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Donnerstag, 14. Mai 2026

Filmgeschichte vernetzt: Neue Film-Rechercheplattform AVefi geht online

Mit einheitlichen Identifikatoren und einer offenen Datenbank will das DFG-geförderte Portal AVefi das audiovisuelle Erbe über Archivgrenzen hinweg erstmals zentral auffindbar machen.

In den Kellern und Archiven deutscher Museen, Bibliotheken und Sammlungen schlummert ein gewaltiger Schatz: die audiovisuelle Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Doch wer bisher nach einer ganz bestimmten 35-mm-Kopie eines Klassikers wie „Die Mörder sind unter uns“ suchte oder das verstreute Werk von Pionierinnen wie Helma Sanders-Brahms wissenschaftlich aufarbeiten wollte, stand vor einer Herkulesaufgabe. Datensätze sind oft fragmentiert, Erschließungsstandards variieren von Haus zu Haus, und viele Schätze der Filmkultur bleiben schlicht unsichtbar, weil sie in isolierten Insel-Datenbanken gelagert sind.

Damit soll nun Schluss sein. Mit AVefi ist eine ambitionierte Rechercheplattform online gegangen, die den Anspruch erhebt, das Filmerbe institutionsübergreifend zu vernetzen und digital zugänglich zu machen.

Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich das „Automatisierte Verbundsystem für audiovisuelle Bestände über einheitliche Filmidentifikatoren“. Was technisch klingt, ist in der Praxis ein digitaler Befreiungsschlag für die Filmwissenschaft, die Archivarbeit und die historisch interessierte Öffentlichkeit. Die Plattform fungiert als zentrale, offene Datenbank, die weit über ein rein werkorientiertes Nachweissystem hinausgeht. Anstatt lediglich Titel aufzulisten, verknüpft AVefi unterschiedlichste audiovisuelle Formate – vom klassischen Spielfilm und Dokumentationen bis hin zu selteneren Amateur- und Gebrauchsfilmen – und bündelt deren Produktionsdaten sowie Material- und Formatangaben an einem Ort.

Herzstück dieser Infrastruktur sind die sogenannten einheitlichen Filmidentifikatoren (efi). Um die chronischen Probleme der Redundanz und Inkonsistenz in Archivdaten zu lösen, erhält jedes Filmwerk, jede spezifische Fassung und sogar jedes einzelne physische Exemplar eine klare, dauerhafte Kennung. Diese persistenten Identifikatoren sorgen dafür, dass Datensätze aus unterschiedlichen Quellen stabil referenzierbar bleiben. Wenn ein Forscher künftig wissen möchte, welche Einrichtungen Kopien der Werke von Hermann Schlenker besitzen oder wo dokumentarische Produktionen zu Themen wie Arbeit oder Reisen lagern, liefert AVefi die Antwort sowie die direkten Verlinkungen zu den jeweiligen Archiven.

Bemerkenswert ist der integrative Ansatz der Plattform. Während große Filmarchive oft gut ausgestattet sind, fehlen kleineren Sammlungen häufig die Mittel für eine breite Sichtbarkeit. AVefi ist als offenes System konzipiert, das gerade diesen wenig erschlossenen Beständen – etwa aus dem Bereich des Unterrichts- und Wissenschaftsfilms oder privater Amateurproduktionen – eine Bühne bietet. Dabei behalten die teilnehmenden Institutionen die volle Kontrolle: Jede Einrichtung entscheidet selbst, welche Daten sie in das Netzwerk einspeist. In der aktuellen zweiten Projektphase geht die Plattform bereits einen Schritt weiter und integriert auch filmbegleitende Materialien wie Fotografien, Drehbücher und Produktionsunterlagen, was die Tiefe der Recherche massiv erhöht.

Das Projekt, das seit 2023 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird, ist das Ergebnis einer Kooperation namhafter Partner. Die Stiftung Deutsche Kinemathek arbeitet eng mit der Bibliothek des Leibniz-Informationszentrums Technik und Naturwissenschaften (TIB), der Gesellschaft für wissenschaftliche Datenverarbeitung (GWDG) in Göttingen, dem Filmmuseum Düsseldorf und dem Marburg Center for Digital Culture and Infrastructure zusammen. Die Beteiligten betonen, dass AVefi kein statisches Produkt, sondern eine dynamische Infrastruktur ist. Sven Bingert von der GWDG unterstreicht, dass die Plattform vom Mitmachen lebt. Ziel sei es, das Netzwerk langfristig auch international zu erweitern und so eine globale Landkarte des audiovisuellen Gedächtnisses zu zeichnen.

Für die Nutzer bedeutet der Public Release von AVefi vor allem eine Zeitersparnis und neue Möglichkeiten der wissenschaftlichen Präzision. Dass Filme nun über Archivgrenzen hinweg nach Themen, Orten und beteiligten Personen durchsucht werden können, macht die Plattform zu einem unverzichtbaren Werkzeug für die moderne Medienforschung. Weitere Datenquellen und Kooperationspartner sind laut den Projektverantwortlichen ausdrücklich eingeladen, Teil dieses wachsenden Verbundsystems zu werden und ihre Bestände für die digitale Ära sichtbar zu machen.

Stefan Krempl

Samstag, 14. März 2026

Cloud statt Beton: Kulturstaatsminister Weimer stoppt Erweiterung der Nationalbibliothek

Mit dem Verweis auf digitale Sammlungen setzt das Kulturstaatsministerium die Planung zur Nationalbibliothek in Leipzig aus. Verbände warnen vor einer riskanten Wette auf die Zukunft.


Die Vision einer rein digitalen Gedächtnisinstitution trifft auf die harte Realität des deutschen Urheber- und Archivrechts: Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer (CDU), hat überraschend den geplanten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) am Standort Leipzig gestoppt. Die Begründung aus Berlin liest sich wie ein radikaler digitaler Transformationsbeschleuniger. Die langfristige Sammlung physischer Medien sei schlicht nicht mehr zeitgemäß; die DNB solle ihre Ressourcen und ihre Strategie stattdessen konsequent auf digitale Sammlungen ausrichten. Doch was nach einem mutigen Schritt in Richtung "Digital First" klingt, löst in der Fachwelt und bei Branchenverbänden massive Erschütterungen aus, da die Entscheidung die technologische Infrastruktur gegen den gesetzlichen Kernauftrag ausspielt.


Seit 2018 wurde der fünfte Erweiterungsbau in enger Abstimmung mit dem Bund und dem Land Sachsen geplant. Nach einem europaweiten Wettbewerb stand das Architekturkonzept von Code Unique aus Dresden bereits fest, die Entwürfe waren im August 2025 finalisiert. Der plötzliche Schwenk der Bundesregierung wird nun damit legitimiert, dass die physische Archivierung ein Auslaufmodell sei. Aus IT-Perspektive ist dieser Ansatz zwar nachvollziehbar – digitale Langzeitarchivierung spart Stellfläche und ermöglicht theoretisch eine schnellere Durchsuchbarkeit großer Datenmengen mittels moderner Indexierung und KI-gestützter Analyse. Doch die Kritiker, allen voran der Deutsche Bibliotheksverband (dbv), weisen darauf hin, dass eine solche Umsteuerung nicht per Verwaltungsanweisung an der Baustelle erfolgen kann.

Die Crux liegt in der Architektur des DNB-Gesetzes. Dieses schreibt zwingend vor, dass jedes in Deutschland erschienene Druckwerk in zweifacher Ausführung physisch gesammelt werden muss. Weimer greift mit seinem Baustopp einer gesetzlichen Neuregelung vor, die bisher gar nicht existiert. Während Berlin das Ende der "analogen Ära" herbeischreibt, bleibt die DNB rechtlich verpflichtet, jeden gedruckten Pixel auch auf Papier zu archivieren. Der Vorschlag, sich stärker auf digitale Sammlungen zu konzentrieren, ignoriert dabei die immense Komplexität der digitalen Langzeitarchivierung (LZA). Bits und Bytes sind im Vergleich zu säurefreiem Papier flüchtige Speichermedien, die eine kontinuierliche Migration der Datenformate und eine hochgradig redundante Serverinfrastruktur erfordern – Kostenfaktoren, die den Bau eines Magazingebäudes langfristig sogar übersteigen können.

Datenintegrität gegen Desinformation

Holger Krimmer vom dbv betont, dass die Sicherstellung des Zugangs zu verlässlichem Wissen gerade in Zeiten von Desinformation eine zentrale Säule der digitalen Souveränität darstellt. Ein Archivstandort ist in dieser Lesart nicht nur ein Lagerhaus für Papier, sondern ein physischer Vertrauensanker. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels warnt zugleich davor, das gedruckte Buch als "nicht zeitgemäß" abzustempeln. Zwar begrüßt die Branche den Abbau von Bürokratie und eine Modernisierung des Sammelauftrags, doch dürfe die Digitalisierung nicht als Vorwand für kurzfristige Haushaltseinsparungen dienen. Das gedruckte Werk gilt weiterhin als das einzige wirklich langlebige Speichermedium, das ohne Energieaufwand und proprietäre Software auch in Jahrhunderten noch lesbar ist.

Die Entscheidung wirft auch Fragen zur digitalen Strategie des Bundes auf: Wenn die DNB zum rein digitalen Archiv transformiert werden soll, müssten zeitgleich massive Investitionen in die Rechenzentrumskapazitäten und die Cybersicherheit der Bibliothek fließen. Ein Baustopp spart zwar Beton, löst aber nicht das Problem des exponentiell wachsenden Datenaufkommens. Die Nationalbibliothek steht damit vor einer paradoxen Situation: Während die physischen Magazine volllaufen und die Neubaupläne in der Schublade verschwinden, fehlt die gesetzliche und finanzielle Grundlage für eine rein digitale Infrastruktur, die den gleichen Grad an Ausfallsicherheit und Dauerhaftigkeit bietet wie ein gemauertes Magazin.

In der Leipziger Tech- und Kulturszene wird der Stopp als Signal gewertet, dass der Bund die physische Präsenz nationaler Institutionen zugunsten einer noch vagen digitalen Utopie opfert. Für die DNB bedeutet dies vorerst eine ungeklärte Übergangsphase, in der sie ihren gesetzlichen Sammelauftrag erfüllen muss, ohne den dafür notwendigen Raum zu erhalten – weder in der Cloud noch auf dem Campus.