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Mittwoch, 6. Mai 2026

Berliner Stromnetz: Sensoren und KI gegen Sabotage an der Infrastruktur

Nach schweren Brandanschlägen rüstet der Betreiber Stromnetz Berlin technisch auf und setzt auf ein bundesweit einmaliges Sicherheitskonzept aus Sensorik und Videoüberwachung.


Die Berliner Strommasten haben neuerdings ein feines Gespür für Gefahr. Was früher ein passives Gerüst aus Stahl war, fungiert heute als hochsensibles Frühwarnsystem. In der deutschen Hauptstadt reagiert die kritische Infrastruktur nun proaktiv auf physische Bedrohungen. Wenn radikale Attentäter versuchen, das Rückgrat der städtischen Energieversorgung mit Metallsägen oder Schweißbrennern zu attackieren, bleibt dies nicht mehr unbemerkt. An allen 120 exponierten Standorten der Berliner Freileitungen wurden Alarm-Sensoren installiert, die jede untypische Schwingung und jedes verdächtige Geräusch sofort registrieren. Dieses System ist eine direkte Antwort auf eine Serie von Anschlägen, die die Stadt in eine prekäre Lage brachten und einen Millionenschaden verursachten.

Die Motivation für dieses technologische Aufrüsten ist bitterer Ernst. Innerhalb von nur vier Monaten erschütterten zwei gezielte Brandanschläge die Metropole. Die Folgen waren die massivsten Stromausfälle der Berliner Nachkriegsgeschichte. Besonders die Attacke im frostigen Januar hinterließ tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Stadt. Rund 50.000 Haushalte saßen tagelang im Dunkeln, wobei die Situation durch den gleichzeitigen Ausfall vieler Heizungssysteme dramatisch verschärft wurde. Erik Landeck, der Chef von Stromnetz Berlin, macht keinen Hehl daraus, dass eine absolute Sicherheit in einem offenen System niemals garantiert werden kann. Dennoch unternehme der Betreiber nun alles technisch und menschlich Mögliche, um die Resilienz des Netzes auf ein neues Niveau zu heben.

Die Analyse der bisherigen Vorfälle deckte schmerzhafte Sicherheitslücken auf. In der Vergangenheit waren viele Zäune um Umspannwerke und Netzknoten mit einer Höhe von lediglich zwei Metern ein leicht zu überwindendes Hindernis. Das Unternehmen reagiert nun mit einer baulichen Verstärkung. Bis zum Juni werden auf einer Länge von insgesamt 20 Kilometern die Umfriedungen auf mindestens 2,40 Meter erhöht und zusätzlich mit Stacheldraht oder, wo es die behördliche Genehmigung erlaubt, mit Nato-Draht bewehrt. Parallel dazu wurden sämtliche Betriebsgebäude mit einbruchshemmenden Türen und Fenstern ausgestattet. Ein entscheidender Faktor für das neue Sicherheitskonzept ist zudem eine Anpassung der Datenschutzbestimmungen durch die Berliner CDU/SPD-Koalition. Diese ermöglicht es nun, auch Anlagen auf öffentlichem Straßengrund per Video zu überwachen.

Mittlerweile beäugen mehr als 200 Kameras die neuralgischen Punkte des Netzes. Sobald die Sensoren an den Masten Alarm schlagen, schalten sich die Kameras automatisch auf die betroffenen Bereiche auf und leiten das Bildmaterial in Echtzeit an die Sicherheitszentralen weiter. Von dort aus wird unmittelbar die Polizei alarmiert.

Severin Fischer, Aufsichtsratschef von Stromnetz Berlin, betont die Vorreiterrolle dieses Ansatzes: Kaum ein anderer Betreiber in Deutschland setze derzeit so konsequent auf moderne Videotechnik. In Bereichen, in denen die Aufrüstung noch nicht vollständig abgeschlossen ist, sorgen derzeit rund 130 Wachschutzkräfte durch permanente Patrouillen für die Sicherheit der Anlagen.

Trotz dieser Herausforderungen zeigen die statistischen Daten eine überraschende Zuverlässigkeit des Berliner Netzes. Mit einer durchschnittlichen Ausfalldauer von nur 8,6 Minuten im Jahr 2024 liegt Berlin deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 11,7 Minuten. Um diese Stabilität auch in Krisenzeiten für die Endverbraucher zu gewährleisten, raten Experten den Betreibern von Photovoltaikanlagen (PV) zur Eigeninitiative. Ein sogenannter Netztrennschalter ermöglicht es, die selbst erzeugte Energie auch dann zu nutzen, wenn das öffentliche Netz nach einer Sabotage ausfällt. Bisher verfügen aber nur fünf Prozent der Berliner PV-Anlagen über diese Vorrichtung.

Wirtschaftlich steht der Netzbetreiber trotz der hohen Investitionen in die Sicherheit auf einem soliden Fundament. Das Geschäftsjahr 2025 verlief für Stromnetz Berlin äußerst erfolgreich mit einem Gewinn nach Steuern von 209,2 Millionen Euro. Diese positiven Zahlen, die unter anderem auf geringere Kosten für Netzverluste zurückzuführen sind, erlauben es dem Unternehmen, seine Investitionen auf ein Rekordhoch von 452 Millionen Euro zu schrauben. Ein erheblicher Teil dieses Budgets fließt direkt in die Härtung des Systems gegen äußere Einflüsse und Sabotageakte.

Stefan Krempl

Samstag, 7. März 2026

Gesichtserkennung im Iran: Wie russische KI den Widerstand bricht

Ein Leak enthüllt: Das Mullah-Regime nutzt die mächtige Software FindFace zur Jagd auf Demonstranten und zur Kartierung ihrer sozialen Kontakte.

Während am Morgen des 1. März 2025 die Einschläge israelischer und US-amerikanischer Bomben den Iran erschütterten, flimmerten auf den Smartphones vieler Bürger Drohbotschaften der Revolutionsgarden auf. Jede Aktion, die die Sicherheit störe, werde als Kooperation mit dem Feind gewertet und hart bestraft, hieß es in den SMS. Es war die unmittelbare Reaktion des Regimes auf die Aufrufe von Donald Trump und Benjamin Netanjahu, die nach der Bestätigung des Todes von Revolutionsführer Ali Chamenei zum Umsturz aufgestachelt hatten. Doch wer im Iran auf die Straße geht, kämpft nicht nur gegen gepanzerte Fahrzeuge und Sturmgewehre, sondern gegen einen unsichtbaren, digitalen Gegner, der niemals schläft.

Gemeinsame Recherchen von Forbidden Stories, dem Spiegel, dem ZDF und weiteren internationalen Partnern zeigen das wahre Ausmaß der technologischen Aufrüstung Teherans. Unter dem Codenamen „Eyes of Iran“ legen geleakte Daten aus russischen und iranischen Quellen offen, dass das Regime seit Jahren im Geheimen eine der weltweit leistungsfähigsten Gesichtserkennungssoftwares einsetzt: FindFace des russischen Unternehmens NtechLab. Diese Technologie ermöglicht es, Gesichter in einer Menschenmenge innerhalb von Millisekunden mit einer Datenbank von 500 Millionen Einträgen abzugleichen. Die Trefferquote liegt laut internen Dokumenten bei 98 Prozent.

Die Spur dieser digitalen Waffe führt zurück in den Sommer 2019. Damals nutzte NtechLab die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland als globales Schaufenster für seine Überwachungstechnik. Kurz darauf unterschrieb die iranische Firma Rasadco, die später mit dem Unternehmen Kama verschmolz, einen Vertrag als Systemintegrationspartner. Damit wanderte die Software in den Iran – ein Deal, der bis heute geheim gehalten wurde. Kama ist aber keine gewöhnliche IT-Firma. Die Führungsebene ist eng mit den Revolutionsgarden (IRGC) verknüpft, jener Organisation, die erst Anfang 2026 von der EU als Terrororganisation eingestuft wurde.

Was FindFace für die Opposition so gefährlich macht, ist eine Funktion namens „Interaction Tracking“. Es geht dem Regime nicht mehr nur darum, eine einzelne Person auf einer Demo zu identifizieren. Das System erstellt automatisch soziale Landkarten. Es erkennt, wer mit wem in der U-Bahn unterwegs ist, welche Freunde ein Zielobjekt hat und welche Autokennzeichen mit diesen Personen verknüpft sind. Einmal erfasst, wird das gesamte soziale Umfeld gläsern. Die Software liefert Details wie das geschätzte Alter, das Geschlecht und sogar den emotionalen Zustand der Passanten – und das selbst dann, wenn diese Masken oder Bärte tragen.

Besonders perfide ist der „Offline-Modus“. Das Regime muss Verdächtige nicht sofort während eines Protests festnehmen, was oft zu weiteren Eskalationen führt. Die Behörden speichern das Videomaterial der tausenden Kameras in den Metropolen wie Teheran oder Maschhad ab und lassen die Algorithmen später darüberlaufen. Wochen nach einer Demonstration, wenn die mediale Aufmerksamkeit abgeklungen ist, erfolgt der Zugriff in der Wohnung oder an der Schule. Wie effektiv und grausam dieses System arbeitet, zeigt der Fall der 13-jährigen Hasti. Ihr Vater wurde von einer Bankkamera beim Verteilen von Flugblättern gefilmt. Die Software identifizierte ihn und führte die Sicherheitskräfte direkt zu seiner Tochter in die Schule, die bei dem anschließenden Einsatz schwere neurologische Schäden erlitt.

Die technische Infrastruktur hinter dieser Überwachung ist tief im iranischen Staatsapparat verwurzelt. Dokumente belegen, dass neben den Revolutionsgarden auch das berüchtigte Ministerium für Geheimdienste sowie Universitäten und Stadtverwaltungen Lizenzen erworben haben. Oft geschieht das über Tarnfirmen wie BPO, die als Briefkastengesellschaften fungieren, um Sanktionen zu umgehen und die Herkunft der Technologie zu verschleiern. In einem Vertrag von 2021 ist die Rede von „unbegrenzten“ Lizenzen für hunderte Kameras, die Millionen von „Events“ – also Identifizierungen – verarbeiten können.

Während der Westen über die Regulierung von Künstlicher Intelligenz debattiert und biometrische Überwachung im öffentlichen Raum durch den AI Act streng begrenzt, zeigt der Iran das dystopische Endstadium dieser Technologie. In einem Land, in dem es keine unabhängige Justiz und kaum Pressefreiheit gibt – der Iran rangiert auf der Rangliste von Reporter ohne Grenzen auf Platz 176 von 180 –, wird der Algorithmus zum Richter. Ein technischer Fehler oder ein falscher Treffer kann hier tödliche Folgen haben, ohne dass es eine Instanz zur Korrektur gäbe.

NtechLab selbst, das Unternehmen hinter FindFace, ist eng mit dem russischen Staatskonzern Rostec verwoben. Dieser untersteht direkt dem Verteidigungsministerium in Moskau. Obwohl das Unternehmen wegen Menschenrechtsverletzungen auf US- und EU-Sanktionslisten steht, rühmt es sich weiterhin seiner über 1100 Kunden in 60 Ländern. Dass die Islamische Republik einer der wichtigsten Abnehmer ist, taucht auf der offiziellen Website nicht auf. Für die iranische Bevölkerung bedeutet diese unheilige Allianz zwischen russischer Technik und iranischer Repression, dass jeder Schritt im öffentlichen Raum zum existenziellen Risiko geworden ist. Der Widerstand gegen das Regime ist nach dem Tod Khameneis zwar ungebrochen. Doch die „Augen des Staats“ wachen weiter über jede Straße und jeden Platz.

Freitag, 6. März 2026

CCC vs. biometrische Überwachung: „Digitale Menschenversuche“ stoppen

Der Chaos Computer Club kritisiert die automatisierte Verhaltenserkennung an Bahnhöfen und Plätzen als intransparent, fehleranfällig und rechtswidrig.

Der öffentliche Raum wird zunehmend zum digitalen Testfeld. Was als technologische Unterstützung für Sicherheitsbehörden beginnt, mündet nach Ansicht von Bürgerrechtlern in einer Infrastruktur, die jeden Passanten unter Generalverdacht stellt. Aktuell rückt dabei insbesondere Berlin in den Fokus: Das Land plant ein millionenschweres Projekt zur automatisierten Verhaltensüberwachung durch Softwarelösungen. Der Chaos Computer Club (CCC) reagiert darauf mit scharfer Kritik und fordert in einem aktuellen Appell den sofortigen Abbruch solcher Vorhaben. Die Hackervereinigung verweist dabei auf das bereits 2017 gestartete Pilotprojekt am Bahnhof Südkreuz, das aus Sicht der Kritiker trotz hoher Kosten keine belastbaren Sicherheitsvorteile erbrachte und technisch scheiterte.

Die Bestrebungen in der Hauptstadt sind kein Einzelfall, sondern Teil eines bundesweiten Trends. In Städten wie Mannheim und Hamburg wird bereits mit Systemen experimentiert, die mittels Künstlicher Intelligenz (KI) untypische Bewegungsmuster identifizieren sollen. Auch in Bremer Straßenbahnen oder an Haltestellen der Hamburger Hochbahn kommen Algorithmen zum Einsatz, um potenziell gefährliche Situationen vorab zu erkennen. Der CCC kritisiert hierbei vor allem die mangelnde Transparenz: Es bleibe völlig unklar, wie Polizei und Hersteller „unerwünschtes Verhalten“ überhaupt definieren. Ob ein hektischer Lauf zum Gleis, eine längere Standzeit an einer Ecke oder eine Umarmung bereits als Anomalie gewertet werden, entziehe sich der öffentlichen Nachvollziehbarkeit und wissenschaftlichen Kontrolle.

Sie Wirksamkeit dieser Systeme ist wissenschaftlich umstritten. Während Behörden die präventive Wirkung betonen, sieht der CCC darin lediglich ein kostspieliges „Sicherheitstheater“. Ein zentraler Vorwurf lautet, dass die Software durch ihre mathematische Normierung jede Form von Individualität als potenzielles Risiko markieren könnte. Wer sich nicht im statistischen Durchschnitt bewegt, gerät schneller in das Visier der algorithmischen Rasterfahndung. Trotz dieser Bedenken fließen weiterhin Millionenbeträge an private Sicherheitsfirmen, was die Frage nach der Verhältnismäßigkeit und der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Staat und Überwachungsindustrie aufwirft.

Auch die rechtliche Flanke dieser Projekte ist höchst angreifbar. In der Vergangenheit zeigten Testläufe etwa am Hamburger Hansaplatz, dass die Grenzen zwischen Erprobung und flächendeckender Überwachung verschwimmen. Der CCC bemängelt, dass Evaluationen oft von der Polizei selbst durchgeführt werden, anstatt eine unabhängige wissenschaftliche Begleitung sicherzustellen. Zudem geraten Datenschutzbehörden häufig ins Hintertreffen und werden über neue Projekte erst informiert, wenn die Kameras bereits installiert sind. Parallel dazu verschärfen mehrere Bundesländer ihre Polizeigesetze, um die rechtliche Basis für diese Technologien zu verbreitern – in Hamburg etwa durch die Erlaubnis, KI-Systeme direkt mit sensiblen Polizeidaten zu trainieren.

Bedeutsam ist laut CCC die Herkunft der Technologie. Viele der angebotenen Systeme kombinieren Gesichtserkennung mit Bewegungsprofilen und wurden ursprünglich für Märkte in autoritären Regimen entwickelt. Der Club moniert, dass deutsche Behörden hier Technologien legitimierten, die andernorts für schwere Menschenrechtsverletzungen eingesetzt werden. CCC-Sprecher Matthias Marx hebt hervor, dass eine Gewöhnung an die ständige Analyse des Alltags die demokratische Grundordnung untergrabe. Der Appell ist daher eine fundamentale Absage an eine Sicherheitspolitik, die auf Misstrauen und algorithmischer Kontrolle basiert. Die Hacker verlangen eine Rückbesinnung auf den Schutz der Anonymität im öffentlichen Raum und ein generelles Ende der automatisierten Verhaltensanalyse.