Die Ära „Wachstum um jeden Preis“ ist im europäischen Glasfasermarkt vorbei. Eine Studie eines Beratungshauses prognostiziert eine starke Konsolidierungswelle und warnt vor Finanzierungslücken.
Der europäische Glasfasermarkt steht vor einer Zäsur, die vor allem den deutschen Markt mit voller Härte trifft. Nachdem jahrelang die Devise galt, Marktanteile und Ausbauzahlen ohne Rücksicht auf kurzfristige Profitabilität zu steigern, prallen die ehrgeizigen Businesspläne der Netzbetreiber nun ungebremst auf die wirtschaftliche Realität. Laut der „Europäischen Glasfaserstudie 2026“ der Unternehmensberatung AlixPartners hat sich die Stimmung bei Investoren und Kreditgebern fundamental gewandelt. Im Fokus stehen heute nicht mehr bloße Ausbauversprechen, sondern die nackten finanziellen Fundamentaldaten und die dringende Frage, wie sich die Milliardeninvestitionen der letzten Jahre endlich in nachhaltige Umsätze verwandeln lassen.
Für die Studie wurden rund 200 Marktexperten aus Deutschland, Großbritannien, Italien und Frankreich befragt. Das Ergebnis für die Bundesrepublik ist besonders ernüchternd, da Deutschland bei fast allen wichtigen Marktkennzahlen das Schlusslicht im Vergleich der untersuchten Länder bildet. Während im EU-Durchschnitt bereits 70 Prozent der Haushalte über einen potenziellen Glasfaseranschluss verfügen, liegt dieser Wert in Deutschland bei gerade einmal knapp über 40 Prozent. Noch dramatischer stellt sich die Situation bei der tatsächlichen Nutzung dar. In Frankreich etwa nutzen bereits rund 75 Prozent der Haushalte die Glasfaser aktiv nutzen. Hierzulande liegt die Aktivierungsquote bei lediglich 10 bis 15 Prozent.
Diese Diskrepanz zwischen verlegten Leitungen und zahlenden Kunden bringt viele Telekommunikationsfirmen in existenzielle Bedrängnis. Die Monetarisierung der Netze hinkt den ursprünglichen Plänen weit hinterher, was angesichts des steigenden Refinanzierungsbedarfs gefährliche Folgen hat. In den kommenden ein bis zwei Jahren benötigen mehr als 60 Prozent der deutschen Glasfaserunternehmen frisches Kapital. Ein Drittel der Befragten rechnet sogar fest damit, bestehende Kreditverträge aufgrund verfehlter Ziele zu verletzen. Da Kreditgeber ihre Kriterien massiv verschärft haben und die Verfügbarkeit von Fremdkapital deutlich gesunken ist, droht vielen Akteuren schlicht das Geld auszugehen.
Um die Liquidität zu sichern, hat in der gesamten Branche ein radikaler Sparkurs eingesetzt. Die Kostenoptimierung ist mittlerweile für fast jeden dritten Betreiber das primäre Ziel, während dieser Aspekt im Vorjahr noch eine untergeordnete Rolle spielte. Der Fokus verschiebt sich weg vom reinen Netzausbau hin zu operativer Effizienz und der schnellen Aktivierung bereits bestehender Anschlüsse. In Deutschland setzen viele Betreiber zudem verstärkt auf den Wholesale-Markt und hoffen darauf, ihre Netze durch die Vermietung an Drittanbieter wie große Internet Service Provider besser auszulasten.
Die logische Konsequenz aus dieser wirtschaftlichen Schieflage ist eine massive Marktbereinigung. In Deutschland erwarten mittlerweile über 70 Prozent der Experten ein hohes Niveau an Fusions- und Übernahmeaktivitäten. Dies entspricht fast einer Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr. Besonders brisant ist die Einschätzung der Experten zu den Hintergründen dieser Deals. Während in Großbritannien vor allem strategische Synergieeffekte die Konsolidierung treiben, werden für den deutschen Markt sogenannte Notverkäufe als Haupttreiber identifiziert. Rund 41 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass Unternehmen unter Zeit- und Preisdruck veräußert werden müssen, weil sie allein nicht mehr überlebensfähig sind.
Klaus Hölbling, Leiter der TMT-Practice bei AlixPartners, warnt in diesem Zusammenhang vor einem extrem herausfordernden Geschäftsjahr. Er betont, dass die Zeit des ungebremsten Wachstums endgültig vorbei ist. Kreditgeber und Investoren schauen heute so genau wie nie zuvor darauf, wie die einzelnen Player ihre Investitionen in Cashflow ummünzen. Entscheidend für das Überleben wird sein, die Kosten massiv zu senken, Kunden zügig an die Netze anzuschließen und die knappen zur Verfügung stehenden Mittel hocheffizient zu nutzen. Der Markt wandelt sich von einer Goldgräberstimmung hin zu einem Verdrängungswettbewerb, bei dem nur die finanzstärksten Akteure bestehen werden. Experten prognostizieren, dass die Zahl der Unternehmen in der Branche bis 2027 um bis zu ein Viertel schrumpfen könnte. Was am Ende bleibt, ist ein konsolidierter Markt mit weniger, aber dafür hoffentlich wirtschaftlich stabileren Anbietern.
Stefan Krempl
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