Mit dem Verweis auf digitale Sammlungen setzt das Kulturstaatsministerium die Planung zur Nationalbibliothek in Leipzig aus. Verbände warnen vor einer riskanten Wette auf die Zukunft.
Die Vision einer rein digitalen Gedächtnisinstitution trifft auf die harte Realität des deutschen Urheber- und Archivrechts: Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer (CDU), hat überraschend den geplanten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) am Standort Leipzig gestoppt. Die Begründung aus Berlin liest sich wie ein radikaler digitaler Transformationsbeschleuniger. Die langfristige Sammlung physischer Medien sei schlicht nicht mehr zeitgemäß; die DNB solle ihre Ressourcen und ihre Strategie stattdessen konsequent auf digitale Sammlungen ausrichten. Doch was nach einem mutigen Schritt in Richtung "Digital First" klingt, löst in der Fachwelt und bei Branchenverbänden massive Erschütterungen aus, da die Entscheidung die technologische Infrastruktur gegen den gesetzlichen Kernauftrag ausspielt.
Seit 2018 wurde der fünfte Erweiterungsbau in enger Abstimmung mit dem Bund und dem Land Sachsen geplant. Nach einem europaweiten Wettbewerb stand das Architekturkonzept von Code Unique aus Dresden bereits fest, die Entwürfe waren im August 2025 finalisiert. Der plötzliche Schwenk der Bundesregierung wird nun damit legitimiert, dass die physische Archivierung ein Auslaufmodell sei. Aus IT-Perspektive ist dieser Ansatz zwar nachvollziehbar – digitale Langzeitarchivierung spart Stellfläche und ermöglicht theoretisch eine schnellere Durchsuchbarkeit großer Datenmengen mittels moderner Indexierung und KI-gestützter Analyse. Doch die Kritiker, allen voran der Deutsche Bibliotheksverband (dbv), weisen darauf hin, dass eine solche Umsteuerung nicht per Verwaltungsanweisung an der Baustelle erfolgen kann.
Die Crux liegt in der Architektur des DNB-Gesetzes. Dieses schreibt zwingend vor, dass jedes in Deutschland erschienene Druckwerk in zweifacher Ausführung physisch gesammelt werden muss. Weimer greift mit seinem Baustopp einer gesetzlichen Neuregelung vor, die bisher gar nicht existiert. Während Berlin das Ende der "analogen Ära" herbeischreibt, bleibt die DNB rechtlich verpflichtet, jeden gedruckten Pixel auch auf Papier zu archivieren. Der Vorschlag, sich stärker auf digitale Sammlungen zu konzentrieren, ignoriert dabei die immense Komplexität der digitalen Langzeitarchivierung (LZA). Bits und Bytes sind im Vergleich zu säurefreiem Papier flüchtige Speichermedien, die eine kontinuierliche Migration der Datenformate und eine hochgradig redundante Serverinfrastruktur erfordern – Kostenfaktoren, die den Bau eines Magazingebäudes langfristig sogar übersteigen können.
Datenintegrität gegen Desinformation
Holger Krimmer vom dbv betont, dass die Sicherstellung des Zugangs zu verlässlichem Wissen gerade in Zeiten von Desinformation eine zentrale Säule der digitalen Souveränität darstellt. Ein Archivstandort ist in dieser Lesart nicht nur ein Lagerhaus für Papier, sondern ein physischer Vertrauensanker. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels warnt zugleich davor, das gedruckte Buch als "nicht zeitgemäß" abzustempeln. Zwar begrüßt die Branche den Abbau von Bürokratie und eine Modernisierung des Sammelauftrags, doch dürfe die Digitalisierung nicht als Vorwand für kurzfristige Haushaltseinsparungen dienen. Das gedruckte Werk gilt weiterhin als das einzige wirklich langlebige Speichermedium, das ohne Energieaufwand und proprietäre Software auch in Jahrhunderten noch lesbar ist.
Die Entscheidung wirft auch Fragen zur digitalen Strategie des Bundes auf: Wenn die DNB zum rein digitalen Archiv transformiert werden soll, müssten zeitgleich massive Investitionen in die Rechenzentrumskapazitäten und die Cybersicherheit der Bibliothek fließen. Ein Baustopp spart zwar Beton, löst aber nicht das Problem des exponentiell wachsenden Datenaufkommens. Die Nationalbibliothek steht damit vor einer paradoxen Situation: Während die physischen Magazine volllaufen und die Neubaupläne in der Schublade verschwinden, fehlt die gesetzliche und finanzielle Grundlage für eine rein digitale Infrastruktur, die den gleichen Grad an Ausfallsicherheit und Dauerhaftigkeit bietet wie ein gemauertes Magazin.
In der Leipziger Tech- und Kulturszene wird der Stopp als Signal gewertet, dass der Bund die physische Präsenz nationaler Institutionen zugunsten einer noch vagen digitalen Utopie opfert. Für die DNB bedeutet dies vorerst eine ungeklärte Übergangsphase, in der sie ihren gesetzlichen Sammelauftrag erfüllen muss, ohne den dafür notwendigen Raum zu erhalten – weder in der Cloud noch auf dem Campus.
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