Mit Smart Metern, günstigeren Stromtarifen und einer Wärmepumpen-Offensive reagiert die EU-Kommission auf fossile Preiskrisen und Netzkapazitätsengpässe
Die EU-Kommission hat am Freitag einen Aktionsplan zur Elektrifizierung sowie einen neuen Verordnungsentwurf vorgelegt, um Europa zum weltweit ersten rein elektrisch betriebenen Kontinent zu machen. Die Initiative erfolgt vor dem Hintergrund anhaltender geopolitischer Turbulenzen vor allem im Nahen Osten, die die europäische Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen schmerzhaft offengelegt haben. Allein seit Beginn des jüngsten Konflikts hat die EU über fünfzig Milliarden Euro zusätzlich für fossile Importe ausgegeben, was die Inflation anheizte und die Zinsen nach oben trieb.
Da die Elektrifizierungsrate in Europa seit einem Jahrzehnt bei mageren dreiundzwanzig Prozent stagniert, während Länder wie China oder Japan Werte von über dreißig Prozent erreichen, drängt die Kommission nun auf einen radikalen Wandel. Ein – allerdings unverbindlich bleibendes – Ziel sieht vor, den Stromanteil am Endenergieverbrauch bis 2040 auf sechsundvierzig Prozent zu verdoppeln. Bis dahin könnten jährliche Einsparungen von bis zu zweihundertsechzig Milliarden Euro bei den fossilen Importkosten realisiert werden.
Im Zentrum der Bemühungen steht die Verzahnung von Elektrifizierung und Energieeffizienz. Das ist ein Punkt, den auch Branchenexperten kritisch begleiten. Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz warnt vor einem Bumerang-Effekt, falls die Strompreise künstlich gesenkt werden, ohne gleichzeitig die Effizienz zu steigern. Andernfalls drohten eine stark steigende Stromnachfrage und explodierende Netzkosten, die am Ende über staatliche Subventionen teuer vom Verbraucher bezahlt werden müssten.
Wie groß das ungenutzte Potenzial ist, zeigt ein Blick auf die deutsche Industrie. Diese könnte jährlich bis zu neunundzwanzig Milliarden Euro einsparen, wenn sie Energie effizienter nutzt und die Wärmeversorgung konsequent auf Strom umstellt. Rund die Hälfte der in deutschen Fabriken benötigten Prozesswärme ließe sich allein durch Abwärmenutzung, Dämmung, bessere Steuerungen und die stetige Wiederverwendung von Wärme einsparen, ohne dass die Produktion eingeschränkt werden müsste.
Um den Umstieg wirtschaftlich attraktiv zu machen, packt die EU-Kommission das größte strukturelle Hindernis an: das enorme Preisgefälle zwischen Strom und Gas. Derzeit ist Strom für Haushalte im EU-Schnitt zweieinhalbmal und für Unternehmen dreimal so teuer wie Gas. Der neue Verordnungsentwurf zur Zukunftssicherung der Stromrechnungen soll Abhilfe schaffen. Die Mitgliedstaaten werden ermächtigt, die Netzentgelte, die rund ein Viertel der typischen Stromrechnung ausmachen, für bestimmte Verbrauchergruppen zu senken und die steuerliche Belastung von Strom gegenüber Erdgas systematisch zu reduzieren. Bis zum Jahr 2030 soll das Preisverhältnis von Strom zu Gas für Haushalte auf maximal 2,5 und für die Industrie auf maximal 2 sinken.
Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Digitalisierung und dem beschleunigten Rollout von Smart Metern zu. Intelligente Messsysteme und flexible Netzentgelte sollen dafür sorgen, dass Verbraucher ihren Strombedarf dynamisch an die Netzsituation anpassen können. So lassen sich Elektrofahrzeuge gezielt dann laden oder Wärmepumpen betreiben, wenn viel günstiger Wind- und Solarstrom im Netz vorhanden ist. Dies stabilisiert das Gesamtsystem, senkt die Kosten für Redispatch-Maßnahmen und verhindert die teure Abregelung erneuerbarer Energien. Auch hochflexible Datenzentren sollen durch einen neuen EU-Bewertungsrahmen und Mindestleistungsstandards besser in das Energiesystem integriert werden, um ungenutzte Abwärme in städtische Wärmenetze einzuspeisen.
Der Gebäudesektor ist für die Hälfte des europäischen Gasverbrauchs verantwortlich, wobei zwei Drittel der Wärme nach wie vor aus fossilen Quellen stammen. Hier setzt die Kommission auf eine massive Wärmepumpen-Offensive, um die Installationsrate bis 2030 auf rund vier Millionen Geräte pro Jahr fast zu verdoppeln. Der Umstieg von einem Gaskessel auf eine Wärmepumpe kann die Heizkosten eines Haushalts um bis zu sechzig Prozent senken und bietet im Sommer den Vorteil einer hocheffizienten Raumkühlung bei Hitzewellen.
Um die oft hohen Anschaffungskosten abzufedern, schlägt die Brüssel Regierungsinstitution etwa einen neuen "Clean Heat Market Mechanism" vor, der Hersteller und Installateure in die Pflicht nimmt, den Preisunterschied zu fossilen Heizungen zu verringern. Zudem sollen nationale Online-Vergleichstools für transparente Angebote sorgen, während innovative Finanzierungsmodelle im Rahmen von "Better Homes Partnerships" und staatlich geförderte soziale Leasing-Modelle auch einkommensschwächeren Haushalten den Zugang zu sauberer Wärme ermöglichen.
Auch in der Industrie ist die Elektrifizierung von rund sechzig Prozent des fossilen Energiebedarfs technisch bereits machbar, insbesondere im niedrigen bis mittleren Temperaturbereich bis fünfhundert Grad Celsius. Die Kommission will hierzu sektorale Fahrpläne entwickeln und den Einsatz von industriellen Wärmepumpen massiv fördern. Der Transportsektor, der rund ein Drittel des Energieverbrauchs ausmacht, soll ebenfalls schneller umgestellt werden. Neben der Förderung von Elektroautos für Privatnutzer sieht der Plan die Förderung von emissionsfreien Firmenwagenflotten vor. Für den Schwerlastverkehr fokussiert sich die EU auf den beschleunigten Aufbau von Ladekorridoren und die Bereitstellung finanzieller Absicherungen für Ladestationen, während in Häfen die landseitige Stromversorgung von Schiffen ausgebaut werden soll.
Finanziert werden diese sozialen Abfederungen unter anderem durch Einnahmen aus dem reformierten Emissionshandel und dem Klima-Sozialfonds. Gleichzeitig investiert die Europäische Investitionsbank in den kommenden drei Jahren über fünfundsiebzig Milliarden Euro in den Netzausbau, Speichertechnologien und die Elektrifizierung. Letztendlich soll der Aktionsplan nicht nur das Klima schützen, sondern auch die europäische Wertschöpfungskette stärken. Die Kommission plant die Gründung einer eigenen "Electrification Action Plan Alliance", um Behörden, Netzbetreiber und Hersteller enger zu verzahnen, europäische Lieferketten abzusichern und die Ausbildung von hunderttausenden dringend benötigten Fachkräften, vom Elektriker bis zum Netztechniker, voranzutreiben.
Stefan Krempl
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