Trotz immenser Steuergelder scheitert die staatliche Anti-Funkloch-GmbH spektakulär. Nun soll die überflüssige Behörde neue Aufgaben bekommen.
Im Mai 2021 kündigte der damalige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mit großen Versprechungen einen entscheidenden Schlag gegen die berüchtigten Funklöcher in Deutschland an. Eine eigens gegründete staatliche Einrichtung, die Mobilfunkinfrastrukturgesellschaft (MIG), sollte den Ausbau in den weißen Flecken bürokratiearm und effizient vorantreiben. Ursprünglich war geplant, mit staatlicher Unterstützung bis zu 5000 neue Mobilfunkmasten vor allem in ländlichen Regionen zu errichten. Die Bundes-GmbH mit Sitz in Naumburg an der Saale sollte Fördergelder aus einer Hand vergeben und als zentraler Kümmerer vor Ort agieren. Das Ziel war klar formuliert: Überall dort nachhelfen, wo private Netzbetreiber aus Mangel an Wirtschaftlichkeit keine eigenen Masten aufstellen wollten.
Fünf Jahre später zeichnet ein aktueller Report des Bundesrechnungshofs, über den der Spiegel berichtet, ein verheerendes Bild dieser staatlichen Intervention. Die Bilanz der Anti-Funkloch-Institution fällt demnach mangelhaft aus. Von den ursprünglich bereitgestellten 300 Millionen Euro Fördergeldern seien zwar Projekte für insgesamt 267 Masten bewilligt worden. Doch die praktische Umsetzung sei nahezu ausgeblieben. Im Mai sollen von diesen geförderten Standorten mickrige fünf Masten tatsächlich im scharfen Betrieb gewesen sein und Signale gesendet haben. Weitere 37 Masten hätten sich zu diesem Zeitpunkt im Bau befunden oder seien immerhin bereits fertig aufgestellt worden. Die überwältigende Mehrheit von 225 Projekten habe nicht einmal die eigentliche Bauphase erreicht. Damit verfehlte die staatliche Taskforce ihre selbstgesteckten Ziele grandios.
Schon der Start der Gesellschaft war von massiven Verzögerungen geprägt. Obwohl die Naumburger Behörde bereits 2020 ihre Arbeit aufnehmen sollte, verzögerte sich der operative Beginn erheblich. Der allererste Förderbescheid konnte erst im Oktober 2022 ausgehändigt werden. Bis schließlich der erste von der Gesellschaft geförderte Mast tatsächlich ein Mobilfunksignal ausstrahlte, vergingen nochmal fast zwei Jahre. Trotz der anhaltend mageren Bilanz verschlang der Verwaltungsapparat der MIG enorme Summen an Steuergeldern. Allein für den laufenden Betrieb, das Personal und die Verwaltung der Gesellschaft flossen zwischen den Jahren 2020 und 2025 insgesamt 97,4 Millionen Euro. Für das laufende Jahr sind weitere 20 Millionen Euro eingeplant. Für 2027 stehen nochmals 12 Millionen Euro im Budget. Das bedeutet, dass knapp 100 Millionen Euro reines Steuergeld aufgewendet wurden, um am Ende lediglich eine Handvoll funktionierender Sendemasten vorzuweisen.
Die Ursachen für das Debakel liegen nicht ausschließlich in der staatlichen Gesellschaft selbst, sondern auch bei den Empfängern der Fördermittel. Die Förderbescheide waren an strikte Vorgaben geknüpft: Nach der Bewilligung hatten die Netzbetreiber 14 Monate Zeit, die Sendeanlagen vollständig aufzubauen und an das Netz anzuschließen. Andernfalls sollte die Förderung verfallen. In der Praxis schaffte kein einziges der 267 geförderten Projekte die Einhaltung dieser Frist. Die Rechnungsprüfer bemängeln in ihrem Bericht teils massiv verspätete Bauanträge sowie eine ausgeprägte Unlust zur Kooperation seitens der Förderempfänger. Statt die Konsequenzen zu ziehen und Förderbescheide aufzuheben, erteilte die staatliche Gesellschaft in sämtlichen Fällen großzügig Ausnahmegenehmigungen und verlängerte die Fristen immer wieder aufs Neue.
Ironischerweise hat sich die Netzabdeckung in Deutschland in den vergangenen Jahren dennoch spürbar verbessert – allerdings fast ausschließlich durch den eigenwirtschaftlichen Ausbau der Netzbetreiber. Die 2021 gesteckten Ziele, mindestens 97,5 Prozent der Fläche sowie 99,95 Prozent der Haushalte mit modernem Mobilfunk zu versorgen, wurden in der Fläche sogar leicht übertroffen. Bei den Haushalten liegt der Wert inzwischen bei 99,93 Prozent. Damit ist die Versorgungslücke auf winzige 0,02 Prozentpunkte geschrumpft, womit der eigentliche Zweck der staatlichen Förderung weitgehend hinfällig geworden ist. Der Bundesrechnungshof stellt daher laut dem Spiegel die Sinnhaftigkeit des gesamten Projekts infrage. Er bezweifle, ob der Einsatz von knapp 300 Millionen Euro Steuermitteln zur Schließung dieser minimalen Restlücke überhaupt gerechtfertigt oder rechtmäßig ist. Die Ampel-Regierung wollte das Scheuer-Projekt auch längst beenden, was Schwarz-Rot aber gar nicht gut fand.
Trotz des offensichtlichen Fehlschlags denkt das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) unter Karsten Wildberger (CDU) weiterhin nicht an eine Abwicklung der Fördergesellschaft. Die Vorgängerregierung sah ein Auslaufen der Gesellschaft Ende 2025 vor. Das BMDS plant nun sogar eine Erweiterung des Aufgabenbereichs. Die Mitarbeiter der Gesellschaft sollen künftig flexibel eingesetzt werden, etwa bei der Mobilfunkversorgung entlang von Bahnstrecken oder bei der Beschaffung von IT-Hardware und Software für den Bund. Für diesen Weiterbetrieb bis 2034 kalkuliert das Ministerium mit weiteren 67 Millionen Euro.
Den Kassenprüfern stößt das übel auf. Das Vorhalten von Personal auf Vorrat für vage zukünftige Aufgaben sei unwirtschaftlich, und angesichts des erreichten Ausbaugrads fehle es an einem erheblichen Bundesinteresse, heißt es. Das mache die Fortführung der Förderung rechtlich äußerst fragwürdig. Auch Oppositionspolitiker fordern den sofortigen Stopp der als überflüssig erachteten Subventionen: Private Investoren schöpften Gewinne ab, während der Steuerzahler für die Ineffizienz aufkommen müsse.
Stefan Krempl