Donnerstag, 28. Mai 2026

Abhängig wie nie: Chinas Dominanz bei Seltenen Erden und kritischen Importen wächst

Eine Studie legt offen: Bei strategischen Rohstoffen, Batterietechnik und Solarpanels steigen die Importanteile Chinas deutlich, was Grund zur Sorge gibt.

Die politische Marschrichtung der Bundesregierung klang im Sommer 2023 eindeutig: „De-Risking“ war das Modewort, mit dem die damalige Ampel-Koalition eine strategische Trendwende einläuten wollte. Kritische Abhängigkeiten von China sollten systematisch abgebaut, Lieferketten breiter aufgestellt und wirtschaftliche Klumpenrisiken minimiert werden. Fast drei Jahre nach der Veröffentlichung dieser offiziellen China-Strategie, die auch von der aktuellen schwarz-roten Bundesregierung weiterhin als handlungsleitender Bezugsrahmen genutzt wird, zeigt die Realität ein völlig anderes Bild. Statt einer Emanzipation von Fernost schlittert die deutsche Wirtschaft in Schlüsselbereichen der Energie-, Digital- und Gesundheitswende immer tiefer in die Isolation und Verwundbarkeit.

Eine Analyse der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, die auf vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes basiert, stellt der deutschen Wirtschaftspolitik ein ernüchterndes Zeugnis aus. In der Mehrheit der Produktgruppen, die die Regierung explizit als kritisch eingestuft hatte, ist der chinesische Importanteil seit 2023 nicht etwa gesunken, sondern teils dramatisch angestiegen. Ob Batterietechnik, Solarmodule, lebenswichtige Medikamente oder strategische Industriemetalle – die deutsche Industrie steuert sehenden Auges auf eine Monopolabhängigkeit zu, die im Ernstfall verheerende Folgen haben könnte.

Eklatant offenbart sich diese Entwicklung auf dem Markt für wiederaufladbare Lithium-Ionen-Akkus. Ohne diese Batterien sind weder der Hochlauf der Elektromobilität noch medizinisch oder industriell genutzte stationäre Energiespeicher denkbar. Dennoch stieg Chinas Anteil an der gesamten importierten Menge innerhalb von nur zwei Jahren von 49,7 Prozent im Jahr 2023 auf besorgniserregende 66,5 Prozent 2025. Damit stammt inzwischen weit mehr als die Hälfte des deutschen Batterie-Gewichts aus der Volksrepublik.

Nahezu total ist die Abhängigkeit im Endproduktbereich der Photovoltaik geworden. Trotz aller politischen Bekundungen, europäische Produktionskapazitäten zu stärken, bauten chinesische Hersteller ihre weltweite Marktbeherrschung dank staatlicher Subventionen und unschlagbarer Skaleneffekte weiter aus. Der chinesische Anteil am deutschen Importgewicht von Solarpanels erreichte einen neuen historischen Höchstwert von 92,6 Prozent.

Länder wie die USA und Indien schotten sich mit harten Schutzzöllen gegen die chinesische Übermacht ab. Deutschland profitiert zwar von billigen Modulen für einen schnellen Solarausbau, zahlt dafür aber mit der fast vollständigen Kapitulation der eigenen Solarindustrie. Einzig bei Wechselrichtern gibt es einen kleinen Lichtblick: Hier sank der Importanteil Chinas von 51,3 auf 40,7 Prozent, da europäische Zulieferer aus Ländern wie Ungarn oder Tschechien Boden gutmachen konnten. Dies ist auch aus Sicherheitsaspekten relevant, da das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vor theoretischen Abschaltungen dieser kritischen Netzkomponenten im Konfliktfall gewarnt hat.

Abseits der Energietechnik offenbart die Studie eine ähnlich prekäre Lage im Gesundheitssektor. Bei Antibiotika explodierte der chinesische Lieferanteil an der Importmenge von ohnehin hohen 65,3 Prozent im Jahr 2023 auf 72,9 Prozent im Jahr 2025. Beim weit verbreiteten Penicillin kletterte der China-Anteil im selben Zeitraum sogar von 56,9 auf stolze 80,9 Prozent.

Bei chemischen Vorprodukten wie Dicyandiamid, das für das Diabetes-Medikament Metformin benötigt wird, liegt der Mengenanteil bei über 85 Prozent. Bei anderen Narkose- und Schmerzmitteln bleibt China sogar der weltweit einzige Lieferant. Selbst bei einfachen medizinischen Gütern wie Gesichts- und FFP-Masken, deren Mangel zu Beginn der Covid-Pandemie schmerzhaft spürbar war, klammert sich der deutsche Markt wieder verstärkt an chinesische Fabrikate.

Ein hochgradig nervöses Pokerspiel zeigt sich zudem auf dem Markt für Metalle und Seltene Erden, die von der EU als strategische Rohstoffe eingestuft werden. Bei Magnesium, einem unverzichtbaren Leichtmetall für den Automobil- und Luftfahrtbau, kletterte der chinesische Wertanteil auf 84,5 Prozent. Auch bei Gallium und Germanium, zwei Schlüsselrohstoffen für die Halbleiter- und Prozessorindustrie, bauten chinesische Exporteure ihre Dominanz aus.

Der Fall Gallium zeigt besonders gut das strategische Risiko: Chinas Anteil an den deutschen Importen verdoppelte sich nahezu von 28,9 auf 47,4 Prozent. Ein scheinbar paradoxes Phänomen registrierten die Analysten bei Seltenerdmetallen insgesamt. Zwar sank hier der reine Mengenanteil Chinas an den deutschen Gesamteinfuhren von 69,1 auf 55,4 Prozent. Doch im gleichen Zeitraum schoss der Anteil am Importwert von 21,3 auf 31,2 Prozent nach oben. Das bedeutet: Deutschland führt zwar weniger Tonnen ein, zahlt aber deutlich mehr Geld, weil China zunehmend die technologisch höherwertigen, veredelten und schwer ersetzbaren Segmente liefert.

Für die Produktion leistungsstarker Permanentmagnete in modernen Elektromotoren ist die Bundesrepublik vollkommen ausgeliefert. Bei den dafür essenziellen Seltenen Erden Praseodym, Neodym und Samarium bleibt das Reich der mitte praktisch der einzige Lieferant für die deutsche Industrie. Um den Bedarf der heimischen Wirtschaft zu decken, verdreifachte sich die deutsche Importmenge dieser spezifischen Warengruppe von 3,1 Tonnen im Jahr 2023 auf 13,0 Tonnen im Jahr 2025.

Dass diese asymmetrische Abhängigkeit kein theoretisches Risiko darstellt, zeigt die Realität des globalen Rohstoffhandels. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) reiste eigens nach Peking, um im direkten Gespräch mit Chinas Handelsminister Wang Wentao auf verlässliche und stabile Lieferungen Seltener Erden zu drängen. Doch statt Verlässlichkeit regiert auf dem Markt die Unsicherheit. Die von Peking erlassenen Exportkontrollen für schwere Seltene Erden sowie für Gallium, Germanium oder Wolfram erlauben es der kommunistischen Führung, den globalen Handel über intransparente Ausfuhrgenehmigungen nach politischem Belieben zu steuern. Während Lizenzen für militärische Anwendungen im Westen de facto gar nicht mehr erteilt werden, herrscht auch im zivilen Bereich Intransparenz.

Da offizielle Begründungen für erteilte oder verweigerte Lizenzen meist fehlen, sind Händler auf Gerüchte angewiesen. Brancheninsider berichten laut SZ Dossier bereits von ersten Blockaden, bei denen China gezielt Seltenerdmagnete für industrielle Maschinen zurückhält. Gleichzeitig schwanken die Exportmengen schwerer Selterererden wie Dysprosium und Terbium massiv, was die Marktpreise in eine Berg- und Talbahn verwandelt.

Der Studienautor Frederic Spohr, Leiter der Büros der Naumann-Stiftung in Taiwan und Korea, warnt eindringlich vor den geopolitischen Konsequenzen der Entwicklung. Ausgerechnet in jenen Sektoren, die das Rückgrat der künftigen Wirtschaftsstruktur bilden sollen, verfehle Deutschland die eigenen Diversifizierungsziele komplett und werde immer verletzlicher. Ein Kurswechsel dürfte in Zukunft zudem erheblich schwerer fallen. Laut Spohr steuert die chinesische Führung mittlerweile aktiv gegen die westlichen De-Risking-Bemühungen an, um die strategische Abhängigkeit des Westens als politisches Druckmittel dauerhaft zu zementieren.

Der finanzielle Hebel für Peking ist dabei minimal, das Erpressungspotenzial aber gigantisch: Deutsche Unternehmen zahlten 2025 gerade einmal rund 24,2 Millionen Euro für Seltene Erden nach China. Einen Lieferstopp würde die chinesische Staatskasse kaum spüren – die deutsche Industrie hingegen stünde vor einem sofortigen, milliardenschweren Produktionsstillstand. Um diesem Dilemma zu entkommen, plädiert der Autor gegen protektionistische Schutzzölle, die Lieferketten weiter verknappen würden. Stattdessen müsse die Politik dringend neue Handelspartnerschaften forcieren. Die zügige Ratifizierung ausverhandelter Abkommen mit Indien, Indonesien oder Australien sowie der Abschluss der Verhandlungen mit weiteren asiatischen Staaten und dem südamerikanischen Mercosur-Bündnis seien der einzige Ausweg, um den gefährlichen Zugriff Pekings auf die deutsche Wirtschaft rechtzeitig zu lockern.

Stefan Krempl

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