Verteidigungsminister Pistorius forciert die Beschaffung sogenannter Loitering Munition für die Litauen-Brigade – trotz Verzögerungen bei anderen Rüstungsprojekten.
Die Bundeswehr rüstet technologisch auf und geht dabei ungewöhnliche Wege. Um die Verteidigungsfähigkeit der neuen Litauen-Brigade sicherzustellen, habe das Bundesverteidigungsministerium den Haushaltsausschuss des Bundestags um grünes Licht für ein weiteres Drohnenprojekt gebeten, berichtet der Spiegel. Im Zentrum stehe diesmal der Rüstungsriese Rheinmetall, der neben den bereits beauftragten Startups Helsing und Stark Defence zum dritten Pfeiler der deutschen Versorgung mit sogenannter Loitering Munition werden soll. Diese Kamikazedrohnen können über einem Zielgebiet kreisen, bis sie einen Angriffsbefehl erhalten, um sich dann präzise auf ihr Ziel zu stürzen.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bricht für dieses Vorhaben mit Traditionen. Angesichts der veränderten Sicherheitslage in Europa und des Zeitdrucks bei der Aufstellung des dauerhaft in Litauen stationierten Verbands wurden die üblichen, oft jahrelangen Entwicklungs- und Erprobungszyklen kurzerhand gestrichen. Stattdessen folgt das Ressort dem Prinzip „Lernen im Einsatz“: Die Drohnen sollen direkt bei der Truppe getestet und in enger Abstimmung mit den Herstellern weiterentwickelt werden. Die Vorgabe des Ministeriums lautet dem Bericht zufolge, dass die Systeme von deutschen Unternehmen stammen und bis Anfang 2027 in ausreichender Stückzahl einsatzbereit sein müssen.
Der geplante Deal mit Rheinmetall hat es in sich. In einem ersten Schritt soll der Konzern einen Auftrag über knapp 300 Millionen Euro erhalten, der neben den Flugkörpern auch Bodenstationen, Simulatoren und die initiale Ausbildung umfasst. Perspektivisch strebt das Ressort aber einen gewaltigen Rahmenvertrag im Umfang von rund 2,39 Milliarden Euro an. Dieser würde es der Bundeswehr ermöglichen, bei erfolgreichem Abschluss aller noch ausstehenden Qualifikationstests hohe Stückzahlen abzurufen.
Die Kostenstruktur sorgte im Haushaltsausschuss laut dem Spiegel bereits für Diskussionen. Während die Drohnen von Stark Defence anfangs mit rund 92.000 Euro pro Stück kalkuliert wurden, liegt das Modell von Helsing bei etwa 52.000 Euro. Genaue Stückpreise für das Rheinmetall-System wurden den Abgeordneten zwar noch nicht offiziell mitgeteilt, doch das Ministerium rechtfertigt die Ergänzung durch den „Raider“ mit technischen Alleinstellungsmerkmalen. Dank spezieller optischer Sensoren und der Fähigkeit, ähnlich einer Rakete senkrecht aus einem Startbehälter aufsteigen zu können, erfülle die Drohne eine spezifische Forderung der Truppe, die über die Fähigkeiten der Konkurrenzmodelle hinausgeht.
Doch die Parlamentarier sollen zumindest enge Leitplanken eingezogen haben. Nach den Erfahrungen der letzten Monate habe der Haushaltsausschuss die Rahmenverträge per Maßgabebeschluss auf jeweils eine Milliarde Euro gedeckelt, ist zu vernehmen. Jeder Abruf, der über die erste Festbeauftragung hinausgeht, müsse den Abgeordneten erneut vorgelegt werden. Zudem behalte sich das Ministerium ein Rücktrittsrecht vor, sollte Rheinmetall die endgültige Qualifikation bis Ende April 2027 nicht erreichen.
Während das Drohnen-Projekt zügig voranschreitet, werfen Probleme bei einem anderen Kernvorhaben Schatten auf die Zusammenarbeit zwischen Ministerium und Rheinmetall. Die Lieferung des Flugabwehrkanonenpanzer Skyranger, der eigentlich die Basis für die Drohnenabwehr der Litauen-Brigade bilden sollte, verzögert sich weiter. Konzernchef Armin Papperger macht Sonderwünsche der Truppe für die Verspätung verantwortlich.
Das Haus von Pistorius sieht die Schuld indes beim Hersteller. Besonders die Integration des Waffenturms in das Trägerfahrzeug „Boxer“ erweist sich als komplizierter als gedacht. Eine von Rheinmetall vorgeschlagene Zwischenlösung auf Lkw-Basis lehnte das Ministerium aufgrund hoher Zusatzkosten und geringem Zeitgewinn ab. Mit den ersten Serienfahrzeugen des Skyranger wird nun erst zwischen Sommer 2027 und 2028 gerechnet – eine Lücke in der Verteidigungsplanung, die nun durch die beschleunigte Beschaffung der offensiven Kamikazedrohnen zumindest psychologisch kompensiert werden muss.
Stefan Krempl
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