Mit der Strategie „AI for All“ erklärt Ottawa künstliche Intelligenz zur kritischen Infrastruktur und sucht den Schulterschluss mit europäischen Partnern.
Angesichts des verschärften globalen Technologiewettlaufs hat die kanadische Regierung eine strategische Kehrtwende vollzogen. Mit der offiziellen Vorstellung der neuen nationalen Digitalstrategie „AI for All“ unternimmt das Land einen ambitionierten Vorstoß, um die Führungsgruppe der globalen Mittelmächte beim Aufbau eigenständiger technologischer Kapazitäten anzuführen. Der von Premierminister Mark Carney und dem zuständigen Minister für Künstliche Intelligenz, Evan Solomon, vorgelegte Plan bricht mit der bisherigen Praxis, die Entwicklung weitgehend den Kräften des freien Marktes und den marktbeherrschenden US-amerikanischen Technologiekonzernen zu überlassen.
Stattdessen deklariert Ottawa künstliche Intelligenz ab sofort explizit als kritische Infrastruktur und stellt sie damit auf eine Stufe mit der nationalen Energieversorgung und der Landesverteidigung. Hauptziel der Initiative ist es, die tiefe strukturelle Abhängigkeit von den Tech-Giganten aus dem südlichen Nachbarland schrittweise zu reduzieren und einen eigenständigen, werteorientierten Weg im globalen KI-Rennen einzuschlagen, das derzeit primär von der geopolitischen Rivalität zwischen den USA und China dominiert wird.
Kanada nimmt historisch eine Pionierrolle in der KI-Forschung ein: Die theoretischen Grundlagen moderner neuronaler Netze wurden maßgeblich von dortigen Forschern an Spitzeninstituten geprägt. Aktuell hinkt das Land aber bei der praktischen Anwendung im Alltag hinterher. Laut aktuellen Erhebungen nutzen derzeit nur rund 12 Prozent der kanadischen Unternehmen KI-Systeme in ihrer regulären Wertschöpfungskette. Bei den kleinen und mittleren Unternehmen liegt die Adoptionsrate sogar bei mageren 8 Prozent und damit weit hinter europäischen Vorreitern wie Deutschland oder den nordischen Ländern.
Diese Innovationslücke gefährdet nach Regierungsansicht die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Das neue Rahmenwerk sieht daher umfangreiche Investitionen vor, um die Akzeptanz und Verbreitung der Technologie in der Breite der Wirtschaft zu beschleunigen. Bis 2034 soll die Einsatzquote in kanadischen Betrieben auf 60 Prozent hochgeschraubt werden. Die Exekutive prognostiziert, dass durch diese konsequente Digitalisierungsoffensive in den kommenden Jahren ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von rund 200 Milliarden kanadischen Dollar generiert werden kann.
Gleichzeitig soll das Programm bis zum Jahr 2031 zur Schaffung von bis zu 250.000 neuen, hochbezahlten KI-relevanten Arbeitsplätzen beitragen. Um vor allem jungen Kanadiern den Einstieg in diese zukunftsweisende Branche zu ebnen, werden im Rahmen von Praktika- und Arbeitsplatzprogrammen gezielt 90.000 Beschäftigungsverhältnisse gefördert.
Der Erfolg der gesamten Strategie hängt nach Ansicht der Planer in Ottawa von einem entscheidenden Faktor ab: dem Vertrauen der Bürger. Solomon betonte in den vergangenen Monaten unermüdlich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz über den Erfolg oder das Scheitern der technologischen Transformation entscheide. Technologie bewege sich zwar im Tempo der Innovation. Die gesellschaftliche Adoption folge indes dem Tempo des Vertrauens.
Umfragen zeigen eine tiefe Skepsis in der kanadischen Bevölkerung. Fast die Hälfte der Bürger begreift KI derzeit als Bedrohung für die Menschheit. Die allgemeine digitale Kompetenz rangiert im internationalen Vergleich im unteren Drittel. Um diese Vorbehalte abzubauen, plant die Regierung eine umfassende Modernisierung der nationalen Datenschutzgesetze und die Einführung strenger Regulierungswerke zum Schutz von Minderjährigen im Internet. Ein Fokus liegt dabei auf der Bekämpfung von KI-generierten Deepfakes und algorithmischen Verzerrungen, die zunehmend den demokratischen Diskurs gefährden und als Werkzeuge für Online-Kriminalität missbraucht werden.
Flankiert werden diese gesetzlichen Maßnahmen von einer beispiellosen Bildungsoffensive. Eine neue nationale Initiative zur KI-Alphabetisierung wird dem Plan nach sicherstellen, dass über eine Million Studierende an Hochschulen eine fundierte Grundausbildung im Umgang mit KI erhalten. Ferner soll die Zahl der geschulten Lehrkräfte an Schulen kurzfristig auf über 3000 Pädagogen verdoppelt werden. Um die ethische Dimension der Strategie zu untermauern, suchte Carney unlängst das direkte Gespräch mit dem Vatikan. In einem Dialog mit Papst Leo XIV. erörterte der gläubige Katholik Carney die ethischen Leitlinien einer verantwortungsvollen Innovation, bei der die Technologie stets der Menschenwürde und dem Schutz des Individuums dienen müsse.
Ein Baustein zur Sicherung der digitalen Souveränität ist der Ausbau der physischen Infrastruktur auf kanadischem Boden. Bislang trainieren dortige Startups und Forschungseinrichtungen ihre Modelle meist auf ausländischen Cloud-Plattformen, wodurch sensible Daten und gewerbliche Schutzrechte fremden Rechtsräumen ausgesetzt sind. Um dem entgegenzuwirken, hat die Exekutive den Bau eines weltweit führenden staatlichen Supercomputers bis 2031 beschlossen. Zudem wird der Aufbau heimischer Rechenzentren forciert, die von Kanadas sauberem Stromnetz und dem kalten Klima profitieren sollen, das die Energiekosten für die Kühlung der Serveranlagen senkt.
Weil das Land mit seinen rund 40 Millionen Einwohnern den globalen Wettlauf gegen die Tech-Hegemonen nicht isoliert bestreiten kann, setzt Ottawa auf eine dezidierte Multilateralismus-Strategie. Kanada positioniert sich gezielt als verlässlicher Partner für Demokratien, die nach technologischen Alternativen abseits geschlossener Monopole suchen. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei die gemeinsam mit Partnern ins Leben gerufene „Sovereign Technology Alliance“ ein. Sie soll es gleichgesinnten Staaten ermöglichen, digitale Infrastrukturen zu teilen, gemeinsam in Forschung zu investieren, Talentpools zu bündeln und offene KI-Modelle im öffentlichen Interesse zu etablieren.
Neben Deutschland und der EU nennt die Strategie Großbritannien, Frankreich, Finnland und Norwegen als europäische Kernpartner. Parallel dazu werden die technologischen Beziehungen im indopazifischen Raum mit Japan, Australien und Indien sowie strategische Partnerschaften mit den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgebaut. Durch diesen internationalen Verbund will Kanada seine heimische KI-Industrie stärken, den Export eigener Softwarelösungen ankurbeln und sicherstellen, dass die digitale Zukunft auf dem Fundament demokratischer Werte ruht.
Stefan Krempl