Samstag, 7. März 2026

Gesichtserkennung im Iran: Wie russische KI den Widerstand bricht

Ein Leak enthüllt: Das Mullah-Regime nutzt die mächtige Software FindFace zur Jagd auf Demonstranten und zur Kartierung ihrer sozialen Kontakte.

Während am Morgen des 1. März 2025 die Einschläge israelischer und US-amerikanischer Bomben den Iran erschütterten, flimmerten auf den Smartphones vieler Bürger Drohbotschaften der Revolutionsgarden auf. Jede Aktion, die die Sicherheit störe, werde als Kooperation mit dem Feind gewertet und hart bestraft, hieß es in den SMS. Es war die unmittelbare Reaktion des Regimes auf die Aufrufe von Donald Trump und Benjamin Netanjahu, die nach der Bestätigung des Todes von Revolutionsführer Ali Chamenei zum Umsturz aufgestachelt hatten. Doch wer im Iran auf die Straße geht, kämpft nicht nur gegen gepanzerte Fahrzeuge und Sturmgewehre, sondern gegen einen unsichtbaren, digitalen Gegner, der niemals schläft.

Gemeinsame Recherchen von Forbidden Stories, dem Spiegel, dem ZDF und weiteren internationalen Partnern zeigen das wahre Ausmaß der technologischen Aufrüstung Teherans. Unter dem Codenamen „Eyes of Iran“ legen geleakte Daten aus russischen und iranischen Quellen offen, dass das Regime seit Jahren im Geheimen eine der weltweit leistungsfähigsten Gesichtserkennungssoftwares einsetzt: FindFace des russischen Unternehmens NtechLab. Diese Technologie ermöglicht es, Gesichter in einer Menschenmenge innerhalb von Millisekunden mit einer Datenbank von 500 Millionen Einträgen abzugleichen. Die Trefferquote liegt laut internen Dokumenten bei 98 Prozent.

Die Spur dieser digitalen Waffe führt zurück in den Sommer 2019. Damals nutzte NtechLab die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland als globales Schaufenster für seine Überwachungstechnik. Kurz darauf unterschrieb die iranische Firma Rasadco, die später mit dem Unternehmen Kama verschmolz, einen Vertrag als Systemintegrationspartner. Damit wanderte die Software in den Iran – ein Deal, der bis heute geheim gehalten wurde. Kama ist aber keine gewöhnliche IT-Firma. Die Führungsebene ist eng mit den Revolutionsgarden (IRGC) verknüpft, jener Organisation, die erst Anfang 2026 von der EU als Terrororganisation eingestuft wurde.

Was FindFace für die Opposition so gefährlich macht, ist eine Funktion namens „Interaction Tracking“. Es geht dem Regime nicht mehr nur darum, eine einzelne Person auf einer Demo zu identifizieren. Das System erstellt automatisch soziale Landkarten. Es erkennt, wer mit wem in der U-Bahn unterwegs ist, welche Freunde ein Zielobjekt hat und welche Autokennzeichen mit diesen Personen verknüpft sind. Einmal erfasst, wird das gesamte soziale Umfeld gläsern. Die Software liefert Details wie das geschätzte Alter, das Geschlecht und sogar den emotionalen Zustand der Passanten – und das selbst dann, wenn diese Masken oder Bärte tragen.

Besonders perfide ist der „Offline-Modus“. Das Regime muss Verdächtige nicht sofort während eines Protests festnehmen, was oft zu weiteren Eskalationen führt. Die Behörden speichern das Videomaterial der tausenden Kameras in den Metropolen wie Teheran oder Maschhad ab und lassen die Algorithmen später darüberlaufen. Wochen nach einer Demonstration, wenn die mediale Aufmerksamkeit abgeklungen ist, erfolgt der Zugriff in der Wohnung oder an der Schule. Wie effektiv und grausam dieses System arbeitet, zeigt der Fall der 13-jährigen Hasti. Ihr Vater wurde von einer Bankkamera beim Verteilen von Flugblättern gefilmt. Die Software identifizierte ihn und führte die Sicherheitskräfte direkt zu seiner Tochter in die Schule, die bei dem anschließenden Einsatz schwere neurologische Schäden erlitt.

Die technische Infrastruktur hinter dieser Überwachung ist tief im iranischen Staatsapparat verwurzelt. Dokumente belegen, dass neben den Revolutionsgarden auch das berüchtigte Ministerium für Geheimdienste sowie Universitäten und Stadtverwaltungen Lizenzen erworben haben. Oft geschieht das über Tarnfirmen wie BPO, die als Briefkastengesellschaften fungieren, um Sanktionen zu umgehen und die Herkunft der Technologie zu verschleiern. In einem Vertrag von 2021 ist die Rede von „unbegrenzten“ Lizenzen für hunderte Kameras, die Millionen von „Events“ – also Identifizierungen – verarbeiten können.

Während der Westen über die Regulierung von Künstlicher Intelligenz debattiert und biometrische Überwachung im öffentlichen Raum durch den AI Act streng begrenzt, zeigt der Iran das dystopische Endstadium dieser Technologie. In einem Land, in dem es keine unabhängige Justiz und kaum Pressefreiheit gibt – der Iran rangiert auf der Rangliste von Reporter ohne Grenzen auf Platz 176 von 180 –, wird der Algorithmus zum Richter. Ein technischer Fehler oder ein falscher Treffer kann hier tödliche Folgen haben, ohne dass es eine Instanz zur Korrektur gäbe.

NtechLab selbst, das Unternehmen hinter FindFace, ist eng mit dem russischen Staatskonzern Rostec verwoben. Dieser untersteht direkt dem Verteidigungsministerium in Moskau. Obwohl das Unternehmen wegen Menschenrechtsverletzungen auf US- und EU-Sanktionslisten steht, rühmt es sich weiterhin seiner über 1100 Kunden in 60 Ländern. Dass die Islamische Republik einer der wichtigsten Abnehmer ist, taucht auf der offiziellen Website nicht auf. Für die iranische Bevölkerung bedeutet diese unheilige Allianz zwischen russischer Technik und iranischer Repression, dass jeder Schritt im öffentlichen Raum zum existenziellen Risiko geworden ist. Der Widerstand gegen das Regime ist nach dem Tod Khameneis zwar ungebrochen. Doch die „Augen des Staats“ wachen weiter über jede Straße und jeden Platz.

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