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Montag, 17. August 2026

Rechenzentren im Orbit: China zieht ab, Europa droht den Anschluss zu verlieren

Während Peking weltraumgestützte Supercomputer mit staatlicher Macht vorantreibt, droht der EU laut dem Europäischen Institut für Weltraumpolitik eine gefährliche digitale Abhängigkeit im All.

Die Datenmengen, die Tag für Tag auf der Erde und im erdnahen Orbit entstehen, wachsen in exponentiellem Tempo. Satelliten zur Erdbeobachtung, hochauflösende Sensoren und globale Kommunikationsnetze produzieren gewaltige Informationsströme. Marktanalysen prognostizieren bis zum Ende des Jahrzehnts eine Vervierzehnfachung des weltweiten Datenvolumens aus dem All auf rund 500 Exabyte. Doch die Übertragung dieser riesigen Datenmengen auf die Erde stößt zunehmend an physikalische und technische Grenzen. Geringe Bandbreiten bei der Datenverbindung zur Erdoberfläche führen zu Verzögerungen und Engpässen. Gleichzeitig stoßen terrestrische Rechenzentren aufgrund ihres enormen Bedarfs an Strom und Kühlwasser auf der Erde immer öfter an kapazitäre und ökologische Grenzen.

Vor diesem Hintergrund könnten weltraumgestützte Rechenzentren, sogenannte Orbital Data Centres (ODC), an Bedeutung gewinnen. Das Grundprinzip ist einfach, aber technisch anspruchsvoll: Statt Rohdaten zeitintensiv und bandbreitenhungrig zur Erde zu senden, verarbeiten hochleistungsfähige Server direkt im Orbit die Informationen vor Ort. Das würde Echtzeitanwendungen wie die unmittelbare Auswertung von Erdbeobachtungsdaten, KI-Berechnungen oder Sicherheitsanalysen drastisch beschleunigen.

In diesem Wirtschaftszweig zeichnet sich bereits jetzt ein globales Ungleichgewicht ab. Wie ein aktueller Report des European Space Policy Institute (ESPI) von Jermaine F. Gutierrez und Lea Thome darlegt, geht insbesondere China mit großer Entschlossenheit und einer konsequenten Gesamtstrategie voran. Während Europa noch über Machbarkeiten berät, schafft Peking längst vollendete Tatsachen.

Chinas Vorsprung ist kein Zufallsprodukt, sondern das Resultat einer verzahnten Industriepolitik. Bereits im März 2025 brachte das chinesische KI-Satelliten-Startup ADAspace die ersten Einheiten seiner sogenannten Three-Body Computing Constellation ins All, die längerfristig aus Tausenden Rechen-Satelliten bestehen soll. Begleitet wird dieser Trend von einer Vielzahl weiterer Akteure: Startups wie Orbital Chenguang warben Milliarden an Finanzierungen ein, während Unternehmen wie Nayuta Space gigantische Konstellationen planen und Firmen wie Shanghai Xingshu Tiansuan Space Technology eigene Rechennetzwerke im All aufbauen.

Peking betrachtet die Rechenleistung im All laut der Analyse längst nicht mehr nur als Nische, sondern als nächste Schicksalsfrage seiner umfassenden Technologiestrategie. Die staatliche Raumfahrtbehörde CASC verankerte ODCs tief in ihren Fünfjahresplänen. Chinas Staatsführung verbindet straffe politische Vorgaben mit gezielten Anreizen für Kommunal- und Provinzregierungen sowie einer massiven Anschubfinanzierung für private Startups. Förderprogramme der Stadt Peking und der Aufbau spezialisierter Innovationszentren bringen führende Universitäten und Industriepartner zusammen. Durch diesen Vorsprung sichere sich China nicht nur strategische Autonomie, heißt es. Es schicke sich auch an, künftige globale Standards, Regularien und technische Protokolle für eine völlig neue Industrie vor allen anderen Akteuren zu diktieren.

Jenseits von China schläft die Konkurrenz ebenfalls nicht. US-amerikanische Unternehmen treiben die Entwicklung mit voran. So schickte die Firm Starcloud einen Satelliten mit einem Nvidia-Chip in den Orbit, auf dem Googles KI-Sprachmodell Gemma getestet wurde.

Europa drohe in diesem globalen Wettlauf den Anschluss zu verlieren, warnen die Autoren. Zwar gebe es auch auf dem alten Kontinent vielversprechende Ansätze und Pioniergeist. Die Europäische Weltraumorganisation ESA startete im August 2024 den KI-fähigen Forschungssatelliten Φ-sat-2. Initiativen wie das EU-Forschungsprojekt Ascend untersuchten die Machbarkeit weltraumgestützter Serverpark-Architekturen. Ferner kündigte das französische Start-up Alatyr an, ODCs robotergestützt im Weltall fertigen zu wollen. Doch im Vergleich zur staatlich durchchoreografierten Dynamik in China und der Innovationskraft der USA beginnt sich der Rückstand Europas zu vergrößern.

Die Verfasser des Berichts warnen vor den Konsequenzen der europäischen Zögerlichkeit. Sollte der alte Kontinent den Trend verschlafen, drohe eine Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern. Europäischen Institutionen und Unternehmen bliebe in der Folge kaum eine andere Wahl, als kritische Datenströme über fremde Infrastrukturen im All zu verarbeiten. Das würde nicht nur die angestrebte digitale und technologische Souveränität des Kontinents untergraben, sondern auch strategische Nachteile bei der zivilen und militärischen Auswertung von Weltraumdaten nach sich ziehen.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, fordert das ESPI einen raschen und entschlossenen Kurswechsel der europäischen Politik. Die EU müsse orbitale Rechenzentren offiziell als Schlüsseltechnologie für die europäische Souveränität anerkennen. Gefragt sei eine gemeinsame Strategie aus politischer Steuerung, gezielter Investitionsförderung und verlässlichen regulatorischen Rahmenbedingungen.

Konkret schlagen die Experten vor, im Rahmen der Moonshot-Projekte des Forschungsrahmenprogramms Horizon Europe für den Finanzzeitraum 2028 bis 2034 eine europäische ODC-Flaggschiff-Initiative ins Leben zu rufen. Zudem sollten ESA und EU durch verbindliche Abnahmeverträge und Auftragsvergaben eine verlässliche Nachfrage signalisieren, um heimischen Startups und Industrieunternehmen Planungssicherheit zu bieten. Durch Arbeitsgruppen mit internationalen Partnern müsse Europa zudem aktiv an globalen Standards für Datenhoheit im Orbit mitwirken.

Allerdings bringt der Boom der orbitalen Serverfarmen nicht nur weltraumpolitische und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich. Experten und Umweltschützer schlagen bereits Alarm und warnen vor den gravierenden ökologischen Begleiterscheinungen eines unkontrollierten Wettrüstens im Orbit. Tausende zusätzliche Satelliten erhöhen nicht nur das Risiko von Weltraummüll und Kollisionen. Beim Verglühen ausgedienter Trabanten in der Atmosphäre werden zudem große Mengen an Metalloxiden freigesetzt, welche die empfindliche Stratosphäre und die Ozonschicht dauerhaft schädigen könnten

Parallel droht durch die gigantischen Satellitenflotten eine zunehmende Lichtverschmutzung, die den Nachthimmel für die astronomische Forschung nachhaltig verändert. Europa steht so vor der gewaltigen Aufgabe, den technologischen Anschluss im All zu sichern, ohne dabei die ökologischen Gefahren der Weltraumnutzung aus den Augen zu verlieren.

Sonntag, 24. Mai 2026

3D-Druck auf dem Mond: Wie das DLR das Bauen im Weltall erforscht

Mit der 46. Parabelflugkampagne testet das Deutsche Raumfahrzentrum das Aufschmelzen von Mondgestein per Laser sowie Methoden gegen den Leistungsabfall von Astronauten in Schwerelosigkeit.

Es ist genau 9:30 Uhr am Flughafen Bordeaux-Mérignac, als die Triebwerke des Airbus A310 ZERO-G aufheulen und die Maschine steil in den Himmel über Südfrankreich steigt. Der Flug am 19. Mai 2026 markiert den Auftakt zu einer dreitägigen Forschungsreise in die Schwerelosigkeit. Es ist die 46. Parabelflugkampagne der Deutschen Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). In den kommenden Tagen wird das Spezialflugzeug extreme Flugmanöver vollführen, um für jeweils etwa 22 Sekunden den Zustand der Schwerelosigkeit sowie veränderte Schwerkraftbedingungen zu simulieren. Insgesamt acht wegweisende Experimente deutscher Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen reisen in diesem fliegenden Labor mit, um Antworten auf fundamentale Fragen der zukünftigen Raumfahrt zu finden.

Ein Schwerpunkt der Kampagne widmet sich laut dem DLR der logistischen Mammutaufgabe künftiger Mondmissionen. Wenn die Menschheit dauerhafte Stationen und Transportwege auf dem Erdtrabanten errichten will, steht sie vor einem großen Transportproblem. Jedes Kilogramm Baumaterial, das von der Erde mühsam ins All befördert werden muss, verursacht immense Kosten. Die Lösung liegt im sogenannten In-situ-Ressourcenmanagement, also der Nutzung von Materialien, die vor Ort vorhanden sind. Im Fokus steht dabei das Mondgestein, das sogenannte Regolith. Forscher konzentrieren sich darauf, dieses feine Pulver aufzuschmelzen und in einem Verfahren zu nutzen, das dem 3D-Druck ähnelt. Auf diese Weise müsste lediglich die technologische Ausrüstung zum Mond transportiert werden. Die für das Aufschmelzen benötigte Energie ließe sich vor Ort über Photovoltaikanlagen gewinnen.

Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) untersucht dieses Potenzial nun unter realitätsnahen Bedingungen. Für die Kampagne wurde eine spezielle Anlage entwickelt, die Regolith unter Vakuumbedingungen mithilfe intensiver Laserstrahlung präzise aufschmelzen kann, sodass ein Schmelzbereich von rund zehn Millimetern Durchmesser entsteht. Während der Parabelflüge analysieren die Experten, wie sich das Vakuum und die reduzierte Schwerkraft auf das Schmelzergebnis auswirken.

Ein kritischer Aspekt ist dabei die Verschmutzung der empfindlichen Apparaturen. Da der Mond keine schützende Atmosphäre besitzt und die Schwerkraft drastisch geringer ist als auf der Erde, gewinnen physikalische Kräfte an Bedeutung, die auf unserem Heimatplaneten kaum wirken. Der Druck durch Weltraumstrahlung oder elektrostatische Effekte kann dazu führen, dass feinste Staubpartikel unkontrolliert aufgewirbelt, eingefangen oder weggeschoben werden. Das Experiment soll zeigen, ob der Schmelzvorgang die Laseroptik verschmutzt und unbrauchbar macht.

Ein weiteres zentrales Rätsel betrifft den menschlichen Körper selbst. Je weiter wir in den Kosmos vordringen, desto dringlicher wird die Frage, wie die kognitive und psychomotorische Leistungsfähigkeit von Crews auf langen Raumflügen erhalten werden kann. Die Schwerelosigkeit greift tief in die Physiologie ein und kann unmittelbar zu Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und der Reaktionsgeschwindigkeit führen, was das Risiko für fatale Fehler im All erhöht.

Hier setzt ein innovativer Ansatz der Universität Magdeburg an. Versuche auf der Erde zeigten bereits, dass sich die geistige Leistung gezielt verbessern lässt, wenn der Vagusnerv durch schwache elektrische Impulse stimuliert wird. Als einer der größten Gehirnnerven ist er maßgeblich an der Aufmerksamkeitskontrolle und der kognitiven Verarbeitung beteiligt.

Im fliegenden Labor testen die Forscher diese Methode nun unter den extremen Bedingungen des Parabelflugs. Die Teilnehmenden erhalten teils eine echte Stimulation und teils ein Placebo, während ihre Leistungsfähigkeit vor, während und nach dem Flug lückenlos dokumentiert wird. Sollte sich dieses Verfahren in der Schwerelosigkeit als effektiv erweisen, stünde der Raumfahrt eine vielversprechende Option offen. Es würde den Weg ebnen für tragbare, nichtinvasive Systeme, die Astronauten bei komplexen Manövern unterstützen und ihre Konzentration sichern.

Stefan Krempl

Mittwoch, 25. Februar 2026

5G aus dem All: Millionen-Kredit für das Luxemburger Startup OQ Technology

Mit 25 Millionen Euro der EU-Investitionsbank will OQ Technology sein Satellitennetzwerk ausbauen, um herkömmliche Smartphones und IoT-Geräte direkt mit dem Weltraum zu vernetzen.

Die europäische Raumfahrtindustrie rüstet technologisch auf, um im globalen Wettbewerb um die Souveränität im Orbit nicht den Anschluss zu verlieren. Im Zentrum dieser Bestrebungen steht aktuell das luxemburgische Unternehmen OQ Technology, das einen bedeutenden finanziellen Rückenwind aus Brüssel und Luxemburg erhält. Die Europäische Investitionsbank (EIB) stellt dem Spezialisten für Satellitenkommunikation ein Venture-Debt-Darlehen in Höhe von 25 Millionen Euro zur Verfügung. Diese Finanzierung erfolgt im Rahmen der InvestEU-Initiative der Europäischen Kommission und markiert einen strategischen Schritt, um die Forschung und Entwicklung sowie den Ausbau einer europäischen Konstellation von Kleinsatelliten in der niedrigen Erdumlaufbahn (LEO) massiv zu beschleunigen.

Das Hauptaugenmerk von OQ Technology liegt auf einer Technologie, die in der Branche als „Direct-to-Device“ (D2D) bezeichnet wird. Ziel ist es, eine nahtlose 5G-Konnektivität für handelsübliche Smartphones und Internet-of-Things-Geräte zu schaffen, ohne dass dafür spezielle Zusatzhardware oder klobige Satellitenantennen erforderlich sind. Während herkömmliche Mobilfunknetze an ihre physikalischen Grenzen stoßen, sobald Berge, Meere oder abgelegene ländliche Regionen ins Spiel kommen, schließt die geplante Satellitenflotte diese weißen Flecken auf der Landkarte von oben. Die Besonderheit des luxemburgischen Ansatzes liegt in der strikten Einhaltung internationaler Mobilfunkstandards wie dem 3GPP-Standard für Narrowband IoT (NB-IoT) und 5G New Radio. Das bedeutet, dass aktuelle Smartphone-Modelle von Herstellern wie Apple, Samsung oder Google theoretisch direkt mit den Satelliten kommunizieren können, um Kurznachrichten zu versenden oder im Notfall Hilfe zu rufen.

Erst kürzlich, im Jahr 2025, konnte OQ Technology einen wichtigen Meilenstein für die europäische Raumfahrt verbuchen. Als erstem Betreiber des Kontinents gelang es dem Unternehmen, eine Notfall-Broadcast-Nachricht direkt an unmodifizierte Smartphones zu senden. Dieser Erfolg unterstreicht die Reife der Technologie, die nun durch das frische Kapital der EIB skaliert werden soll. Geplant ist der Start von über 20 softwaredefinierten Multiband-Satelliten, die sowohl im S-Band als auch im C-Band operieren. Diese Flotte soll nicht nur die kommerzielle Nutzung vorantreiben, sondern auch eine resiliente und redundante Infrastruktur bieten, die bei Naturkatastrophen oder Angriffen auf terrestrische Netze als digitaler Schutzschirm fungiert.

Hinter der Finanzierung steht ein größeres politisches Ziel: die strategische Autonomie Europas im Weltraum. Da der Sektor weltweit rasant wächst, möchte die Europäische Union sicherstellen, dass kritische Technologien und die dazugehörige Infrastruktur in europäischer Hand bleiben. Das Projekt wird daher nicht nur als technologische Innovation, sondern als Baustein für die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Wirtschaftsraums betrachtet. Für Luxemburg, das sich über die letzten Jahrzehnte zu einem zentralen Hub der "New Space"-Ökonomie entwickelt hat, ist die Investition eine Bestätigung der eigenen Standortpolitik.

Mit dem neuen Kapital kann OQ Technology nun die Fertigstellung seiner ersten vollständigen Konstellation vorantreiben. Für Nutzer bedeutet dies perspektivisch eine höhere Sicherheit, da die Erreichbarkeit in abgelegenen Gebieten deutlich steigen wird. Für die Industrie wiederum eröffnet die globale 5G-Abdeckung aus dem All völlig neue Möglichkeiten für das Tracking von Gütern oder die Überwachung von Infrastrukturen in Echtzeit, unabhängig von der Verfügbarkeit lokaler Mobilfunkmasten. Der Weg von der Demonstration im Labor hin zu einem kommerziell tragfähigen, weltumspannenden Netzwerk scheint für die Luxemburger damit geebnet.