Montag, 4. Mai 2026

Grüne Welle für alle: Wie KI den Fußverkehr aus dem Schatten holt

Das DLR-Projekt LTSA+ zeigt in Potsdam, wie intelligente Ampeln Fußgänger automatisch erkennen und Wartezeiten verkürzen, während Berlin auf VeloFlow setzt.

In modernen Smart Cities scheint der Algorithmus bisher vor allem eine Sprache zu sprechen: die des Automobils. Intelligente Verkehrssteuerungen optimieren seit Jahren den Verkehrsfluss, senken Emissionen und halten Busse pünktlich. Doch wer zu Fuß unterwegs ist, blieb in dieser digitalen Gleichung oft eine unbekannte Variable. Ein neues Forschungsprojekt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) schickt sich nun an, das Machtgefüge an der Kreuzung nachhaltig zu verschieben.

Bisher war die Situation für Fußgänger an Kreuzungen meist reaktiv geprägt. Wer die Straßenseite wechseln wollte, musste den berühmten gelben Taster betätigen und auf ein programmiertes Zeitfenster warten. Das Projekt LTSA+, das das DLR gemeinsam mit dem Sensorspezialisten VITRONIC in den letzten zwei Jahren vorangetrieben hat, ersetzt dieses haptische Signal durch vorausschauende Intelligenz. Der „Local Traffic Safety Analyzer“ erkennt Menschen auf dem Gehweg bereits, bevor sie den Bordstein erreichen, und passt die Ampelphasen dynamisch an den tatsächlichen Bedarf an.

Das Herzstück des Systems bildet eine KI-gestützte Sensorplattform. Diese erfasst Verkehrsobjekte datenschutzkonform und klassifiziert sie in Echtzeit. Die Steuerung weiß also nicht nur, dass sich jemand der Kreuzung nähert, sondern auch, mit welcher Geschwindigkeit und in welche Richtung sich die Person bewegt. Für Tobias Hesse, Leiter des DLR-Instituts für Verkehrssystemtechnik, ist dies ein entscheidender Hebel für mehr soziale Gerechtigkeit im Straßenraum. Besonders langsame Verkehrsteilnehmer wie Senioren oder Kinder profitieren von automatisch verlängerten Grünphasen, die individuell auf ihre Gehzeit zugeschnitten sind.

Im Frühjahr 2026 wurde das System an einer belebten Kreuzung in Potsdam unter realen Bedingungen getestet. Die Forschenden weiteten die Erfassungsbereiche weit auf die Gehwege aus, sodass die KI eine Prognose über die Ankunft der Fußgänger erstellen konnte. Diese Daten fließen direkt in die Ampelsteuerung ein. Das Ergebnis ist eine Effizienzsteigerung, die paradoxerweise sogar dem Autofahrer zugutekommt: Wenn niemand am Rand steht, wird die Fußgängerphase schlichtweg übersprungen, was den Verkehrsfluss der motorisierten Teilnehmer unnötig lange Stopps erspart.

Dass die Einführung solcher Systeme kein Selbstläufer ist, zeigt ein Blick nach Hamm. Dort steuert eine KI bereits seit 2023 eine Kreuzung und priorisiert Radfahrer sowie Fußgänger. Doch der Erfolg hat seine Tücken. Im Spätherbst 2024 musste die Stadtverwaltung die KI während der nachmittäglichen Rush Hour vorerst deaktivieren. Der Grund: Die Bevorzugung der schwächeren Verkehrsteilnehmer führte in Kombination mit umliegenden Baustellen zu massiven Rückstaus im Berufsverkehr. Zwischen 15:30 und 17:30 Uhr kehrt man dort vorerst zum konventionellen Zeitplan zurück, bis weitere Simulationen eine bessere Balance zwischen den Verkehrsarten ermöglichen.

Diese Balance ist genau das Ziel, das das DLR mit seinem multimodalen Ansatz verfolgt. Die LTSA-Technologie ist darauf ausgelegt, Kommunen die Freiheit zu geben, ihre eigenen Prioritäten zu setzen. Möchte eine Stadt die umweltfreundliche Mobilität aktiv fördern, kann das System so konfiguriert werden, dass Fußgänger und Radfahrer konsequent bevorzugt werden. Die technische Basis ist dabei hochgradig kompatibel und lässt sich auf bestehende Ampelsteuergeräte übertragen, was eine Skalierung auf verschiedene Kreuzungstypen ermöglicht.

Während Potsdam den Fußweg scannt, fokussiert sich Berlin auf den fließenden Radverkehr. Mit dem Projekt „VeloFlow“ testet die Hauptstadt eine Lösung, die Radfahrern hilft, die grüne Welle perfekt zu reiten. Digitale Anzeigen informieren die Radler weit vor der Kreuzung darüber, ob sie bei ihrem aktuellen Tempo von etwa 20 Kilometern pro Stunde auf eine grüne oder rote Ampel treffen werden. Ein einfaches Symbol zeigt an, ob eine leichte Beschleunigung sinnvoll ist oder ob man das Rad besser ausrollen lässt. Ziel ist es, abruptes Bremsen und gefährliche Rotlichtverstöße zu minimieren.

Die Kombination aus den Erkenntnissen des DLR und Projekten wie VeloFlow zeichnet das Bild einer vernetzten Stadt, in der die Hardware der Ampel nicht mehr nur ein starrer Taktgeber ist, sondern ein intelligenter Vermittler zwischen den Bedürfnissen aller. Die Zukunft der Verkehrssteuerung scheint damit weg vom reinen „Car-First“-Prinzip hin zu einer multimodalen Gerechtigkeit zu führen, bei der die KI sicherstellt, dass niemand mehr unnötig im Regen stehen gelassen wird – egal ob mit vier Rädern, zwei Rädern oder zu Fuß.

Stefan Krempl

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