Testkäufe entlarven Sicherheitslücken bei Online-Plattformen: Wer beim Gewicht flunkert, kommt oft ohne echte Prüfung an verschreibungspflichtige Spritzen.
Der Hype um die „Abnehmspritze“ reißt nicht ab. Was ursprünglich als Hoffnungsträger für Menschen mit Typ-2-Diabetes oder schwerer Adipositas entwickelt wurde, hat sich zu einem Lifestyle-Phänomen entwickelt, das durch soziale Medien befeuert wird. Doch der bequeme Weg zum Wunschgewicht birgt massive Risiken, besonders wenn er über den digitalen Tresen führt. Die Verbraucherzentralen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz schlagen nun Alarm: Eine aktuelle Untersuchung des Projekts „Faktencheck Gesundheitswerbung“ entblößt drastische Mängel bei telemedizinischen Plattformen. Das Ergebnis der Testkäufe ist ernüchternd: Wer bereit ist, bei den Angaben zum eigenen Körpergewicht ein wenig zu schummeln, erhält etwa das verschreibungspflichtige Medikament Wegovy oft ohne jede wirksame Kontrolle.
Im Zeitraum vom 2. bis zum 11. März 2026 nahmen die Experten insgesamt zehn Plattformen unter die Lupe, die Rezepte für Abnehmspritzen auf Basis von Online-Fragebögen in Aussicht stellen. Ein Problem dieser digitalen Diagnostik liegt in der Anonymität und der mangelnden Verifizierung. Bei sechs der untersuchten Anbieter war für den gesamten Prozess keinerlei Identitätsnachweis erforderlich. Das bot die perfekte Grundlage für die Testkäufe mit fiktiven Profilen. Die Systeme reagierten zunächst korrekt und verweigerten bei der Angabe eines gesunden Body-Mass-Index (BMI) eine Verschreibung. Doch diese Schutzmechanismen ließen sich spielend leicht aushebeln. Sobald die Testkäufer ihre Daten manipulierten und einen BMI von 32,4 angaben, öffneten sich bei fünf von sechs Plattformen die Türen. Ohne dass jemals ein Arzt das Gegenüber zu Gesicht bekam oder die Identität der bestellenden Person geprüft wurde, konnten Rezepte oder sogar das Medikament selbst geordert werden.
Diese Praxis ist nicht nur rechtlich fragwürdig, sondern stellt ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar. Die Wirkstoffe in Präparaten wie Wegovy greifen tief in den Hormonhaushalt ein, indem sie das Sättigungsgefühl künstlich steigern. Was bei medizinischer Indikation ein Segen sein kann, ist für Menschen ohne entsprechendes Übergewicht gefährlicher Leichtsinn.
Die Liste der Nebenwirkungen ist lang und reicht von quälender Übelkeit, Erbrechen und Durchfall bis hin zu schwerwiegenden Komplikationen wie Entzündungen der Bauchspeicheldrüse oder Gallenproblemen. Sogar Fälle von einseitiger Erblindung wurden in seltenen Fällen dokumentiert. Zudem ist die Langzeitwirkung in Bezug auf Risiken wie Schilddrüsenkrebs noch nicht abschließend erforscht. Wer diese Medikamente ohne ärztliche Begleitung konsumiert, spielt russisches Roulette mit der eigenen Gesundheit.
Besonders kritisch bewerten die Verbraucherschützer die mangelnde Hürde durch fehlende Nachweise. Bei vier der zehn identifizierten Plattformen reichte das bloße Ausfüllen des Bogens aus – weder ein Foto des Körpers noch ein Lichtbildausweis wurden verlangt. Nur eine Minderheit von vier Anbietern setzte auf strengere Standards und forderte sowohl visuelle Belege als auch eine Identitätsprüfung. Diese Diskrepanz zeigt, dass der Profit bei manchen Anbietern offenbar schwerer wiegt als die Patientensicherheit.
Die Verbraucherzentralen unterstreichen daher, dass eine medikamentöse Gewichtsreduktion zwingend eine persönlich gestellte ärztliche Diagnose voraussetzt. Ein Online-Fragebogen könne das persönliche Gespräch, die körperliche Untersuchung und die notwendige Aufklärung über eine dauerhafte Änderung des Lebensstils nicht ersetzen. Der digitale Abkürzungsweg möge verlockend erscheinen. Doch am Ende zahlten die Konsumenten möglicherweise einen hohen Preis für ein vermeintlich müheloses Abnehmen. Wer aus gesundheitlichen Gründen Hilfe sucht, sollte den Weg in eine Arztpraxis wählen, statt auf die unzureichenden Kontrollfunktionen zweifelhafter Web-Portale zu vertrauen.
Stefan Krempl