Mittwoch, 12. August 2026

Schnittstellen statt Portale: Wie digitale Daseinsvorsorge gelingen könnte

Eine Studie zeigt, wie offene Protokolle ein vernetztes System schaffen könnten, das das Chaos bei Online-Hilfsangeboten und behördlichen Diensten beendet.


Einen Arzttermin bucht man heute in zwei Minuten am Smartphone. Wer dagegen ein Kind erwartet, Angehörige pflegt oder nach Hilfe sucht, landet weiterhin in einem Geflecht aus Zuständigkeiten, Webseiten, Hotlines und Formularen. Eine vor Kurzem veröffentlichte Studie im Auftrag der Stiftung Mercator, für die der Informatiker und Transformationsberater Henning Tillmann über 40 Gespräche mit Sozialanbietern, Unternehmen, gemeinnützigen Organisationen und technischen Fachleuten geführt hat, beschreibt dazu einen Ausweg. Unter dem Namen Dida (Digitale Daseinsvorsorge) entwirft der Experte das Konzept einer staatlich geförderten, aber dezentralen technischen Infrastruktur.

Das Kernproblem heutiger Ansätze liegt darin, dass staatliche Digitalinitiativen wie die geplante Deutschland-App oder der Deutschland-Stack in der Regel dort enden, wo die direkte Zuständigkeit des Staates aufhört. Der Alltag der Menschen tut das nicht. Zwischen dem Elterngeldantrag und dem Kita-Platz liegen Hebammen, Rückbildungskurse und Elternberatung. Zwischen Pflegegrad und Pflegealltag stehen Sozialstationen, Selbsthilfegruppen und Fahrdienste. Den wesentlich größeren Teil dieser Versorgungslandschaft erbringen Wohlfahrtsverbände, Zivilgesellschaft und lokale Unternehmen. Weil für sie bis heute verbreitete Schnittstellen zum Staat fehlen, digitalisieren reine Verwaltungslösungen allenfalls die kleinere Hälfte der Daseinsvorsorge.

Dieser Mangel an Verknüpfung ist längst kein Komfortproblem mehr. Der Staat organisiert seine Leistungen traditionell nach Paragrafen, Produkten und Zuständigkeiten, während Menschen schlicht Lebenslagen wie eine Schwangerschaft, eine Pflegenotwendigkeit oder finanzielle Sorgen erfahren. Weil der Zugang zu Hilfe derzeit von Zeit, Sprache, Bildung und individueller Suchkompetenz abhängt, wird ein erheblicher Teil zustehender Sozialleistungen gar nicht erst abgerufen. Wenn Bürger das System wiederholt als kompliziert, langsam und unübersichtlich erleben, untergräbt das nachhaltig das Vertrauen in die staatliche Handlungsfähigkeit. Dieser Effekt spiegelt sich auch in aktuellen Tiefstständen bei entsprechenden Umfragen wider.

Das Dida-Konzept schlägt deshalb vor, nicht bei Formularen, sondern bei den konkreten Lebenslagen anzusetzen. Statt eine weitere zentralistische Superplattform oder ein künftiges Millionengrab mit doppelten Entwicklungskosten zu schaffen, setzt der Ansatz auf dezentrale, offene Schnittstellen (APIs) und standardisierte Protokolle. Angebote verbleiben bei ihren jeweiligen Trägern. Verbunden wird über die Software nur das, was für die konkrete Servicekette notwendig ist. In der Handhabung soll das System für Bürger so einfach wie kommerzielle Buchungsplattformen funktionieren, im technischen Aufbau aber deren Gegenteil darstellen: Es gibt keinen zentralen Datentopf und keine kommerziellen Lock-in-Effekte. Stattdessen sichern Prinzipien wie dezentrale Speicherung, Datenminimierung und strikte Nutzereinwilligung die digitale Souveränität.

Über definierte Konnektoren ließe sich eine solche Infrastruktur nahtlos an den staatlichen Deutschland-Stack sowie an moderne KI-Chatbots oder MCP-Server (Model Context Protocol) anbinden, heißt es in der Analyse. Letztere griffen so auf verifizierte Daten zu, statt halluzinierte Antworten zu liefern. Gleichzeitig ermögliche es der Einsatz moderner KI-Werkzeuge, heterogene Informationen von kleinen Vereinen oder lokalen Anbietern ohne Programmieraufwand automatisiert in strukturierte Schnittstellen zu übersetzen. Um überlastete Anbieter einzubinden und der Resignation gegenüber komplexer IT entgegenzuwirken, müsse das System die Träger von administrativem Aufwand und Telefonaten entlasten. Dazu schlägt Tillmann die Gründung einer agilen Dida-Serviceagentur vor. Diese soll als handlungsfähige Stelle die technischen Spezifikationen bereitstellen, Organisationen beim Onboarding begleiten und den laufenden Betrieb koordinieren, damit öffentliches Geld nachhaltig in wiederverwendbare Infrastruktur statt in isolierte Insellösungen fließt.

Eine aktuelle Zusammenfassung der Untersuchung findet sich auch bei Table.Media.

Stefan Krempl

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