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Donnerstag, 30. Juli 2026

Kehrtwende im Kabinett: Wie die EEG-Novelle die Energiewende umkrempelt

Die Bundesregierung billigt das EEG 2027 und das Netzpaket: Mehr Markt und weniger Förderung sollen Systemkosten senken, lösen aber scharfe Kritik bei Verbänden aus.


Mit den Entwürfen für die Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) 2027 und des begleitenden Netzanschlusspakets setzt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unter Katherina Reiche (CDU) auf einen Paradigmenwechsel. Die Zeit des ungebremsten Einspeisens unter staatlichem Schutzschirm geht zu Ende. Künftig sollen Marktmechanismen, Netzverfügbarkeit und Eigenverantwortung das Tempo bestimmen. Das Wirtschaftsministerium feiert das Paket als großen Schritt zur Kosteneffizienz, der die explodierenden Kosten für Eingriffe in die Fahrweise von Kraftwerken und Erzeugungsanlagen (Redispatch) von derzeit über drei Milliarden Euro jährlich eindämmen soll. Der Bund betont zwar das Festhalten am 80-Prozent-Erneuerbaren-Ziel bis 2030. Doch aus Wissenschaft, Umweltverbänden und Industrie hagelt es Kritik. Hinter der Fassade von Marktintegration und Effizienz befürchten Kritiker verdeckte Einschnitte, verpasste Netzausbauchancen und gravierende Nachteile für die digitale Infrastruktur.

Strukturell greift die Reform tief in das bisherige Fördersystem ein. Das Prinzip der fixen Einspeisevergütung wird schrittweise gestrichen. Künftig gilt für nahezu alle neuen Anlagen die Pflicht zur Direktvermarktung, womit Strom preissensibel am Markt platziert werden muss. Was bei großen Freiflächenanlagen längst Praxis ist, trifft nun auch das Heimbereich-Segment. Für private Photovoltaikanlagen unter 25 Kilowatt Leistung fällt die dauerhafte Einspeisevergütung ab 2027 weg. Stattdessen setzt die Regierung auf Eigenverbrauch und gewährt lediglich einen befristeten Direktvermarktungsbonus für vier Jahre. Wer künftig Solarstrom ohne eigenen Speicher ins Netz speist, muss auch eine dauerhafte Kappung der Einspeisespitzen auf 50 Prozent hinnehmen. Damit wandelt sich die Kombination aus Photovoltaik und Heimspeicher vom optionalen Extra zum faktischen Standard.

Das Ministerium rechtfertigt diesen Schritt mit der höheren Kosteneffizienz von Freiflächenanlagen und verweist auf Kosteneinsparungen im Bundeshaushalt. Die Ausgaben für die EEG-Förderung sollen von rund 40 Millionen Euro im Jahr 2027 auf moderate 3,5 Milliarden Euro im Jahr 2032 sinken. Branchenvertreter wie der Bundesverband Solarwirtschaft sehen darin jedoch eine Schönrechnerei. Die finanzielle Entlastung des Bundes werde auf den Markt abgewälzt, was bei kleineren Dachanlagen zu einem Nachfrageeinbruch von bis zu zwei Dritteln führen könnte. Auch Wissenschaftler warnen vor Risiken für den Ausbaupfad, loben jedoch die gezielte Überarbeitung des Referenzertragsmodells, die den Bau von Windkraftanlagen in Süddeutschland ohne teure Sonderboni wirtschaftlich attraktiver mache. Um das Ausbauziel bei Wind an Land zu sichern, setzt der Entwurf 12 Gigawatt an zusätzlichen Ausschreibungsmengen an.

Besonders scharf fällt die Kritik an den Regelungen des parallel beschlossenen Netzanschlusspakets aus. Um Netzengpässe zu bewältigen, entfällt in ausgewiesenen Engpassgebieten künftig unter bestimmten Auflagen der Entschädigungsanspruch für Anlagenbetreiber, wenn deren Strom abgeregelt werden muss. Dieser sogenannte Redispatch-Vorbehalt soll Anreize schaffen, Anlagen gar nicht erst in überlasteten Regionen zu errichten. Die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie, Simone Peter, sieht darin aber eine unfaire Lastenverteilung. Jahrelange Versäumnisse der Netzbetreiber beim Netzausbau würden nun auf den Rücken der Anlagenbetreiber abgewälzt. Zwar hat das Bundeskabinett die Regelung gegenüber Vorentwürfen auf maximal sechs Jahre befristet und die Entschädigungsfreiheit gedeckelt. Doch Denkfabriken wie Agora Energiewende und der Branchenverband BDEW fordern weiterhin eine genaue Überprüfung der Folgewirkungen im anstehenden parlamentarischen Verfahren.

Eine unerwartete Front tut sich zudem in der Digital- und Telekommunikationsbranche auf. Der Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) sowie der Bitkom sehen den Ausbau von Rechenzentren und Mobilfunknetzen gefährdet. Ursprünglich geplante Sonderrechte für einen prioritären Stromanschluss von Mobilfunkmasten wurden im Energiewirtschaftsrecht gestrichen. Übrig blieb nur eine befristete Auskunftspflicht der Verteilnetzbetreiber. Zudem stößt das neue Recht der Netzbetreiber, vermeintlich ungenutzte Anschlussleistungen wieder zu entziehen, auf Ablehnung. Da digitale Infrastrukturen und Ladeparks Reserven für Spitzenlasten und künftiges Wachstum benötigen, drohe eine pauschale Abschöpfung diese Investitionen zu entwerten.

Auch bei den Fördermodellen für Großprojekte gehen die Meinungen auseinander. Zwar führt der Entwurf zweiseitige Differenzverträge ein, bei denen der Staat in Hochpreisphasen Gewinne oberhalb der Zielmarke abschöpft. Doch ohne flexible Korridore blockiert dies nach Ansicht von Umwelt- und Wirtschaftsverbänden den Abschluss langfristiger Stromlieferverträge mit der Industrie. Das Gesetz benötigt noch die beihilferechtliche Genehmigung der EU-Kommission. Der Blick der Verbände richtet sich zudem auf den Bundestag. Die Anhörungsfristen im Vorfeld wurden als extrem kurz kritisiert, weshalb die Netz- und Energiebranche im nun folgenden parlamentarische verfahren vehement auf Nachbesserungen drängt, um das Fundament der Energiewende nicht zu gefährden.

Stefan Krempl


Donnerstag, 28. Mai 2026

Abhängig wie nie: Chinas Dominanz bei Seltenen Erden und kritischen Importen wächst

Eine Studie legt offen: Bei strategischen Rohstoffen, Batterietechnik und Solarpanels steigen die Importanteile Chinas deutlich, was Grund zur Sorge gibt.

Die politische Marschrichtung der Bundesregierung klang im Sommer 2023 eindeutig: „De-Risking“ war das Modewort, mit dem die damalige Ampel-Koalition eine strategische Trendwende einläuten wollte. Kritische Abhängigkeiten von China sollten systematisch abgebaut, Lieferketten breiter aufgestellt und wirtschaftliche Klumpenrisiken minimiert werden. Fast drei Jahre nach der Veröffentlichung dieser offiziellen China-Strategie, die auch von der aktuellen schwarz-roten Bundesregierung weiterhin als handlungsleitender Bezugsrahmen genutzt wird, zeigt die Realität ein völlig anderes Bild. Statt einer Emanzipation von Fernost schlittert die deutsche Wirtschaft in Schlüsselbereichen der Energie-, Digital- und Gesundheitswende immer tiefer in die Isolation und Verwundbarkeit.

Eine Analyse der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, die auf vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes basiert, stellt der deutschen Wirtschaftspolitik ein ernüchterndes Zeugnis aus. In der Mehrheit der Produktgruppen, die die Regierung explizit als kritisch eingestuft hatte, ist der chinesische Importanteil seit 2023 nicht etwa gesunken, sondern teils dramatisch angestiegen. Ob Batterietechnik, Solarmodule, lebenswichtige Medikamente oder strategische Industriemetalle – die deutsche Industrie steuert sehenden Auges auf eine Monopolabhängigkeit zu, die im Ernstfall verheerende Folgen haben könnte.

Eklatant offenbart sich diese Entwicklung auf dem Markt für wiederaufladbare Lithium-Ionen-Akkus. Ohne diese Batterien sind weder der Hochlauf der Elektromobilität noch medizinisch oder industriell genutzte stationäre Energiespeicher denkbar. Dennoch stieg Chinas Anteil an der gesamten importierten Menge innerhalb von nur zwei Jahren von 49,7 Prozent im Jahr 2023 auf besorgniserregende 66,5 Prozent 2025. Damit stammt inzwischen weit mehr als die Hälfte des deutschen Batterie-Gewichts aus der Volksrepublik.

Nahezu total ist die Abhängigkeit im Endproduktbereich der Photovoltaik geworden. Trotz aller politischen Bekundungen, europäische Produktionskapazitäten zu stärken, bauten chinesische Hersteller ihre weltweite Marktbeherrschung dank staatlicher Subventionen und unschlagbarer Skaleneffekte weiter aus. Der chinesische Anteil am deutschen Importgewicht von Solarpanels erreichte einen neuen historischen Höchstwert von 92,6 Prozent.

Länder wie die USA und Indien schotten sich mit harten Schutzzöllen gegen die chinesische Übermacht ab. Deutschland profitiert zwar von billigen Modulen für einen schnellen Solarausbau, zahlt dafür aber mit der fast vollständigen Kapitulation der eigenen Solarindustrie. Einzig bei Wechselrichtern gibt es einen kleinen Lichtblick: Hier sank der Importanteil Chinas von 51,3 auf 40,7 Prozent, da europäische Zulieferer aus Ländern wie Ungarn oder Tschechien Boden gutmachen konnten. Dies ist auch aus Sicherheitsaspekten relevant, da das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vor theoretischen Abschaltungen dieser kritischen Netzkomponenten im Konfliktfall gewarnt hat.

Abseits der Energietechnik offenbart die Studie eine ähnlich prekäre Lage im Gesundheitssektor. Bei Antibiotika explodierte der chinesische Lieferanteil an der Importmenge von ohnehin hohen 65,3 Prozent im Jahr 2023 auf 72,9 Prozent im Jahr 2025. Beim weit verbreiteten Penicillin kletterte der China-Anteil im selben Zeitraum sogar von 56,9 auf stolze 80,9 Prozent.

Bei chemischen Vorprodukten wie Dicyandiamid, das für das Diabetes-Medikament Metformin benötigt wird, liegt der Mengenanteil bei über 85 Prozent. Bei anderen Narkose- und Schmerzmitteln bleibt China sogar der weltweit einzige Lieferant. Selbst bei einfachen medizinischen Gütern wie Gesichts- und FFP-Masken, deren Mangel zu Beginn der Covid-Pandemie schmerzhaft spürbar war, klammert sich der deutsche Markt wieder verstärkt an chinesische Fabrikate.

Ein hochgradig nervöses Pokerspiel zeigt sich zudem auf dem Markt für Metalle und Seltene Erden, die von der EU als strategische Rohstoffe eingestuft werden. Bei Magnesium, einem unverzichtbaren Leichtmetall für den Automobil- und Luftfahrtbau, kletterte der chinesische Wertanteil auf 84,5 Prozent. Auch bei Gallium und Germanium, zwei Schlüsselrohstoffen für die Halbleiter- und Prozessorindustrie, bauten chinesische Exporteure ihre Dominanz aus.

Der Fall Gallium zeigt besonders gut das strategische Risiko: Chinas Anteil an den deutschen Importen verdoppelte sich nahezu von 28,9 auf 47,4 Prozent. Ein scheinbar paradoxes Phänomen registrierten die Analysten bei Seltenerdmetallen insgesamt. Zwar sank hier der reine Mengenanteil Chinas an den deutschen Gesamteinfuhren von 69,1 auf 55,4 Prozent. Doch im gleichen Zeitraum schoss der Anteil am Importwert von 21,3 auf 31,2 Prozent nach oben. Das bedeutet: Deutschland führt zwar weniger Tonnen ein, zahlt aber deutlich mehr Geld, weil China zunehmend die technologisch höherwertigen, veredelten und schwer ersetzbaren Segmente liefert.

Für die Produktion leistungsstarker Permanentmagnete in modernen Elektromotoren ist die Bundesrepublik vollkommen ausgeliefert. Bei den dafür essenziellen Seltenen Erden Praseodym, Neodym und Samarium bleibt das Reich der mitte praktisch der einzige Lieferant für die deutsche Industrie. Um den Bedarf der heimischen Wirtschaft zu decken, verdreifachte sich die deutsche Importmenge dieser spezifischen Warengruppe von 3,1 Tonnen im Jahr 2023 auf 13,0 Tonnen im Jahr 2025.

Dass diese asymmetrische Abhängigkeit kein theoretisches Risiko darstellt, zeigt die Realität des globalen Rohstoffhandels. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) reiste eigens nach Peking, um im direkten Gespräch mit Chinas Handelsminister Wang Wentao auf verlässliche und stabile Lieferungen Seltener Erden zu drängen. Doch statt Verlässlichkeit regiert auf dem Markt die Unsicherheit. Die von Peking erlassenen Exportkontrollen für schwere Seltene Erden sowie für Gallium, Germanium oder Wolfram erlauben es der kommunistischen Führung, den globalen Handel über intransparente Ausfuhrgenehmigungen nach politischem Belieben zu steuern. Während Lizenzen für militärische Anwendungen im Westen de facto gar nicht mehr erteilt werden, herrscht auch im zivilen Bereich Intransparenz.

Da offizielle Begründungen für erteilte oder verweigerte Lizenzen meist fehlen, sind Händler auf Gerüchte angewiesen. Brancheninsider berichten laut SZ Dossier bereits von ersten Blockaden, bei denen China gezielt Seltenerdmagnete für industrielle Maschinen zurückhält. Gleichzeitig schwanken die Exportmengen schwerer Selterererden wie Dysprosium und Terbium massiv, was die Marktpreise in eine Berg- und Talbahn verwandelt.

Der Studienautor Frederic Spohr, Leiter der Büros der Naumann-Stiftung in Taiwan und Korea, warnt eindringlich vor den geopolitischen Konsequenzen der Entwicklung. Ausgerechnet in jenen Sektoren, die das Rückgrat der künftigen Wirtschaftsstruktur bilden sollen, verfehle Deutschland die eigenen Diversifizierungsziele komplett und werde immer verletzlicher. Ein Kurswechsel dürfte in Zukunft zudem erheblich schwerer fallen. Laut Spohr steuert die chinesische Führung mittlerweile aktiv gegen die westlichen De-Risking-Bemühungen an, um die strategische Abhängigkeit des Westens als politisches Druckmittel dauerhaft zu zementieren.

Der finanzielle Hebel für Peking ist dabei minimal, das Erpressungspotenzial aber gigantisch: Deutsche Unternehmen zahlten 2025 gerade einmal rund 24,2 Millionen Euro für Seltene Erden nach China. Einen Lieferstopp würde die chinesische Staatskasse kaum spüren – die deutsche Industrie hingegen stünde vor einem sofortigen, milliardenschweren Produktionsstillstand. Um diesem Dilemma zu entkommen, plädiert der Autor gegen protektionistische Schutzzölle, die Lieferketten weiter verknappen würden. Stattdessen müsse die Politik dringend neue Handelspartnerschaften forcieren. Die zügige Ratifizierung ausverhandelter Abkommen mit Indien, Indonesien oder Australien sowie der Abschluss der Verhandlungen mit weiteren asiatischen Staaten und dem südamerikanischen Mercosur-Bündnis seien der einzige Ausweg, um den gefährlichen Zugriff Pekings auf die deutsche Wirtschaft rechtzeitig zu lockern.

Stefan Krempl

Montag, 9. März 2026

Solar-Abgabe geplant: Teure Anschlussgebühren bremsen die Energiewende aus

Das Bundeswirtschaftsministerium plant im neuen Netzpaket einen Baukostenzuschuss für private Solaranlagen, der laut einer Umfrage viele Haushalte abschreckt.

Die hiesige Energiewende steht vor einer neuen bürokratischen Hürde, die das bisherige Tempo beim Ausbau der Solarenergie massiv drosseln könnte. Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet derzeit an einer Neuordnung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, dem sogenannten Netzpaket. Ein zentraler und höchst umstrittener Punkt dieses Entwurfs sieht vor, dass Haushalte beim Einbau einer neuen Solaranlage künftig einen Baukostenzuschuss an den jeweiligen Netzbetreiber leisten müssten. Damit sollen die Kosten für den allgemeinen Netzausbau mitfinanziert werden. Was technisch nach einer formalen Anpassung klingt, bedeutet für die Betroffenen in der Praxis eine erhebliche finanzielle Mehrbelastung direkt zum Start ihres Projekts.

Experten und Branchenvertreter schlagen nun Alarm, da die geplanten Gebühren die Wirtschaftlichkeit von Privatanlagen empfindlich treffen. Im Kern geht es um eine reine Anschlussgebühr für eine Infrastruktur, die in den meisten Fällen bereits besteht. Dennoch könnten Netzbetreiber im Schnitt rund 1000 Euro zusätzlich verlangen, wenn eine neue Photovoltaikanlage registriert wird. Je nach Region und lokaler Netzstruktur schwanken diese Kosten, doch die psychologische und finanzielle Wirkung auf potenzielle Käufer ist bereits deutlich messbar.

Wie tiefgreifend die Verunsicherung in der Bevölkerung ist, zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage, die das Energieunternehmen 1KOMMA5° beim Meinungsforschungsinstitut YouGov in Auftrag gegeben hat. Die Ergebnisse zeichnen ein düsteres Bild für die kommenden Monate. Demnach würde mehr als jeder vierte Befragte komplett auf die Investition in eine Solaranlage verzichten, sollte das Netzpaket in seiner jetzigen Form Gesetz werden. Konkret gaben 27 Prozent der Teilnehmer an, dass ein zusätzlicher Aufpreis von rund 1000 Euro für sie ein klares Ausschlusskriterium darstelle. Das wäre ein massiver Rückschlag für die Klimaziele der Bundesregierung, die eigentlich auf eine Beschleunigung des Zubaus setzt.

Doch nicht nur die direkten Absagen bereiten Sorgen. Weitere 37 Prozent der potenziellen Investoren gaben in der Befragung an, dass sie aufgrund der drohenden Zusatzkosten deutlich länger über die Anschaffung nachdenken würden. In einer Branche, die von Planungssicherheit lebt, wirkt diese abwartende Haltung wie Gift. Jannik Schall, Produktchef und Mitgründer von 1KOMMA5°, warnt vor den verheerenden Signalen, die von diesem Gesetzentwurf ausgehen. Er betont, dass die Deutschen ohnehin durch die allgemeine wirtschaftliche Lage verunsichert seien. In einer solchen Phase neue Gebühren und bürokratische Lasten einzuführen, erschwere den Weg zur privaten Energieunabhängigkeit unnötig.

Dabei ist die ökonomische Logik hinter der eigenen Solaranlage eigentlich bestechend einfach und lukrativ. Werden die Investitionskosten über den üblichen Garantiezeitraum einer Anlage umgelegt, kostet die selbst produzierte Kilowattstunde lediglich etwa sechs Cent. Vergleicht man dies mit dem durchschnittlichen Netzstrompreis von 37 Cent pro Kilowattstunde, ergibt sich durch den Eigenverbrauch eine Ersparnis von fast 84 Prozent. Wer zusätzlich auf eine Kombination aus Batteriespeicher und intelligenter Steuerung setzt, kann seine Eigenverbrauchsquote auf 70 Prozent und mehr steigern.

Trotz dieser langfristigen Vorteile wirkt die geplante Einmalzahlung wie eine künstliche Eintrittsbarriere. Kritiker monieren zudem, dass intelligente Systeme den Netzausbau eigentlich entlasten könnten, anstatt ihn zu verteuern. Wer durch smarte Steuerung und dynamische Stromtarife dann Energie bezieht, wenn ein Überangebot im Netz herrscht, trägt zur Stabilisierung des Gesamtsystems bei. Anstatt solche innovativen Ansätze zu fördern, scheint das geplante Netzpaket jedoch erst einmal die Kassen der Netzbetreiber füllen zu wollen.

Samstag, 28. Februar 2026

EEG-Novelle 2026: Experten warnen vor „Blindflug“ und „Solar-Schlucht“

Der Entwurf zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sieht das Aus der Solarförderung für kleine Anlagen vor – Fachleute befürchten massive Rückschläge für Klimaziele und Akzeptanz.

In der Energiepolitik bahnt sich ein fundamentaler Strategiewechsel an, der in der Fachwelt auf heftigen Widerstand stößt. Ein aktuell kursierender Referentenentwurf zur Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vom 22. Januar 2026 sieht massive Einschnitte vor. Während die Bundesregierung offiziell am Ziel von 80 Prozent Ökostrom bis 2030 festhält, fallen im Maschinenraum des Gesetzes entscheidende Leitplanken weg. Renommierte, vom Science Media Center (SMC) befragte Experten schätzen das als hochriskant ein.

Das Ende der Förderung für kleine Solaranlagen

Die wohl brisanteste Änderung betrifft die klassische Aufdach-Photovoltaik. Laut dem Entwurf aus dem Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) soll die garantierte Einspeisevergütung für Anlagen bis 25 Kilowattpeak (kWp) vollständig gestrichen werden. Eva Hauser vom Institut für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme sieht darin eine „Schwächung des PV-Ausbaus“. Sie warnt, dass sich die Bundesregierung damit eines wesentlichen Hebels zur Erreichung der Klimaziele entledige, zumal andere Sektoren wie Gebäude und Verkehr ihre Ziele bereits verfehlen.

Besonders drastisch formuliert es Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg: Er befürchtet, dass das Solarhandwerk bei einer Umsetzung dieser Pläne in die „Reiche-Schlucht“ stürze. Damit zieht er Parallelen zu massiven Arbeitsplatzverlusten in der Branche vor 15 Jahren. Er sieht in dem Entwurf eine gefährliche Zentralisierung der Energieversorgung „in die Hände weniger“ und eine Umverteilung von den Bürgern hin zu großen Konzernen.

Fehlende Steuerung durch gestrichene Mengenpfade

Ein weiteres Novum der Reform ist das Streichen konkreter Annahmen zum Bruttostromverbrauch für das Jahr 2030. Bisher diente ein fest definierter Mengenpfad als Kompass für die notwendigen Ausschreibungen. Michael Sterner kritisiert dies scharf: „Ministerin Reiche navigiert ohne Kompass in die Energiezukunft.“ Ohne klare Verbrauchsannahmen gebe es keine Planungssicherheit für Handwerk und Netzbetreiber. Das 80-Prozent-Ziel werde so von einer gesetzlichen Verpflichtung zu einer „bloßen Willenserklärung“.

Auch Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht die planerische Verbindlichkeit geschwächt. Zwar sei eine Marktintegration der Erneuerbaren langfristig richtig, doch der Entwurf vollziehe einen zu abrupten Systembruch. Da Netze nicht flächendeckend digitalisiert und der Smart-Meter-Rollout stocke, bedeute die Umstellung auf vollständige Direktvermarktung vor allem eines: mehr Risiko für private Haushalte und kleine Betreiber. „Marktintegration auf einem halbfertigen Spielfeld ist kein Effizienzgewinn, sondern ein Strukturbruch“, so Kemfert.

Gefahr für die gesellschaftliche Akzeptanz

Manfred Fischedick, Präsident des Wuppertal-Instituts, äußert große Zweifel, ob die Ausbauziele unter diesen Bedingungen überhaupt erreicht werden können. Er hebt hervor, dass Dachanlagen im letzten Jahr die Hälfte des Zubaus ausmachten und die höchste gesellschaftliche Akzeptanz genießen. Der Wegfall der Vergütung erschwere die Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten. „Diese breite Partizipation droht nun unnötigerweise wegzubrechen“, warnt Fischedick.

Zudem entstünden ökologische Nachteile: Uwe Holzhammer von der Technischen Hochschule Ingolstadt erwartet, dass Hausdachanlagen künftig kleiner dimensioniert werden, da sie sich nur noch am Eigenverbrauch orientieren. Wertvolle, bereits versiegelte Dachflächen blieben ungenutzt, während der Druck auf Freiflächen steige. Dies könne laut Eva Hauser die „Doppelkrise von Erdüberhitzung und Biodiversitätsschwund“ sogar verstärken.

Vereinzelte Stimmen für mehr Marktlogik

Lediglich Christian Rehtanz von der TU Dortmund bewertet die Stoßrichtung positiver. Er sieht in der Novelle den Versuch, den Ausbau auf „wirtschaftliche Füße“ zu stellen und Marktverzerrungen zu vermeiden. Da Strommengenpfade ohnehin schwer vorhersehbar seien, reiche ein enges Monitoring aus.

Dem halten Experten wie Michael Sterner entgegen, dass ohne gesetzliche Korrektive kein Hebel mehr bestehe, um bei Verzögerungen – etwa beim Netzausbau – Prozesse anzuschieben. In der Summe zeichnet der Großteil der Fachleute das Bild einer Reform, die das Erreichen der Klimaziele und den Rückhalt in der Bevölkerung leichtfertig aufs Spiel setzt.