Posts mit dem Label Streaming werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Streaming werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 27. Mai 2026

Lex Netflix: Bundesregierung billigt Investitionspflicht für Streamer

Die Bundesregierung zündet den versprochenen Millionen-Booster für die deutsche Filmwirtschaft und nimmt Streaming-Riesen wie Sender gleichermaßen in die Pflicht.

Die deutsche Medienpolitik macht Ernst im Ringen mit den globalen Tech-Giganten und reformiert die nationale Filmfinanzierung von Grund auf. Das Bundeskabinett hat am Mittwoch den von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) ausgearbeiteten Gesetzentwurf für eine verbindliche Investitionsverpflichtung auf den Weg gebracht.

Das als „Lex Netflix“ bekannt gewordene Vorhaben zielt auf einen Wachstumsschub für den gesamten Medienstandort ab. Künftig werden alle Anbieter, die in Deutschland einen nennenswerten Jahresumsatz von mehr als zehn Millionen Euro mit Video-on-Demand oder Fernsehen erzielen, gesetzlich in die Pflicht genommen. Um jegliche Wettbewerbsverzerrungen auf dem heimischen Markt konsequent zu vermeiden, fallen neben den großen US-Plattformen wie Netflix, Amazon Prime oder Disney+ auch nationale Privatsender sowie die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unter das neue Regime.

Kern des Gesetzes ist eine feste Basisinvestitionsquote. Die betroffenen Medienunternehmen müssen künftig mindestens acht Prozent ihres hiesigen Nettojahresumsatzes direkt in europäische audiovisuelle Werke reinvestieren. Gekoppelt ist diese Vorgabe an strenge qualitative und strukturelle Hürden. Um zu verhindern, dass das Kapital in beliebige, globale Einheitsinhalte fließt, schreibt das Gesetz vor, dass achtzig Prozent dieser Investitionssumme für Werke mit einer klaren deutschen kulturellen Prägung aufgewendet werden müssen. Maßgeblich ist hierbei in der Regel der Dreh in deutscher Originalsprache.

Ferner müssen mindestens sechzig Prozent der Mittel in neue Eigenproduktionen fließen, wodurch reine Lizenzkäufe alter Klassiker als Erfüllung der Quote ausgeschlossen werden. Zum Schutz der mittelständischen Struktur der Filmbranche greift der Gesetzgeber zudem tief in die vertragliche Praxis ein und legt fest, dass mindestens siebzig Prozent der Gelder an unabhängige Produzenten gehen müssen. Flankieren dazu kommen verpflichtende Rechterückfälle nach drei bis sieben Jahren.

Ergänzt wird dieses auch als Plattform-Soli bekannte ordnungspolitische Instrument durch eine Aufstockung der direkten staatlichen Unterstützung. Die Bundesmittel für die Filmförderung werden von zuvor 133 Millionen Euro auf 250 Millionen Euro pro Jahr nahezu verdoppelt. Gemeinsam mit der Jury-basierten kulturellen Filmförderung und der Filmförderungsanstalt (FFA) stehen ab sofort jährlich weit über 300 Millionen Euro an Bundesgeldern bereit, zu denen noch die jeweiligen Förderungen der Bundesländer hinzukommen.

Weimer spricht so von einer neuen Stufe im internationalen Wettbewerb und einem historisch beispiellosen Filmbooster, der der heimischen Branche langfristige Planungssicherheit garantiere. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) betont ebenfalls, dass jene Akteure, die auf dem deutschen Markt gute Geschäfte machen, auch einen fairen Beitrag zur Vielfalt und zur Stärkung unabhängiger Produzenten leisten müssten.

Trotz der im Kabinett gefeierten Einigung stieß bereits der vorangegangene Referentenentwurf in der Branchenanhörung auf heftige, fundamentale Kritik von verschiedenen Seiten, was die tiefen Gräben innerhalb der Medienlandschaft offenbart. Auf der einen Seite begrüßen Kreativ- und Produzentenverbände wie die Produktionsallianz, die AG DOK, die Producers of Germany und die Deutsche Filmakademie das Gesetz zwar als notwendigen Schritt zur Sicherung der europäischen Souveränität. Sie halten die achtprozentige Quote aber für viel zu mutlos. Im Vergleich mit anderen großen europäischen Märkten wie Frankreich oder Italien, wo die Quoten im Schnitt bei dreizehn bis fünfzehn Prozent liegen, stelle der deutsche Kompromiss das absolute Minimum dar. Ferner bemängeln die Produzenten, dass die anrechenbaren Abzüge die reale Investitionssumme weiter drücken. Sie forderten noch rigidere Regeln gegen die sogenannte Buy-Out-Praxis der Streamer, um den Aufbau eigener Rechtekataloge effektiv abzusichern.

Völlig konträr positionieren sich die betroffenen Anbieter. Streaming-Marktführer Netflix moniert, die Politik versuche ein Problem zu lösen, das überhaupt nicht existiere. Allein durch freiwillige Investitionen habe der US-Konzern in den vergangenen Jahren eine Bruttowertschöpfung von über einer Milliarde Euro in Deutschland ausgelöst und preisgekrönte Hits wie „Im Westen nichts Neues“ realisiert. Eine erzwungene Investitionsquote und ein verpflichtender Rechterückfall würden das finanzielle Risiko vom Ertrag trennen und ambitionierte Großprojekte wirtschaftlich unrentabel machen. Die Folge seien eine künstliche Überproduktion, steigende Produktionskosten, mehr Bürokratie und letztlich weniger Qualität, was zulasten der Verbraucher gehe und womöglich über höhere Abopreise an die Nutzer weitergegeben werde.

Auch die ARD äußert erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken und sieht in einer gesetzlich verordneten Investitionspflicht sowie einer bundesstaatlichen Aufsicht einen unzulässigen Eingriff in die verankerte Rundfunkfreiheit und die Programmautonomie der öffentlich-rechtlichen Sender.

Als pragmatischer Ausweg aus diesem regulatorischen Korsett hat die Exekutive eine Öffnungsklausel in das Gesetz integriert. Wenn sich ein Medienunternehmen zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung von mindestens zwölf Prozent seines deutschen Umsatzes bereiterklärt, darf es von den starren Detailvorgaben des Gesetzes abweichen und flexiblere Bedingungen aushandeln. Dieser Deal soll als Kompromiss dienen, um internationale Vermarktbarkeit und lokale Investitionen zu vereinen. So könnten etwa englischsprachige Großprojekte in deutschen Studios angerechnet werden. Die akribische Kontrolle des gesamten neuen Regimes wird der FFA übertragen, die künftig die realen Umsätze mit den getätigten Investitionen abgleicht. Die Initiative geht nun in das parlamentarische Verfahren in Bundestag und Bundesrat.

Stefan Krempl

Mittwoch, 20. Mai 2026

Zeitenwende im Wohnzimmer: Das Internet wird zum TV-Empfangsweg Nummer eins

Eine Studie zeigt: Eine Mehrheit in Deutschland streamt mittlerweile lineares Fernsehen. Technische Hürden schwinden, doch das Abo-Chaos nimmt zu.

Der deutsche Fernsehmarkt erlebt m 2026 eine Zäsur. Erstmals empfängt die Mehrheit der Haushalte in Deutschland ihr Fernsehprogramm über das Internet. Wie aus dem Zattoo TV-Streaming-Report 2026 hervorgeht, ist der TV-Empfang über das Web mit einem Sprung auf 54 Prozent der Haushalte zum meistgenutzten Empfangsweg des Landes aufgestiegen, nachdem der Wert im Vorjahr noch bei 45 Prozent gelegen hatte.

Diese Entwicklung läutet das Ende einer Ära ein, denn das klassische Kabelfernsehen und der Satellitenempfang verlieren spürbar an Boden. Beide traditionellen Übertragungswege kommen in der Erhebung nur noch auf jeweils 28 Prozent der Haushalte. Das Over-the-Top-Streaming, also das Fernsehen über Apps und Web-Plattformen unabhängig vom Internetanbieter, hat sich dabei an die Spitze gesetzt und das Kabel als wichtigste einzelne Empfangsart abgelöst. Genauer gesagt entfallen von den internetbasierten TV-Haushalten inzwischen 33 Prozent auf reine Streaming-Dienste, während 21 Prozent der Befragten auf die IPTV-Angebote der klassischen Telekommunikationsunternehmen setzen .

Noch deutlicher offenbart sich die Transformation, wenn man die Menschen nach ihrem primären, also dem am häufigsten genutzten Zugang zum Fernsehprogramm fragt. Bei dieser Einfachnennung positioniert sich das TV-Streaming mit 31 Prozent der Haushalte unangefochten auf dem ersten Platz. Im Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei 25 Prozent . Dahinter folgen das Kabelfernsehen mit 23 Prozent, der Satellit mit 22 Prozent und IPTV mit 19 Prozent. Der Trend zur Digitalisierung des Wohnzimmers spiegelt sich auch in den Zukunftserwartungen der Verbraucher wider, da sich inzwischen 53 Prozent der Befragten vorstellen können, Fernsehen künftig ausschließlich über das Internet zu nutzen, oder dies bereits tun.

Dieser steile Aufstieg wird vor allem durch den Abbau alter Barrieren begünstigt. Die klassischen Einstiegshürden, die dem Streaming-Markt jahrelang im Weg standen, schwinden 2026 zusehends. Nur noch 23 Prozent der Nicht-Nutzer empfinden Streaming-Angebote als zu teuer, im Vorjahr waren es noch 32 Prozent. Gleichzeitig spielen technologische Sorgen kaum noch eine Rolle. Die Angst vor einer instabilen Internetverbindung oder einem zu komplizierten Einrichtungsaufwand brach drastisch ein und sank von jeweils 11 Prozent im Jahr 2025 auf nur noch 4 Prozent im aktuellen Report. Auch das psychologische Argument, dass das herkömmliche Fernsehen vollkommen ausreiche, verliert an Kraft und sank von 45 auf 35 Prozent.

Allerdings rollt auf die Branche eine ganz neue Herausforderung zu, die nicht mehr technischer, sondern struktureller Natur ist. Erstmals geben 10 Prozent der Nicht-Nutzer an, dass ihnen die unüberschaubare Vielzahl an Apps und Abonnements den Einstieg verleidet. Die Frustration verschiebt sich somit unübersehbar von der Technik hin zur Orientierungslosigkeit in einem zunehmend zersplitterten Markt.

Trotz dieser Fragmentierung boomt das lineare Fernsehen im Netz. Live-TV bleibt ein integraler Bestandteil der täglichen Mediennutzung. Die Nutzung von Live-TV über das Internet kletterte von 31 auf 36 Prozent und verzeichnet damit das stärkste Wachstum unter allen digitalen Videoangeboten. Zugleich bleibt das Vertrauen in dieses Format ungebrochen hoch, da ganze 76 Prozent der Umfrageteilnehmer fest davon ausgehen, auch in fünf Jahren noch klassisches Live-Fernsehen einzuschalten.

Flankiert wird dieser Trend von einer starken Nutzung anderer Online-Bewegtbildinhalte. Die unangefochtene Nummer eins im Netz bleibt zwar YouTube, das mit 59 Prozent der Haushalte minimal im Vergleich zum Vorjahr verlor. Dicht folgen aber die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanstalten, die von 48 auf 51 Prozent zulegen konnten. Auch klassische Video-on-Demand-Dienste verzeichnen ein leichtes Plus auf 32 Prozent.

Wenn gestreamt wird, dann am liebsten komfortabel. Das TV-Streaming hat sich endgültig auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer etabliert. Satte 67 Prozent der Befragten nutzen für das Internet-Fernsehen einen Smart-TV, was einer Steigerung um zwei Prozentpunkte entspricht. Mobile und kleinere Endgeräte liegen dagegen weit abgeschlagen zurück: Jeweils 28 Prozent streamen über einen Laptop oder das Smartphone, während das Tablet von 23 Prozent der Befragten genutzt wird.

Gleichzeitig verändern sich die Konsumgewohnheiten der Zuschauer, die immer flexibler agieren und sich seltener langfristig an einen einzigen Anbieter binden. Mittlerweile schließt fast ein Drittel der Befragten Streaming-Dienste ganz bewusst nur für einen eng begrenzten Zeitraum ab, um gezielt bestimmte Serien, Filme oder sportliche Großereignisse zu verfolgen. Dieser Trend zu Kurzzeit-Abos stieg von 25 auf 28 Prozent. Dahinter steckt auch ein spürbarer wirtschaftlicher Druck. Rund 19 Prozent der Konsumenten mussten im vergangenen Jahr ein Streaming-Abonnement aus rein finanziellen Gründen kündigen. Nach einem solchen Schritt wechseln 43 Prozent zu preiswerteren Alternativen, während 17 Prozent auf komplett kostenfreie Angebote ausweichen. Dass die Markentreue in der Streaming-Welt schwindet, unterstreichen auch die 32 Prozent der Befragten, die überhaupt keine klare Anbieterpräferenz mehr besitzen. Zudem trägt sich ein Viertel mit dem Gedanken, den TV-Anbieter innerhalb der kommenden zwölf Monate komplett zu wechseln.

Die Daten des Reports basieren auf einer repräsentativen Online-Befragung des Instituts YouGov, die im Auftrag von Zattoo zwischen dem 6. und 12. Februar 2026 unter 1045 Personen in Deutschland durchgeführt wurde. Die gewichteten Ergebnisse sollen das Medienverhalten der deutschen Bevölkerung im Alter zwischen 16 und 69 Jahren widerspiegeln. Zattoo erhebt diese Daten bereits seit 2015 jährlich, um die langfristigen Trends der TV- und Streaming-Nutzung verlässlich zu dokumentieren.

Stefan Krempl

Dienstag, 12. Mai 2026

ZDF-Reform: Bündnis fordert „Öffentliches Geld, öffentliches Gut“

Zivilgesellschaftliche Organisationen verlangen freie Lizenzen für Dokumentationen, ein Ende der Löschfristen und mehr Präsenz in dezentralen Netzwerken.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen steht an einer digitalen Weggabelung. Im Rahmen des gesetzlich vorgeschriebenen Genehmigungsverfahrens für die neuen Digitalkonzepte von ZDF, 3sat und phoenix – rechtlich als Telemedienänderungskonzepte bezeichnet – hat sich nun ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis zu Wort gemeldet. Die Organisationen D64, Agora Digitale Transformation, der NABU sowie Wikimedia Deutschland und der ehemalige ZDF-Verwaltungsrat Leonhard Dobusch bewerten die Pläne in einer gemeinsamen Stellungnahme grundsätzlich positiv. Zugleich mahnen sie aber an vielen Stellen mehr Konsequenz und einen radikaleren Abschied von veralteten Strukturen an.

Ein Kritikpunkt ist der Umgang mit den rechtlichen Schranken der analogen Ära. Erik Tuchtfeld, Co-Vorsitzender von D64 und Mitglied des ZDF-Fernsehrats, findet deutliche Worte für die aktuellen Rahmenbedingungen: Der Gesetzgeber müsse die „Zombies einer analogen Medienlandschaft“ endlich zu Grabe tragen. Damit meint er vor allem das Verbot der Presseähnlichkeit und die künstliche Befristung der Verweildauern in den Mediatheken. Diese Regelungen seien nicht mehr zeitgemäß und angesichts der grassierenden Desinformation sogar gefährlich für den demokratischen Diskurs. Dass hochwertige, öffentlich finanzierte Informationen nach einer bestimmten Frist gelöscht werden müssen, stelle einen erheblichen Wettbewerbsnachteil gegenüber globalen Streaming-Giganten dar und widerspreche dem Interesse der Beitragszahlenden.

Das Bündnis stützt sich dabei auch auf aktuelle Forschungsergebnisse. Eine Studie der European Broadcasting Union (EBU) aus dem Jahr 2025 belegt, dass starke öffentlich-rechtliche Online-Angebote den privaten Zeitungsverlagen keineswegs schaden. Im Gegenteil: Sie würden als Teil einer seriösen Medienöffentlichkeit die private Konkurrenz sogar stärken. Das starre Festhalten am Textverbot für ARD und ZDF schwäche so lediglich das gesamte deutschsprachige Informationsökosystem.

In der technischen Umsetzung begrüßen die Unterzeichner zwar die engere Kooperation zwischen ZDF, ARD und Deutschlandradio im Projekt „Streaming OS“; sie fordern aber eine deutlich tiefere Integration. Ein gemeinsamer Login dürfe nicht nur der Bequemlichkeit dienen, sondern müsse senderübergreifende, datensparsame Profile ermöglichen. Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf dem sogenannten Geoblocking: Wer seine Rundfunkbeitragsnummer hinterlegt, sollte nach Vorstellungen des Zusammenschlusses auch im Ausland uneingeschränkten Zugriff auf die Inhalte haben.

Ein weiterer Kernpunkt der Stellungnahme ist die Forderung nach „Öffentlichem Geld für öffentliches Gut“. Die Organisationen dringen darauf, Nachrichtenformate und Dokumentationen grundsätzlich unter freie Lizenzen zu stellen. Dies würde nicht nur die rechtssichere Nutzung in Schulen, Universitäten oder auf Wikipedia ermöglichen , sondern auch das Problem der Depublizierung entschärfen: Frei lizenzierte Inhalte könnten von privaten Initiativen dauerhaft gesichert werden, selbst wenn das ZDF sie aus regulatorischen Gründen von den eigenen Plattformen entfernen muss.

Auch im Bereich der sozialen Medien fordern die Experten ein Umdenken. Zwar begrüßen sie den Rückzug des ZDF von der Plattform X ausdrücklich. Doch die Abhängigkeit von kommerziellen Big-Tech-Konzernen ist ihnen ein Dorn im Auge. Das ZDF sollte sich daher verpflichten, keine Inhalte exklusiv für kommerzielle Plattformen zu produzieren. Stattdessen müsse das Engagement auf dezentralen, offenen Netzwerken wie Mastodon, PeerTube oder Bluesky massiv ausgebaut werden. Neue Dialogplattformen müssten von vornherein vollständig kompatibel mit offenen Standards wie ActivityPub oder dem AT Protocol sein, um eine echte Teilhabe ohne kommerzielle Lock-In-Effekte zu garantieren.

Ferner weist das Bündnis auf die wachsende Bedeutung der Archive für die Ära der Künstlichen Intelligenz hin. Die kuratierten Datenschätze des ZDF seien von immensem Wert für das Training von KI-Modellen. Hier brauche es jedoch klare Strategien, um eine „Tragik der Allmende“ zu verhindern: Wohlhabende Tech-Konzerne dürften die öffentlich finanzierte Infrastruktur nicht ohne angemessene Entschädigung nutzen. Dagegen müsse der freie Zugriff für Forschung und Zivilgesellschaft gewahrt bleiben.

Stefan Krempl

Montag, 30. März 2026

Europäisches Netflix: Paris und Berlin forcieren Streaming-Ausbau bei Arte

Mit mehr EU-Geld und 24 Sprachen soll der deutsch-französische Sender Arte zum digitalen Gegengewicht gegen US-Plattformen und Desinformation aufsteigen.

Die Vision eines souveränen, europäischen digitalen Kulturraums erhält neuen Schwung aus den Machtzentren Paris und Berlin. Angesichts der Dominanz US-amerikanischer Streaming-Giganten und der wachsenden Bedrohung durch gezielte Desinformation forcieren Deutschland und Frankreich derzeit Pläne, den deutsch-französischen Kultursender Arte zu einem echten pan-europäischen Streaming-Player aufzubauen. Wie Diplomatenkreise gegenüber Les Echos bestätigen, soll der Sender nicht mehr nur als bilaterales Prestigeprojekt fungieren. Vielmehr könnte er das Fundament für eine kontinentale Plattform bilden, die allen EU-Bürgern in ihrer jeweiligen Muttersprache zugänglich ist.

Der strategische Ausbau findet laut dem Bericht bereits auf technischer Ebene statt. Mit der Integration des Rumänischen in das Online-Angebot hat Arte gerade die siebte Sprache in sein Portfolio aufgenommen. Damit erreicht der Sender nach eigenen Angaben bereits rund 77 Prozent der europäischen Bevölkerung in deren Muttersprache. Doch das Ziel der Politik ist ambitionierter: Im Rahmen der Verhandlungen über den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen der EU soll Arte so ausgestattet werden, dass das Angebot auf alle 24 Amtssprachen der Gemeinschaft ausgeweitet werden kann.

Hinter diesem Vorhaben steckt mehr als nur kulturelle Kontaktpflege. In einer Zeit, in der Algorithmen globaler Plattformen bestimmen, welche Inhalte gesehen werden, und geopolitische Spannungen die Informationshoheit bedrohen, gilt Arte als vertrauenswürdiger Anker. Die Idee ist die Schaffung eines "europäischen Netflix". Dieses soll jedoch nicht auf rein kommerzielle Verwertung setzen, sondern auf einen öffentlich-rechtlichen Bildungs- und Kulturauftrag, der grenzüberschreitend funktioniert.

Finanzielle Weichenstellungen in Brüssel

Die Realisierung dieses Mammutprojekts hängt maßgeblich von der neuen EU-Finanzarchitektur ab. Bisher erhält Arte außerhalb projektbezogener Ausschreibungen nur rund zwei Millionen Euro pro Jahr direkt von der EU. Für eine Expansion auf 24 Sprachen und eine konkurrenzfähige Infrastruktur ist das kaum mehr als ein symbolischer Betrag. Die Verhandlungen über das sogenannte AgoraEU-Framework im nächsten EU-Budget könnten hier den Durchbruch bringen. Dieses Rahmenwerk sieht vor, bestehende Förderprogramme zu verschmelzen und deutlich mehr Ressourcen in grenzüberschreitende Medieninitiativen zu lenken.

Der Vorstoß erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem das bisherige Flaggschiff der europäischen Medienförderung, Euronews, massiv unter Druck steht. Während der Sender in den vergangenen Jahren mehr als 350 Millionen Euro an EU-Geldern verschlungen hat, mehren sich dort die Zweifel an der journalistischen Unabhängigkeit. Das gilt insbesondere mit Blick auf umstrittene Partnerschaften mit Regierungen wie denen von Serbien oder Aserbaidschan. Arte positioniert sich hier bewusst als Gegenmodell. Die Plattform will nicht in den direkten Wettbewerb mit klassischen Nachrichtenkanälen treten, sondern die Medienlandschaft durch Dokumentationen, Serien und tiefgründige Kulturberichterstattung ergänzen, die einen spezifisch europäischen Blickwinkel einnimmt.

Die digitale Antwort auf die Desinformation

Für Paris und Berlin ist die Stärkung von Arte auch eine Antwort auf die technologische Abhängigkeit. Während US-Plattformen die Nutzeroberflächen dominieren, fehlt bisher ein starkes europäisches Pendant, das qualitativ hochwertige Inhalte barrierefrei über Grenzen hinweg aggregiert. Die Erweiterung des multilingualen Angebots, das bereits seit 2015 stetig mit Unterstützung durch EU-Programme wie Creative Europe ausgebaut wird, zeigt dass das Interesse an einem solchen Format vorhanden ist.

Sollte die finanzielle Aufstockung wie geplant durchgesetzt werden, könnte Arte von einem Nischensender für ein frankophiles und deutsches Bildungsbürgertum zum digitalen Marktplatz der europäischen Kulturen werden. Damit wäre das Angebot nicht mehr nur ein Experiment der deutsch-französischen Freundschaft, sondern ein zentrales Werkzeug europäischer Soft Power im digitalen Zeitalter.

Stefan Krempl

Donnerstag, 19. März 2026

Globaler Musikmarkt knackt 30-Milliarden-Marke: Streaming und Vinyl treiben Rekordjahr

Trotz der Bedrohung durch KI-Manipulation und Streaming-Betrug wachsen die weltweiten Musikumsätze das elfte Jahr in Folge auf ein neues Allzeithoch.

Die globale Musikindustrie blickt auf ein historisches Jahr 2025 zurück. Erstmals haben die weltweiten Einnahmen aus Musikverkäufen die Marke von 30 Milliarden US-Dollar überschritten und erreichten mit 31,7 Milliarden US-Dollar ein neues Rekordniveau. Laut dem aktuellen Global Music Report 2026 des Weltverbands IFPI (PDF) entspricht dies einem Plus von 6,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit setzt sich der seit über einem Jahrzehnt anhaltende Wachstumstrend eindrucksvoll fort. Besonders bemerkenswert ist, dass im vergangenen Jahr nahezu jede Region der Welt Zuwächse verzeichnen konnte, wobei Lateinamerika mit einem Plus von 17,1 Prozent die Spitzenposition beim Wachstum einnahm.

Der wichtigste Motor dieser Entwicklung bleibt das Musikstreaming, das inzwischen 69,6 Prozent des gesamten Marktumsatzes ausmacht. Vor allem das kostenpflichtige Abo-Streaming treibt die Zahlen voran: Die Einnahmen in diesem Segment stiegen um 8,8 Prozent und steuerten damit mehr als die Hälfte zum globalen Gesamtumsatz bei. Weltweit nutzen mittlerweile 837 Millionen Menschen ein bezahltes Streaming-Abonnement, was die tiefe Verankerung digitaler Musiknutzung im Alltag der Fans unterstreicht. Doch nicht nur digital boomt es: Das physische Geschäft erlebte 2025 eine Renaissance und wuchs mit 8,0 Prozent sogar schneller als das Streaming-Segment. Ein wesentlicher Treiber war hier die ungebrochene Nachfrage nach Vinyl, deren Umsätze im 19. Jahr in Folge um 13,7 Prozent zulegten.

IFPI-Chefin Victoria Oakley betont, dass dieses Wachstum kein Zufall ist, sondern auf den engen Partnerschaften zwischen Musikfirmen und Kreativen basiert. Die Investitionen der Labels ermöglichen es Künstlern weltweit, ihre Visionen umzusetzen und globale Erfolge zu feiern. Gleichzeitig steht die Branche vor technologischen Herausforderungen. Das Thema Generative KI wird dabei nicht als Feind, sondern als Chance begriffen, sofern die Rechte der Urheber gewahrt bleiben. Musikunternehmen arbeiten bereits aktiv an Lizenzierungsmodellen mit KI-Entwicklern, um sicherzustellen, dass Technologie die menschliche Kreativität unterstützt und nicht ersetzt. Der Schutz des Urheberrechts bleibt dabei das Fundament für zukünftige Innovationen.

Ein dunkler Schatten auf der Erfolgsbilanz ist jedoch die zunehmende Streaming-Manipulation. Betrüger nutzen Bots und KI, um künstliche Abrufzahlen zu generieren und so Gelder aus dem gemeinsamen Tantiemen-Pool zu entwenden. „Streaming-Betrug ist Diebstahl, schlicht und einfach“, stellt Oakley klar. Die Branche geht bereits juristisch gegen solche Dienste vor, fordert aber eine stärkere Kooperation aller Akteure entlang der digitalen Wertschöpfungskette. Auch Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des deutschen Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), sieht hier dringenden Handlungsbedarf. Er appelliert an die Politik, das Urheberrecht und die KI-Regulierungen in Deutschland und Europa nicht aufzuweichen, um die Dynamik des legalen Marktes zu schützen und faire Wettbewerbsbedingungen für menschliche Schaffenskraft zu erhalten.

Stefan Krempl