Mittwoch, 19. August 2026

Schattenwirtschaft KI: Blindflug bei Daten- und Klickarbeitern

KI-Modelle leben von Datenarbeitern, doch die Politik kennt weder Löhne noch Verträge. Warum das Fehlen einschlägiger Statistiken zum Risiko für die Branche wird.

Hinter dem schillernden Aufstieg der Künstlichen Intelligenz verbirgt sich weltweit ein Millionenheer von Menschen, die im Verborgenen Daten sortieren, Bilder beschriften, Sprachmodelle korrigieren und verstörende Inhalte aus den Netzwerken filtern. Ohne diese akribische, oft zermürbende Arbeit von Hand gäbe es weder funktionierende Sprachmodelle noch autonom fahrende Autos. Dennoch herrscht auf politischer Ebene eine erstaunliche Ahnungslosigkeit über die konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Beschäftigten. Das geht aus einer jetzt veröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor. Demnach liegen der Politik bislang kaum belastbare Erkenntnisse oder eigene Daten über Datenarbeiter in Deutschland vor.

In ihrer Antwort räumt die Bundesregierung unverhohlen ein, dass Datenarbeit in der amtlichen Statistik gar nicht gesondert erfasst wird. Weder die Sozialversicherungsträger noch die offizielle Klassifikation der Berufe der Bundesagentur für Arbeit führen Data-Labeler, KI-Tutoren oder Content-Moderatoren als eigenständige Kategorie. Ein Grund dafür liegt laut der Exekutive in der Datensparsamkeit sowie der Wirtschaftlichkeit: Die Sozialversicherung erfasse nur Merkmale, die für die Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben zwingend notwendig seien. Eine Änderung dieser Praxis sei auch für die Zukunft nicht beabsichtigt. In der Praxis führt das dazu, dass fundamentale Kennzahlen wie die genaue Gesamtzahl der Tätigen, das vorherrschende Niveau der Löhne, das Ausmaß unbezahlter Arbeitszeit durch Warte- oder Vorbereitungszeiten sowie die Verteilung auf verschiedene Beschäftigungsformen in Deutschland im Dunkeln bleiben.

Auch bezüglich extremer psychischer Belastungen, denen viele Beschäftigte in diesem Sektor ausgesetzt sind, hat die Bundesregierung ein Erkenntnisdefizit. Zwar räumt sie ein, dass eine wachsende Anzahl internationaler Studien deutliche Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für schwere psychische Beanspruchungen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen bei Content-Moderatoren liefere, die täglich mit Gewalt, Missbrauch oder Schikanen konfrontiert werden. Für den deutschen Markt fehlen jedoch systematische Erhebungen. Das begründet die Exekutive etwa mit dem Fehlen standardisierter und kulturübergreifend validierter Messinstrumente. Zwar befasst sich der Ärztliche Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten derzeit mit Erkrankungen wie Depressionen in Berufen mit hoher psychosozialer Belastung, eine spezifische Eingrenzung auf die Datenarbeit gibt es dabei allerdings nicht.

Obwohl sich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales seit Anfang 2026 nach eigenen Angaben verstärkt mit dem Thema befasst und an Fachgesprächen teilnimmt, sind eigene berufsbezogene statistische Erhebungen oder empirische Studien zur Datenarbeit derzeit ausdrücklich nicht geplant. Stattdessen verweist das Ressort auf allgemeine Forschungsvorhaben im Bereich des algorithmischen Managements sowie auf bestehende europäische Regelungen wie die KI-Verordnung, den Digital Services Act (DSA) und die Richtlinie zur Plattformarbeit, von denen es sich künftig mehr Transparenz erhofft.

Auch beim Thema Gesundheitsschutz setzt die Regierung auf allgemeine Vorhaben wie die Politikwerkstatt für psychische Gesundheit sowie Tarif- und Betriebspartner. Eine Anerkennung der Datenarbeit als eigenständiger Ausbildungsberuf strebt sie nicht an. Hier verweist das Ministerium auf die modernisierten IT-Berufe wie den Fachinformatiker für Daten- und Prozessanalyse. Die oft prekäre und unsichtbare Realität der Datenarbeit in Deutschland bleibt damit vorerst ein blinder Fleck der Wirtschaftspolitik.

Stefan Krempl

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