Die neue Open Social Web Alliance will dezentrale Netzwerke wie das Fediverse groß machen. Für User bedeutet das: Echte Datenkontrolle und Umzug ohne Kontaktverlust.
Am Donnerstag hat sich in Berlin die Open Social Web Alliance (OSWA) formiert, um die digitale Öffentlichkeit aus den Händen marktbeherrschender Tech-Giganten wie Meta, ByteDance und Alphabet zu befreien. Als Zusammenschluss von Engagierten aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft, Medien, Kultur und dem öffentlichen Sektor will die Allianz das bisher ungenutzte Potenzial dezentraler, gemeinwohlorientierter Alternativen gezielt heben. Obwohl offene Standards im Fediverse mit Protokollen wie ActivityPub oder in der sogenannten ATmosphere rund um das AT Protocol existieren, fristen Angebote wie Mastodon im Vergleich zu Facebook, TikTok und YouTube bisher noch ein Nischendasein. Der nun vorgelegte Fahrplan soll den Durchbruch im Massenmarkt bis zum Jahr 2028 einläuten.
Die zugrundeliegende Idee orientiert sich laut einem ersten gedanklichen Abriss an einem technisch simplen, aber bewährten Prinzip, das im digitalen Alltag längst selbstverständlich ist: der E-Mail. Unabhängig davon, bei welchem Anbieter ein Postfach liegt, lassen sich Nachrichten plattformübergreifend und barrierefrei austauschen. Genau diese Interoperabilität fordert die Allianz für moderne soziale Netzwerke, in denen Beiträge und Accounts nicht länger in den "walled gardens" einzelner Konzerne eingesperrt sein dürfen. Nutzer sollen die uneingeschränkte Kontrolle über ihre eigenen Daten behalten. Das bedeutet auch, dass ein Wechsel der Anwendung oder des Anbieters jederzeit möglich sein muss, ohne dabei Kontakte, Inhalte oder das mühsam aufgebaute Netzwerk zu verlieren.
Getragen wird die Allianz von einem breiten Bündnis aus Digital- und Medienexperten wie Jan Philipp Albrecht (Heinrich-Böll-Stiftung), Elisa Lindinger (SUPERRR Lab) und Torben Klausa (Agora Digitale Transformation) sowie großen Open-Source-Organisationen wie Wikimedia Deutschland und Mastodon.
Um das angepeilte Ökosystem innerhalb weniger Monate zu einer relevanten Größe heranwachsen zu lassen, fordert das Bündnis ein entschlossenes Umdenken von Politik und Wirtschaft. Eine zentrale Säule des Konzepts bildet die finanzielle und strukturelle Stärkung der Basisinfrastruktur. Die Initiatoren betonen, dass geringe öffentliche Fördermittel ausreichen würden, um die offene alternative an den dominanten Plattformen vorbeiziehen zu lassen. Konkret schlagen sie ein Gesamtbudget von 36 Millionen Euro vor. Darin enthalten sind 15 Millionen Euro Anschubfinanzierung für technische Bausteine und Brückendienste sowie jeweils 10 Millionen Euro für einen Transformations- und einen Investitionsfonds, die auch durch privates Kapital sowie eine Digitalabgabe großer Tech-Konzerne gespeist werden könnten. Dazu soll eine Million Euro für die Finanzierung einer professionellen Sekretariatsfunktion der Allianz kommen.
Die Staatsferne der Informationsinfrastruktur soll dabei durch eine Vergabe über zivilgesellschaftlich kontrollierte Akteure gewahrt bleiben. Der Staat dürfe nicht selbst zum Plattformbetreiber werden, heißt es. Er solle nur verlässliche Rahmenbedingungen, Rechtssicherheit für Open-Source-Projekte und Forschungszugänge garantieren. Die Regulierungstruktur der Allianz selbst folgt einem strikten Multistakeholder-Modell, bei dem kein einzelner Sektor mehr als 40 Prozent der Stimmanteile besitzen darf, um eine politische oder wirtschaftliche Vereinnahmung zu verhindern.
Der Fahrplan sieht vor, dass die Bundesregierung bereits im Herbst dieses Jahres die Schirmherrschaft für einen Open Social Web Summit übernimmt. Dortiges Ziel ist die Verabschiedung einer gemeinsamen Charta. Bis zum Frühjahr 2027 sollen die Finanzierungsrunden stehen und erste gesetzliche Weichen im Digitalen Medienstaatsvertrag gestellt sein, um faire Wettbewerbsbedingungen für dezentrale Anbieter im Werbemarkt zu schaffen.
Wenn wichtige politische Akteure und Medienhäuser ihre Kommunikation primär in das Open Social Web verlagern, könnten gesellschaftliche Debatten zügig umziehen. Für 2028 peilt das Bündnis an: Über 100 Millionen Menschen sollen in Europa barrierefrei, sicher und ohne den Einfluss undurchsichtiger Algorithmen oder toxischer Designs miteinander vernetzt sein.
Stefan Krempl
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