Mittwoch, 15. April 2026

Schnittstellen-Frust: Warum die Verwaltung an der Software-Wiederaufnahme scheitert

97 Prozent der vom Netzwerk NExT befragten Experten fordern technische Standards für Ämter. In der Praxis bremsen fehlende Interoperabilität und monolithische Fachverfahren die Nachnutzung bislang aus.

Die Digitalisierung der deutschen Verwaltung leidet unter einem Problem: Während der Bedarf an digitalen Lösungen riesig ist, wird bereits existierende Software viel zu selten ein zweites Mal eingesetzt. Das Prinzip der Nachnutzung, also das Übernehmen und Anpassen bewährter IT-Lösungen, gilt zwar als Königsweg aus dem Modernisierungsstau. Doch die Realität in den Rechenzentren der Länder und Kommunen sieht oft anders aus. Eine Studie des Netzwerks NExT zeigt nun auf, warum der Wissenstransfer zwischen den Behörden technisch und strukturell ins Stocken gerät. Obwohl die Relevanz des Themas mit über 90 Prozent Zustimmung fast unumstritten ist, blicken rund 40 Prozent der Befragten mit sehr gemischten Gefühlen auf ihre bisherige Praxis zurück.

Ein Grund für das Scheitern liegt in der Kluft zwischen Wunsch und technischer Wirklichkeit. Fast alle Befragten, nämlich 97 Prozent, identifizieren technische Interoperabilität und standardisierte Schnittstellen als die kritischsten Faktoren für den Erfolg. Demgegenüber steht die ernüchternde Einschätzung, dass nur acht Prozent diese Standards in ihrem Arbeitsalltag als ausreichend umgesetzt ansehen. Oft scheitert die Übernahme einer Software schlicht daran, dass die Lösungen nicht modular oder „Ende-zu-Ende“ gedacht sind. Stattdessen treffen IT-Verantwortliche auf monolithische Fachverfahren, die sich nur unter extremem manuellem Aufwand an andere Systeme anbinden lassen. Diese technische Starrheit führt dazu, dass es oft einfacher erscheint, eine Lösung komplett neu zu programmieren, anstatt den fremden Code mühsam in die eigene Infrastruktur zu integrieren.

Dazu kommt eine große Abhängigkeit von IT-Dienstleistern und den Rechenzentren der Länder. Über 70 Prozent der Teilnehmenden empfinden diese Strukturen eher als Hindernis denn als Unterstützung für eine schnelle Nachnutzung. Die Untersuchung macht deutlich, dass die technologische Souveränität der Verwaltung darunter leidet, wenn proprietäre Schnittstellen oder exklusive Verträge den Austausch von Softwarekomponenten über Gebietskörperschaften hinweg erschweren. Da eine verbindliche nationale Gesamtstrategie fehlt, bleibt die Nachnutzung oft ein Flickenteppich aus isolierten Einzelinitiativen, die zudem unter einer chronisch unsicheren Finanzierung für den langfristigen Betrieb leiden.

Auch die Informationsarchitektur erweist sich als Hürde. Wer nach bestehenden Lösungen sucht, muss sich durch eine fragmentierte Landschaft aus über 50 verschiedenen Plattformen und Marktplätzen kämpfen. Diese Zersplitterung führt dazu, dass selbst zentrale Angebote wie der Marktplatz für Leistungen nach dem Onlinezugangsgesetz (OZG) vielen erfahrenen IT-Kräften unbekannt bleiben. In der Folge wird der Austausch von Know-how oft zur Glückssache und hängt stark von persönlichen Netzwerken oder dem Engagement in einzelnen Fach-Communities ab.

NExT-Geschäftsführerin Ann Cathrin Riedel fordert angesichts dieser Befunde eine Abkehr von der bisherigen Projektlogik. Notwendig sei eine „Single Source of Truth“ – ein zentraler, technischer Einstiegspunkt, der nicht nur fertige Anwendungen listet, sondern auch deren Integrationsfähigkeit dokumentiert. Nur wenn technische Standards für Schnittstellen und Datenformate verbindlich festgeschrieben werden, kann die Vision einer modularen Verwaltungs-IT Wirklichkeit werden.

Stefan Krempl

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