Stillgelegte Gleise und ausgedünnte Fahrpläne könnten bald der Vergangenheit angehören. Ein Weißbuch des DLR zeigt, wie autonome Leichtfahrzeuge den ländlichen Raum effizient und wirtschaftlich wieder an die Zentren anbinden.
Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in der Fläche steht vor einem Wendepunkt. Während in Städten die Taktdichte hoch ist, bleibt das Umland oft abgehängt. Grund dafür ist nicht nur der Mangel an Schienen, sondern vor allem das fehlende Personal und die hohen Betriebskosten für große, oft halbleere Züge. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) präsentiert nun in einem Weißbuch eine Vision, die besonders Nebenstrecken zu neuem Leben erweckt: die vollständige Automatisierung auf Schiene und Straße.
Im Zentrum der Strategie steht die Abkehr vom klassischen, schweren Regionalzug hin zu modularen Leichtfahrzeugen. Diese agieren wie ein „Schienentaxi“: Sie fahren nicht nach einem starren Plan, der oft nicht zum Bedarf der Fahrgäste passt, sondern on-demand und bei Bedarf rund um die Uhr. Im Einzelnen heißt das:
- Höchste Automatisierungsstufe: Die Fahrzeuge bewegen sich ohne Personal an Bord, gesteuert durch modernste Sensorik und digitale Leitfächer.
- Wirtschaftlichkeit auf der Nebenstrecke: Durch den Wegfall der fahrzeuggebundenen Personalkosten und den Einsatz leichterer, energieeffizienterer Einheiten lassen sich die Betriebskosten auf der Schiene um bis zu 33 Prozent senken.
- Reaktivierung von Infrastruktur: Strecken, die sich für den Betrieb mit schweren Zügen nicht mehr lohnten, werden durch die geringeren Achslasten der Leichtfahrzeuge wieder attraktiv.
Nahtlose Mobilität bis zur Haustür
Die Renaissance der Schiene gelingt laut DLR jedoch nur, wenn sie nicht am Bahnhof endet. Das Konzept sieht eine enge Verzahnung mit autonomen On-demand-Shuttles auf der Straße vor. Diese „Feeder-Systeme“ sollen die erste und letzte Meile übernehmen und den Fahrgast direkt vom Schienentaxi nach Hause bringen.
Da diese straßengebundenen Shuttles durch Automatisierung ihre Kosten sogar um mehr als 50 Prozent senken können, werde ein flächendeckendes Mobilitätsangebot im ländlichen Raum erstmals ökonomisch tragfähig, heißt es vom DLR. Ein zentraler Baustein sei die Teleoperation: Sollte ein Fahrzeug auf ein unerwartetes Hindernis stoßen, greift ein Operator aus einer fernen Zentrale ein. Ein einziger Mitarbeiter kann so eine ganze Flotte betreuen, was die Effizienz deutlich steigert.
Technologischer Sprung für den Standort Deutschland
Meike Jipp vom DLR hebt hervor, dass dieser Wandel weit mehr sei als nur eine Verkehrsverbesserung. Die Entwicklung dieser autonomen Systeme sicher Deutschland eine Vorreiterrolle in einem globalen Wachstumsmarkt. Die Forscher beziffern den katalytischen Effekt für den Wirtschaftsstandort auf rund 86 Milliarden Euro.
Damit das „Schienentaxi“ bald flächendeckend rollt, fordert das DLR den zügigen Aufbau von Reallaboren und eine Anpassung der regulatorischen Rahmenbedingungen. Ziel ist es, den ländlichen Raum durch Hochtechnologie aus der Mobilitätsfalle zu befreien und die Schiene wieder zum Pulsgeber der Regionen zu machen.
Stefan Krempl
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