Trotz vollmundiger Versprechen bleibt die Bundesverwaltung fest in US-Hand. Eine echte Open-Source-Alternative soll erst 2028 fertig sein, doch es hagelt Kritik.
Die ambitionierte Vision eines unabhängigen, staatlichen Arbeitsplatzes kollidiert schmerzhaft mit der harten Realität der Berliner Ministerien. Trotz der vollmundigen Ankündigung, sich aus der Umklammerung proprietärer Anbieter zu lösen, verdeutlichen aktuelle Daten aus zwei Antworten der Bundesregierung auf Anfragen der Linksfraktion ein deutliches Übergewicht US-amerikanischer Technologie. Rund acht Milliarden Euro umfasst das Gesamtvolumen der Verträge, die der Bund mit Softwarehäusern aus Übersee geschlossen hat, wie SZ-Dossier vorab etwa hier berichtet. Allen voran dominiert Microsoft das Feld mit einem Volumen von über vier Milliarden Euro, gefolgt von Schwergewichten wie Oracle und Cisco.
In der Praxis bedeutet dies eine fast absolute Abhängigkeit: Nahezu 475.000 Microsoft-Arbeitsplätzen stehen gerade einmal rund 8500 produktive Lizenzen der Open-Source-Alternative Open Desk gegenüber – ein Marktanteil von weniger als zwei Prozent.
Besonders ernüchternd ist der Blick auf die Zeitpläne der digitalen Transformation. Open Desk, das vom Zentrum für digitale Souveränität (Zendis) entwickelt wird, fungiert derzeit noch nicht als echter Ersatz. Die freie Office-Suite wird lediglich in Teststellungen erprobt. Eine erste belastbare Version des Systems wird erst für das Frühjahr 2027 erwartet, während das Ziel eines vollständig souveränen Arbeitsplatzes sogar bis Ende 2028 in noch weiterer Ferne liegt.
Diese schleppende Umsetzung provoziert scharfe Kritik von Oppositionspolitikern, die der Bundesregierung „Souveränitäts-Washing“ vorwerfen: Die Regierung beschwöre zwar ständig digitale Unabhängigkeit. Doch das Geld fließe weiterhin in Rahmenverträge mit Hyperscalern. Dies schwäche die heimische Softwareindustrie und zementiere die strukturelle Bindung an US-Infrastrukturen.
Die personellen und organisatorischen Hürden innerhalb der Verwaltung erweisen sich als starke Beharrungskräfte. Das Verteidigungsministerium setzt fast ausschließlich auf Microsoft. Doch auch bei zentralen Projekten wie der Entwickler-Plattform Open Code fehlt es laut den Auskünften an langfristiger Planung und gesicherter Finanzierung. Im vergangenen Jahr entfiel lediglich ein Bruchteil der staatlichen Software-Entwicklungsaufträge auf Open-Source-Projekte. Solange kein verbindlicher Fahrplan für einen flächendeckenden Rollout existiert und die Bundesländer bei der Kooperation zögern, bleibt die digitale Souveränität Deutschlands ein teures Versprechen auf dem Papier. Dabei wird die technologische Abhängigkeit in Zeiten geopolitischer Spannungen zunehmend zum Sicherheitsrisiko.
Stefan Krempl
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