Einer Studie zufolge dominieren chinesische Sprachmodelle den Token-Verbrauch in Deutschland und der EU. Experten warnen vor neuen Abhängigkeiten.
Der globale Markt für Künstliche Intelligenz erlebt einen rasanten und unerwarteten Machtwechsel. Wie die aktuelle Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit „China’s AI Sweeps Into Europe“ belegt, haben chinesische Sprachmodelle US-amerikanische Konkurrenten auf einer der wichtigsten internationalen Entwicklerplattformen bereits abgehängt. Im Juli und August 2026 erreichte der Anteil chinesischer Modelle am gesamten Token-Verbrauch auf dem Portal OpenRouter in Deutschland 61 Prozent. EU-weit lag er bei 58 Prozent. Noch vor einem Jahr spielten chinesische KI-Systeme in Europa kaum eine Rolle und machten lediglich rund 15 Prozent aus.
Verfasst haben die Analyse Valentin Weber von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Stiftungsmitarbeiterin Céline Nauer. Dafür werteten sie Daten zum Token-Verbrauch auf OpenRouter sowie weltweite Download-Zahlen der Plattform Hugging Face aus. Da OpenRouter als Schnittstelle dient, über die Millionen von Softwareentwicklern und Unternehmen Anfragen an Hunderte verschiedene Modelle leiten, geben die Daten einen präzisen Einblick in die praktische Anwendungsentwicklung. Der sprunghafte Anstieg verdeutlicht, wie stark chinesische Technologie in westliche Software-Lieferketten eindringt.
Auch bei quelloffenen Open-Weight-Modellen zeigt sich ein eindeutiger Trend. Laut den Hugging-Face-Statistiken stiegen die kumulierten Downloads chinesischer Modelle bis September 2026 auf über 3,6 Milliarden an – doppelt so viele wie bei US-amerikanischen Gegenstücken.
Für den Siegeszug gibt es laut den Autoren vor allem drei wesentliche Gründe: Preis, Leistung und Lizenzmodell. Chinesische Spitzenmodelle wie die von DeepSeek oder Alibaba sind oft zu einem Bruchteil der Kosten amerikanischer Alternativen erhältlich. Gleichzeitig ist der Leistungsabstand laut dem Stanford AI Index auf verschwindend geringe Werte geschrumpft, insbesondere im Bereich des agentischen Programmierens, wo die Nachfrage hoch ist. Viele dieser Modelle werden zudem unter freien Lizenzen wie MIT oder Apache 2.0 veröffentlicht. Das erlaubt es Unternehmen, sie unkompliziert herunterzuladen, anzupassen und auf eigener Infrastruktur zu betreiben.
Trotzdem warnen die Studienautoren eindringlich vor den Kehrseiten dieser Entwicklung. Ein zentraler Punkt ist die asymmetrische Marktstruktur. Während westliche Volkswirtschaften weitgehend offen für chinesische Modelle sind – die USA und Deutschland gehören zu den weltweit größten Verbrauchern außerhalb Chinas –, ist der chinesische Markt durch staatliche Vorgaben und Verbote westlicher Dienste weitgehend autark abgeschottet. Sollte Peking den Export von KI-Modellen einschränken oder regulieren, träfe dies westliche Nutzer hart. Umgekehrt fielen westliche Restriktionen kaum ins Gewicht.
Dazu kämen erhebliche Risiken in den Bereichen Cybersicherheit, Datenorchestrierung und langfristige Abhängigkeit, heißt es in der Studie. Wer sich auf bestimmte Modelle einlasse, gerate in einen Lock-in-Effekt, da ein späterer Wechsel mit hohen Kosten und technischem Aufwand verbunden sei. Zudem besteht die Sorge, dass intransparente Modelle oder wöchentliche Updates unbemerkt Sicherheitslücken, Zensurvorgaben oder Hintertüren in Unternehmenssoftware einbringen könnten. Autonome KI-Agenten, die sich in Unternehmensnetzwerken bewegen, bergen das Risiko, sensible Daten unbemerkt zu extrahieren.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, empfehlen die Experten europäischen Unternehmen, rechtzeitig Ausweichpläne und Backup-Strategien zu erarbeiten. Gleichzeitig sollten politische Entscheidungsträger und Sicherheitsbehörden die Risiken transparenter kommunizieren und erwägen, Softwareanbieter zur Offenlegung der verwendeten Sprachmodelle zu verpflichten. Europa stehe vor der Aufgabe, die eigenen Potenziale besser zu nutzen, um nicht einseitig in neue technologische Abhängigkeiten zu geraten.
Stefan Krempl
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