Eine Studie von OpenForum Europe offenbart: Netzbetreiber schöpfen Open Source nicht aus. Es fehlt an eigenen Entwicklern, nicht am verfügbaren Quellcode.
Die europäische Telekommunikationsbranche steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Mobilfunk- und Festnetze wandeln sich aktuell von starr integrierten Hardware-Monolithen zu flexiblen, softwaregesteuerten und cloud-basierten Architekturen. Parallel rückt Open-Source-Software immer stärker ins Zentrum der Netzwerkinfrastruktur. Doch obwohl Entwickler aus Europa weltweit rund ein Drittel aller Open-Source-Beiträge leisten, gelingt es den hiesigen Telekommunikationskonzernen bislang kaum, diesen Vorteil in kommerzielle Stärke und strategische Kontrolle umzumünzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Denkfabrik OpenForum Europe zur Rolle von freier Software in der europäischen Telco-Industrie.
Der technologische Wandel der letzten Dekade hat die Netze grundlegend verändert. An die Stelle proprietärer Spezialhardware traten schrittweise Software-Defined Networking, Netzvirtualisierung und containerbasierte Cloud-Infrastrukturen. In diesem neuen Paradigma bilden Open-Source-Lösungen wie Kubernetes, OpenStack sowie Branchenprojekte wie Sylva für die Telco-Cloud oder Camara für Netz-APIs das digitale Fundament. Das zentrale Problem der europäischen Netzbetreiber liegt laut der Analyse keineswegs im Mangel an geeignetem Quellcode, sondern in der geschrumpften Eigenkompetenz der Unternehmen.
Über drei Jahrzehnte hinweg haben europäische Netzbetreiber wesentliche Teile ihrer Softwareentwicklung an Ausrüster wie Nokia und Ericsson ausgelagert. Dieser Abfluss an eigener Engineering-Kapazität rächt sich heute. Die meisten Betreiber agieren laut dem Bericht als passive Konsumenten, die Open-Source-Software vorgefertigt in proprietären Komplettlösungen ihrer Lieferanten beziehen. Dadurch entstehe ein Teufelskreis: Ohne eigene Entwicklerteams fehle den Anbietern die Fähigkeit, Software-Stacks eigenständig anzupassen, Fehler im Quelltext zu beheben oder auf Augenhöhe mit Ausrüstern zu verhandeln. Die technische Souveränität bleibe so weitgehend beim Lieferanten.
Wie eine erfolgreiche Transformation aussehen kann, verdeutlichen führende Netzbetreiber. Der französische Konzern Orange demonstriert mit seiner Open Source Factory, wie strategische Beschaffung als Hebel wirkt. Bei Ausschreibungen fordert der Konzern von Herstellern konsequent die Einhaltung offener Schnittstellen und standardisierter Open-Source-Kontrollpunkte. Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom wiederum übernehmen Führungspositionen in neutralen Konsortien wie der Linux Foundation, um strategische Schlüsselprojekte wie Camara voranzutreiben und globale Branchenstandards mitzugestalten. Solche Ansätze bleiben indes vorerst die Ausnahme: Mittelgroße und regionale Betreiber verfügen meist weder über das Budget noch über die personellen Kapazitäten für eine aktive Mitarbeit im Open-Source-Ökosystem.
Zusätzlich bremst die Zersplitterung des europäischen Marktes den Fortschritt. Während in den USA wenige Großkonzerne agieren, konkurrieren in Europa rund 170 Netzbetreiber primär über Preise und Netzabdeckung statt über innovative Dienste. Dadurch schrumpfen die Margen für langfristige Forschung und Entwicklung. Die Autoren der Studie plädieren daher für eine stärkere Kooperation bei nicht-differenzierenden Infrastrukturschichten. Statt dass jeder Betreiber eigene Parallellösungen entwickelt, sollten gemeinsame Open-Source-Fundamente wie Sylva genutzt werden. Erst auf den darüber liegenden Dienstleistungsebenen und bei KI-gestützten Netzfunktionen mache ein Wettbewerb der Anbieter wirtschaftlich Sinn.
Gleichzeitig fordern die Experten Anpassungen der EU-Politik. Bisherige Förderinstrumente wie Horizon Europe seien mit kurzen Projektlaufzeiten von drei bis fünf Jahren zu unbeständig für die Pflege kritischer Infrastrukturen. Besser geeignet seien Modelle wie die Important Projects of Common European Interest (IPCEI), wenn Fördergelder direkt an Beitragsleistungen im Code gekoppelt würden. Zudem überlaste die Kumulation neuer Regularien vom Cybersecurity Act bis zum Cyber Resilience Act vor allem kleinere Betreiber. Damit Vorhaben wie der Digital Networks Act (DNA) greifen, müsse Europa Open Source als Kernelement einer aktiven Industriepolitik begreifen. Nur durch den gezielten Aufbau eigener Softwarekompetenzen könne die europäische Telekommunikationsbranche ihre digitale Souveränität nachhaltig festigen.
Stefan Krempl
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