Freitag, 17. April 2026

800-Millionen-Euro-Rätsel: Deutschlands vager Plan für die KI-Gigafabrik

Berlin will das europäische Super-Rechenzentrum erzwingen. Doch während Milliarden auf dem Spiel stehen, verweigert die Regierung konkrete Antworten zu Kosten und Nutzen.

Die Vision ist gewaltig: Bis zu fünf sogenannte KI-Gigafabriken will die EU-Kommission über den Kontinent verteilenEs handelt sich dabei um Rechenzentren einer völlig neuen Dimension, bestückt mit mehr als 100.000 spezialisierten Hochleistungsprozessoren (GPUs). Sie sollen in der Lage sein, die nächste Generation großskaliger KI-Modelle zu trainieren. Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, mindestens eine dieser Gigafabriken nach Deutschland zu holenDoch eine aktuelle Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion lässt viele Fragen offen. Die Exekutive vermarktet das Projekt demnach weiter als zentralen Baustein der technologischen Souveränität. Opposition und Experten werfen dagegen kritische Fragen nach der wirtschaftlichen Vernunft und der konkreten Umsetzung auf.

Die Federführung für das Mammutprojekt liegt beim Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unter Einbindung des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS)Doch die Umsetzung gerät ins Stocken: Nachdem der Start des Bewerbungsverfahrens ursprünglich für Ende 2025 geplant war und zuletzt der Februar 2026 anvisiert wurde, verzögert sich die Ausschreibung weiter auf frühestens Mai oder Juni 2026. Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) sieht die Ursache dafür in Brüssel. Zwar sei der deutsche Finanzierungsanteil gesichert, erklärte sie gegenüber Politico, doch herrsche Unklarheit darüber, ob das Projekt auf europäischer Ebene bereits durchfinanziert sei.

Brisant ist die finanzielle Dimension. Die Kommission schätzt die Investitionskosten pro Fabrik auf vier bis fünf Milliarden EuroIm deutschen Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität sind 805 Millionen Euro als Vorsorge für einen staatlichen Finanzierungsbeitrag reserviert. Das aktuelle Problem liegt jedoch im EU-Haushalt, der nur bis 2027 läuft. Brüssel arbeitet daher offenbar an einem zweistufigen Finanzierungsmodell: In einer ersten Phase sollen jeweils 200 Millionen Euro von der EU und dem Mitgliedstaat fließen, gefolgt von jeweils 600 Millionen Euro ab dem Jahr 2028. Ob diese Mittel im nächsten EU-Haushalt tatsächlich gesichert werden können, gilt derzeit aber als unsicher.

Bislang sieht das Modell vor, dass die EU bis zu 17 Prozent der Kosten übernimmt oder Rechenleistung im entsprechenden Wert abkauft, sofern der Sitzstaat einen mindestens ebenso hohen Beitrag leistetDie Linksfraktion kritisiert in ihrer Auswertung scharf, dass die Regierung dennoch keine eigenen Schätzungen zu den Betriebskosten oder zum Umgang mit künftigen Kostensteigerungen vorlegtEs drohe ein Szenario, in dem der Staat bei finanziellen Schieflagen am Ende das Risiko allein tragen müsse.

Auch in Sachen Nachhaltigkeit bleibt die Strategie vage. Die Bundesregierung sieht im Umweltzeichen „Blauer Engel“ lediglich eine Orientierungshilfe, will aber keine verbindliche Zertifizierung vorschreibenÄhnlich verhält es sich bei der technischen Souveränität: Während oft gefordert wird, europäische Technologie zu integrieren, überlässt die Regierung die Hardware-Auswahl faktisch den privaten Betreibern und verweist auf die noch zu verhandelnden EU-Auswahlkriterien.

Die Kritik der Linken ist fundamental. Die Abgeordnete Sonja Lemke spricht von „Planlosigkeit“ und wirft der Exekutive vor, sich in eine Sackgasse manövriert zu habenSie wolle eine Fabrik, ohne genau zu wissen, welche Bedarfe sie decken soll oder wie das Geschäftsmodell aussiehtEine Abfrage bei den Bundesländern nach deren Bedarf an Rechenleistung blieb dem Vernehmen nach hinter den Erwartungen zurück. Vorerst bleibt das Projekt eine gigantische Wette auf die Zukunft, bei der die Bundesregierung zwar den Einsatz erhöht, die entscheidenden Karten in Brüssel aber noch nicht auf dem Tisch liegen.

Stefan Krempl

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen