Die SME AG wollte im Erzgebirge Wolfram abbauen, um Europa unabhängiger zu machen. Mangels Kapital übernimmt nun ein Investor aus Asien das Ruder, was die Region erzürnt.
Das chemische Element Wolfram gilt in der EU als kritischer und strategisch hochrelevanter Rohstoff. Als das Sächsische Oberbergamt im Herbst 2024 die Genehmigung für ein neues Bergwerk im erzgebirgischen Pöhla erteilte, galt dies in der Fachwelt als kleine Sensation. Nach dem langjährigen Niedergang des traditionellen Erzbergbaus in Deutschland keimte neues Berggeschrei auf. Neben Wolfram sollten in der Lagerstätte im Luchsbachtal auch Zinn und Flussspat gefördert werden. Doch auf die großen Ankündigungen folgte im sächsischen Halsbrücke bei Freiberg, dem Sitz des Entwicklers Saxony Minerals & Exploration (SME) AG, vor allem technologischer Stillstand. Das für die immensen Investitionen nötige Geld konnte am europäischen Finanzmarkt schlicht nicht aufgebracht werden.
Eine von dem Unternehmen ausgegebene Anleihe floppte und brachte statt der erhofften 30 Millionen lediglich gut 7 Millionen Euro ein. In der Folge geriet die SME AG in finanzielle Schieflage, musste die Auszahlung von Zinsen verschieben und der Kurs der Wertpapiere stürzte ab.
Nun steht ein finanzkräftiger Investor aus Asien in den Startlöchern, der die blockierten Pläne mit frischem Kapital beleben soll. Die Prime Group aus Singapur plant, für 150 Millionen Euro die Mehrheit an dem sächsischen Bergbauunternehmen zu übernehmen. Laut SME-Vorstand Rolf Staudenmaier sollen mit den Millionen die bisherigen Aktionäre abgelöst und die drückenden Verbindlichkeiten bedient werden.
Die Unternehmensführung feiert den Einstieg als Befreiungsschlag. Doch vor Ort im Erzgebirge löst der geplante Verkauf der Abbau-Rechte nach Asien heftige Empörung und Fassungslosigkeit aus, schreibt die Freie Presse. Noch vor wenigen Tagen hatte ein SME-Vertreter gegenüber der lokalen Bürgerinitiative „Pöhlwassertal“ demnach einen Verkauf nach Asien kategorisch ausgeschlossen. Dass die englischsprachige Nachrichtenseite „Asian Morning“ bereits im März über die Vereinbarung berichtete, sorgt bei den Betroffenen für das Gefühl, hintergangen worden zu sein
Kritiker und Anwohner befürchten nun der Zeitung zufolge, dass die ursprünglichen Ziele des Projekts konterkariert werden. Eigentlich sollte der Abbau dazu beitragen, die heimische Industrie bei Schlüsseltechnologien unabhängiger von Importen aus China zu machen und rund 120 neue Arbeitsplätze in der Region zu schaffen. Durch den Einstieg des asiatischen Finanzinvestors, der bislang vor allem im afrikanischen Rohstoffsektor aktiv war, droht der Ertrag nun zu verpuffen
Die Bürgerinitiative warnt, dass die Rohstoffe letztlich auf internationalen Börsen landen und private Investoren in Übersee profitieren, während den Menschen vor Ort nur die enormen Umweltbelastungen durch Lkw-Verkehr, Radon in der Luft und kontaminiertes Grubenwasser bleiben. Zudem wirft die Struktur des Käufers Fragen auf. Das Geschäft soll über eine Tochtergesellschaft namens Prime Africa Trade abgewickelt werden. Recherchen führen zu einer digitalen Sackgasse: Eine Kontaktaufnahme per E-Mail ist unmöglich, da die angegebenen Accounts schlicht nicht existieren.
Ob die Millionen aus Singapur den Bergbau in Sachsen tatsächlich beschleunigen, bleibt ohnehin unklar. Das Oberbergamt in Freiberg betont, dass mit der Auffahrung der nötigen Rampe in das ehemalige Wismut-Bergwerk noch gar nicht begonnen wurde. Zudem stehen wichtige Betriebspläne und weitere behördliche Genehmigungen seitens der SME AG aus. Die Verschiebung des Förderbeginns auf Ende 2028 ist bereits Realität.
Zwar stützen die weltweiten Rohstoffpreise das wirtschaftliche Vorhaben: Wolfram erreichte aufgrund von chinesischen Exportkontrollen neue Allzeithochs. Auch Zinn notiert auf Rekordniveau. Doch die größte bürokratische Hürde steht dem Deal noch bevor. Da es sich um kritische Infrastruktur und strategische Ressourcen handelt, ist das Sächsische Oberbergamt zwar nicht für die Genehmigung des Unternehmensverkaufes zuständig, wohl aber das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Dieses hüllt sich unter Verweis auf Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse derzeit in Schweigen. Bis zu einer endgültigen Entscheidung der Bundesregierung dürften noch Monate vergehen. Die SME AG warnt bereits vorsorglich, dass zu strenge deutsche Auflagen den Investor aus Singapur wieder verschrecken könnten.
Stefan Krempl
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