Samstag, 9. Mai 2026

Ausbeutung unter DPD-Logo: Wallraff-Recherche deckt Systemversagen bei Zusteller auf

Schimmel-Unterkünfte, Schwarzgeld und marode Hallen: Undercover-Reporter dokumentieren beim Paketriesen DPD massive Verstöße gegen Arbeits- und Sicherheitsstandards.

Die Bilder gleichen sich seit Jahren, und doch verlieren sie nichts von ihrer verstörenden Wirkung. Wenn Günter Wallraff und sein Team in die Welt der Logistik abtauchen, stoßen sie regelmäßig auf ein System, das von außen glänzt, im Inneren aber oft morsch ist. Die aktuelle Recherche führt das „Team Wallraff“ tief in den Kosmos des Paketdienstes DPD. Was die Reporter dort unter dem Deckmantel der Anonymität erlebten, zeichnet das Bild einer Branche, die ihren Erfolg offenbar auf dem Rücken der Schwächsten und durch die Umgehung gesetzlicher Standards zementiert. Es geht um Arbeitszeiten jenseits der Belastungsgrenze, dubiose Lohnmodelle und eine Infrastruktur, die zum Sicherheitsrisiko für die Beschäftigten wird.

Im Zentrum der Kritik steht das weit verzweigte Geflecht aus Subunternehmern. DPD greift, wie viele Mitbewerber im harten Wettbewerb der letzten Meile, auf externe Firmen zurück, um die Flut an Paketen zuzustellen. Offiziell betont das Unternehmen, dass alle Partner auf die Einhaltung von Mindestlohn und fairen Bedingungen verpflichtet werden. Doch die Realität, die der Reporter "Alexander" in Berlin vorfand, sieht völlig anders aus. Angelockt von Anzeigen, die ein Netto-Gehalt von bis zu 3000 Euro für eine reguläre Woche versprechen, landete er in einer Welt der Schattenwirtschaft.

Ein Chef bot ihm unumwunden ein Modell aus Minijob-Vertrag und zusätzlicher Barzahlung an. In Essen stieß Reporter "Vladyslav" auf identische Praktiken. Schwarzgeld scheint hier kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Werkzeug zu sein, um Lohnnebenkosten zu drücken und den offiziellen Mindestlohn zu unterlaufen.

Die physische Belastung der Zusteller ist dabei enorm. Arbeitstage von zehn bis zwölf Stunden sind laut den Undercover-Berichten keine Seltenheit, oft ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepausen. Der Druck, die tägliche Tour zu schaffen, ist so gewaltig, dass die Fahrer jede Sekunde einsparen müssen. Besonders perfide: Entstehen Schäden am Fahrzeug oder gehen Pakete verloren, berichten Fahrer davon, dass diese Kosten direkt an sie weitergereicht würden. Ein Rücklicht für 800 Euro kann so schnell den ohnehin kargen Verdienst mehrerer Wochen auffressen. Es ist ein System der totalen Risikoabwälzung nach unten.

Besonders bedrückend sind die Einblicke in die Lebensumstände derer, die aus Osteuropa angeworben werden. In München dokumentierte das Team eine Unterkunft, für die ein Zusteller monatlich 400 Euro zahlt. Dafür erhält er laut der Reportage ein Bett in einem winzigen, mit Schimmel befallenen Dreibettzimmer. Die hygienischen Zustände mit Ungeziefer und defekten Sanitäranlagen spiegeln die Geringschätzung wider, mit der das System den Menschen begegnet, die den boomenden Online-Handel erst ermöglichen. Die Unterkunft fungiert hier nicht als Rückzugsort, sondern als verlängerter Arm der Abhängigkeit.

Die Vorwürfe enden nicht an der Bordsteinkante. Interne Dokumente, die dem Team Wallraff zugespielt wurden, werfen ein Schlaglicht auf die Arbeitssicherheit in den Depots selbst. Eine Karte aus dem Jahr 2024 zeigt knapp 90 Standorte, von denen drei Viertel erhebliche Sicherheitsmängel aufweisen sollen. In Erftstadt bestätigte sich dieser Verdacht vor Ort: Fehlende Schutzschienen an Maschinen und ein allgemeiner Sanierungsstau prägten das Bild. Insider berichten von einem harten Sparkurs der Konzernspitze, der notwendige Investitionen in den Arbeitsschutz ausbremse.

DPD reagiert auf die detaillierten Fragen der Journalisten mit einer knappen, allgemein gehaltenen Stellungnahme. Der Zustelldienst verweist auf regelmäßige Kontrollen durch Berufsgenossenschaften und staatliche Behörden. Das Subunternehmermodell verteidigt er als Marktstandard, der für die Wettbewerbsfähigkeit unabdingbar sei.

Doch genau hier liegt der Kern des Problems: Die 2019 eingeführte Nachunternehmerhaftung, die Paketdienste für die Sozialabgaben ihrer Dienstleister in die Pflicht nehmen soll, scheint in der Praxis oft zu verpuffen. Wenn die Kontrolle vor Ort fehlt und der Kostendruck ungefiltert weitergegeben wird, entstehen Freiräume für Ausbeutung, die durch bloße Lippenbekenntnisse in Ethik-Kodizes nicht zu schließen sind. Die Recherche zeigt erneut, dass der bequeme Klick im Internet einen hohen Preis hat, den andere unter prekärsten Bedingungen bezahlen.

Stefan Krempl

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