Ein EU-Projekt unter Leitung des Fraunhofer IZM schrumpft das Ladegerät im Auto auf ein Drittel der Größe – für mehr Platz, weniger Gewicht und günstigere Preise.
Die Verkehrswende in der EU steht vor einer gewaltigen Herausforderung. Da der Sektor für rund 28 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist und der Löwenanteil davon auf die Straße entfällt, führt an der Elektromobilität kein Weg vorbei. Doch damit E-Autos massentauglich werden, müssen sie nicht nur klimafreundlich, sondern auch leistungsstark und vor allem bezahlbar sein. Ein oft unterschätzter Flaschenhals in dieser Gleichung ist der Onboard-Charger (OBC).
Dieses im Fahrzeug fest verbaute Ladegerät ist dafür zuständig, den Wechselstrom aus der Steckdose oder der Wallbox in die Energie umzuwandeln, die die Batterie speichern kann. Aktuelle Modelle stoßen hierbei jedoch an physikalische und ökonomische Grenzen. Das EU-geförderte Projekt HiPower 5.0 schickt sich nun an, diese Barrieren zu durchbrechen, wobei das Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) eine Schlüsselrolle bei der Systementwicklung übernimmt.
Bisherige Ladegeräte basieren meist auf klassischen Silizium-Chips. Diese Technologie ist zwar bewährt, lässt sich aber kaum noch weiter optimieren. Bei steigenden Ladeleistungen – etwa den im Projekt anvisierten 22 Kilowatt – führen diese Komponenten zu Effizienzproblemen. Energieverluste schlagen sich unmittelbar in Wärme nieder, die wiederum aufwendig weggekühlt werden muss. Das Resultat sind klobige, schwere Gehäuse, die wertvollen Platz im Motorraum beanspruchen. Aktuelle 22-kW-Ladesysteme nehmen oft ein Volumen von etwa zwölf Litern ein. In kleineren Fahrzeugklassen ist ein solcher Platzbedarf kaum zu rechtfertigen, weshalb schnelles Laden zu Hause dort oft ein teures Extra bleibt oder gar nicht erst angeboten wird.
Hier setzt die Arbeit des HiPower 5.0-Konsortiums an. Das Ziel ist nichts Geringeres als eine radikale Verkleinerung bei gleichzeitiger Leistungssteigerung. Die Forscher streben ein Volumen von lediglich vier Litern für die 22-kW-Klasse an. Das entspricht einer Reduktion auf ein Drittel des aktuellen Standards. Ermöglicht wird dieser Sprung durch den Einsatz neuartiger Gallium-Nitrid-Halbleiter (GaN), die vom Projektpartner Infineon stammen. Diese modernen Materialien können Strom deutlich schneller und verlustärmer schalten als herkömmliches Silizium. Das erlaubt die Verwendung viel kleinerer Bauteile im Inneren des Geräts.
Der technologische Clou liegt in der Kombination von Funktionen. Die im Projekt verwendeten Chips sind so konstruiert, dass ein einziges Bauteil die Arbeit von früher zwei getrennten Schaltern übernimmt. Das reduziert nicht nur die Anzahl der benötigten Teile, was die Kosten senkt und die Zuverlässigkeit erhöht, sondern eröffnet völlig neue Möglichkeiten beim Design der Elektronik. Ingenieure können nun Bauformen realisieren, die zuvor aufgrund technischer Einschränkungen unmöglich waren.
Doch ein neuer Wunder-Chip allein macht noch kein kompaktes Ladegerät. Die Expertise des IZM liegt darin, diese Komponenten in ein funktionierendes Gesamtsystem zu überführen. Ein wichtiges Verfahren dabei ist das sogenannte "Embedding". Anstatt Bauteile wie früher einfach nur auf eine Platine zu löten, werden elektronische Komponenten direkt in die Schichten der Leiterplatte integriert. Das verkürzt die Wege, die der Strom zurücklegen muss, reduziert Verluste und spart massiv Platz. Das System wird nicht mehr als Ansammlung einzelner Teile betrachtet, sondern von Beginn an als eine extrem kompakt verbaute Einheit geplant.
Das Potenzial dieser Ansätze hat das Fraunhofer IZM bereits mit einem Prototyp auf der Fachmesse PCIM Europe 2024 untermauert. Auch wenn jenes System noch ohne die allerneuesten Chip-Generationen auskam, zeigte es bereits, in welche Richtung die Reise geht. Mit dem nun gestarteten Projekt HiPower 5.0 wird diese Entwicklung auf eine neue Stufe gehoben. Dabei geht es um mehr als nur Technik: Es geht darum, dass Europa bei der Herstellung dieser wichtigen Komponenten unabhängig bleibt. Das Konsortium deckt die gesamte Kette ab, vom Chip-Entwickler über Zulieferer bis hin zu den großen Autoherstellern.
Das Projekt ist breit aufgestellt und umfasst Partner aus zehn europäischen Ländern. Neben Autos sollen die neuen Ladegeräte künftig auch in der Schifffahrt eingesetzt werden, wo effiziente Elektronik ebenfalls dringend benötigt wird. Insgesamt arbeiten 46 Partner an verschiedenen Lösungen für den Alltag. Gefördert wird das Vorhaben, das bis Juni 2028 läuft, mit insgesamt 33,7 Millionen Euro durch die EU und nationale Partner.
Allein das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt steuert über 5,7 Millionen Euro bei. Es ist eine Investition, die dafür sorgen könnte, dass das Ladegerät im Auto in Zukunft nicht mehr Platz wegnimmt als ein Schuhkarton, während es gleichzeitig dafür sorgt, dass E-Autos leichter, effizienter und für uns alle erschwinglicher werden.
Stefan Krempl