufen direkt über globale Handelsplattformen, wodurch die rechtliche Kette oft ins Leere läuftDer Bundesrat drängt hier auf mehr Transparenz: Wer ein Produkt in der EU kauft, muss schon beim Erwerb wissen, wer im Zweifelsfall für die Reparatur geradezustehen hat, wenn der Hersteller in Fernost sitztOhne diese klaren Kontaktdaten von Importeuren oder Vertretern innerhalb der Gemeinschaft bliebe das Recht auf Reparatur für viele Online-Käufer ein bloßes Lippenbekenntnis.

Schließlich kritisiert der Bundesrat eine geplante Änderung im Kaufrecht, die seiner Ansicht nach zu absurden Auslegungsfragen führen könnteWenn per Gesetz künftig explizit vereinbart werden darf, welche Eigenschaften nicht zur "üblichen Beschaffenheit" gehören, könnte dies den Eindruck erwecken, dass ohne eine solche negative Vereinbarung grundsätzlich jedes Produkt – bis hin zum sprichwörtlichen Stück Obst – reparierbar sein müssteUm solche Verwirrungen zu vermeiden und den Fokus auf langlebige Wirtschaftsgüter zu behalten, plädieren die Länder für eine Streichung dieser PassageNur durch ein stimmiges Gesamtpaket aus finanzieller Förderung, rechtlicher Klarheit und echter Transparenz könne die Transformation hin zu einem nachhaltigen Konsum gelingen.

Stefan Krempl

Samstag, 9. Mai 2026

Digitale Souveränität: EU-Parlament stellt Weichen für Open-Source-Offensive

Der Binnenmarktausschuss des EU-Parlaments fordert für den neuen Wettbewerbsfähigkeitsfonds (ECF) eine radikale Abkehr von proprietären Abhängigkeiten und baut auf freie Software.

Der Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz (IMCO) des EU-Parlaments hat am Donnerstag mit einer deutlichen Mehrheit ein politisches Ausrufezeichen für die technologische Zukunft Europas gesetztIm Zentrum der angenommenen Stellungnahme zum Europäischen Fonds für Wettbewerbsfähigkeit (ECF) steht ein Paradigmenwechsel: Weg von der bloßen Subventionierung, hin zum gezielten Aufbau einer unabhängigen, europäischen Digitalinfrastruktur.

Ein Kernpunkt der Reformen betrifft die Digitalisierung der öffentlichen VerwaltungKünftig sollen Verwaltungsprozesse in der EU verstärkt auf Open-Source-Tools basierenDabei geht es nicht nur um Kosteneinsparungen, sondern um die Sicherstellung von Interoperabilität und die konsequente Nutzung offener StandardsDiese Maßnahmen gelten als zentral für den Aufbau effizienter, transparenter und vor allem unabhängiger Verwaltungsstrukturen, die nicht durch das „Lock-in“ großer Softwarekonzerne gelähmt werden.

Der ECF soll Open-Source-Technologien künftig systematisch fördernBesonderes Augenmerk liegt dabei auf den grundlegenden Schichten des ÖkosystemsDurch die Unterstützung kritischer Infrastrukturen und digitaler Dienste auf Basis offener Quellcodes soll eine nachhaltige Entwicklung gewährleistet werden, die über kurzfristige Projektförderung hinausgeht.

Strategische Souveränität und „Digital Leadership“

Die Verhandler konnten durchsetzen, dass die Stärkung der technologischen Souveränität explizit als Ziel der Verordnung verankert wurdeDies soll durch die Förderung gesamter Wertschöpfungs- und Lieferketten in strategisch relevanten Bereichen wie KI, Halbleitern und Quantentechnologie geschehenDer Fokus liegt hierbei auf der Reduzierung riskanter Abhängigkeiten von Anbietern aus Drittstaaten.

Besonders im Kapitel „Digital Leadership“ wurde die Liste der förderfähigen Technologien massiv erweitertErstmals finden sich darin ausdrücklich Online-Plattformen und soziale Medien wiederDie Förderung umfasst künftig die digitale Kerninfrastruktur – von Suchmaschinen und Cloud-Software über Betriebssysteme bis hin zur Hosting-Infrastruktur. Damit reagiert das Parlament auf die Dominanz außereuropäischer Hyperscaler und sozialer Netzwerke.

Wie geht es weiter?

Das Budget des Fonds ist mit einem Volumen von über 234 Milliarden Euro für den Zeitraum von 2028 bis 2034 ambitioniert bemessenAllein für den Bereich „Digital Leadership“ sind rund 51,5 Milliarden Euro vorgesehen.

Nach dem Votum im IMCO-Ausschuss wandert der Bericht nun in den federführenden Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE). Die endgültige Abstimmung im Plenum des Europäischen Parlaments ist für den Zeitraum zwischen September und Oktober 2026 geplant. Erst dann wird sich zeigen, ob Europa den Mut aufbringt, seine digitale Infrastruktur tatsächlich auf ein unabhängiges, quelloffenes Fundament zu stellen.

Die grüne EU-Abgeordnete Alexandra Geese, die den Prozess maßgeblich begleitet hat, warnt vor den Risiken des aktuellen Ungleichgewichts. Die Abhängigkeit von außereuropäischen Plattformen berge erhebliche Gefahren, da zentrale Dienste theoretisch kurzfristig eingeschränkt oder abgeschaltet werden könnten. Zudem werde die öffentliche Debatte in Europa zunehmend durch ausländische Online-Dienste beeinflusst und teilweise verzerrt. Wettbewerbsfähigkeit brauche daher dringend Innovation „made in Europe“, finanziert durch europäische Steuergelder.

Stefan Krempl


Ausbeutung unter DPD-Logo: Wallraff-Recherche deckt Systemversagen bei Zusteller auf

Schimmel-Unterkünfte, Schwarzgeld und marode Hallen: Undercover-Reporter dokumentieren beim Paketriesen DPD massive Verstöße gegen Arbeits- und Sicherheitsstandards.

Die Bilder gleichen sich seit Jahren, und doch verlieren sie nichts von ihrer verstörenden Wirkung. Wenn Günter Wallraff und sein Team in die Welt der Logistik abtauchen, stoßen sie regelmäßig auf ein System, das von außen glänzt, im Inneren aber oft morsch ist. Die aktuelle Recherche führt das „Team Wallraff“ tief in den Kosmos des Paketdienstes DPD. Was die Reporter dort unter dem Deckmantel der Anonymität erlebten, zeichnet das Bild einer Branche, die ihren Erfolg offenbar auf dem Rücken der Schwächsten und durch die Umgehung gesetzlicher Standards zementiert. Es geht um Arbeitszeiten jenseits der Belastungsgrenze, dubiose Lohnmodelle und eine Infrastruktur, die zum Sicherheitsrisiko für die Beschäftigten wird.

Im Zentrum der Kritik steht das weit verzweigte Geflecht aus Subunternehmern. DPD greift, wie viele Mitbewerber im harten Wettbewerb der letzten Meile, auf externe Firmen zurück, um die Flut an Paketen zuzustellen. Offiziell betont das Unternehmen, dass alle Partner auf die Einhaltung von Mindestlohn und fairen Bedingungen verpflichtet werden. Doch die Realität, die der Reporter "Alexander" in Berlin vorfand, sieht völlig anders aus. Angelockt von Anzeigen, die ein Netto-Gehalt von bis zu 3000 Euro für eine reguläre Woche versprechen, landete er in einer Welt der Schattenwirtschaft.

Ein Chef bot ihm unumwunden ein Modell aus Minijob-Vertrag und zusätzlicher Barzahlung an. In Essen stieß Reporter "Vladyslav" auf identische Praktiken. Schwarzgeld scheint hier kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Werkzeug zu sein, um Lohnnebenkosten zu drücken und den offiziellen Mindestlohn zu unterlaufen.

Die physische Belastung der Zusteller ist dabei enorm. Arbeitstage von zehn bis zwölf Stunden sind laut den Undercover-Berichten keine Seltenheit, oft ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepausen. Der Druck, die tägliche Tour zu schaffen, ist so gewaltig, dass die Fahrer jede Sekunde einsparen müssen. Besonders perfide: Entstehen Schäden am Fahrzeug oder gehen Pakete verloren, berichten Fahrer davon, dass diese Kosten direkt an sie weitergereicht würden. Ein Rücklicht für 800 Euro kann so schnell den ohnehin kargen Verdienst mehrerer Wochen auffressen. Es ist ein System der totalen Risikoabwälzung nach unten.

Besonders bedrückend sind die Einblicke in die Lebensumstände derer, die aus Osteuropa angeworben werden. In München dokumentierte das Team eine Unterkunft, für die ein Zusteller monatlich 400 Euro zahlt. Dafür erhält er laut der Reportage ein Bett in einem winzigen, mit Schimmel befallenen Dreibettzimmer. Die hygienischen Zustände mit Ungeziefer und defekten Sanitäranlagen spiegeln die Geringschätzung wider, mit der das System den Menschen begegnet, die den boomenden Online-Handel erst ermöglichen. Die Unterkunft fungiert hier nicht als Rückzugsort, sondern als verlängerter Arm der Abhängigkeit.

Die Vorwürfe enden nicht an der Bordsteinkante. Interne Dokumente, die dem Team Wallraff zugespielt wurden, werfen ein Schlaglicht auf die Arbeitssicherheit in den Depots selbst. Eine Karte aus dem Jahr 2024 zeigt knapp 90 Standorte, von denen drei Viertel erhebliche Sicherheitsmängel aufweisen sollen. In Erftstadt bestätigte sich dieser Verdacht vor Ort: Fehlende Schutzschienen an Maschinen und ein allgemeiner Sanierungsstau prägten das Bild. Insider berichten von einem harten Sparkurs der Konzernspitze, der notwendige Investitionen in den Arbeitsschutz ausbremse.

DPD reagiert auf die detaillierten Fragen der Journalisten mit einer knappen, allgemein gehaltenen Stellungnahme. Der Zustelldienst verweist auf regelmäßige Kontrollen durch Berufsgenossenschaften und staatliche Behörden. Das Subunternehmermodell verteidigt er als Marktstandard, der für die Wettbewerbsfähigkeit unabdingbar sei.

Doch genau hier liegt der Kern des Problems: Die 2019 eingeführte Nachunternehmerhaftung, die Paketdienste für die Sozialabgaben ihrer Dienstleister in die Pflicht nehmen soll, scheint in der Praxis oft zu verpuffen. Wenn die Kontrolle vor Ort fehlt und der Kostendruck ungefiltert weitergegeben wird, entstehen Freiräume für Ausbeutung, die durch bloße Lippenbekenntnisse in Ethik-Kodizes nicht zu schließen sind. Die Recherche zeigt erneut, dass der bequeme Klick im Internet einen hohen Preis hat, den andere unter prekärsten Bedingungen bezahlen.

Stefan Krempl

Signal-Phishing: Wie russische Agenten den „Faktor Mensch“ im Bundestag knacken

Trotz starker Verschlüsselung geraten hunderte Politiker und Militärs ins Visier der aktuellen Phishing-Operation via Signal. Das BSI plant nun In-App-Warnungen gegen die anhaltende Spionage-Welle.

Die Methoden der Geheimdienste passen sich rasant dem digitalen Zeitalter an. Was früher der klassische Briefkasten oder das konspirative Treffen im Park war, hat sich längst in die Hosentaschen von Entscheidungsträgern verlagert. Jüngste Berichte und eine Sitzung des Digitalausschusses des Bundestags am Mittwoch verdeutlichen eine beunruhigende Entwicklung: Russische Agenten agieren zunehmend unverfroren mit Blick auf Deutschland, wobei sie insbesondere den verschlüsselten Messenger-Dienst Signal für ihre Zwecke missbrauchen.

Im Zentrum der aktuellen Ermittlungen steht eine großangelegte Phishing-Kampagne, die bereits seit Monaten andauert und laut Bundesinnenministerium weiterhin aktiv ist. Die Strategie der Angreifer ist so simpel wie effektiv. Anstatt komplexe Schadsoftware zu entwickeln oder bisher unbekannte Sicherheitslücken in der Programmierung auszunutzen, setzen die Akteure auf den Faktor Mensch. Über gezielte Nachrichten werden potenzielle Opfer – darunter hochrangige Politiker, Journalisten und Angehörige des Militärs – unter Vorwänden dazu verleitet, sensible Zugangsdaten preiszugeben. Sobald die Angreifer Zugriff auf den Account haben, steht ihnen das gesamte Kontaktnetzwerk und die bisherige Kommunikation offen.

Dass hinter diesen Aktivitäten staatliche russische Stellen stehen, gelte unter Experten als gesichert, schreibt der Spiegel. Sowohl niederländische als auch US-amerikanische Geheimdienstbehörden hätten die Kampagne bereits Moskau zugeordnet. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sehe keinen Grund, an dieser Einschätzung zu zweifeln. Die Intensität der Angriffe sei bemerkenswert: Rund 13.200 Nummern seien ins Visier geraten, wobei die Mehrzahl der Betroffenen auf Bundesebene zu finden sei. Das unterstreicht die strategische Absicht der Operation, die primär auf die Informationsbeschaffung und das Ausspähen politischer Entscheidungsprozesse abzielt.

Interessanterweise rückt dabei ausgerechnet Signal in den Fokus, ein Dienst, der eigentlich für seine hohe Sicherheit und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bekannt ist. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) betont jedoch, dass die App an sich weiterhin als sicher einzustufen sei. Das Problem liege nicht in der Verschlüsselung, sondern in der Manipulation der Anwender. Das Unternehmen hinter Signal arbeitet bereits eng mit deutschen Behörden zusammen, um Nutzer proaktiver zu schützen – beispielsweise durch automatisierte Warnhinweise in dem Moment, in dem Nutzer aufgefordert werden, ihren PIN mit Dritten zu teilen.

Die politische Reaktion auf diese Bedrohungslage fällt deutlich aus. Der Verfassungsschutz soll verstärkt zum Abwehrdienst transformiert werden, um der neuen Dynamik der "Billigspione" und digitalen Angreifer entgegenzuwirkenDeutschland sieht sich hier an einer ersten Verteidigungslinie, die nicht mehr nur an physischen Grenzen verläuft, sondern in den Datenleitungen und auf den Displays der Mobiltelefone. In den Sicherheitsbehörden wird intensiv darüber diskutiert, wie man die Balance zwischen notwendiger Warnung und der Vermeidung von Panik hält.

Für die Betroffenen in Politik und Wirtschaft bedeutet das eine Rückkehr zur ständigen Wachsamkeit. Die Erkenntnisse aus dem Digitalausschuss zeigen, dass die Angreifer ihre Methoden ständig an die Abwehrmaßnahmen anpassen. Schulungen und Simulationen von Phishing-Angriffen werden als Pflichtmaßnahmen für Beschäftigte in sensiblen Bereichen diskutiert.

Denn wer über spannende Informationen oder ein einflussreiches Kontaktnetzwerk verfügt, steht automatisch im Fadenkreuz der Geheimdienste. In einer Welt, in der Drohnenunternehmer und vermeintliche Geschäftspartner als Deckmantel für Spionage dienen können, ist gesundes Misstrauen gegenüber unaufgeforderten Nachrichten auf dem Smartphone zur digitalen Überlebensstrategie geworden.

Stefan Krempl