Mittwoch, 15. April 2026

Cloud-Gatekeeper gesucht: Warum die EU-Regulierung bei Hyperscalern noch scheitert

Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung analysiert, warum der Digital Markets Act im Cloud-Sektor bislang nicht greift. Dazu kommt der Ruf nach „Cloud-Neutralität“ für Europas digitale Souveränität.

Cloud-Computing ist das unsichtbare Rückgrat der europäischen WirtschaftOb Datenspeicherung oder die Entwicklung Künstlicher Intelligenz – nahezu jeder Sektor ist auf diese Infrastruktur angewiesenDoch während die EU mit dem Digital Markets Act (DMA) eigentlich faire Spielregeln für digitale Giganten schaffen wollte, klafft im Cloud-Markt eine empfindliche LückeObwohl Cloud-Dienste in der Verordnung ausdrücklich als zentrale Plattformdienste gelistet sind, hat die EU-Kommission bislang keinen einzigen der großen US-Hyperscaler wie Amazon Web Services (AWS), Google Cloud oder Microsoft Azure als „Gatekeeper“ eingestuftEine jetzt veröffentlichte Studie von Antonio Manganelli im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigt auf, warum die bisherige Regulierung an der Realität der Cloud-Märkte vorbeigeht und wie eine Reform aussehen müsste.

Das Kernproblem liegt laut der Untersuchung in einem grundlegenden Missverständnis der MarktarchitekturDer DMA wurde ursprünglich für zweiseitige Plattformen konzipiert, die als Vermittler zwischen Unternehmen und Endkunden fungieren. Klassische Beispiele sind App-Stores oder SuchmaschinenDie Cloud folgt jedoch einer vertikalen „Pipeline-Logik“Hier ist die Infrastruktur kein Marktplatz im herkömmlichen Sinne, sondern ein Vorprodukt, auf dem andere Unternehmen ihre eigenen Dienste aufbauenDa viele dieser Geschäftskunden ihre Dienste wiederum an Dritte weitergeben, ohne dass der Endnutzer jemals direkt mit dem Cloud-Betreiber in Kontakt tritt, laufen die quantitativen Schwellenwerte des DMA ins LeereDie geforderten 45 Millionen aktiven Endnutzer werden formal oft nicht erreicht, obwohl die tatsächliche Marktmacht der Hyperscaler groß ist.

Diese Marktdominanz manifestiert sich in Europa in einer besorgniserregenden Konzentration: Die drei größten Anbieter kontrollieren rund 70 Prozent des MarktesDer Forscher warnt, dass strukturelle Hürden wie mangelnde Interoperabilität, hohe Gebühren für den Datentransfer beim Anbieterwechsel und die Kopplung von Software-Lizenzen an die eigene Cloud den Wettbewerb erstickenEuropäische Anbieter – insbesondere kleine und mittlere Unternehmen – haben unter diesen Bedingungen kaum eine Chance, sich gegen die finanzstarke Konkurrenz aus Übersee zu behaupten.

Um diesen Stillstand zu überwinden, schlägt Manganelli neue Wege für die Einstufung als Gatekeeper vorEin Ansatzpunkt sind die Cloud-Marktplätze der HyperscalerDort treten sie eben doch als Vermittler auf, da sie Software von Drittanbietern an ihre Kunden vertreibenZudem führt die Studie das Konzept der „indirekten Ökosystem-Erfassung“ einNutzer, die beispielsweise Microsoft 365 verwenden, werden faktisch in das Azure-Ökosystem gezogen, auch wenn sie keinen direkten Vertrag über Infrastrukturdienste abgeschlossen habenWürden diese indirekten Nutzer mitgezählt, wäre die Einstufung als Türsteher rechtlich einfacher möglich.

Ist die Hürde der Einstufung erst einmal genommen, plädiert der Forscher für eine radikale Neuerung: die „Cloud-Neutralität“In Anlehnung an die Netzneutralität im Internet sollen Cloud-Betreiber verpflichtet werden, alle Anwendungen auf ihrer Infrastruktur gleich zu behandelnEigenen Diensten dürften keine technischen oder preislichen Vorteile gegenüber Wettbewerbern eingeräumt werdenDies würde verhindern, dass Hyperscaler ihre Kontrolle über die Basistechnologie nutzen, um Konkurrenten auf höheren Ebenen der Wertschöpfungskette – etwa bei KI-Anwendungen – systematisch zu benachteiligen.

Die EU-Kommission hat im November 2025 bereits Untersuchungen gegen AWS und Microsoft eingeleitet, um deren Status zu prüfenDie Ergebnisse der Untersuchung liefern hierfür eine wissenschaftliche Basis und mahnen zur EileOhne einen fairen und wettbewerbsfähigen Cloud-Sektor, so das Fazit der Konrad-Adenauer-Stiftung, bleibe die angestrebte digitale Souveränität Europas ein Lippenbekenntnis.

Stefan Krempl

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