Zwischen Pflichtfach-Anspruch und Realität: Eine Studie der Gesellschaft für Informatik zeigt, wie der Mangel an Informatiklehrkräften durch bürokratische Hürden und fehlende Strukturen zementiert wird.
Informatik zu unterrichten bedeutet, die digitale Zukunft der nächsten Generation aktiv mitzugestalten. Doch während digitale Technologien fast jeden Lebensbereich durchdringen, klafft an deutschen Schulen eine gewaltige Lücke: Es fehlen tausende Fachkräfte, um informatische Bildung flächendeckend und verbindlich anzubieten. Die Studie „Werde Informatiklehrer:in!“, die die Carl-Zeiss-Stiftung gefördert und die Gesellschaft für Informatik (GI) herausgegeben hat, liefert nun eine Bestandsaufnahme, die Potenziale sowie strukturelle Mängel offenbart. Das zentrale Ergebnis zeichnet das Bild eines föderalen Flickenteppichs, der es Interessierten unnötig schwer macht, den Weg in den Schuldienst zu finden.
Deutschland gleicht in dieser Hinsicht einem undurchschaubaren Dschungel an Maßnahmen, in dem kein Bundesland dem anderen gleicht. Die 16 verschiedenen Ländersysteme unterscheiden sich laut der Analyse nicht nur massiv im Umfang ihrer Angebote, sondern bereits bei der grundlegenden Terminologie. Was in Hessen als Quereinstieg deklariert wird, läuft in Hamburg unter dem Label Seiteneinstieg. Diese begriffliche Unschärfe erschwert die Vergleichbarkeit erheblich und stellt für wechselwillige IT-Profis eine erste, oft abschreckende Hürde dar.
Besonders kritisch bewerten die Forscher die mangelnde Umsetzung moderner Sonderwege, die bereits 2023 von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz empfohlen wurden. Dazu gehören duale Studienangebote, Ein-Fach-Varianten im Lehramt oder spezifische Quereinstiegs-Masterstudiengänge. Zwar gibt es in einigen Ländern wie Berlin, Hamburg oder Sachsen-Anhalt bereits Masterprogramme für Quereinsteiger, doch konzentrieren sich diese oft auf das Lehramt an beruflichen Schulen. An allgemeinbildenden Schulen, wo der Bedarf durch die Einführung von Informatik als Pflichtfach massiv steigt, fehlen solche niedrigschwelligen Angebote hingegen weitgehend.
Ein strukturelles Paradoxon, das die Studienleiterin Ira Diethelm als „Henne-Ei-Problem“ beschreibt, zeigt sich besonders deutlich in Berlin, Brandenburg und Hessen. Diese Länder haben bislang kein flächendeckendes Pflichtfach Informatik eingeführt und begründen dies oft mit dem Mangel an qualifizierten Lehrkräften. Doch ohne ein verbindliches Schulfach fehlt der institutionelle Anreiz für junge Menschen, Informatik überhaupt auf Lehramt zu studieren. So reproduziert das System den Mangel, anstatt ihn durch klare Zielvorgaben zu beheben.
Hoffnung machen dagegen die Maßnahmen für Lehrkräfte, die bereits im Dienst sind. Fast alle Bundesländer bieten mittlerweile Erweiterungsstudiengänge oder Zertifikatskurse an, mit denen Lehrer anderer Fächer die Lehrbefähigung für Informatik nachholen können. In Nordrhein-Westfalen etwa ermöglichen spezielle Zertifikatskurse sogar den Einsatz in der Abiturprüfung, während Sachsen auf eine zweijährige berufsbegleitende Qualifizierung an der Universität setzt. Auch der Direkteinstieg, wie er in Baden-Württemberg für Personen mit mehrjähriger Berufserfahrung in der IT-Branche praktiziert wird, zeigt Wege auf, wie Praxiskompetenz direkt ins Klassenzimmer geholt werden kann.
Die Experten fordern: Um den prognostizierten Mehrbedarf von mindestens 17.000 Lehrkräften zu decken, muss die Bildungspolitik umsteuern. Neben einer Aufwertung des regulären Studiums braucht es bundesweit einheitliche, transparente und vor allem flexiblere Zugangswege. Nur wenn Pflichtfach-Einführung und Ausbildungskapazitäten zusammen gedacht werden, lässt sich die informatische Bildung dauerhaft sichern. Die Studie dient dabei nicht nur als Mahnung, sondern auch als konkreter Wegweiser für alle, die den Schritt aus der IT-Wirtschaft in die Schule wagen wollen.
Stefan Krempl