Greenpeace moniert in einer Studie: AWS kooperiert systematisch mit Konzernen, die wegen Umweltzerstörung und Menschenrechtsverstößen auf globalen Verbotslisten stehen.
Während für Großbanken und Pharmakonzerne ethische Leitplanken längst zum Standard gehören, agiert Big Tech in einer moralischen Grauzone und kooperiert systematisch mit hochgradig umstrittenen Akteuren. Eine neue Untersuchung von Greenpeace Deutschland legt erstmals die globalen Kundenbeziehungen des Cloud-Marktführers Amazon Web Services (AWS) offen. Die Umweltschützer konfrontierten die Kundenlisten des Tech-Riesen mit den strengen Ausschlussregeln der Finanzwelt. Das Ergebnis verdeutlicht eine tiefe moralische Krise in der Digitalwirtschaft: Amazon fungiert demnach als zentraler technologischer Wegbereiter für Konzerne, die weltweit wegen schwerer Umweltzerstörung, der Aufrüstung von Diktaturen oder brutaler Menschenrechtsverletzungen am Pranger stehen.
Für ihre Analyse bedienten sich die Umweltschützer einer fundierten Methodik aus dem Bankensektor. Sie glichen die öffentlich zugänglichen Daten und digitalen Spuren von Firmenkunden mit den etablierten Verbotslisten des norwegischen Staatsfonds ab – dem mit rund 1,8 Billionen Euro größten staatlichen Investor Europas, der für seine strengen Nachhaltigkeitskriterien bekannt ist. Diese Liste wurde um die aktuellen Register der Umweltorganisation Urgewald zu fossilen Treibern der Klimakrise sowie um die Warnlisten der Friedensinitiative PAX zu autonomen Waffensystemen erweitert. So entstand ein Sündenregister aus weltweit 263 Unternehmen, deren Kernkompetenzen diametral gegen ökologische und humanitäre Mindeststandards verstoßen.
Der Abgleich förderte zutage, das AWS zu mindestens 38 Prozent dieser geächteten Unternehmen aktive und enge Geschäftsbeziehungen pflegt. Konkret bedeutet dies, dass mindestens ein Drittel der Firmen, in die kein verantwortungsvoller Finanzinvestor der Welt auch nur einen einzigen Euro stecken würde, ihre digitalen Infrastrukturen, Algorithmen und Datenströme über die Server von Amazon abwickeln. Bei den hochgefährlichen Akteuren aus der Rüstungs- und Überwachungsindustrie, die von PAX als extrem kritisch eingestuft werden, liegt die Kooperationsquote sogar bei 55 Prozent. Da sich die Greenpeace-Recherche zwangsläufig auf öffentlich zugängliche Quellen, Jobportale und versteckte Datenschutzrichtlinien stützen musste, betonen die Autoren: Diese Zahlen bildeten lediglich die absolute Untergrenze ab. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen.
Die Studie untermauert die Zahlen mit konkreten, realen Fallbeispielen, die das Ausmaß der Beihilfe verdeutlichen sollen. So stellt Amazon Web Services seine Rechenleistung und maßgeschneiderte Modelle der Künstlichen Intelligenz etwa dem britischen Öl- und Gasmulti Shell zur Verfügung. Mit dieser technologischen Schützenhilfe ist der Konzern dem Bericht nach in der Lage, seismische Messdaten des Meeresbodens in Bruchteilen der früher üblichen Zeit zu analysieren. Die Algorithmen aus der Cloud erlaubten es dem fossilen Riesen, neue, unberührte Öl- und Gasfelder selbst in den entlegensten Winkeln unseres Planeten in rasantem Tempo aufzuspüren und auszubeuten.
Damit konterkariere Amazon direkt die völkerrechtlich verbindlichen Klimaziele des Pariser Abkommens und treibt die globale Erderhitzung aktiv voran, lautet der Vorwurf. Zu den treuen Cloud-Kunden gehört auch der brasilianische Fleischgigant JBS. Dieser gilt weltweit als einer der brutalsten Treiber der illegalen Abholzung des Amazonas-Regenwaldes und stößt durch seine gigantischen Rinderherden Methangase in einer Größenordnung aus, die die Emissionen ganzer Industriestaaten in den Schatten stellt. Auch hier sorgt die Amazon-Infrastruktur im Hintergrund für die reibungslose Optimierung der zerstörerischen Lieferketten. Im humanitären Bereich kooperiert Amazon zudem eng mit dem US-Datenanalysten Palantir, dessen Überwachungssysteme laut Amnesty International tief in schwere Menschenrechtsverletzungen verstrickt sind.
Diese Belege demonstrieren für Greenpeace ein systemisches Versagen der Tech-Branche, das im krassen Widerspruch zu den oft bemühten, firmeninternen Werbeversprechen von Fortschritt und sozialer Verantwortung steht. Während eine Bank heute genau prüfen muss, ob sie mit ihren Krediten die Zerstörung von Urwäldern oder die Produktion geächteter Streumunition finanziert, herrscht bei den globalen Cloud-Anbietern ein Zustand vollkommener ethischer Ignoranz. Big Tech versuche sich systematisch aus der Affäre zu winden, kritisieren die Aktivisten, indem es sich auf die Rolle des reinen, neutralen Infrastrukturanbieters zurückziehe. Doch diese Argumentation greife im Zeitalter von KI und hochspezialisierter Software nicht mehr. Wer die Werkzeuge zur globalen Ausbeutung von Mensch und Natur liefere und optimiere, mache sich zum Handlanger und profitiere direkt von den Verbrechen seiner Kunden.
Die europäische Politik hat zwar mit Gesetzen wie dem Digital Services Act (DSA) oder dem AI Act wichtige, erste Schritte zur Eindämmung digitaler Monopolmacht eingeleitet. Doch diese regulatorischen Hebel greifen bei den globalen Lieferketten und den ethischen Fragen der Kundenauswahl zu kurz. Greenpeace fordert daher die sofortige Einführung eines verbindlichen, ökologischen und ethischen Mindeststandards für alle Cloud-Anbieter, der sich eins zu eins an den bewährten Ausschlusskriterien der Finanzwirtschaft orientiert. Solange Tech-Konzerne wie Amazon keine klaren roten Linien ziehen und die Zusammenarbeit mit nachweislichen Klimasündern, Kriegstreibern und Menschenrechtsverletzern konsequent verweigern, bleibe die Digitalisierung ein Brandbeschleuniger für die Krisen unserer Zeit.
Stefan Krempl
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