Neue Iceye-Satellitenaufnahmen verweisen auf umfangreiche militärische Aktivitäten Russlands und Radarprojekte im Kaliningrader Gebiet sowie im Ostseeraum.
Der Ostseeraum gerät zunehmend in den Fokus geopolitischer Spannungen. Neue, bisher unveröffentlichte Satellitenaufnahmen werfen ein Schlaglicht auf die massiven militärischen Aufrüstungen Russlands. Wie die Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) unter Berufung auf den finnischen Satellitenbetreibers Iceye berichtet, solle Russland derzeit im Gebiet Kaliningrad nahe Gwardeisk eine gigantische Radaranlage errichten. Die Aufnahmen zeigen drei Antennenreihen von jeweils mehr als 500 Metern Länge, die sternförmig zusammenlaufen und von einem doppelten Zaun umgeben sind. Zusammen mit weiteren Elementen bilden diese Anlagen ein Over-the-Horizon-Radar (OTH), das Flugzeuge und Raketen in einer Entfernung von rund 900 bis 3000 Kilometern erfassen kann. Damit schließt der Erfassungsradius auch Deutschland, Frankreich und Großbritannien ein.
Die militärische Bedeutung der Exklave Kaliningrad ist für Moskau von strategischem Gewicht. Von dort aus kann nicht nur die sensible Landverbindung zwischen Polen und den baltischen Staaten, der sogenannte Suwałki-Korridor, bedroht werden. In der Region sind auch weitreichende Raketen- und Luftabwehrsysteme sowie der Hauptstützpunkt der Baltischen Flotte stationiert. Wie aus den Analysen hervorgeht, wächst Kaliningrad auch rasant zu einem Knotenpunkt für Sensorik und elektronische Kampfführung heran. Mehr als 20 Standorte dienen der Aufklärung und Störung elektronischer Signale. Ergänzt durch das neue OTH-Radar und eine kreisförmige Antennenanlage bei Tschernjachowsk bietet das Russland umfassende Überwachungsmöglichkeiten in der gesamten Region.
Hinter den Einblicken steckt das Technologieunternehmen Iceye mit Sitz in Espoo. Die 2014 gegründete Firma betreibt eine Konstellation von Mikrosatelliten mit Radartechnik (SAR), die unabhängig von Wetter und Dunkelheit Aufnahmen ermöglichen. Was einst zur Beobachtung von Eismassen gedacht war, ist heute ein zentraler Pfeiler für Europas sicherheitspolitische Unabhängigkeit. Nato-Staaten, befreundete Länder und die Ukraine nutzen die Echtzeitdaten. Bei einer Produktion von einem Satelliten pro Woche – mit Aussicht auf Verdopplung im kommenden Jahr – verzeichnet das Unternehmen ein rasantes Wachstum. Neben der Hardware baut Iceye Analysekapazitäten auf, um Satellitenbilder mit öffentlich zugänglichen Informationen zu verknüpfen.
Die Spannungen im Ostseeraum steigen ständig. Drohnenüberflüge, beschädigte Unterseekabel, GPS-Störungen und Cyberangriffe gehören zum Alltag. Iceyes Analysen belegen laut der FAZ, dass Russland seine militärischen Kapazitäten rund um die Ostsee systematisch ausbaut. So werden im Norden, etwa in Karelien, Ausrüstungsdepots wiederhergestellt. In Kaliningrad zeigen Radardaten, dass an einem mobilen S-400-Raketenstandort bei Baltijsk die Abschussvorrichtungen angehoben wurden, was auf Einsatzbereitschaft hindeutet. Auf dem Marinefliegerhorst Tschkalowsk entstehen neue Unterstände für Kampfflugzeuge, in Belarus ein Munitionskomplex.
Auch maritime Aktivitäten werden kontinuierlich beobachtet. Im Hafen von Baltijsk unterscheidet Künstliche Intelligenz Kriegsschiffe von Handelsschiffen. Gleichzeitig begegnen die Ostseeanrainer der sogenannten Schattenflotte, mit der Russland Sanktionen umgeht. Da einige dieser alten Tanker mittlerweile von Kriegsschiffen begleitet werden, steigt die Sorge vor Eskalationen. Zudem dokumentieren die Satelliten den Transport militärischer Fracht durch getarnte Konvois. Schiffe wie der Frachter Sparta schalten auf Routen nach Syrien oder Libyen zeitweise ihr AIS-Signal ab und nutzen falsche Zielangaben. Dank der kontinuierlichen SAR-Überwachung durch Iceye lassen sich solche „Dark Vessels“ aber präzise orten, wodurch Russlands maritime Operationen für Europa nachvollziehbar bleiben.
Die Retourkutsche ließ übrigens nicht lange auf sich warten: Schon am Sonntagmorgen soll der russische Satellit Kosmos 2612 dem Satelliten Iceye-X36 auf wenige hundert Meter oder möglicherweise viel näher gekommen zu sein, legte der niederländische Satellitenbeobachter Marco Langbroek in seinem Blog offen. Das könnte etwas dazu dienen, den Erdtrabanten aus Finnland direkt anzugreifen oder dessen Signale zu stören.
Stefan Krempl