Nach schweren Brandanschlägen rüstet der Betreiber Stromnetz Berlin technisch auf und setzt auf ein bundesweit einmaliges Sicherheitskonzept aus Sensorik und Videoüberwachung.
Die Berliner Strommasten haben neuerdings ein feines Gespür für Gefahr. Was früher ein passives Gerüst aus Stahl war, fungiert heute als hochsensibles Frühwarnsystem. In der deutschen Hauptstadt reagiert die kritische Infrastruktur nun proaktiv auf physische Bedrohungen. Wenn radikale Attentäter versuchen, das Rückgrat der städtischen Energieversorgung mit Metallsägen oder Schweißbrennern zu attackieren, bleibt dies nicht mehr unbemerkt. An allen 120 exponierten Standorten der Berliner Freileitungen wurden Alarm-Sensoren installiert, die jede untypische Schwingung und jedes verdächtige Geräusch sofort registrieren. Dieses System ist eine direkte Antwort auf eine Serie von Anschlägen, die die Stadt in eine prekäre Lage brachten und einen Millionenschaden verursachten.
Die Motivation für dieses technologische Aufrüsten ist bitterer Ernst. Innerhalb von nur vier Monaten erschütterten zwei gezielte Brandanschläge die Metropole. Die Folgen waren die massivsten Stromausfälle der Berliner Nachkriegsgeschichte. Besonders die Attacke im frostigen Januar hinterließ tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Stadt. Rund 50.000 Haushalte saßen tagelang im Dunkeln, wobei die Situation durch den gleichzeitigen Ausfall vieler Heizungssysteme dramatisch verschärft wurde. Erik Landeck, der Chef von Stromnetz Berlin, macht keinen Hehl daraus, dass eine absolute Sicherheit in einem offenen System niemals garantiert werden kann. Dennoch unternehme der Betreiber nun alles technisch und menschlich Mögliche, um die Resilienz des Netzes auf ein neues Niveau zu heben.
Die Analyse der bisherigen Vorfälle deckte schmerzhafte Sicherheitslücken auf. In der Vergangenheit waren viele Zäune um Umspannwerke und Netzknoten mit einer Höhe von lediglich zwei Metern ein leicht zu überwindendes Hindernis. Das Unternehmen reagiert nun mit einer baulichen Verstärkung. Bis zum Juni werden auf einer Länge von insgesamt 20 Kilometern die Umfriedungen auf mindestens 2,40 Meter erhöht und zusätzlich mit Stacheldraht oder, wo es die behördliche Genehmigung erlaubt, mit Nato-Draht bewehrt. Parallel dazu wurden sämtliche Betriebsgebäude mit einbruchshemmenden Türen und Fenstern ausgestattet. Ein entscheidender Faktor für das neue Sicherheitskonzept ist zudem eine Anpassung der Datenschutzbestimmungen durch die Berliner CDU/SPD-Koalition. Diese ermöglicht es nun, auch Anlagen auf öffentlichem Straßengrund per Video zu überwachen.
Mittlerweile beäugen mehr als 200 Kameras die neuralgischen Punkte des Netzes. Sobald die Sensoren an den Masten Alarm schlagen, schalten sich die Kameras automatisch auf die betroffenen Bereiche auf und leiten das Bildmaterial in Echtzeit an die Sicherheitszentralen weiter. Von dort aus wird unmittelbar die Polizei alarmiert.
Severin Fischer, Aufsichtsratschef von Stromnetz Berlin, betont die Vorreiterrolle dieses Ansatzes: Kaum ein anderer Betreiber in Deutschland setze derzeit so konsequent auf moderne Videotechnik. In Bereichen, in denen die Aufrüstung noch nicht vollständig abgeschlossen ist, sorgen derzeit rund 130 Wachschutzkräfte durch permanente Patrouillen für die Sicherheit der Anlagen.
Trotz dieser Herausforderungen zeigen die statistischen Daten eine überraschende Zuverlässigkeit des Berliner Netzes. Mit einer durchschnittlichen Ausfalldauer von nur 8,6 Minuten im Jahr 2024 liegt Berlin deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 11,7 Minuten. Um diese Stabilität auch in Krisenzeiten für die Endverbraucher zu gewährleisten, raten Experten den Betreibern von Photovoltaikanlagen (PV) zur Eigeninitiative. Ein sogenannter Netztrennschalter ermöglicht es, die selbst erzeugte Energie auch dann zu nutzen, wenn das öffentliche Netz nach einer Sabotage ausfällt. Bisher verfügen aber nur fünf Prozent der Berliner PV-Anlagen über diese Vorrichtung.
Wirtschaftlich steht der Netzbetreiber trotz der hohen Investitionen in die Sicherheit auf einem soliden Fundament. Das Geschäftsjahr 2025 verlief für Stromnetz Berlin äußerst erfolgreich mit einem Gewinn nach Steuern von 209,2 Millionen Euro. Diese positiven Zahlen, die unter anderem auf geringere Kosten für Netzverluste zurückzuführen sind, erlauben es dem Unternehmen, seine Investitionen auf ein Rekordhoch von 452 Millionen Euro zu schrauben. Ein erheblicher Teil dieses Budgets fließt direkt in die Härtung des Systems gegen äußere Einflüsse und Sabotageakte.
Stefan Krempl
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen