Mit einheitlichen Schnittstellen und einer halben Milliarde Euro aus dem Sondervermögen soll die papierbasierte Verwaltung laut Sozialministerin Bas endgültig enden.
Die Vision eines modernen, digitalen Sozialstaats ist in Deutschland seit Jahren ein Dauerbrenner auf der politischen Agenda. Andere Nationen haben volldigitalisierte Behördengänge schon als Standard etabliert. Die Bundesrepublik kämpft dagegen noch immer mit einem Dickicht aus Zuständigkeiten, analogen Nachweisen und mangelnder Vernetzung. Doch nun soll Bewegung in die Sache kommen.
In einer Sitzung des Digitalausschusses des Bundestags verdeutlichte Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) am Mittwoch, dass ihr Haus die Modernisierung der Sozialverwaltung massiv beschleunigen wolle. Bereits in der Vergangenheit betonten Experten einer extra eingerichteten Kommission die Notwendigkeit eines „digitalen Neustarts“, um die lästige Zettelwirtschaft endlich zu beenden und den Bürgern einen hürdenfreien Zugang zu staatlichen Leistungen zu ermöglichen.
Herzstück der nun geplanten Reformen ist ein zentrales Anlauf- und Service-Portal. Die Ministerin verfolgt das Ziel, dass Bürger ihre Daten nicht mehrfach bei verschiedenen Behörden angeben müssen. Dieser Once-Only-Ansatz soll durch einen verbesserten Datenaustausch zwischen den Sozialbehörden realisiert werden. Ein ambitionierter Aspekt dieser Strategie ist die Automatisierung von Leistungen. So soll etwa das Kindergeld künftig ohne langwierige Antragstellung direkt ausgezahlt werden, sobald die entsprechenden Daten im System vorliegen. Trotz dieser digitalen Offensive betonte Bas aber, dass die persönliche Beratung vor Ort erhalten bleibe, um niemanden auf dem Weg in die digitale Verwaltung zu verlieren.
Die größte Hürde für dieses Vorhaben liegt derzeit in der zersplitterten IT-Landschaft der verschiedenen föderalen Ebenen. Um wirklich verzahnte Verwaltungsprozesse zu schaffen, mahnte die Ministerin verbindliche IT-Standards an. Dafür scheut sie auch vor weitreichenden rechtlichen Schritten nicht zurück. Bas brachte eine Grundgesetzänderung oder zumindest einen Staatsvertrag mit den Ländern ins Spiel, um eine einheitliche technologische Basis zu schaffen. Es gehe darum, dass alle staatlichen Ebenen an einem Strang ziehen, da die Digitalisierung des Sozialstaats sonst an den Schnittstellen zwischen Bund, Ländern und Kommunen scheitern werde.
Finanziell unterlegt wird das skizzierte Mammutprojekt durch das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK), aus dem eine halbe Milliarde Euro für die digitale Infrastruktur und die Verbesserung der Serviceangebote bereitgestellt werden soll.
Um den Prozess strukturiert anzugehen, planen das Arbeits- und das Digitalministerium die zeitnahe Einsetzung eines weiteren Expertengremiums. Dieses soll gemeinsam mit kommunalen Vertretern innerhalb von nur sechs Monaten einen konkreten Fahrplan erarbeiten, der die Digitalisierungsziele in greifbare Schritte übersetzt. Auch bei der Einführung der europäischen digitalen Brieftasche, der EUDI-Wallet, wollen beide Ressorts laut Bas vorangehen und den Rentenausweis als einen der ersten Nachweise einpflegen. Weitere Dokumente, wie etwa der Schwerbehindertenausweis, sollen so schnell wie möglich folgen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Debatte im Digitalausschuss war der Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI) auf die Arbeitswelt und die Verwaltung. Bas prognostizierte eine tiefgreifende Transformation: Bis zum Ende des Jahrzehnts werde es in Deutschland kaum noch einen Arbeitsplatz ohne KI-Bezug geben. Bereits heute nutzten rund 70 Prozent der Unternehmen entsprechende Technologien. Die Sozialdemokratin sieht hier die Notwendigkeit einer engen Begleitung durch die Politik, um Ängste abzubauen und die Beschäftigten durch Qualifizierung auf den Wandel vorzubereiten. KI solle dabei helfen, Arbeitsprozesse zu beschleunigen, etwa bei der Prüfung von Standardentscheidungen oder der Identifizierung von Unregelmäßigkeiten.
Klarheit schaffte Bas bei der Frage nach den Grenzen der Technologie. Während KI in der Verwaltung bei Routineaufgaben enorme Effizienzvorteile bietet, dürfe sie bei Ermessensentscheidungen nicht das letzte Wort haben. Hier bleibe die menschliche Beurteilung unverzichtbar. Um die Auswirkungen der KI-Entwicklung besser zu verstehen, soll zudem die Sozialforschung in diesem Bereich intensiviert werden. Der Umbau des Sozialstaats ist somit nicht nur eine technologische Herausforderung, sondern auch ein gesellschaftliches Projekt, das das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates im 21. Jahrhundert sichern soll.
Stefan Krempl