Rund sechs Monate vor dem Start der EU-Brieftasche hierzulande kennt die Mehrheit der Deutschen die damit verknüpfte europäische elektronische Identität (eID) nicht. Wer informiert ist, vertraut dem Staat jedoch eher.
Knapp ein halbes Jahr vor dem geplanten Start eines der ambitioniertesten und wichtigsten Digitalprojekte der Bundesregierung und der EU herrscht in der Bevölkerung noch Skepsis und weitgehendes Unwissen. Nur 46 Prozent der Menschen in Deutschland trauen der Regierung aktuell zu, die europäische digitale Brieftasche (EUDI-Wallet) sowohl sicher als auch benutzerfreundlich einzuführen. Gleichzeitig offenbart sich ein massives Informationsdefizit: Lediglich 23 Prozent der Bürger wissen überhaupt, was sich hinter dem Begriff EUDI verbirgt.
Die Zahlen gehen aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die das Marktforschungsunternehmen Sapio Research im Juni 2026 im Auftrag der Identitätsplattform IDnow unter 1000 deutschen Verbrauchern durchgeführt hat. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass der Erfolg des gesamten Vorhabens auf der Kippe stehen könnte, wenn die Exekutive die Aufklärungsarbeit nicht intensiviert.
Interessanterweise liefert die Studie direkt den Schlüssel zur Lösung dieses Problems, denn Wissen korreliert in diesem Fall stark mit Vertrauen. Verbraucher, die bereits mit dem Konzept der EUDI-Wallet vertraut sind, trauen der Bundesregierung eine erfolgreiche Umsetzung mehr als doppelt so häufig zu wie diejenigen, die noch nie davon gehört haben. Konkret liegt der Vertrauenswert bei den Informierten bei 73 Prozent, während er bei den Unwissenden auf magere 30 Prozent absinkt. Liudmyla Rabchynska, Director of Global Regulatory und Government Affairs bei IDnow, wertet dies als Zeichen, dass eine digitale Brieftasche nur dann Vertrauen schaffen kann, wenn die Menschen den konkreten Nutzen für ihren Alltag verstehen. Information und strategische Kommunikation seien in den verbleibenden Monaten der entscheidende Hebel für den Erfolg. Rabchynska weiß dies aus praktischer Erfahrung: Als ehemalige stellvertretende Ministerin für digitale Transformation der Ukraine war sie maßgeblich an der Einführung der staatlichen App Diia beteiligt, die heute als eines der Vorzeigeprojekte weltweit für digitale Bürgerplattformen gilt.
Die Ironie an den Umfrageergebnissen ist, dass sich die Menschen in Deutschland eigentlich genau die Funktionen wünschen, die die EUDI-Wallet theoretisch bieten soll. So gaben 64 Prozent der Befragten an, dass sie die digitale Brieftasche eher nutzen würden, wenn sie damit im Alltag beispielsweise ihr Alter nachweisen könnten, ohne direkt alle anderen sensiblen persönlichen Daten offenlegen zu müssen. Der wichtigste Faktor für das Vertrauen der Nutzer ist laut der Umfrage die Souveränität über die eigenen Daten, also die Möglichkeit, selbstbestimmt zu entscheiden, welche Informationen an wen übermittelt werden. Die EUDI-Wallet wurde genau für diesen Zweck entwickelt: Sie soll mehr Datenkontrolle garantieren und das sogenannte Prinzip der Datenminimierung konsequent umsetzen, sodass nur die für einen spezifischen Nachweis zwingend erforderlichen Details geteilt werden. Allerdings gibt es noch heftigen Streit über die Umsetzung dieser Ziele.
Dennoch nimmt bloßes Wissen den Menschen nicht automatisch alle Sorgen, es stärkt lediglich das Grundvertrauen in die Machbarkeit. Die Umfrage zeigt, dass auch informierte Bürger weiterhin Fragen zu Datenschutz, IT-Sicherheit und potenziellem Missbrauch umtreiben. Gerade einmal sechs Prozent der Deutschen erklären, überhaupt keine Bedenken gegenüber der EUDI-Wallet zu haben. Experten sehen darin aber kein Ausschlusskriterium. Laut Rabchynska sind Bedenken gegenüber einer völlig neuen digitalen Identitätslösung nachvollziehbar. Die eigentliche Kommunikationsaufgabe des Staates bestehe nun darin, die technischen Schutzmechanismen transparent zu erklären und den Nutzern zu verdeutlichen, wie sie die Kontrolle über ihre Identität behalten.
Der Informationsstand im Land zu dem Thema ist ingesamt niedrig. 29 Prozent haben zwar schon einmal von dem Vorhaben gehört, wissen aber nicht, worum es sich genau handelt. Fast die Hälfte der Bevölkerung, nämlich 48 Prozent, hat noch nie ein Wort über die EUDI-Wallet gehört.
Neben der Bekanntheit wird sich die Akzeptanz aber vor allem in der Praxis beweisen müssen. Hier lauern die größten Ängste der Verbraucher: Stolze 73 Prozent befürchten, dass die verschiedenen Systeme und digitalen Dienste im Alltag nicht reibungslos ineinandergreifen werden. Zudem sorgen sich 69 Prozent, dass die Technologie am Ende zu kompliziert oder schlicht unzuverlässig sein könnte. Das Mammutprojekt der Bundesregierung steht somit vor einer doppelten Reifeprüfung: Es muss den Bürgern bis zum Start verständlich erklärt werden und sich zeitgleich im Alltag als absolut krisenfest erweisen.
Stefan Krempl