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Mittwoch, 20. Mai 2026

Big Techs schmutziges Netzwerk: Wie Amazons Cloud weltweit Krisen befeuert

Greenpeace moniert in einer Studie: AWS kooperiert systematisch mit Konzernen, die wegen Umweltzerstörung und Menschenrechtsverstößen auf globalen Verbotslisten stehen.

Während für Großbanken und Pharmakonzerne ethische Leitplanken längst zum Standard gehören, agiert Big Tech in einer moralischen Grauzone und kooperiert systematisch mit hochgradig umstrittenen Akteuren. Eine neue Untersuchung von Greenpeace Deutschland legt erstmals die globalen Kundenbeziehungen des Cloud-Marktführers Amazon Web Services (AWS) offen. Die Umweltschützer konfrontierten die Kundenlisten des Tech-Riesen mit den strengen Ausschlussregeln der Finanzwelt. Das Ergebnis verdeutlicht eine tiefe moralische Krise in der Digitalwirtschaft: Amazon fungiert demnach als zentraler technologischer Wegbereiter für Konzerne, die weltweit wegen schwerer Umweltzerstörung, der Aufrüstung von Diktaturen oder brutaler Menschenrechtsverletzungen am Pranger stehen.

Für ihre Analyse bedienten sich die Umweltschützer einer fundierten Methodik aus dem Bankensektor. Sie glichen die öffentlich zugänglichen Daten und digitalen Spuren von Firmenkunden mit den etablierten Verbotslisten des norwegischen Staatsfonds ab – dem mit rund 1,8 Billionen Euro größten staatlichen Investor Europas, der für seine strengen Nachhaltigkeitskriterien bekannt ist. Diese Liste wurde um die aktuellen Register der Umweltorganisation Urgewald zu fossilen Treibern der Klimakrise sowie um die Warnlisten der Friedensinitiative PAX zu autonomen Waffensystemen erweitert. So entstand ein Sündenregister aus weltweit 263 Unternehmen, deren Kernkompetenzen diametral gegen ökologische und humanitäre Mindeststandards verstoßen.

Der Abgleich förderte zutage, das AWS zu mindestens 38 Prozent dieser geächteten Unternehmen aktive und enge Geschäftsbeziehungen pflegt. Konkret bedeutet dies, dass mindestens ein Drittel der Firmen, in die kein verantwortungsvoller Finanzinvestor der Welt auch nur einen einzigen Euro stecken würde, ihre digitalen Infrastrukturen, Algorithmen und Datenströme über die Server von Amazon abwickeln. Bei den hochgefährlichen Akteuren aus der Rüstungs- und Überwachungsindustrie, die von PAX als extrem kritisch eingestuft werden, liegt die Kooperationsquote sogar bei 55 Prozent. Da sich die Greenpeace-Recherche zwangsläufig auf öffentlich zugängliche Quellen, Jobportale und versteckte Datenschutzrichtlinien stützen musste, betonen die Autoren: Diese Zahlen bildeten lediglich die absolute Untergrenze ab. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen.

Die Studie untermauert die Zahlen mit konkreten, realen Fallbeispielen, die das Ausmaß der Beihilfe verdeutlichen sollen. So stellt Amazon Web Services seine Rechenleistung und maßgeschneiderte Modelle der Künstlichen Intelligenz etwa dem britischen Öl- und Gasmulti Shell zur Verfügung. Mit dieser technologischen Schützenhilfe ist der Konzern dem Bericht nach in der Lage, seismische Messdaten des Meeresbodens in Bruchteilen der früher üblichen Zeit zu analysieren. Die Algorithmen aus der Cloud erlaubten es dem fossilen Riesen, neue, unberührte Öl- und Gasfelder selbst in den entlegensten Winkeln unseres Planeten in rasantem Tempo aufzuspüren und auszubeuten.

Damit konterkariere Amazon direkt die völkerrechtlich verbindlichen Klimaziele des Pariser Abkommens und treibt die globale Erderhitzung aktiv voran, lautet der Vorwurf. Zu den treuen Cloud-Kunden gehört auch der brasilianische Fleischgigant JBS. Dieser gilt weltweit als einer der brutalsten Treiber der illegalen Abholzung des Amazonas-Regenwaldes und stößt durch seine gigantischen Rinderherden Methangase in einer Größenordnung aus, die die Emissionen ganzer Industriestaaten in den Schatten stellt. Auch hier sorgt die Amazon-Infrastruktur im Hintergrund für die reibungslose Optimierung der zerstörerischen Lieferketten. Im humanitären Bereich kooperiert Amazon zudem eng mit dem US-Datenanalysten Palantir, dessen Überwachungssysteme laut Amnesty International tief in schwere Menschenrechtsverletzungen verstrickt sind.

Diese Belege demonstrieren für Greenpeace ein systemisches Versagen der Tech-Branche, das im krassen Widerspruch zu den oft bemühten, firmeninternen Werbeversprechen von Fortschritt und sozialer Verantwortung steht. Während eine Bank heute genau prüfen muss, ob sie mit ihren Krediten die Zerstörung von Urwäldern oder die Produktion geächteter Streumunition finanziert, herrscht bei den globalen Cloud-Anbietern ein Zustand vollkommener ethischer Ignoranz. Big Tech versuche sich systematisch aus der Affäre zu winden, kritisieren die Aktivisten, indem es sich auf die Rolle des reinen, neutralen Infrastrukturanbieters zurückziehe. Doch diese Argumentation greife im Zeitalter von KI und hochspezialisierter Software nicht mehr. Wer die Werkzeuge zur globalen Ausbeutung von Mensch und Natur liefere und optimiere, mache sich zum Handlanger und profitiere direkt von den Verbrechen seiner Kunden.

Die europäische Politik hat zwar mit Gesetzen wie dem Digital Services Act (DSA) oder dem AI Act wichtige, erste Schritte zur Eindämmung digitaler Monopolmacht eingeleitet. Doch diese regulatorischen Hebel greifen bei den globalen Lieferketten und den ethischen Fragen der Kundenauswahl zu kurz. Greenpeace fordert daher die sofortige Einführung eines verbindlichen, ökologischen und ethischen Mindeststandards für alle Cloud-Anbieter, der sich eins zu eins an den bewährten Ausschlusskriterien der Finanzwirtschaft orientiert. Solange Tech-Konzerne wie Amazon keine klaren roten Linien ziehen und die Zusammenarbeit mit nachweislichen Klimasündern, Kriegstreibern und Menschenrechtsverletzern konsequent verweigern, bleibe die Digitalisierung ein Brandbeschleuniger für die Krisen unserer Zeit.

Stefan Krempl

Dienstag, 12. Mai 2026

Rote Linien für Big Tech: Greenpeace fordert Ethik-Kodex für Cloud-Riesen

Angesichts des massiven Ausbaus von Rechenzentren verlangt Greenpeace von AWS, Microsoft und Google eine Selbstverpflichtung gegen Umweltzerstörung und Überwachung.

Die digitale Infrastruktur ist das Nervensystem der modernen Welt, doch hinter den glänzenden Fassaden der Cloud-Giganten verbergen sich oft düstere Allianzen. Während Konzerne wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft und Google ihre Marktposition zementieren, dienen ihre Serverkapazitäten nicht selten als technologisches Rückgrat für Branchen, die den Planeten an seine Belastungsgrenzen führen.

Mit einer neuen "Ethik-Richtlinie für Anbieter kritischer digitaler Infrastruktur" erhöht Greenpeace nun den Druck auf die Branche. Die Umweltschutzorganisation fordert, dass die "Wegbereiter der modernen Welt" endlich Verantwortung für ihre gesellschaftliche Rolle übernehmen und klare rote Linien ziehen.

Kernproblem ist die vermeintliche Neutralität der Technik. Cloud-Anbieter stellen Rechenpower und Speicherplatz bereit. Doch wer diese Ressourcen wofür nutzt, bleibt bislang weitgehend dem Markt überlassen. Greenpeace-Expertin Linda Klapdor findet dafür deutliche Worte: Big Tech mache sich mit fossiler Expansion, der Abholzung von Regenwäldern und Massenüberwachung die Taschen voll. Wer die digitale Zukunft bauen wolle, müsse die Zerstörung der Gegenwart konsequent von seinen Servern verbannen. Die Richtlinie ist dabei als direkt unterschriftsreife Selbstverpflichtung konzipiert, die abstrakte moralische Werte in eine operative Realität übersetzen soll.

Greenpeace zieht eine strukturelle Parallele zum Finanzsektor. So wie Banken über Kredite entscheiden, welche Projekte realisiert werden, entscheiden Cloud-Anbieter über die Effizienz und Skalierbarkeit von Geschäftsmodellen. Im Finanzwesen sind ökologische und soziale Ausschlusskriterien, etwa in den UN Principles for Responsible Investment, längst etabliert. Viele Institute finanzieren keine Streumunition oder Regenwaldabholzung mehr. Genau diese "bewährten Prinzipien" sollen nun auf die Anbieter von Cloud-Services übertragen werden. Es geht darum, Unternehmen den digitalen Saft abzudrehen, wenn deren Handeln das Gemeinwohl gefährdet.

Die Verbotsliste: Von Öl bis Deepfakes

Die Richtlinie definiert präzise Ausschlusskriterien für die Nutzung der Infrastruktur. Ein prominenter Punkt ist der Bereich fossile Brennstoffe. Cloud-Dienste sollen für Kohleförderer mit Expansionsplänen sowie für Öl- und Gasunternehmen, die neue Reserven erschließen oder Fracking betreiben, tabu sein. Auch die Rüstungsindustrie gerät ins Visier: Die Entwicklung und der Einsatz von Letalen Autonomen Waffensystemen (LAWS) alias Killer-Robotern, die ohne menschliche Kontrolle Ziele auswählen, sowie die operative Planung kinetischer Angriffe über die Cloud werden strikt abgelehnt.

Besonders aktuell sind die Forderungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) und Überwachung. Die Richtlinie orientiert sich hier am AI Act und untersagt Anwendungen mit "unannehmbarem Risiko". Dazu zählen etwa biometrisches Scraping zur Gesichtserkennung, Predictive Policing oder manipulative Techniken, die menschliches Verhalten schädlich beeinflussen. Auch der Schutz der Demokratie spielt eine Rolle: Wer Deepfakes erstellt, um Wahlen zu manipulieren, oder die freiheitlich-demokratische Grundordnung zersetzen will, soll keinen Zugang mehr zu kritischer IT-Infrastruktur erhalten.

Ökologische Sorgfaltspflicht und faire Ketten

Neben der Kundenauswahl nimmt die Richtlinie die eigene Betriebsweise der Tech-Konzerne in die Pflicht. Angesichts des enormen Ressourcenverbrauchs verlangt Greenpeace, dass neue Rechenkapazitäten ausschließlich mit echtem Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden – wobei bloße Zertifikate für Grünstrom nicht ausreichen. Zudem sollen Anbieter verpflichtet werden, mindestens 25 Prozent ihrer Abwärme weiterzuverwerten und auf den Einsatz von Trinkwasser zur Kühlung in wasserarmen Regionen zu verzichten.

Die Verantwortung endet aber nicht an der Tür des Rechenzentrums. Die Hardware-Lieferketten vom Bergbau bis zur Fertigung müssen transparent gemacht und auf Menschenrechtsverstöße geprüft werden. Auch für die oft unsichtbaren "Clickworker", die Daten für KI-Systeme aufbereiten, fordert die Selbstverpflichtung faire Löhne und den Schutz vor moderner Sklaverei.

Relevanz für den Standort Deutschland

Die Veröffentlichung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz verfolgt ambitionierte Ziele für den digitalen Standort Deutschland. Erst im März beschloss die Exekutive, die Kapazitäten für Rechenzentren bis 2030 zu verdoppeln. Cie Anschlussleistung für Cloud-Computing und KI soll sich sogar vervierfachen. Parallel dazu fließen Milliarden: Allein AWS plant Investitionen von 7,8 Milliarden Euro in Deutschland. Auch Google und Microsoft bauen ihre Standorte massiv aus.

In diesem Kontext warnen Kritiker davor, dass der technologische Fortschritt ohne ethische Leitplanken zu Lasten der Umwelt und sozialer Standards gehen könnte. Die Forderung nach digitaler Souveränität, die Merz gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron als europäisches Ziel ausgegeben hat, muss laut Greenpeace zwingend mit ethischen Mindeststandards verknüpft werden. Nur so könne technologischer Fortschritt langfristig zum echten Wettbewerbsvorteil werden, der dem Gemeinwohl dient.

Um die Einhaltung der ambitionierten Regeln sicherzustellen, schlägt Greenpeace die Einberufung eines unabhängigen, externen Ethik-Rats vor. Dieser soll Empfehlungen zur Beendigung der Zusammenarbeit mit kritischen Kunden veröffentlichen. Zudem sollen Ingenieure das vertraglich zugesicherte Recht erhalten, die Arbeit an Projekten zu verweigern, die gegen den Kodex verstoßen – ohne berufliche Nachteile fürchten zu müssen. Es ist ein weitreichender Entwurf, der Big-Tech-Unternehmen vor die Wahl stellt: Bleiben sie "Technologie-Vermieter" oder werden sie zu verantwortungsvollen Akteuren einer demokratischen Zukunft?

Stefan Krempl