Der Entwurf zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sieht das Aus der Solarförderung für kleine Anlagen vor – Fachleute befürchten massive Rückschläge für Klimaziele und Akzeptanz.
In der Energiepolitik bahnt sich ein fundamentaler Strategiewechsel an, der in der Fachwelt auf heftigen Widerstand stößt. Ein aktuell kursierender Referentenentwurf zur Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vom 22. Januar 2026 sieht massive Einschnitte vor. Während die Bundesregierung offiziell am Ziel von 80 Prozent Ökostrom bis 2030 festhält, fallen im Maschinenraum des Gesetzes entscheidende Leitplanken weg. Renommierte, vom Science Media Center (SMC) befragte Experten schätzen das als hochriskant ein.
Das Ende der Förderung für kleine Solaranlagen
Die wohl brisanteste Änderung betrifft die klassische Aufdach-Photovoltaik. Laut dem Entwurf aus dem Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) soll die garantierte Einspeisevergütung für Anlagen bis 25 Kilowattpeak (kWp) vollständig gestrichen werden. Eva Hauser vom Institut für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme sieht darin eine „Schwächung des PV-Ausbaus“. Sie warnt, dass sich die Bundesregierung damit eines wesentlichen Hebels zur Erreichung der Klimaziele entledige, zumal andere Sektoren wie Gebäude und Verkehr ihre Ziele bereits verfehlen.
Besonders drastisch formuliert es Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg: Er befürchtet, dass das Solarhandwerk bei einer Umsetzung dieser Pläne in die „Reiche-Schlucht“ stürze. Damit zieht er Parallelen zu massiven Arbeitsplatzverlusten in der Branche vor 15 Jahren. Er sieht in dem Entwurf eine gefährliche Zentralisierung der Energieversorgung „in die Hände weniger“ und eine Umverteilung von den Bürgern hin zu großen Konzernen.
Fehlende Steuerung durch gestrichene Mengenpfade
Ein weiteres Novum der Reform ist das Streichen konkreter Annahmen zum Bruttostromverbrauch für das Jahr 2030. Bisher diente ein fest definierter Mengenpfad als Kompass für die notwendigen Ausschreibungen. Michael Sterner kritisiert dies scharf: „Ministerin Reiche navigiert ohne Kompass in die Energiezukunft.“ Ohne klare Verbrauchsannahmen gebe es keine Planungssicherheit für Handwerk und Netzbetreiber. Das 80-Prozent-Ziel werde so von einer gesetzlichen Verpflichtung zu einer „bloßen Willenserklärung“.
Auch Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht die planerische Verbindlichkeit geschwächt. Zwar sei eine Marktintegration der Erneuerbaren langfristig richtig, doch der Entwurf vollziehe einen zu abrupten Systembruch. Da Netze nicht flächendeckend digitalisiert und der Smart-Meter-Rollout stocke, bedeute die Umstellung auf vollständige Direktvermarktung vor allem eines: mehr Risiko für private Haushalte und kleine Betreiber. „Marktintegration auf einem halbfertigen Spielfeld ist kein Effizienzgewinn, sondern ein Strukturbruch“, so Kemfert.
Gefahr für die gesellschaftliche Akzeptanz
Manfred Fischedick, Präsident des Wuppertal-Instituts, äußert große Zweifel, ob die Ausbauziele unter diesen Bedingungen überhaupt erreicht werden können. Er hebt hervor, dass Dachanlagen im letzten Jahr die Hälfte des Zubaus ausmachten und die höchste gesellschaftliche Akzeptanz genießen. Der Wegfall der Vergütung erschwere die Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten. „Diese breite Partizipation droht nun unnötigerweise wegzubrechen“, warnt Fischedick.
Zudem entstünden ökologische Nachteile: Uwe Holzhammer von der Technischen Hochschule Ingolstadt erwartet, dass Hausdachanlagen künftig kleiner dimensioniert werden, da sie sich nur noch am Eigenverbrauch orientieren. Wertvolle, bereits versiegelte Dachflächen blieben ungenutzt, während der Druck auf Freiflächen steige. Dies könne laut Eva Hauser die „Doppelkrise von Erdüberhitzung und Biodiversitätsschwund“ sogar verstärken.
Vereinzelte Stimmen für mehr Marktlogik
Lediglich Christian Rehtanz von der TU Dortmund bewertet die Stoßrichtung positiver. Er sieht in der Novelle den Versuch, den Ausbau auf „wirtschaftliche Füße“ zu stellen und Marktverzerrungen zu vermeiden. Da Strommengenpfade ohnehin schwer vorhersehbar seien, reiche ein enges Monitoring aus.
Dem halten Experten wie Michael Sterner entgegen, dass ohne gesetzliche Korrektive kein Hebel mehr bestehe, um bei Verzögerungen – etwa beim Netzausbau – Prozesse anzuschieben. In der Summe zeichnet der Großteil der Fachleute das Bild einer Reform, die das Erreichen der Klimaziele und den Rückhalt in der Bevölkerung leichtfertig aufs Spiel setzt.