Angesichts des massiven Ausbaus von Rechenzentren verlangt Greenpeace von AWS, Microsoft und Google eine Selbstverpflichtung gegen Umweltzerstörung und Überwachung.
Die digitale Infrastruktur ist das Nervensystem der modernen Welt, doch hinter den glänzenden Fassaden der Cloud-Giganten verbergen sich oft düstere Allianzen. Während Konzerne wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft und Google ihre Marktposition zementieren, dienen ihre Serverkapazitäten nicht selten als technologisches Rückgrat für Branchen, die den Planeten an seine Belastungsgrenzen führen.
Mit einer neuen "Ethik-Richtlinie für Anbieter kritischer digitaler Infrastruktur" erhöht Greenpeace nun den Druck auf die Branche. Die Umweltschutzorganisation fordert, dass die "Wegbereiter der modernen Welt" endlich Verantwortung für ihre gesellschaftliche Rolle übernehmen und klare rote Linien ziehen
Kernproblem ist die vermeintliche Neutralität der Technik. Cloud-Anbieter stellen Rechenpower und Speicherplatz bereit. Doch wer diese Ressourcen wofür nutzt, bleibt bislang weitgehend dem Markt überlassen. Greenpeace-Expertin Linda Klapdor findet dafür deutliche Worte: Big Tech mache sich mit fossiler Expansion, der Abholzung von Regenwäldern und Massenüberwachung die Taschen voll. Wer die digitale Zukunft bauen wolle, müsse die Zerstörung der Gegenwart konsequent von seinen Servern verbannen. Die Richtlinie ist dabei als direkt unterschriftsreife Selbstverpflichtung konzipiert, die abstrakte moralische Werte in eine operative Realität übersetzen soll
Greenpeace zieht eine strukturelle Parallele zum Finanzsektor. So wie Banken über Kredite entscheiden, welche Projekte realisiert werden, entscheiden Cloud-Anbieter über die Effizienz und Skalierbarkeit von Geschäftsmodellen. Im Finanzwesen sind ökologische und soziale Ausschlusskriterien, etwa in den UN Principles for Responsible Investment, längst etabliert. Viele Institute finanzieren keine Streumunition oder Regenwaldabholzung mehr. Genau diese "bewährten Prinzipien" sollen nun auf die Anbieter von Cloud-Services übertragen werden. Es geht darum, Unternehmen den digitalen Saft abzudrehen, wenn deren Handeln das Gemeinwohl gefährdet.
Die Verbotsliste: Von Öl bis Deepfakes
Die Richtlinie definiert präzise Ausschlusskriterien für die Nutzung der Infrastruktur. Ein prominenter Punkt ist der Bereich fossile Brennstoffe. Cloud-Dienste sollen für Kohleförderer mit Expansionsplänen sowie für Öl- und Gasunternehmen, die neue Reserven erschließen oder Fracking betreiben, tabu sein. Auch die Rüstungsindustrie gerät ins Visier: Die Entwicklung und der Einsatz von Letalen Autonomen Waffensystemen (LAWS) alias Killer-Robotern, die ohne menschliche Kontrolle Ziele auswählen, sowie die operative Planung kinetischer Angriffe über die Cloud werden strikt abgelehnt.
Besonders aktuell sind die Forderungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) und Überwachung. Die Richtlinie orientiert sich hier am AI Act und untersagt Anwendungen mit "unannehmbarem Risiko". Dazu zählen etwa biometrisches Scraping zur Gesichtserkennung, Predictive Policing oder manipulative Techniken, die menschliches Verhalten schädlich beeinflussen
Ökologische Sorgfaltspflicht und faire Ketten
Neben der Kundenauswahl nimmt die Richtlinie die eigene Betriebsweise der Tech-Konzerne in die Pflicht. Angesichts des enormen Ressourcenverbrauchs verlangt Greenpeace, dass neue Rechenkapazitäten ausschließlich mit echtem Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden – wobei bloße Zertifikate für Grünstrom nicht ausreichen
Die Verantwortung endet aber nicht an der Tür des Rechenzentrums. Die Hardware-Lieferketten vom Bergbau bis zur Fertigung müssen transparent gemacht und auf Menschenrechtsverstöße geprüft werden. Auch für die oft unsichtbaren "Clickworker", die Daten für KI-Systeme aufbereiten, fordert die Selbstverpflichtung faire Löhne und den Schutz vor moderner Sklaverei
Relevanz für den Standort Deutschland
Die Veröffentlichung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz verfolgt ambitionierte Ziele für den digitalen Standort Deutschland. Erst im März beschloss die Exekutive, die Kapazitäten für Rechenzentren bis 2030 zu verdoppeln. Cie Anschlussleistung für Cloud-Computing und KI soll sich sogar vervierfachen. Parallel dazu fließen Milliarden: Allein AWS plant Investitionen von 7,8 Milliarden Euro in Deutschland. Auch Google und Microsoft bauen ihre Standorte massiv aus.
In diesem Kontext warnen Kritiker davor, dass der technologische Fortschritt ohne ethische Leitplanken zu Lasten der Umwelt und sozialer Standards gehen könnte. Die Forderung nach digitaler Souveränität, die Merz gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron als europäisches Ziel ausgegeben hat, muss laut Greenpeace zwingend mit ethischen Mindeststandards verknüpft werden. Nur so könne technologischer Fortschritt langfristig zum echten Wettbewerbsvorteil werden, der dem Gemeinwohl dient.
Um die Einhaltung der ambitionierten Regeln sicherzustellen, schlägt Greenpeace die Einberufung eines unabhängigen, externen Ethik-Rats vor. Dieser soll Empfehlungen zur Beendigung der Zusammenarbeit mit kritischen Kunden veröffentlichen. Zudem sollen Ingenieure das vertraglich zugesicherte Recht erhalten, die Arbeit an Projekten zu verweigern, die gegen den Kodex verstoßen – ohne berufliche Nachteile fürchten zu müssen. Es ist ein weitreichender Entwurf, der Big-Tech-Unternehmen vor die Wahl stellt: Bleiben sie "Technologie-Vermieter" oder werden sie zu verantwortungsvollen Akteuren einer demokratischen Zukunft?
Stefan Krempl
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