Mittwoch, 25. Februar 2026

Gratis-Roaming: EU will Mobilfunk-Grenzen zum Westbalkan einreißen

Die EU-Kommission plant das Ende der Roaming-Gebühren für Reisende zwischen der EU und Südosteuropa – ein wichtiger Schritt zur digitalen Integration.

Wer heute von München nach Tirana oder von Belgrad nach Wien reist, muss beim Blick auf die Smartphone-Nutzung oft noch vorsichtig sein. Zwar haben freiwillige Abkommen der Mobilfunkbetreiber die Kosten in den letzten Jahren bereits gesenkt, doch das echte „Roam Like at Home“-Gefühl, wie man es innerhalb der Europäischen Union kennt, fehlt bisher. Das soll sich nun grundlegend ändern. Die EU-Kommission hat offiziell vorgeschlagen, Verhandlungen mit Albanien, Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien aufzunehmen. Ziel ist es, diese sechs Länder vollständig in das EU-Roaming-Regime zu integrieren, sodass Telefonate, SMS und mobiles Surfen über die Grenzen hinweg ohne zusätzliche Aufschläge möglich werden.

Dieser Vorstoß ist weit mehr als nur eine Erleichterung für Urlauber. Er ist ein zentraler Baustein des sogenannten Wachstumsplans für den Westbalkan aus dem Jahr 2023. Die Strategie der Kommission verfolgt dabei einen pragmatischen Ansatz: Anstatt erst auf den formalen EU-Beitritt der Staaten zu warten, der sich seit Jahren hinzieht, sollen die Bürger und Unternehmen bereits vorab von den konkreten Vorteilen des EU-Binnenmarktes profitieren. Die Kommission spricht hier von einer schrittweisen Integration, die den Menschen in der Region zeigt, dass der europäische Weg einen direkten Einfluss auf ihren Alltag und ihren Geldbeutel hat.

Für die praktische Umsetzung bedeutet dies, dass die sechs Partnerländer ihre nationalen Gesetze vollständig an die strengen EU-Vorgaben für den Mobilfunksektor anpassen müssen. Sobald diese Harmonisierung abgeschlossen ist und die bilateralen Abkommen stehen, entfallen die lästigen Roaming-Hürden in beide Richtungen. Das bedeutet, dass nicht nur Menschen aus dem Westbalkan in der EU zu Inlandspreisen telefonieren können, sondern auch EU-Bürger bei Reisen in die Region keine Angst mehr vor hohen Rechnungen beim Datenverbrauch haben müssen. Gerade für Pendler, Studierende und die eng vernetzte Wirtschaft in Südosteuropa stellt dies eine massive bürokratische und finanzielle Entlastung dar.

Die politische Bedeutung wird auch durch die Stimmen aus Brüssel unterstrichen. Henna Virkkunen, die Exekutiv-Vizepräsidentin für Technologiesouveränität, sieht darin einen wesentlichen Schritt auf dem Weg in die „europäische Roaming-Familie“. Die zuständige Kommissarin für Erweiterung, Marta Kos, hebt zudem hervor, dass die heute in der EU fast schon vergessenen „Schock-Rechnungen“ nach Auslandsreisen für viele Menschen auf dem Westbalkan noch immer bittere Realität sind. Mit der Ausweitung der EU-Regeln wolle man eine Hürde beseitigen, die Familien trenne und die Arbeit von Grenzgängern unnötig erschwere.

Bisher bewegen sich die Mobilfunktarife in der Region in einem Zwischenstadium. Innerhalb der Westbalkan-Staaten gibt es bereits ein regionales Abkommen, das die Kosten gesenkt hat. Auch zwischen der EU und diesen Ländern greifen bereits erste Preisdeckel, die jedoch auf freiwilligen Vereinbarungen der Provider basieren. Der neue Vorschlag der Kommission zielt nun darauf ab, diese unverbindlichen Lösungen durch eine rechtlich bindende Integration in den EU-Standard zu ersetzen.

Der nächste Schritt liegt nun beim EU-Rat. Die Kommission benötigt von den Mitgliedstaaten das Mandat, um die förmlichen Verhandlungen mit den Partnern aufzunehmen. Da die digitale Integration als einer der unstrittigsten und zugleich effektivsten Wege gilt, die Region enger an die EU zu binden, wird mit einer zügigen Bearbeitung gerechnet. Für die Mobilfunkbranche bedeutet dies mittelfristig eine Umstellung ihrer Abrechnungssysteme, während Nutzer sich auf eine Zeit freuen können, in der die Netzsuche an der Grenze zu Serbien oder Albanien kein finanzielles Risiko mehr darstellt.

Zwischen Kritik und Beleidigung: Verfassungsgericht stärkt die Meinungsfreiheit

Karlsruhe rügt Instanzgerichte: Pauschale Verurteilungen wegen „faschistoider“ Vergleiche in E-Mails halten der verfassungsrechtlichen Prüfung nicht stand.

Wer seinem Ärger in einer E-Mail Luft macht und dabei zu drastischen historischen Vergleichen greift, wandelt auf einem schmalen Grat. Doch die Grenze zur strafbaren Beleidigung ziehen die Fachgerichte oft zu vorschnell, wie das Bundesverfassungsgericht nun in zwei am Mittwoch veröffentlichten Beschlüssen klargestellt hat. Die Karlsruher Richter gaben zwei Verfassungsbeschwerden statt und hoben Entscheidungen des Landgerichts sowie des Oberlandesgerichts auf. Im Zentrum der Kritik steht dabei vor allem der Umgang mit scharfen Äußerungen gegenüber Amtsträgern und Institutionen, die von den Vorinstanzen zu Unrecht ohne die gebotene Abwägung als reine Schmähkritik abgetan wurden.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das erste Verfahren, in dem ein Vater mit dem Schulleiter des Gymnasiums seines Sohnes aneinandergeraten war. Während der Corona-Pandemie kritisierte der Mann die Schutzmaßnahmen und den Ausschluss seines Sohnes vom Präsenzunterricht massiv. In E-Mails an die Poststelle der Schule sprach er von „faschistoiden Anordnungen“ und warf dem Schulleiter vor, Menschen wie er seien in „früheren dunklen Zeiten stets die größten Stützen des Systems“ gewesen. Er äußerte zudem die Hoffnung, dass Behörden künftig gründlicher „von Faschisten gereinigt“ würden. Die Fachgerichte sahen darin eine strafbare Beleidigung und verurteilten den Mann zu einer Geldstrafe, da es ihm angeblich nur noch um die persönliche Herabsetzung des Schulleiters gegangen sei.

Das Bundesverfassungsgericht widersprach dieser Sichtweise deutlich. Die Richter rügten, dass sich die Instanzgerichte nicht ausreichend mit dem eigentlichen Wortlaut der E-Mail auseinandergesetzt hätten. Insbesondere bei der Formulierung „faschistoide Anordnungen“ fehlte eine genaue Sinnermittlung. Die bloße Annahme, der Beschwerdeführer habe den Schulleiter persönlich diffamieren wollen, reiche nicht aus, wenn die Äußerung erkennbar in eine Sachauseinandersetzung über die Corona-Politik eingebettet ist. Ein „praktisch vollständiger Abwägungsausfall“ wurde den Gerichten attestiert, da sie die Meinungsfreiheit des Vaters gegen das Persönlichkeitsrecht des Schulleiters hätten abwägen müssen, statt die Aussagen pauschal als Schmähkritik einzustufen. Eine solche Schmähung liegt verfassungsrechtlich nur dann vor, wenn die Diffamierung der Person völlig im Vordergrund steht und jedes sachliche Anliegen fehlt – was hier angesichts der Kritik am Schulbetrieb nicht der Fall war.

Auch im zweiten Fall, der die Ziviljustiz betraf, mahnte Karlsruhe mehr Sorgfalt an. Ein Mann hatte nach einer psychiatrischen Unterbringung und Zwangsfixierungen in einem Schreiben den Begriff „psychiatrischer Mob“ verwendet. Ein Oberlandesgericht verweigerte die Zustellung dieses Schreibens mit der Begründung, es handele sich um eine Beleidigung, und definierte „Mob“ kurzerhand als „Abschaum“. Das Verfassungsgericht fand für diese Interpretation deutliche Worte und bezeichnete die Gleichsetzung von „Mob“ und „Abschaum“ als fernliegend. Unter Verweis auf die Etymologie des Wortes – vom lateinischen „mobile vulgus“ für eine aufgewiegelte Menge – kritisierten die Richter, dass der Kontext der erlebten Zwangsmaßnahmen völlig ausgeblendet wurde. Auch hier fehlte die notwendige Prüfung, ob die Äußerung einen sachlichen Kern enthielt.

Beide Fälle zeigen eine klare Tendenz der Karlsruher Rechtsprechung: Die Meinungsfreiheit genießt auch dann hohen Schutz, wenn sie in scharfer, polemischer oder verletzender Form ausgeübt wird, solange ein Bezug zu einer sachlichen Debatte erkennbar bleibt. Fachgerichte dürfen es sich nicht zu einfach machen, indem sie unliebsame oder drastische Begriffe sofort als strafbare Schmähung brandmarken. Die Verfahren wurden nun an die zuständigen Land- und Oberlandesgerichte zurückverwiesen, die erneut prüfen müssen – diesmal unter strikter Beachtung der verfassungsrechtlichen Maßstäbe zur Meinungsfreiheit.

Rolle rückwärts im Heizungskeller: Experten zerpflücken neues Modernisierungsgesetz

Schwarz-Rot beerdigt das „Habeck-Gesetz“ – doch Wissenschaft, Verbände und Opposition warnen vor einer kostspieligen Sackgasse für Mieter und das Klima.

Gestern Abend präsentierten die Spitzen der Koalition aus Union und SPD die Eckpunkte für das neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG), das im Sommer 2026 in Kraft treten sollDie Kernbotschaft der Bundesregierung: Das umstrittene Heizungsgesetz wird abgeschafftKonkret bedeutet das das Ende der 65-Prozent-Vorgabe für erneuerbare Energien beim HeizungstauschStattdessen setzt die Politik auf „Freiheit statt Verbote“ und erlaubt den uneingeschränkten Neueinbau von Gas- und ÖlheizungenEinzige Hürde ist eine sogenannte „Bio-Treppe“: Ab 2029 müssen diese Anlagen zu mindestens 10 Prozent mit klimafreundlichen Brennstoffen betrieben werden, wobei dieser Anteil bis 2040 stufenweise ansteigen sollParallel dazu wird eine Grüngas- und Grünölquote für Lieferanten eingeführt, die 2028 bei lediglich einem Prozent startet.

Die wissenschaftliche Reaktion auf diese Pläne gleicht einem vernichtenden Urteil. Stefan Thomas vom Wuppertal Institut warnt, dass Deutschland mit der Abschaffung der bisherigen Vorgaben sehenden Auges gegen nationale und europäische Klimaziele sowie geltendes EU-Recht verstößt. Laut Berechnungen des Öko-Instituts reißt das Vorhaben eine massive Klimalücke: Während das alte Gesetz bis 2030 rund 30 Millionen Tonnen CO₂ eingespart hätte, bringen die neuen Quoten im selben Zeitraum lediglich zwei Millionen Tonnen Entlastung. Kassem Taher Saleh, baupolitischer Sprecher der Grünen, unterstreicht dies und warnt vor einer fortwährenden Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und autokratischen Staaten.

Ein zentraler Kritikpunkt ist die „Kostenfalle“ für Verbraucher. Martin Pehnt vom ifeu betont, dass die scheinbar günstigen Investitionskosten für Gasthermen trügerisch seien. Durch den EU-Emissionshandel und die Knappheit von Biomasse und Wasserstoff würden die Betriebskosten fossiler Heizungen massiv steigen. Julia Bläsius von Agora Energiewende Deutschland sieht in den Vorschlägen eine Gefahr für Haushalte mit kleinem Geldbeutel. Sie fordert eine schnelle Festlegung der weiteren Stufen der „Biotreppe“, um künftige Preisentwicklungen transparent zu machen. Grüne Gase seien ein rares Gut, das in der Industrie dringender gebraucht werde und deren Preis absehbar explodieren dürfte – ein Umstand, den Taher Saleh als „Geschenk an die Gaslobby“ bezeichnet.

Besonders düster fällt die Prognose für Mieter aus. Da Vermieter oft nach den geringsten Anschaffungskosten entscheiden, könnten sie weiterhin billige Gasheizungen installieren, während die Mietenden die daraus resultierenden hohen Brennstoffpreise tragen müssen. Die Deutsche Umwelthilfe spricht von einem „klimapolitischen Wortbruch“ und sieht Millionen Haushalte an eine auslaufende Infrastruktur gefesselt. Julia Bläsius mahnt deshalb einen wirksamen Mieterschutz und attraktivere Strompreise für Wärmepumpen an, um Fehlinvestitionen zu verhindern.

Auch die Industrie übt scharfe Kritik. Wolfgang Weber vom ZVEI bemängelt, dass das GMG keine Modernisierung, sondern eine Verkomplizierung darstelle. Statt Verlässlichkeit für Hersteller und Handwerk zu schaffen, produziere die Regierung durch die neuen Quoten zusätzliche Unsicherheit und konterkariere den CO₂-Preis als zentrales Steuerungselement. Während die Wärmeplanung für kleine Kommunen zwar vereinfacht wird, entfällt gleichzeitig die Beratungspflicht beim Heizungskauf. Karen Pittel vom ifo Institut bemängelt zudem das Fehlen jeglicher Folgenabschätzung. Es bleibe unklar, wie die notwendigen Mengen an Biogas nachhaltig beschafft werden sollen, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen.

Insgesamt fordern Experten wie Bläsius einen automatischen „Rückfallmechanismus“ bis 2030, sollte der Gebäudesektor seine Ziele verfehlen. Ohne solche Korrekturen, so der Tenor der Kritik, bleibe das Modernisierungsgesetz ein Etikettenschwindel, der den Klimaschutz und die soziale Gerechtigkeit gleichermaßen gefährdet.

5G aus dem All: Millionen-Kredit für das Luxemburger Startup OQ Technology

Mit 25 Millionen Euro der EU-Investitionsbank will OQ Technology sein Satellitennetzwerk ausbauen, um herkömmliche Smartphones und IoT-Geräte direkt mit dem Weltraum zu vernetzen.

Die europäische Raumfahrtindustrie rüstet technologisch auf, um im globalen Wettbewerb um die Souveränität im Orbit nicht den Anschluss zu verlieren. Im Zentrum dieser Bestrebungen steht aktuell das luxemburgische Unternehmen OQ Technology, das einen bedeutenden finanziellen Rückenwind aus Brüssel und Luxemburg erhält. Die Europäische Investitionsbank (EIB) stellt dem Spezialisten für Satellitenkommunikation ein Venture-Debt-Darlehen in Höhe von 25 Millionen Euro zur Verfügung. Diese Finanzierung erfolgt im Rahmen der InvestEU-Initiative der Europäischen Kommission und markiert einen strategischen Schritt, um die Forschung und Entwicklung sowie den Ausbau einer europäischen Konstellation von Kleinsatelliten in der niedrigen Erdumlaufbahn (LEO) massiv zu beschleunigen.

Das Hauptaugenmerk von OQ Technology liegt auf einer Technologie, die in der Branche als „Direct-to-Device“ (D2D) bezeichnet wird. Ziel ist es, eine nahtlose 5G-Konnektivität für handelsübliche Smartphones und Internet-of-Things-Geräte zu schaffen, ohne dass dafür spezielle Zusatzhardware oder klobige Satellitenantennen erforderlich sind. Während herkömmliche Mobilfunknetze an ihre physikalischen Grenzen stoßen, sobald Berge, Meere oder abgelegene ländliche Regionen ins Spiel kommen, schließt die geplante Satellitenflotte diese weißen Flecken auf der Landkarte von oben. Die Besonderheit des luxemburgischen Ansatzes liegt in der strikten Einhaltung internationaler Mobilfunkstandards wie dem 3GPP-Standard für Narrowband IoT (NB-IoT) und 5G New Radio. Das bedeutet, dass aktuelle Smartphone-Modelle von Herstellern wie Apple, Samsung oder Google theoretisch direkt mit den Satelliten kommunizieren können, um Kurznachrichten zu versenden oder im Notfall Hilfe zu rufen.

Erst kürzlich, im Jahr 2025, konnte OQ Technology einen wichtigen Meilenstein für die europäische Raumfahrt verbuchen. Als erstem Betreiber des Kontinents gelang es dem Unternehmen, eine Notfall-Broadcast-Nachricht direkt an unmodifizierte Smartphones zu senden. Dieser Erfolg unterstreicht die Reife der Technologie, die nun durch das frische Kapital der EIB skaliert werden soll. Geplant ist der Start von über 20 softwaredefinierten Multiband-Satelliten, die sowohl im S-Band als auch im C-Band operieren. Diese Flotte soll nicht nur die kommerzielle Nutzung vorantreiben, sondern auch eine resiliente und redundante Infrastruktur bieten, die bei Naturkatastrophen oder Angriffen auf terrestrische Netze als digitaler Schutzschirm fungiert.

Hinter der Finanzierung steht ein größeres politisches Ziel: die strategische Autonomie Europas im Weltraum. Da der Sektor weltweit rasant wächst, möchte die Europäische Union sicherstellen, dass kritische Technologien und die dazugehörige Infrastruktur in europäischer Hand bleiben. Das Projekt wird daher nicht nur als technologische Innovation, sondern als Baustein für die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Wirtschaftsraums betrachtet. Für Luxemburg, das sich über die letzten Jahrzehnte zu einem zentralen Hub der "New Space"-Ökonomie entwickelt hat, ist die Investition eine Bestätigung der eigenen Standortpolitik.

Mit dem neuen Kapital kann OQ Technology nun die Fertigstellung seiner ersten vollständigen Konstellation vorantreiben. Für Nutzer bedeutet dies perspektivisch eine höhere Sicherheit, da die Erreichbarkeit in abgelegenen Gebieten deutlich steigen wird. Für die Industrie wiederum eröffnet die globale 5G-Abdeckung aus dem All völlig neue Möglichkeiten für das Tracking von Gütern oder die Überwachung von Infrastrukturen in Echtzeit, unabhängig von der Verfügbarkeit lokaler Mobilfunkmasten. Der Weg von der Demonstration im Labor hin zu einem kommerziell tragfähigen, weltumspannenden Netzwerk scheint für die Luxemburger damit geebnet.

Glasfaser-Laufzeit: Verbraucherschützer mahnen GVG Glasfaser ab

Der Beginn der 24-monatigen Bindung darf nicht erst mit der Freischaltung des Anschlusses starten – der BGH hat hierzu bereits ein klares Urteil gefällt.

Wer sich heute für einen modernen Glasfaseranschluss entscheidet, braucht oft einen langen Atem. Zwischen der ersten Unterschrift unter den Vertrag und dem Moment, in dem die Daten tatsächlich mit Lichtgeschwindigkeit durch die heimische Dose fließen, vergehen im ländlichen Raum oder bei großflächigen Ausbauprojekten nicht selten Monate oder sogar Jahre. Doch während die Bagger noch rollen, stellt sich eine juristisch entscheidende Frage: Ab wann tickt eigentlich die Uhr für die Mindestvertragslaufzeit? Die GVG Glasfaser GmbH vertrat hierzu eine Auffassung, die nun die Verbraucherzentrale Niedersachsen auf den Plan gerufen hat.

Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Unternehmens, die unter anderem auf der Internetseite nordischnet.de Verwendung finden. Dort hieß es sinngemäß, dass die vereinbarte Vertragslaufzeit von zwei Jahren erst mit der tatsächlichen Freischaltung des Anschlusses beginne. Was für Laien logisch klingen mag – man zahlt schließlich erst, wenn man surft –, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als massive Benachteiligung der Kundschaft. Denn durch diese Koppelung verlängert sich die effektive Bindung an den Anbieter um die gesamte Zeit der Bau- und Planungsphase. Wer Pech hat, ist somit faktisch drei oder vier Jahre an einen Anbieter gekettet, obwohl das Gesetz eine Grenze von 24 Monaten zieht.

Ein Machtwort aus Karlsruhe

Diese Praxis ist kein juristisches Neuland mehr. Bereits im Januar hat der Bundesgerichtshof (BGH) ein Machtwort gesprochen und klargestellt, dass der Vertrag grundsätzlich mit dem Vertragsschluss beginnt. In der Praxis ist das meist der Moment, in dem der Kunde die Auftragsbestätigung des Unternehmens im Briefkasten oder im E-Mail-Postfach findet. Ab diesem Zeitstempel beginnt die rechtliche Laufzeit. Dass die eigentliche Leistung – das Surfen im Netz – erst später erfolgt, ändert nichts an der zeitlichen Befristung der Bindung.

Jana von Bibra, Rechtsexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen, warnt vor den Folgen der nun abgemahnten Klauseln. Da der Ausbau oft unvorhersehbare Verzögerungen mit sich bringt, würden diese Zeiträume unzulässigerweise auf die 24 Monate "draufgeschlagen". Die Verbraucherzentrale hat die GVG Glasfaser GmbH daher förmlich abgemahnt und fordert die Unterlassung dieser Praxis. Die Rechtslage ist hierbei eindeutig: Klauseln, die den Beginn der Laufzeit willkürlich nach hinten verschieben, sind unwirksam.

Was Kunden jetzt prüfen sollten

Für Nutzer von Glasfaseranschlüssen, nicht nur bei der GVG, bedeutet dies vor allem eines: Ein genauer Blick in die Vertragsunterlagen und die monatliche Rechnung ist bares Geld wert. Seit der letzten TKG-Novelle sind Anbieter verpflichtet, das Ende der Mindestlaufzeit sowie den nächstmöglichen Kündigungstermin transparent auf der Rechnung auszuweisen. Weicht dieses Datum deutlich vom Zeitpunkt der ursprünglichen Auftragsbestätigung ab, sollten Kunden hellhörig werden.

Sollte der Anbieter das Vertragsende falsch berechnet haben, haben Verbraucher einen Anspruch auf Korrektur der Daten. Um diesen Prozess zu vereinfachen, bieten die Verbraucherschützer online Hilfestellungen an. Wer feststellt, dass seine Vertragslaufzeit erst "ab Schaltung" gerechnet wurde, kann das Unternehmen auffordern, den Termin auf das korrekte Datum – 24 Monate nach Vertragsschluss – vorzuziehen. Dies ist besonders dann relevant, wenn man plant, nach der Mindestlaufzeit zu einem anderen Anbieter zu wechseln oder von dem seit 2021 geltenden monatlichen Kündigungsrecht nach Ablauf der Erstlaufzeit Gebrauch zu machen.

Der Fall zeigt erneut, dass die Expansionsstrategien vieler Glasfaseranbieter immer wieder mit geltendem Verbraucherrecht kollidieren. Während der Netzausbau politisch gewollt und technisch notwendig ist, darf er nicht als Vehikel dienen, um Kunden länger als rechtlich zulässig an Verträge zu binden. Die Abmahnung gegen die GVG Glasfaser ist hierbei ein deutliches Signal an die gesamte Branche, die Spielregeln des BGH endlich flächendeckend umzusetzen.

Digitale Zeitenwende: Bund will mit KI-Offensive das organisierte Verbrechen jagen

Mit automatisierter Datenanalyse und biometrischem Abgleich wird der Bund laut einem Aktionsplan gegen organisierte Kriminalität technisch aufrüsten, um kriminelle Netzwerke und illegale Finanzströme zu zerschlagen.

Das Bundeskabinett hat am Mittwoch eine umfassende Neuausrichtung der inneren Sicherheit beschlossenUnter dem vielbeschworenen Schlagwort der Zeitenwende bringen das Finanz-, Innen- und Justizministerium einen Aktionsplan auf den Weg, der vor allem auf eine digitale Aufrüstung der Ermittlungsbehörden setztDas Ziel ist ambitioniert: Die Strukturen der Organisierten Kriminalität (OK), insbesondere in den Bereichen Finanz- und Rauschgiftkriminalität, sollen durch eine engere Verzahnung von IT-Systemen und den Einsatz modernster Analysetechnologien zerschlagen werden. Damit reagiert die Bundesregierung auf die zunehmende Professionalisierung krimineller Netzwerke, die sich längst grenzüberschreitend digitaler Mittel bedienen.

Ein zentraler Pfeiler dieser Strategie ist die radikale Verbesserung des Informationsaustausches zwischen dem Zoll und dem Bundeskriminalamt (BKA)Bisher oft durch bürokratische Hürden und getrennte Datensilos gebremst, sollen die Beamten künftig durch zweckgebundene und rechtssichere Direktzugriffe auf die Datenbanken der jeweils anderen Behörde zugreifen könnenUm dies zu ermöglichen, plant die Bundesregierung weitreichende nationale Rechtsänderungen, die den digitalen Zugriff im Einklang mit verfassungsrechtlichen Vorgaben legitimierenAuch auf europäischer Ebene drängt Berlin auf einen verbesserten Zugang zu relevanten Datenbanken, um der transnationalen Natur der OK-Strukturen gerecht zu werden.

Besonders im Fokus steht dabei der Einsatz technologischer Instrumente in der Gefahrenabwehr und StrafverfolgungDer Aktionsplan sieht neue Befugnisse zur automatisierten Datenanalyse vor, die es ermöglichen sollen, riesige Mengen unstrukturierter Informationen nach Mustern zu durchforstenErgänzt wird dies durch die Einführung des biometrischen Internetabgleichs, mit dem Tatverdächtige in digitalen Räumen schneller identifiziert werden könnenUm die technologische Hoheit zu behalten, wird den Behörden zudem gestattet, IT-Produkte gezielt zu testen und zu trainierenEin physischer Knotenpunkt dieser digitalen Strategie wird das sogenannte Datenhaus P20 sein, in dem ein gemeinsamer „FinPool“ errichtet wirdHier sollen illegale Finanzflüsse frühzeitig erkannt, ausgewertet und konsequent verfolgt werden, was eine neue Qualität der datengestützten Ermittlung markiert.

Diese digitale Offensive folgt dem Leitmotiv „Follow the Money“Durch gezielte Finanzermittlungen sollen verschleierte Vermögenswerte wirksamer aufgespürt und eingezogen werdenEin rechtliches Novum stellt hierbei die im Koalitionsvertrag verankerte Beweislastumkehr dar: Bei auffälligen Diskrepanzen zwischen Vermögen und Einkommen müssen künftig die Besitzer die legale Herkunft ihrer Mittel nachweisen, sofern ein Bezug zur organisierten Kriminalität bestehtUm diese komplexen Ermittlungen zu flankieren, werden neue Strukturen geschaffen, darunter ein gemeinsames Kompetenzzentrum zwischen Zoll und BKA sowie ein spezielles Ermittlungszentrum Geldwäsche beim ZollDie bereits bestehende Gemeinsame Finanzermittlungsgruppe Bund wird zu einer schlagkräftigeren Ermittlungsgruppe Geldwäsche weiterentwickelt und sowohl personell als auch technisch massiv verstärkt.

Auch im Kampf gegen die internationale Rauschgiftkriminalität setzt die Bundesregierung auf einen ganzheitlichen, datengetriebenen AnsatzEin neues gemeinsames Analyse- und Auswertezentrum „Rauschgift“ zwischen dem Zollkriminalamt und dem BKA soll dabei helfen, organisierte Strukturen zu identifizieren, die legale Warenströme für den Schmuggel missbrauchenAuf Grundlage dieser digitalen Erkenntnisse wird eine Gemeinsame Ermittlungsgruppe Rauschgift Bund aufgebaut, die bundesweit agiertNeben der Verfolgung klassischer Drogen rückt zudem die Produktion synthetischer Rauschmittel in den Fokus, wobei die Überwachung der benötigten Grundstoffe und die Unterbindung des illegalen Online-Handels eine zentrale Rolle spielen.

Die Bundesregierung betont, dass diese technologische Neuausrichtung mit einer deutlichen Verbesserung der personellen Ausstattung einhergehtSowohl der Zoll als auch das BKA werden zusätzliche Stellen erhalten, um die neuen digitalen Befugnisse auch operativ ausfüllen zu könnenLangfristig soll Deutschland durch diese Maßnahmen als Rückzugsort für kriminelle Gruppierungen und als Standort für die Wäsche kriminellen Vermögens unattraktiv gemacht werdenMit der Schaffung moderner gesetzlicher Grundlagen und der Stärkung der technischen Kapazitäten will der Staat ein klares Zeichen setzen: In der digitalen Ära wird der Rechtsstaat seine Wehrhaftigkeit durch Innovation und Vernetzung unter Beweis stellen.


Ende des bundesweiten Marktes: Paradigmenwechsel bei Breitband-Regulierung

Die Bundesnetzagentur plant, die Telekom-Regulierung regional in Ballungszentren wie München und Köln zu lockern. Für diesen Vorstoß erntet sie scharfe Kritik aus der Branche.

In der deutschen Telekommunikationspolitik zeichnet sich eine historische Wende ab: Die Bundesnetzagentur hat am Mittwoch Eckpunkte für die künftige Regulierung des Breitband-Massenmarktes vorgelegt, die erstmals das Ende eines einheitlichen nationalen Marktes einläutenGetrieben durch den beschleunigten Glasfaserausbau und die Aufrüstung von Kabelnetzen sieht die Behörde die Zeit gekommen, von einer pauschalen Regulierung der Telekom Deutschland GmbH (TDG) abzurücken und stattdessen regional differenzierte Maßstäbe anzulegen.

Präsident Klaus Müller begründet diesen Schritt mit der veränderten Realität vor Ort: In Ballungszentren wie München, Köln, Ingolstadt und Wolfsburg herrsche mittlerweile ein so intensiver Infrastrukturwettbewerb, dass eine staatliche Vorab-Regulierung nicht mehr erforderlich seiDort stünden den Verbrauchern meist drei parallele Netze – Kupfer, Kabel und Glasfaser – zur Verfügung, was die Marktmacht des Ex-Monopolisten auf ein wettbewerbliches Maß reduziert habeWährend diese vier Städte (Teilmarkt A) komplett aus der Regulierung entlassen werden könnten, bleibt der Rest der Republik zweigeteilt.

Ein Sonderfall ist der schleswig-holsteinische Kreis Segeberg (Teilmarkt B)Hier ist die Telekom zwar nicht mehr eindeutig marktbeherrschend, aber der Wettbewerb ist noch zu fragmentiert, um gänzlich ohne Leitplanken auszukommenFür solche Gebiete bringt die Behörde „symmetrische Instrumente“ ins GesprächDamit könnten künftig alle Netzbetreiber gleichermaßen verpflichtet werden, ihre Infrastruktur für Wettbewerber zu öffnenIm „restlichen Bundesgebiet“ (Teilmarkt C) bleibt dagegen alles beim Alten: Wegen mangelnder Alternativen wird hier weiterhin eine strikte Regulierung der TDG als notwendig erachtet.

Technologisch zeigt sich der Markt laut der Analyse trotz des Wandels stabil. Anschlüsse via xDSL, Kabel (HFC) und Glasfaser (FttB/H) werden weiterhin als einheitlicher Markt definiert, da Endkunden ihre Entscheidung primär nach Preis und Leistung und weniger nach der Technik treffenNeu in den Fokus rückt die physisch entbündelte Glasfaser-Teilnehmeranschlussleitung am Faserverzweiger, die künftig als Vorleistungsprodukt einbezogen werden sollDrahtlose Alternativen wie Mobilfunk oder LEO-Satelliten spielen dagegen weiterhin nur eine untergeordnete Rolle.

Die Branche reagiert alarmiert auf die Pläne. Sven Knapp, Hauptstadtbüroleiter des Breko, kritisiert den Zeitpunkt der Deregulierung scharf. Er wirft der Telekom eine „Re-Monopolisierungsstrategie“ vor, die durch gezielten Doppelausbau den Glasfaser-Wettbewerb aktiv behindere. Eine Lockerung der Aufsicht gefährde die Investitionssicherheit der alternativen Ausbauer massiv. Ähnlich äußert sich VATM-Geschäftsführer Frederic Ufer. Er warnt vor einem „bundesweiten Dammbruch“ und sieht in der regionalen Betrachtung einen „hochgefährlichen Testballon“. Die Wettbewerbssituation sei weiterhin von einer starken Asymmetrie geprägt; so habe sich die Vermarktungsquote auf dem Glasfasernetz der Telekom marginalisiert.

Ufer kritisiert zudem, dass eine Fragmentierung der Regulierung zu einem „Flickenteppich“ an Instrumenten führen würde. Bei über 400 Gebietskörperschaften drohe ein bürokratischer Wildwuchs, der weder der Marktmacht der Telekom gerecht werde noch Planungssicherheit schaffe. Solange kein klarer Migrationspfad von Kupfer auf Glasfaser vorliege, sei eine Deregulierung verfrüht. Die Bundesnetzagentur selbst räumt ein, dass auch in den Wettbewerbsgebieten weiterhin „beträchtliche und anhaltende strukturelle Marktzutrittsschranken“ bestehen.

Die vorliegenden Eckpunkte dienen als Grundlage für einen öffentlichen Termin am 16. März 2026, bevor der förmliche Entwurf der Marktfestlegung finalisiert wird.