Die Umstellung auf S/4HANA kostet die GIZ über 100 Millionen Euro und sorgt weltweit für unbezahlte Rechnungen sowie erste Kündigungen von Dienstleistern.
Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat ein Problem mit ihrer eigenen digitalen Transformation. Die staatliche Organisation unterstützt weltweit Entwicklungsländer dabei, moderne und verlässliche digitale Strukturen aufzubauen. Doch im eigenen Haus kämpft sie mit den Tücken einer großangelegten Software-Migration. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der AfD-Fraktion hervorgeht, hat die Umstellung auf das neue IT-System SAP S/4HANA zu erheblichen Zahlungsverzögerungen geführt, die Partner und Projekte rund um den Globus belasten.
Der Startschuss für die neue Systemlandschaft fiel im Januar 2026. Doch der Übergang verlief alles andere als reibungslos. Um die Daten aus den betagten Altsystemen in die neue SAP-Welt zu überführen, mussten die Zahlungsströme über den Jahreswechsel komplett gestoppt werden. Die Exekutive räumt nun ein, dass in dieser Phase gar keine Zahlungen geleistet werden konnten. Zwar betont die GIZ, dass Geschäftspartner vorab weltweit über die geplante Pause informiert wurden. Doch die Realität in den Projektländern sieht offenbar düsterer aus, als es die offiziellen Mitteilungen vermuten lassen.
Interne Berichte und Medienrecherchen zeichnen ein Bild von wachsendem Frust. Externe Dienstleister, Berater und Partner warten teilweise seit Wochen auf ihr Geld. Die Auswirkungen sind spürbar: In einigen Regionen verweigerten bereits Hotels die Buchung von Tagungsräumen für GIZ-Projekte, weil Zahlungen ausstanden. In ihrer Auskunft bestätigt die Regierung nun offiziell, dass alle Länder, in denen die GIZ aktiv ist, von den Einschränkungen betroffen sind. Es kam demnach bereits zu vereinzelten Verzögerungen bei der Umsetzung von Projektaktivitäten. Erste Dienstleister hätten aufgrund der ausbleibenden Zahlungen sogar bereits Konsequenzen gezogen und Verträge gekündigt.
Trotz der offensichtlichen Schieflage bleibt die Exekutive bei der Einordnung der finanziellen Tragweite vage. Eine genaue Bezifferung der Anzahl der betroffenen Rechnungsvorgänge oder der Gesamtsumme der ausstehenden Forderungen sei zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich, schreibt sie. Auch eine statistische Erfassung der eingegangenen Mahnungen finde nicht statt. Immerhin scheinen die direkten finanziellen Folgeschäden durch Verzug bisher begrenzt zu sein. Die Kosten für Mahngebühren belaufen sich laut Regierungsangaben auf einen Betrag unterhalb von 1000 Euro. Das wirkt Anbetracht eines Projektvolumens von insgesamt 22 Milliarden Euro fast vernachlässigbar – sofern man den Reputationsschaden ausklammert.
Das Projekt „SAP-Transformation“ selbst ist ein kostspieliges Unterfangen. Die Gesamtkosten für die Umstellung belaufen sich auf stolze 101,6 Millionen Euro. Ein Großteil davon, exakt 60,2 Millionen Euro, floss in die Taschen externer Berater und Dienstleister. Dass ausgerechnet ein Projekt dieser Größenordnung, das mit massiver externer Unterstützung gestemmt wurde, zu solch elementaren Problemen wie der Unfähigkeit zur Rechnungsbegleichung führt, wirft Fragen nach der Planung und dem Risikomanagement auf. Das federführende Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) verteidigt das Vorgehen aber. Es betont, dass die Entscheidung zur Umstellung nach einer sorgfältigen Abwägung getroffen worden sei und die Risiken kontinuierlich überwacht würden.
Die politische Verantwortung für das IT-Debakel sieht Berlin primär bei der GIZ selbst. Die Implementierung von S/4HANA liege in der unternehmerischen Verantwortung der Organisation. Dennoch wird im Hintergrund bereits über Konsequenzen nachgedacht: Die Option einer unabhängigen Untersuchung der SAP-Migration ist derzeit Gegenstand laufender Abstimmungen. Ein Vertrauensbruch im internationalen Ansehen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit befürchtet das BMZ nicht. Es gbe keinen Anlass, an der grundsätzlichen Leistungsfähigkeit der GIZ zu zweifeln, auch wenn diese gerade am eigenen Standard-IT-System scheitert.
Für die kommenden Monate verspricht die GIZ Besserung. Man arbeite mit Hochdruck daran, die technischen Prozesse zu optimieren und den Rückstau bei den Rechnungen abzuarbeiten, ist zu vernehmen. Die Exekutive gibt sich zuversichtlich, dass die Verzögerungen im Laufe des Jahres vollständig aufgeholt werden können. Ob die vergrätzten Partner in den über 90 Einsatzländern so lange Geduld haben? Für ein Unternehmen, das die „digitale Transformation“ als Kernkompetenz verkauft, ist der aktuelle Zustand jedenfalls ein Offenbarungseid in Sachen Eigen-Digitalisierung.
Stefan Krempl