Posts mit dem Label Rechenzentrum werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rechenzentrum werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 21. August 2026

KI-Investitionen: Australiens harter Kurs gegen die US-Tech-Giganten

Canberra knüpft die Ansiedlung von Rechenzentren an strikte Bedingungen für Energie, Wasser und Souveränität, um nicht zum Datenlieferanten zu verkommen.

Australien wählt im globalen Wettlauf um die Zukunft der Künstlichen Intelligenz einen eigenwilligen und selbstbewussten Sonderweg. Viele Regierungen weltweit versuchen, Investitionen von US-Tech-Giganten wie Microsoft, Google und Anthropic um jeden Preis anzulocken. Canberra setze dagegen auf ein klares Prinzip, schreibt Politico: Investitionen ja, aber nur zu den Bedingungen des Landes.

Die australische Regierung unter Premierminister Anthony Albanese verfolgt laut dem Bericht eine pragmatische Strategie. Tech-Konzerne erhalten zwar Zugang zum Markt, müssen im Gegenzug aber konkrete Gegenleistungen erbringen. Wer Rechenzentren errichten will, muss diese mit sauberer Energie betreiben, den Wasserverbrauch offenlegen, lokale Ausbildungen fördern sowie heimischen Forschern und Startups Rechenkapazitäten zur Verfügung stellen.

Dieser Kurs kommt nicht von ungefähr. Die Verantwortlichen haben die heftigen Kontroversen in den USA genau analysiert. Dort stehen mittlerweile über 4000 Rechenzentren, die bei Anwohnern und Umweltverbänden massive Gegenreaktionen auslösten. Angestachelt durch den Erfolg der landesweit durchgesetzten Jugendschutz-Regeln für soziale Medien agiert Albanese nun mit neu gewonnenem Selbstbewusstsein. Der Premierminister sieht sein Land in einem Wettlauf gegen die Zeit: Die Politik in Down Under müsse jetzt handeln, um die gesellschaftliche Akzeptanz von KI zu gestalten und Rahmenbedingungen festzulegen. Das Ziel ist ein umfassendes KI-Gesetz bis Anfang 2027.

Dabei geht es nicht nur um Regulierungsfantasien, sondern um ökonomische und soziale Interessen. Die Regierung will verhindern, dass der gewaltige Energiehunger der Serverfarmen die Strompreise für Privathaushalte in die Höhe treibt. Zudem soll Australien nicht bloß als digitaler Rohstofflieferant enden. Ein starkes soziales Fundament für KI verschaffe der Politik den nötigen Spielraum, um die durch KI beschleunigten Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt abzufedern.

Der australische Markt ist für globale Konzerne attraktiv: Die rund 28 Millionen Bürger gelten als technologieaffin, das Land bietet riesige Flächen. Angesichts rechtlicher Unsicherheiten in den USA und strenger Vorgaben in Europa suchen Tech-Firmen dringend nach Standorten für Modelltraining und Expansion. Doch die Bevölkerung bremst den Hype. Laut einer aktuellen Umfrage von JWS Research sprechen sich zwei Drittel der Australier für einen vorsichtigen KI-Kurs aus – selbst wenn dadurch Chancen verpasst werden sollten. Die Sorge vor steigenden Nebenkosten und Umweltauswirkungen steht dabei im Vordergrund.

Die Politik nimmt diese Ängste ernst. In Südaustralien wurde eine Sonderkommission zu den Auswirkungen von KI eingesetzt. Gleichzeitig zeigen Akteure aus der Wirtschaft innovative Ansätze: Der Bergbaukonzern Fortescue baut ein netzunabhängiges Öko-Stromnetz mit 2,3 Gigawatt Leistung in Westaustralien. Rechenzentren müssen auf eigenen Beinen stehen und grüne Energie nutzen, um das öffentliche Netz nicht zu belasten.

Der Staatssekretär für digitale Wirtschaft, Andrew Charlton, warnt eindringlich vor Passivität. Wenn Australien nur Grundstücke und Energie stelle, während ausländische Konzerne das geistige Eigentum, die Modelle und die Kundenbeziehungen kontrollierten, fließe der Großteil der Wertschöpfung ins Ausland. Australien drohe dann, dauerhaft Wissen und Intelligenz importieren zu müssen. Aus den Erfahrungen des historischen Rohstoffbooms hat der Kontinent gelernt: Zwar brachte der Export von Minenprodukten Wohlstand, doch verharrte das Land mangels eigener Veredelung am unteren Ende der Wertschöpfungskette.

Bei KI existiert ein solches Monopol auf Rohstoffe nicht. Deshalb setzt Canberra darauf, in der gesamten Wertschöpfungskette mitzumischen. Ziel ist eine digitale Souveränität über den gesamten Stack hinweg – von den Rechenzentren über das Modelltraining bis hin zu den Anwendungen. Auf diese Weise werden Rechenzentren zu einem zentralen Element der Industrie-, Sicherheits- und Energiepolitik. Mit einem neuen KI-Amt auf Bundesebene und klaren Leitlinien in den Bundesstaaten soll Investoren ein schneller, aber strikt regulierter Rahmen geboten werden. Australien beweist damit: Tempo und klare Regeln müssen kein Widerspruch sein.

Stefan Krempl

Montag, 17. August 2026

Rechenzentren im Orbit: China zieht ab, Europa droht den Anschluss zu verlieren

Während Peking weltraumgestützte Supercomputer mit staatlicher Macht vorantreibt, droht der EU laut dem Europäischen Institut für Weltraumpolitik eine gefährliche digitale Abhängigkeit im All.

Die Datenmengen, die Tag für Tag auf der Erde und im erdnahen Orbit entstehen, wachsen in exponentiellem Tempo. Satelliten zur Erdbeobachtung, hochauflösende Sensoren und globale Kommunikationsnetze produzieren gewaltige Informationsströme. Marktanalysen prognostizieren bis zum Ende des Jahrzehnts eine Vervierzehnfachung des weltweiten Datenvolumens aus dem All auf rund 500 Exabyte. Doch die Übertragung dieser riesigen Datenmengen auf die Erde stößt zunehmend an physikalische und technische Grenzen. Geringe Bandbreiten bei der Datenverbindung zur Erdoberfläche führen zu Verzögerungen und Engpässen. Gleichzeitig stoßen terrestrische Rechenzentren aufgrund ihres enormen Bedarfs an Strom und Kühlwasser auf der Erde immer öfter an kapazitäre und ökologische Grenzen.

Vor diesem Hintergrund könnten weltraumgestützte Rechenzentren, sogenannte Orbital Data Centres (ODC), an Bedeutung gewinnen. Das Grundprinzip ist einfach, aber technisch anspruchsvoll: Statt Rohdaten zeitintensiv und bandbreitenhungrig zur Erde zu senden, verarbeiten hochleistungsfähige Server direkt im Orbit die Informationen vor Ort. Das würde Echtzeitanwendungen wie die unmittelbare Auswertung von Erdbeobachtungsdaten, KI-Berechnungen oder Sicherheitsanalysen drastisch beschleunigen.

In diesem Wirtschaftszweig zeichnet sich bereits jetzt ein globales Ungleichgewicht ab. Wie ein aktueller Report des European Space Policy Institute (ESPI) von Jermaine F. Gutierrez und Lea Thome darlegt, geht insbesondere China mit großer Entschlossenheit und einer konsequenten Gesamtstrategie voran. Während Europa noch über Machbarkeiten berät, schafft Peking längst vollendete Tatsachen.

Chinas Vorsprung ist kein Zufallsprodukt, sondern das Resultat einer verzahnten Industriepolitik. Bereits im März 2025 brachte das chinesische KI-Satelliten-Startup ADAspace die ersten Einheiten seiner sogenannten Three-Body Computing Constellation ins All, die längerfristig aus Tausenden Rechen-Satelliten bestehen soll. Begleitet wird dieser Trend von einer Vielzahl weiterer Akteure: Startups wie Orbital Chenguang warben Milliarden an Finanzierungen ein, während Unternehmen wie Nayuta Space gigantische Konstellationen planen und Firmen wie Shanghai Xingshu Tiansuan Space Technology eigene Rechennetzwerke im All aufbauen.

Peking betrachtet die Rechenleistung im All laut der Analyse längst nicht mehr nur als Nische, sondern als nächste Schicksalsfrage seiner umfassenden Technologiestrategie. Die staatliche Raumfahrtbehörde CASC verankerte ODCs tief in ihren Fünfjahresplänen. Chinas Staatsführung verbindet straffe politische Vorgaben mit gezielten Anreizen für Kommunal- und Provinzregierungen sowie einer massiven Anschubfinanzierung für private Startups. Förderprogramme der Stadt Peking und der Aufbau spezialisierter Innovationszentren bringen führende Universitäten und Industriepartner zusammen. Durch diesen Vorsprung sichere sich China nicht nur strategische Autonomie, heißt es. Es schicke sich auch an, künftige globale Standards, Regularien und technische Protokolle für eine völlig neue Industrie vor allen anderen Akteuren zu diktieren.

Jenseits von China schläft die Konkurrenz ebenfalls nicht. US-amerikanische Unternehmen treiben die Entwicklung mit voran. So schickte die Firm Starcloud einen Satelliten mit einem Nvidia-Chip in den Orbit, auf dem Googles KI-Sprachmodell Gemma getestet wurde.

Europa drohe in diesem globalen Wettlauf den Anschluss zu verlieren, warnen die Autoren. Zwar gebe es auch auf dem alten Kontinent vielversprechende Ansätze und Pioniergeist. Die Europäische Weltraumorganisation ESA startete im August 2024 den KI-fähigen Forschungssatelliten Φ-sat-2. Initiativen wie das EU-Forschungsprojekt Ascend untersuchten die Machbarkeit weltraumgestützter Serverpark-Architekturen. Ferner kündigte das französische Start-up Alatyr an, ODCs robotergestützt im Weltall fertigen zu wollen. Doch im Vergleich zur staatlich durchchoreografierten Dynamik in China und der Innovationskraft der USA beginnt sich der Rückstand Europas zu vergrößern.

Die Verfasser des Berichts warnen vor den Konsequenzen der europäischen Zögerlichkeit. Sollte der alte Kontinent den Trend verschlafen, drohe eine Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern. Europäischen Institutionen und Unternehmen bliebe in der Folge kaum eine andere Wahl, als kritische Datenströme über fremde Infrastrukturen im All zu verarbeiten. Das würde nicht nur die angestrebte digitale und technologische Souveränität des Kontinents untergraben, sondern auch strategische Nachteile bei der zivilen und militärischen Auswertung von Weltraumdaten nach sich ziehen.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, fordert das ESPI einen raschen und entschlossenen Kurswechsel der europäischen Politik. Die EU müsse orbitale Rechenzentren offiziell als Schlüsseltechnologie für die europäische Souveränität anerkennen. Gefragt sei eine gemeinsame Strategie aus politischer Steuerung, gezielter Investitionsförderung und verlässlichen regulatorischen Rahmenbedingungen.

Konkret schlagen die Experten vor, im Rahmen der Moonshot-Projekte des Forschungsrahmenprogramms Horizon Europe für den Finanzzeitraum 2028 bis 2034 eine europäische ODC-Flaggschiff-Initiative ins Leben zu rufen. Zudem sollten ESA und EU durch verbindliche Abnahmeverträge und Auftragsvergaben eine verlässliche Nachfrage signalisieren, um heimischen Startups und Industrieunternehmen Planungssicherheit zu bieten. Durch Arbeitsgruppen mit internationalen Partnern müsse Europa zudem aktiv an globalen Standards für Datenhoheit im Orbit mitwirken.

Allerdings bringt der Boom der orbitalen Serverfarmen nicht nur weltraumpolitische und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich. Experten und Umweltschützer schlagen bereits Alarm und warnen vor den gravierenden ökologischen Begleiterscheinungen eines unkontrollierten Wettrüstens im Orbit. Tausende zusätzliche Satelliten erhöhen nicht nur das Risiko von Weltraummüll und Kollisionen. Beim Verglühen ausgedienter Trabanten in der Atmosphäre werden zudem große Mengen an Metalloxiden freigesetzt, welche die empfindliche Stratosphäre und die Ozonschicht dauerhaft schädigen könnten

Parallel droht durch die gigantischen Satellitenflotten eine zunehmende Lichtverschmutzung, die den Nachthimmel für die astronomische Forschung nachhaltig verändert. Europa steht so vor der gewaltigen Aufgabe, den technologischen Anschluss im All zu sichern, ohne dabei die ökologischen Gefahren der Weltraumnutzung aus den Augen zu verlieren.

Montag, 3. August 2026

Wenn KI und Extremhitze die Rechenzentren in die Zange nehmen

Wachsende Wärmelasten durch Hochleistungschips und steigende Außentemperaturen bringen die digitale Infrastruktur zunehmend in Bedrängnis.

Rekordtemperaturen setzen die digitale Infrastruktur verstärkt unter Druck. Rechenzentren bilden das Rückgrat moderner Cloud-Dienste, des weltweiten Zahlungsverkehrs sowie der gesamten digitalen Kommunikation. Bei großer Hitze benötigen diese Anlagen aber eine deutlich höhere Kühlleistung. Über lange Zeit galt das Thema Hitze in der Branche als Randerscheinung. Mittlerweile gerieten indes zahlreiche Betreiber in eine gefährliche Hitzefalle, legt das Beratungsunternehmen Drees & Sommer dar. Während von außen immer höhere Außentemperaturen auf die Gebäude einwirkten, steige im Inneren die Wärmelast durch intensiv genutzte KI-Anwendungen und stetig leistungsstärkere Chips. Würden die Kühlkapazitäten nicht rechtzeitig an diese geänderten Bedingungen angepasst, drohten spürbare Störungen bis hin zu extrem kostspieligen Totalausfällen.

Die Herausforderung wächst dabei parallel zum massiven Boom der gesamten Branche. Seit dem Jahr 2010 hat sich die installierte Rechenzentrumskapazität in Deutschland mehr als verdoppelt und erreichte im Jahr 2024 einen Wert von über 2730 Megawatt. Das Bundeswirtschaftsministerium erwartet bis zum Jahr 2030 einen weiteren Anstieg auf mehr als 4800 Megawatt. Das entspricht einem Plus von rund 75 Prozent innerhalb von nur sechs Jahren. Mit der im März 2026 verabschiedeten nationalen Rechenzentrumsstrategie strebt die Bundesregierung sogar eine Verdopplung der Kapazitäten bis 2030 an.

Getrieben wird diese enorme Expansion vor allem durch den anhaltenden Siegeszug von Cloud- und KI-Anwendungen. Mit dieser Entwicklung wächst allerdings auch die Verwundbarkeit der kritischen Infrastruktur gegenüber Extremwetterereignissen. Eine im Juni 2026 veröffentlichte Analyse des auf physische Klimarisiken spezialisierten Unternehmens First Street verdeutlicht das Ausmaß: Rund 54 Prozent der weltweiten Rechenzentrumskapazität befinden sich in Märkten, die schon heute unter chronischem Hitze- oder Dürrestress leiden.

Künstliche Intelligenz verändert die grundlegenden Anforderungen an moderne Data Center massiv. Die Serverinfrastruktur verbraucht nicht nur weitaus mehr Energie, sondern gibt folglich auch erheblich mehr Wärme an die direkte Umgebung ab. Diese physikalische Auswirkung müssen Betreiber bei der zukünftigen Standortplanung und im täglichen Betrieb viel stetiger berücksichtigen. Eine im März 2026 veröffentlichte Studie unter Beteiligung der University of Cambridge beziffert diesen lokalen Wärmeinsel-Effekt von KI-Rechenzentren im Durchschnitt auf rund zwei Grad Celsius. In Extremfällen wurden sogar lokale Temperaturanstiege von bis zu 9,1 Grad Celsius gemessen. Weltweit könnten schätzungsweise mehr als 340 Millionen Menschen von diesem sogenannten Data Heat Island Effect direkt betroffen sein.

Dennoch sind hitzebedingte Ausfälle kein unvermeidbares Schicksal. Betreiber, die Kühlsysteme, Notstromversorgung und Betriebsabläufe frühzeitig auf Extremwetter ausrichten, können die betrieblichen Risiken maßgeblich senken. Dazu gehört neben einer vorausschauenden Standort- und Technikplanung auch das Festlegen von klaren Notfallmaßnahmen für anhaltende Hitzewellen.

Bestehende Kühlsysteme stoßen bei Extremhitze deutlich schneller an ihre Grenzen als lange Zeit angenommen. Forschende von Google und der University of Pennsylvania zeigen in ihrer Studie Prometheus, dass Rechenzentren ihre Kühlkapazität bis zum Jahr 2044 im Durchschnitt um elf Prozent erhöhen müssen, um das heutige Sicherheits- und Ausfallniveau aufrechtzuerhalten. An besonders gefährdeten Standorten kann dieser zusätzliche Kühlbedarf sogar bis zu 48 Prozent betragen. Das Forschungsteam verknüpfte dafür historische Daten mit detaillierten Klimasimulationen. Für Betreiber ist es deshalb unerlässlich, genau zu prüfen, welche Außentemperaturen die verbauten Kühlanlagen verkraften und wie sich mehrtägige Hitzeperioden auf vorhandene Reserven auswirken.

Bei der technischen Auslegung der Kühlung zählt vor allem der Blick in die Zukunft. Betreiber sollten deshalb auf moderne Prognosesimulationen wie die Extreme Annual Design Conditions von ASHRAE Meteo setzen. Basierend auf den Daten aus dem Jahr 2025 empfiehlt es sich, die erwarteten Extremtemperaturen der kommenden 20 Jahre einzuplanen und zusätzlich einen Sicherheitspuffer von vier Kelvin hinzuzurechnen. Da Hitzewellen künftig intensiver ausfallen, länger andauern und häufiger auftreten, werden kommende Prognosen vermutlich noch höhere Werte ansetzen müssen.

Neben den reinen IT-Systemen müssen auch die Notstromanlagen auf künftige Hitzeextreme vorbereitet werden. Fällt die Kühlung der Notstrom aggregate aus, können diese das Rechenzentrum bei Netzstörungen nicht mehr zuverlässig mit Energie versorgen, womit der gesamte Standort gefährdet ist.

Auch organisatorisch lässt sich der Hitzeentwicklung entgegenwirken. Nicht jede rechenintensive Aufgabe muss zwingend bei nachmittäglichen Höchsttemperaturen verarbeitet werden. Routineprozesse wie Backups, umfangreiche Datenanalysen oder große Datenmigrationen lassen sich problemlos in die kühleren Nachtstunden verschieben. Das entlastet die Kühlung in Momenten, in denen die Reserven knapp sind. Fällt ein Kühlsystem aus, muss zudem ein Redundanzsystem ohne Zeitverlust übernehmen. Die Notstromversorgung muss dabei immer auch die Kühlung absichern, da sie den Ausfall andernfalls nur um wenige Minuten verzögert. Bei Störungen im öffentlichen Stromnetz bieten lokale Microgrids mit eigenen Energiequellen und Speichern eine Möglichkeit, kritische Anlagen unterbrechungsfrei weiterzubetreiben.

Erreichen einzelne Serverschränke Leistungsdichten von 50 Kilowatt und mehr, stößt die klassische Luftkühlung an ihre physikalischen Grenzen. Viele ältere Rechenzentren wurden ursprünglich für deutlich geringere Werte von fünf bis zehn Kilowatt pro Rack konzipiert. KI-Anwendungen treiben diese Anforderungen nun drastisch nach oben. Da Wasser wesentlich mehr Wärme aufnehmen und transportieren kann als Luft, setzen Betreiber bei hohen Leistungsdichten vermehrt auf wasserbasierte Systeme. Bei moderaten Lasten bleibt die Luftkühlung zwar die wirtschaftlichere Option, hybride Systeme ermöglichen jedoch die schrittweise Umstellung besonders fordernder Serverbereiche auf Flüssigkeitskühlung.

Zusätzlicher Druck entsteht durch den Gesetzgeber. Für Rechenzentren, die seit Juli 2026 neu in Betrieb gehen, verschärft das Energieeffizienzgesetz die Vorgaben deutlich. Als zentraler Maßstab dient die Power Usage Effectiveness (PUE), die den Gesamtenergieverbrauch ins Verhältnis zum reinen Strombedarf der IT-Hardware setzt. Ein PUE-Wert von 1,2 bedeutet, dass auf 100 Kilowattstunden IT-Strom maximal 20 Kilowattstunden für Kühlung und Infrastruktur entfallen dürfen. Neue Anlagen dürfen diesen Wert von 1,2 nicht mehr überschreiten. Bestehende Rechenzentren müssen bis Juli 2030 einen PUE-Wert von maximal 1,3 erreichen. Effiziente Kühlkonzepte sind damit längst eine gesetzliche Pflicht. Zugleich wird derzeit intensiv über eine Novellierung des Energieeffizienzgesetzes diskutiert, die in den kommenden Monaten zu einer weiteren Verschiebung von Grenzwerten führen könnte.

Bei der Wahl von wasserbasierten Kühlsystemen muss allerdings auch die regionale Wasserverfügbarkeit berücksichtigt werden. In Gebieten mit schwindenden Wasserressourcen kann der Wasserverbrauch der Kühlung selbst zum Betriebsrisiko werden. Geschlossene Kühlkreisläufe schaffen hier Abhilfe, da das Kühlmittel dauerhaft zirkuliert und nach der Erstbefüllung im laufenden Betrieb kaum Frischwasser benötigt. Besonders gefährdet bei extremer Hitze sind im Übrigen selten die großen, hochprofessionellen Data Center, sondern vielmehr dezentrale Serverräume in Unternehmen, die häufig ohne ausreichend dimensionierte Klimatechnik in ehemaligen Keller- oder Technikräumen betrieben werden.

Dass Hitzewellen schon heute zu realen Ausfällen führen, bewies der Sommer 2022 in Großbritannien. Als die Temperaturen in London erstmals die Marke von 40 Grad Celsius überschritten, fielen in einem Google-Cloud-Rechenzentrum mehrere Kühlsysteme gleichzeitig aus, woraufhin Server zum Schutz vor Schäden heruntergefahren werden mussten. Auch ein Oracle-Rechenzentrum im Süden Londons war betroffen und verzeichnete nach dem Ausfall der überlasteten Kühlaggregate einen rund 19-stündigen Ausfall, der weltweite Cloud-Dienste beeinträchtigte.

In Deutschland kam es während der Rekordhitze im Juni 2026 nach Angaben der German Datacenter Association zwar noch nicht zu flächendeckenden Ausfällen. Der Branchenverband schließt gezielte Abschaltungen als letztes Mittel bei zusammentreffenden technischen Störungen und Energieengpässen jedoch nicht mehr aus.

Stefan Krempl

Samstag, 18. Juli 2026

Australien plant weltweit erstes Gesetz für grüne Rechenzentren

Der australische Premierminister Albanese kündigt strenge Umwelt- und Urheberrechtsauflagen für Künstliche Intelligenz an. Großprojekte müssen eigenen Strom erzeugen.


Während die USA und Europa zunehmend mit dem enormen Ressourcenhunger und den gesellschaftlichen Folgen der Künstlichen Intelligenz ringen, prescht Australien mit einem weltweit einmaligen Gesetzesvorhaben vor. Die Regierung unter Premierminister Anthony Albanese will den rasant wachsenden Sektor in geordnete Bahnen lenken und hat ein umfassendes Regelwerk angekündigt.


Kern der skizierten „Australian Standards for AI“ ist eine strikte Kopplung des digitalen Booms an den Klimaschutz und die Wahrung von Urheberrechten. Damit reagiert das Land auf das enorme Interesse globaler Tech-Konzerne, die in den vergangenen Monaten verstärkt Niederlassungen und Investitionen auf dem Kontinent angekündigt haben. Australien lockt die Branche vor allem durch seine geografische Größe und das enorme Potenzial an erneuerbaren Energien. Doch die Politik will den Wildwuchs stoppen, bevor er die nationale Infrastruktur gefährdet.

Das geplante Regelwerk soll vor allem dort eingreifen, wo der Betrieb von KI die größten physischen Spuren hinterlässt: beim Energie- und Wasserverbrauch. Große Rechenzentren, die für das Training und den Betrieb von KI-Modellen unerlässlich sind, sollen künftig gesetzlich dazu verpflichtet werden, so viel sauberen Strom selbst zu erzeugen, wie sie verbrauchen. Die Betreiber müssten so die Kosten für den Netzanlass vollständig selbst tragen, um zu verhindern, dass die Strompreise für die normale Bevölkerung steigen.

Zudem sieht der Gesetzentwurf vor, dass Rechenzentren in Phasen hoher Netzbelastung ihre Leistung drosseln müssen, um die Stabilität des Stromnetzes zu gewährleisten. Auch beim Wasserverbrauch zur Kühlung der Serverfarmen werden den Unternehmen strenge Effizienzauflagen gemacht. Um eine Zersiedelung zu verhindern und lokale Gemeinschaften zu schützen, will die Bundesregierung in Canberra eng mit den Bundesstaaten und Territorien zusammenarbeiten, damit neue Standorte nur in dafür geeigneten Regionen entstehen.

Neben den ökologischen Leitplanken nimmt die australische Regierung auch den Schutz von Kulturschaffenden und Medienunternehmen in den Fokus. Kreative wie Autoren, Musiker, Journalisten und bildende Künstler sollen die volle Kontrolle über den Wert und den Preis ihrer Werke behalten, wenn diese für das Training von KI-Systemen genutzt werden. Premierminister Anthony Albanese hebt hervor, dass jede Nutzung ohne die explizite Kontrolle und Zustimmung der Urheber schlicht Diebstahl sei. Bisher habe kein Land weltweit diese Herausforderung zufriedenstellend gelöst, weshalb Australien nun vorangehen wolle.

Die Maßnahmen sollen sicherstellen, dass immaterielles Eigentum nicht zugunsten internationaler Tech-Giganten ausgebeutet wird. In den kommenden Wochen will die Regierung weitere Prioritäten für die Verbrauchersicherheit im KI-Bereich vorstellen, wobei das kürzlich gegründete KI-Sicherheitsinstitut eine zentrale Rolle spielen dürfte.

Die Umsetzung der ehrgeizigen Pläne hat bereits begonnen. Ab sofort wird ein neues „Office of AI“ direkt im Ministerium des Premierministers die Implementierung der Standards auf nationaler Ebene koordinieren und beschleunigen. Der Zeitplan ist ambitioniert, denn bereits im August soll das Konzept im nationalen Kabinett beraten werden, gefolgt von der Einbringung der entsprechenden Gesetzgebung Anfang des kommenden Jahres.

Die Regierung verspricht sich von klaren Vorgaben nicht nur den Schutz von Umwelt und Kultur, sondern auch mehr Planungssicherheit für Investoren, Für den zuständigen Industrieminister Tim Ayres und den Digitalstaatssekretär Andrew Charlton geht es bei dem Vorhaben um nichts Geringeres als die technologische Souveränität des Landes. Das Ziel sei ein nachhaltiges, inklusives Wachstum, bei dem die Gewinne der technologischen Entwicklung der gesamten Gemeinschaft zugutekommen und nicht auf Kosten der Lebensqualität der Australier gehen.

Stefan Krempl

Dienstag, 2. Juni 2026

KI-Boom in der EU: Tech-Riesen müssen Abwärme nutzen und Ökostrom finanzieren

EU-Energiekommissar Dan Jørgensen fordert strikte Nachhaltigkeit von Rechenzentren. Sonst drohten steigende Strompreise und gesellschaftlicher Widerstand.

Der weltweite Boom der Künstlichen Intelligenz stellt die EU vor ein Dilemma. Einerseits will und muss die Staatengemeinschaft technologisch den Anschluss an die USA und China halten. Andererseits droht der immense Energiehunger der dafür notwendigen Rechenzentren die ambitionierten Klimaziele zu torpedieren. In einem Interview mit Politico hat EU-Energiekommissar Dan Jørgensen nun klargestellt, dass Tech-Konzerne in Europa willkommen seien. Sie müssten sich aber bedingungslos den europäischen Energie-, Klima- und Umweltzielen unterordnen. Ein reines Abgreifen von Marktanteilen ohne ökologische Gegenleistung werde es nicht geben. Nachhaltigkeit müsse von den Betreibern als geschäftlicher Vorteil und nicht als Bürde verstanden werden, forderte der dänische Politiker.

Die Dimensionen der Herausforderung sind gewaltig. Der Ausbau von KI-Modellen wie ChatGPT, Claude oder dem chinesischen Doubau von ByteDance erfordert eine Infrastruktur von bisher ungeahntem Ausmaß. Jørgensen prognostiziert, dass sich der Energieverbrauch von Rechenzentren in Europa im kommenden Jahrzehnt verdoppeln, wenn nicht sogar noch stärker erhöhen könnte. Diese Entwicklung trifft die EU in einer kritischen Phase. Die Kommission kämpft bereits damit, genügend sauberen Strom bereitzustellen, um die Industrie, den Verkehrssektor und die Wärmeversorgung von fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas auf Strom umzustellen. Der zusätzliche, massive Strombedarf der Tech-Giganten verschärft diese ohnehin angespannte Situation drastisch und droht die Netze zu überlasten.

Besonders im Fokus der Kritik steht die bisherige Verschwendung von Ressourcen. Die Rechenwerke der Serverfarmen erzeugen gewaltige Mengen an heißer Luft, die derzeit meist ungenutzt in die Atmosphäre geblasen wird. Gleichzeitig werden Unmengen an Wasser für die Kühlung verbraucht. Jørgensen nannte in diesem Zusammenhang konkrete Zahlen, um das Ausmaß der Ineffizienz zu verdeutlichen: Würde man europaweit nur die Hälfte der derzeit ungenutzten Abwärme aus Rechenzentren konsequent in Fernwärmenetze einspeisen, könnten damit auf einen Schlag vier Millionen europäische Haushalte beheizt werden. Dass diese Potenziale brachliegen, bezeichnete der Kommissar als inakzeptabel. Die Betreiber müssten endlich tragfähige Konzepte zur Abwärmenutzung vorlegen und umsetzen, um einen echten Beitrag zur lokalen Wärmeversorgung zu leisten.

Wie real die Gefahren für die Verbraucher und die Infrastruktur sind, zeigt das Beispiel Irland. Das Land hat sich frühzeitig als europäischer Knotenpunkt für Tech-Riesen wie Amazon, Microsoft und Google positioniert. Inzwischen verbrauchen Rechenzentren dort mehr als 20 Prozent des gesamten Stroms – der weltweit höchste Pro-Kopf-Anteil. Ein aktueller Bericht von Umweltorganisationen warnt bereits vor den wirtschaftlichen Folgen: Der ungebremste Boom habe die Kosten für die Stromrechnungen privater Haushalte spürbar in die Höhe getrieben. Jørgensen warnte eindringlich vor einer solchen Entwicklung auf europäischer Ebene. Sollte die Expansion der Tech-Branche zu steigenden Energiepreisen für die Bürger oder zu höheren CO2-Emissionen führen, drohe ein massiver politischer und gesellschaftlicher Widerstand gegen die Technologiekonzerne.

Um die Ansiedlung sauberer zu steuern, arbeitet die Kommission derzeit an einem Nachhaltigkeitszertifikat für Rechenzentren. Dieses Label soll Anlagen auf Basis ihrer Energieeffizienz, dem Wasserverbrauch und der Wiederverwendung von Abwärme bewerten. Der erste Verordnungsentwurf stieß aber auf heftige Kritik von Industrie und Mitgliedstaaten, da er erneuerbare Energien bevorzugte und die Kernkraft ausschloss. Jørgensen signalisiert hier Kompromissbereitschaft. Er hebt hervor, dass die Kommission das Prinzip der Technologieneutralität wahre. Im Transformationsprozess erwarte sie von den Unternehmen die Unterstützung sowohl durch erneuerbare Energien als auch durch Kernkraft. Dass strengere Umweltregeln Investitionen abschrecken könnten, wies er zurück: Europas Green Deal und die KI-Ambitionen seien keineswegs unvereinbar.

Ein weiteres Problem ist der akute Mangel an verlässlichen Daten. Bislang tappt die Kommission weitgehend im Dunkeln, was den tatsächlichen Energieverbrauch der Branche angeht. Obwohl EU-Regeln die Betreiber zur Offenlegung ihrer Effizienzdaten verpflichten, kamen dieser Pflicht laut internen Berichten bislang nur magere 36 Prozent der Rechenzentren nach. Jørgensen fordert daher mehr Transparenz von den Tech-Unternehmen. Es liege auch in deren eigenem Interesse zu beweisen, dass sie Teil der Lösung der Energiewende sein können und nicht nur als zusätzliches Problem wahrgenommen werden.

Ob die Konzerne künftig direkt für den Ausbau und die Finanzierung der von ihnen beanspruchten Energienetze zur Kasse gebeten werden, überlässt die Kommission den nationalen Regierungen der Mitgliedstaaten, sieht die riesigen Energieverbraucher jedoch in der Pflicht, als Treiber des Marktes den grünen Wandel aktiv mitzufinanzieren.

Stefan Krempl

Dienstag, 12. Mai 2026

Rote Linien für Big Tech: Greenpeace fordert Ethik-Kodex für Cloud-Riesen

Angesichts des massiven Ausbaus von Rechenzentren verlangt Greenpeace von AWS, Microsoft und Google eine Selbstverpflichtung gegen Umweltzerstörung und Überwachung.

Die digitale Infrastruktur ist das Nervensystem der modernen Welt, doch hinter den glänzenden Fassaden der Cloud-Giganten verbergen sich oft düstere Allianzen. Während Konzerne wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft und Google ihre Marktposition zementieren, dienen ihre Serverkapazitäten nicht selten als technologisches Rückgrat für Branchen, die den Planeten an seine Belastungsgrenzen führen.

Mit einer neuen "Ethik-Richtlinie für Anbieter kritischer digitaler Infrastruktur" erhöht Greenpeace nun den Druck auf die Branche. Die Umweltschutzorganisation fordert, dass die "Wegbereiter der modernen Welt" endlich Verantwortung für ihre gesellschaftliche Rolle übernehmen und klare rote Linien ziehen.

Kernproblem ist die vermeintliche Neutralität der Technik. Cloud-Anbieter stellen Rechenpower und Speicherplatz bereit. Doch wer diese Ressourcen wofür nutzt, bleibt bislang weitgehend dem Markt überlassen. Greenpeace-Expertin Linda Klapdor findet dafür deutliche Worte: Big Tech mache sich mit fossiler Expansion, der Abholzung von Regenwäldern und Massenüberwachung die Taschen voll. Wer die digitale Zukunft bauen wolle, müsse die Zerstörung der Gegenwart konsequent von seinen Servern verbannen. Die Richtlinie ist dabei als direkt unterschriftsreife Selbstverpflichtung konzipiert, die abstrakte moralische Werte in eine operative Realität übersetzen soll.

Greenpeace zieht eine strukturelle Parallele zum Finanzsektor. So wie Banken über Kredite entscheiden, welche Projekte realisiert werden, entscheiden Cloud-Anbieter über die Effizienz und Skalierbarkeit von Geschäftsmodellen. Im Finanzwesen sind ökologische und soziale Ausschlusskriterien, etwa in den UN Principles for Responsible Investment, längst etabliert. Viele Institute finanzieren keine Streumunition oder Regenwaldabholzung mehr. Genau diese "bewährten Prinzipien" sollen nun auf die Anbieter von Cloud-Services übertragen werden. Es geht darum, Unternehmen den digitalen Saft abzudrehen, wenn deren Handeln das Gemeinwohl gefährdet.

Die Verbotsliste: Von Öl bis Deepfakes

Die Richtlinie definiert präzise Ausschlusskriterien für die Nutzung der Infrastruktur. Ein prominenter Punkt ist der Bereich fossile Brennstoffe. Cloud-Dienste sollen für Kohleförderer mit Expansionsplänen sowie für Öl- und Gasunternehmen, die neue Reserven erschließen oder Fracking betreiben, tabu sein. Auch die Rüstungsindustrie gerät ins Visier: Die Entwicklung und der Einsatz von Letalen Autonomen Waffensystemen (LAWS) alias Killer-Robotern, die ohne menschliche Kontrolle Ziele auswählen, sowie die operative Planung kinetischer Angriffe über die Cloud werden strikt abgelehnt.

Besonders aktuell sind die Forderungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) und Überwachung. Die Richtlinie orientiert sich hier am AI Act und untersagt Anwendungen mit "unannehmbarem Risiko". Dazu zählen etwa biometrisches Scraping zur Gesichtserkennung, Predictive Policing oder manipulative Techniken, die menschliches Verhalten schädlich beeinflussen. Auch der Schutz der Demokratie spielt eine Rolle: Wer Deepfakes erstellt, um Wahlen zu manipulieren, oder die freiheitlich-demokratische Grundordnung zersetzen will, soll keinen Zugang mehr zu kritischer IT-Infrastruktur erhalten.

Ökologische Sorgfaltspflicht und faire Ketten

Neben der Kundenauswahl nimmt die Richtlinie die eigene Betriebsweise der Tech-Konzerne in die Pflicht. Angesichts des enormen Ressourcenverbrauchs verlangt Greenpeace, dass neue Rechenkapazitäten ausschließlich mit echtem Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden – wobei bloße Zertifikate für Grünstrom nicht ausreichen. Zudem sollen Anbieter verpflichtet werden, mindestens 25 Prozent ihrer Abwärme weiterzuverwerten und auf den Einsatz von Trinkwasser zur Kühlung in wasserarmen Regionen zu verzichten.

Die Verantwortung endet aber nicht an der Tür des Rechenzentrums. Die Hardware-Lieferketten vom Bergbau bis zur Fertigung müssen transparent gemacht und auf Menschenrechtsverstöße geprüft werden. Auch für die oft unsichtbaren "Clickworker", die Daten für KI-Systeme aufbereiten, fordert die Selbstverpflichtung faire Löhne und den Schutz vor moderner Sklaverei.

Relevanz für den Standort Deutschland

Die Veröffentlichung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz verfolgt ambitionierte Ziele für den digitalen Standort Deutschland. Erst im März beschloss die Exekutive, die Kapazitäten für Rechenzentren bis 2030 zu verdoppeln. Cie Anschlussleistung für Cloud-Computing und KI soll sich sogar vervierfachen. Parallel dazu fließen Milliarden: Allein AWS plant Investitionen von 7,8 Milliarden Euro in Deutschland. Auch Google und Microsoft bauen ihre Standorte massiv aus.

In diesem Kontext warnen Kritiker davor, dass der technologische Fortschritt ohne ethische Leitplanken zu Lasten der Umwelt und sozialer Standards gehen könnte. Die Forderung nach digitaler Souveränität, die Merz gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron als europäisches Ziel ausgegeben hat, muss laut Greenpeace zwingend mit ethischen Mindeststandards verknüpft werden. Nur so könne technologischer Fortschritt langfristig zum echten Wettbewerbsvorteil werden, der dem Gemeinwohl dient.

Um die Einhaltung der ambitionierten Regeln sicherzustellen, schlägt Greenpeace die Einberufung eines unabhängigen, externen Ethik-Rats vor. Dieser soll Empfehlungen zur Beendigung der Zusammenarbeit mit kritischen Kunden veröffentlichen. Zudem sollen Ingenieure das vertraglich zugesicherte Recht erhalten, die Arbeit an Projekten zu verweigern, die gegen den Kodex verstoßen – ohne berufliche Nachteile fürchten zu müssen. Es ist ein weitreichender Entwurf, der Big-Tech-Unternehmen vor die Wahl stellt: Bleiben sie "Technologie-Vermieter" oder werden sie zu verantwortungsvollen Akteuren einer demokratischen Zukunft?

Stefan Krempl

Sonntag, 3. Mai 2026

KI-Infrastruktur: Warum Deutschlands Netzanschluss jetzt smart werden muss

Hocheffiziente Rechenzentren sind das Rückgrat der digitalen Souveränität. Der VDE zeigt Wege auf, wie Deutschland trotz Netzengpässen bei KI mithalten kann.

Die digitale Landkarte Deutschlands füllt sich zusehends. 2025 verzeichnete die Bundesrepublik bereits über 1600 unternehmenseigene Rechenzentren sowie mehr als 300 Standorte von Drittanbietern, sogenannte Colocation-Zentren. Giganten wie Digital Reality in Fechenheim mit einer IT-Leistung von 140 MW befinden sich in der Fertigstellung. Doch während der Hunger nach Rechenleistung für generative Künstliche Intelligenz massiv steigt, stößt die Infrastruktur an ihre Grenzen. Eine Analyse der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE (VDE ITG) warnt nun davor, im globalen Wettbewerb ins Hintertreffen zu geraten. Nötig seien mutige, technologieoffene Lösungen für den Netzanschluss der Zukunft.

Damian Dudek, Geschäftsführer der VDE ITG und Co-Autor des Papiers, unterstreicht die Dringlichkeit: Deutschland brauche jetzt clevere Konzepte, um die technologische Unabhängigkeit bei Computing-Ressourcen und Datenspeichern zu sichern. Ein Blick über den Atlantik verdeutlicht die Dimensionen: In den USA entstehen Hyperscale-Projekte mit gigantischem Energiebedarf, die oft durch den Bau neuer Gaskraftwerke direkt am Standort realisiert werden. In Deutschland hingegen, mit seiner hohen Besiedlungsdichte und einem komplexen, auf Erneuerbare ausgerichteten Stromnetz, ist eine simple Kopie dieses „Bulk-Power-Systems“ weder möglich noch erstrebenswert.

Stattdessen setzen die Verfasser des VDE-Papiers auf Effizienz als strategischen Vorteil. Aktuell entfallen rund 60 Prozent der Primärenergie in Rechenzentren auf das eigentliche Computing, während ein erheblicher Teil für die Kühlung aufgewendet werden muss. Hier liegt ein gewaltiger Hebel: Moderne High-Performance Computing Rechenzentren weisen einen bis zu viermal höheren Energiebedarf als klassische Cloud-Standorte auf, steigern die Recheneffizienz durch spezialisierte Hardware aber um ein Vielfaches mehr. Werden zudem KI-gestützte Betriebsstrategien zur Optimierung von Kühlkreisläufen genutzt, lassen sich Wirkungsgrade erzielen, die weit über konventionelle Planungen hinausgehen. Ziel ist das „Five-Nines-Konzept“: Eine Verfügbarkeit von 99,999 Prozent, die durch redundante elektrotechnische Infrastrukturen und vorausschauende Instandhaltung garantiert wird.

Die größte Hürde bleibt der physikalische Anschluss an das Netz. In Ballungsräumen wie Frankfurt am Main sind die Kapazitäten so erschöpft, dass große Neuanschlüsse laut dem Versorger Mainova teils erst ab Mitte der 2030er Jahre realisierbar sind. Netzbetreiber mussten bereits zugesicherte Leistungen zurücknehmen und Projekte in Warteschleifen schicken. Die Experten schlagen daher eine geografische Diversifizierung vor: Mittelgroße Städte rücken in den Fokus, da dort die seit 2026 gesetzlich geforderte Abwärmenutzung – etwa über kommunale Nahwärmenetze – deutlich leichter umzusetzen ist als in überlasteten Metropolen.

Zudem plädiert der VDE für eine intelligente Systemintegration. Rechenzentren sollten nicht nur als reine Verbraucher, sondern als aktive Netzteilnehmer agieren. Durch zeitliche Lastverschiebung ließen sich rechenintensive Prozesse wie das Training großer Sprachmodelle gezielt in Zeiten hoher Verfügbarkeit von Wind- oder Sonnenstrom legen. Installierte Batteriekapazitäten und Generatoren könnten zudem netzdienlich eingesetzt werden, um Spitzen im Stromnetz zu kompensieren. Dieser präzise, planbare Ansatz der dynamischen Laststeuerung unterscheidet den deutschen Weg von der US-Strategie der Überdimensionierung. Letztlich ist dies auch ein Appell an die Politik: Nur wenn die Regulierung mit der technologischen Dynamik Schritt hält, kann die Vision einer „KI made in Germany“ Wirklichkeit werden.

Stefan Krempl

Freitag, 17. April 2026

800-Millionen-Euro-Rätsel: Deutschlands vager Plan für die KI-Gigafabrik

Berlin will das europäische Super-Rechenzentrum erzwingen. Doch während Milliarden auf dem Spiel stehen, verweigert die Regierung konkrete Antworten zu Kosten und Nutzen.

Die Vision ist gewaltig: Bis zu fünf sogenannte KI-Gigafabriken will die EU-Kommission über den Kontinent verteilen. Es handelt sich dabei um Rechenzentren einer völlig neuen Dimension, bestückt mit mehr als 100.000 spezialisierten Hochleistungsprozessoren (GPUs). Sie sollen in der Lage sein, die nächste Generation großskaliger KI-Modelle zu trainieren. Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, mindestens eine dieser Gigafabriken nach Deutschland zu holen. Doch eine aktuelle Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion lässt viele Fragen offen. Die Exekutive vermarktet das Projekt demnach weiter als zentralen Baustein der technologischen Souveränität. Opposition und Experten werfen dagegen kritische Fragen nach der wirtschaftlichen Vernunft und der konkreten Umsetzung auf.

Die Federführung für das Mammutprojekt liegt beim Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unter Einbindung des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS). Doch die Umsetzung gerät ins Stocken: Nachdem der Start des Bewerbungsverfahrens ursprünglich für Ende 2025 geplant war und zuletzt der Februar 2026 anvisiert wurde, verzögert sich die Ausschreibung weiter auf frühestens Mai oder Juni 2026. Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) sieht die Ursache dafür in Brüssel. Zwar sei der deutsche Finanzierungsanteil gesichert, erklärte sie gegenüber Politico, doch herrsche Unklarheit darüber, ob das Projekt auf europäischer Ebene bereits durchfinanziert sei.

Brisant ist die finanzielle Dimension. Die Kommission schätzt die Investitionskosten pro Fabrik auf vier bis fünf Milliarden Euro. Im deutschen Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität sind 805 Millionen Euro als Vorsorge für einen staatlichen Finanzierungsbeitrag reserviert. Das aktuelle Problem liegt jedoch im EU-Haushalt, der nur bis 2027 läuft. Brüssel arbeitet daher offenbar an einem zweistufigen Finanzierungsmodell: In einer ersten Phase sollen jeweils 200 Millionen Euro von der EU und dem Mitgliedstaat fließen, gefolgt von jeweils 600 Millionen Euro ab dem Jahr 2028. Ob diese Mittel im nächsten EU-Haushalt tatsächlich gesichert werden können, gilt derzeit aber als unsicher.

Bislang sieht das Modell vor, dass die EU bis zu 17 Prozent der Kosten übernimmt oder Rechenleistung im entsprechenden Wert abkauft, sofern der Sitzstaat einen mindestens ebenso hohen Beitrag leistet. Die Linksfraktion kritisiert in ihrer Auswertung scharf, dass die Regierung dennoch keine eigenen Schätzungen zu den Betriebskosten oder zum Umgang mit künftigen Kostensteigerungen vorlegt. Es drohe ein Szenario, in dem der Staat bei finanziellen Schieflagen am Ende das Risiko allein tragen müsse.

Auch in Sachen Nachhaltigkeit bleibt die Strategie vage. Die Bundesregierung sieht im Umweltzeichen „Blauer Engel“ lediglich eine Orientierungshilfe, will aber keine verbindliche Zertifizierung vorschreiben. Ähnlich verhält es sich bei der technischen Souveränität: Während oft gefordert wird, europäische Technologie zu integrieren, überlässt die Regierung die Hardware-Auswahl faktisch den privaten Betreibern und verweist auf die noch zu verhandelnden EU-Auswahlkriterien.

Die Kritik der Linken ist fundamental. Die Abgeordnete Sonja Lemke spricht von „Planlosigkeit“ und wirft der Exekutive vor, sich in eine Sackgasse manövriert zu haben. Sie wolle eine Fabrik, ohne genau zu wissen, welche Bedarfe sie decken soll oder wie das Geschäftsmodell aussieht. Eine Abfrage bei den Bundesländern nach deren Bedarf an Rechenleistung blieb dem Vernehmen nach hinter den Erwartungen zurück. Vorerst bleibt das Projekt eine gigantische Wette auf die Zukunft, bei der die Bundesregierung zwar den Einsatz erhöht, die entscheidenden Karten in Brüssel aber noch nicht auf dem Tisch liegen.

Stefan Krempl

Montag, 30. März 2026

Effizienz am Limit: Wie die Tech-Lobby das deutsche Klimagesetz umschreibt

Geleakte Entwürfe zeigen, wie das Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche zentrale Energiesparvorgaben für Rechenzentren nach den Wünschen von Big Tech aufweicht.

Hinter den Türen des Bundeswirtschaftsministeriums spielt sich derzeit ein politisches Manöver ab, das die deutsche Energiewende teuer zu stehen kommen könnte. Während die Öffentlichkeit über Bürokratieabbau debattiert, arbeitet Ministerin Katherina Reiche an einer Novelle des Energieeffizienzgesetzes (EnEfG). Bisherige Entwürfe lesen sich Kritikern zufolge eher wie ein Wunschzettel der globalen Tech-Giganten als wie ein Instrument zum Klimaschutz.

Eine gemeinsame Recherche von LobbyControl, Campact und dem Umweltinstitut München legt offen, wie tiefgreifend Konzerne wie Google und Microsoft offensichtlich in die Federführung des Gesetzentwurfs eingegriffen haben sollen. Der Abgleich eines geleakten Referentenentwurfs aus dem Dezember 2025 mit internen Positionspapieren der Branche offenbart Übereinstimmungen, die bis in die Wortwahl hineinreichen.

Das seit 2023 bestehende Energieeffizienzgesetz gilt eigentlich als tragende Säule, um die Abhängigkeit von fossilen Importen zu brechen und die nationalen Klimaziele zu erreichen. Doch genau diese Verbindlichkeit soll nun fallen. Im Fokus stehen dabei vor allem die energieintensiven Rechenzentren, deren Hunger nach Strom durch den KI-Boom massiv ansteigt.

Der Entwurf sieht vor, die Anforderungen an die Abwärmenutzung und die Messung der Effizienz derart zu lockern, dass sie in der Praxis kaum noch Wirkung entfalten dürften. Auffällig ist die Einführung einer Fünf-Kilometer-Grenze: Eine Pflicht zur Abwärmenutzung soll demnach entfallen, wenn im Umkreis von fünf Kilometern kein wirtschaftlich zumutbarer Anschluss an ein Wärmenetz besteht. Diese spezifische Distanz sowie die Forderung nach einer rein subjektiven Kosten-Nutzen-Analyse finden sich nahezu identisch in einem Strategiepapier von Microsoft wieder.

Noch gravierender wiegt die geplante Einführung des sogenannten Design-PUE (Power Usage Effectiveness). Bisher orientierten sich die Vorgaben an der tatsächlichen Effizienz im laufenden Betrieb. Künftig soll es genügen, wenn ein Rechenzentrum in der Theorie – bei einer angenommenen Auslastung von 80 Prozent – die Werte erreicht. Ob diese Auslastung in der Realität jemals erzielt wird, spielt für die gesetzliche Konformität dann keine Rolle mehr.

Diese 80-Prozent-Marke ist kein Zufallsprodukt der Ministerialbeamten: Sie findet sich als Kernforderung in den Papieren der German Datacenter Association, des Bitkom sowie des Betreibers Vantage Data Centers. Kritiker warnen, dass damit hocheffiziente Anlagen auf dem Papier entstehen, die in der Praxis weiterhin massiv Energie verschwenden.

Dieses Vorgehen fügt sich in eine politische Strategie ein, die Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zuletzt immer deutlicher formulierte. Erst kürzlich stellte sie auf einer Energiekonferenz in Houston das EU-Klimaziel für das Jahr 2050 offen infrage.

Flankiert wird dieser Kurs durch fragwürdige Zahlenkommunikation: So behauptete die Ministerin öffentlich, für ungenutzten Strom aus erneuerbaren Energien würden jährlich rund drei Milliarden Euro gezahlt – eine Summe, die laut Daten aus ihrem eigenen Haus tatsächlich bei weniger als einem Sechstel dieses Wertes liegt. Solche Narrative dienen offenbar dazu, den Widerstand gegen den Ausbau der Erneuerbaren zu schüren und die Bindung an Gas-Infrastrukturen zu rechtfertigen.

Die Verflechtung zwischen Ministerium und Lobby scheint dabei weit zurückzureichen. Schon während der Koalitionsverhandlungen intervenierte Google erfolgreich per E-Mail, um Passagen zur netzorientierten Ansiedlung von Rechenzentren zu verhindern. Dass die eigentliche Substanz der nun geplanten Deregulierung im EnEfG versteckt wurde, während die offizielle Rechenzentrumsstrategie des Digitalministeriums diese Punkte weitgehend aussparte, deutet auf ein gezieltes Ablenkungsmanöver hin.

Wenn das Kabinett voraussichtlich im April über die Novelle entscheidet, steht mehr auf dem Spiel als technische Details. Es geht um die Frage, ob deutsche Klimagesetze in Berlin oder in den Zentralen des Silicon Valley geschrieben werden. Über 665.000 Menschen haben bereits einen Appell unterzeichnet, um diesen Ausverkauf der Energiewende zu stoppen.

Stefan Krempl