Samstag, 18. April 2026

Massive Cloud-Abhängigkeit: US-Kill-Switch bedroht Europas Verteidigung

Eine Studie des Future of Technology Institute warnt vor der gefährlichen Abhängigkeit europäischer Armeen von US-Tech-Giganten und fordert dringend digitale Souveränität für den Kontinent.

Die europäische Verteidigungsarchitektur weist eine Schwachstelle auf, die bisher weitgehend im Verborgenen blieb: die Abhängigkeit von US-amerikanischen Cloud-AnbieternEine Untersuchung der Denkfabrik FOTI (Future of Technology Institute) zeigt erstmals das volle Ausmaß dieser digitalen Flanke aufDemnach verlassen sich mehr als drei Viertel der untersuchten europäischen Staaten bei kritischen nationalen Sicherheitsfunktionen auf US-TechnologieIn 23 von 28 analysierten Ländern basieren die Verteidigungssysteme direkt oder über europäische Zwischenhändler auf der Infrastruktur von Konzernen wie Microsoft, Google oder Oracle.

Gefährlich ist laut der Analyse das Risiko eines „Kill-Switch“Damit ist die Möglichkeit gemeint, dass der Zugang zu lebenswichtigen Systemen für Logistik, Personalmanagement oder gar Waffensysteme durch US-Sanktionen oder politische Entscheidungen von heute auf morgen gekappt werden könnte. der Untersuchung zufolge sind 16 europäische Länder, darunter Deutschland, Polen und Großbritannien, einem hohen Risiko ausgesetztSie nutzen entweder direkt US-Cloud-Dienste oder verwenden Systeme, bei denen unklar ist, ob sie tatsächlich technologisch von der globalen US-Infrastruktur entkoppelt sind.

Die politische Dimension dieser Abhängigkeit hat sich durch die aggressive Tech-Politik der US-Regierung verschärftDie Autoren verweisen auf drastische Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: So wurde im Rahmen von Verhandlungen über Rohstoffabkommen damit gedroht, der Ukraine den Zugang zum Satellitendienst Starlink zu entziehenAuch die Sanktionierung von Richtern des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) führte dazu, dass digitale Dienste wie E-Mail-Konten bei US-Anbietern kurzzeitig gesperrt wurdenSolche Vorfälle verdeutlichen, dass technologische Dominanz längst als geostrategische Waffe eingesetzt wird.

Viele Länder wiegen sich offenbar in einer trügerischen SicherheitOft werden Lösungen als „souverän“ vermarktet, basieren aber im Hintergrund weiter auf US-TechnikIn Deutschland etwa setzt die Bundeswehr auf eine Multi-Cloud-Strategie, die unter anderem Google-Lösungen verwendetSelbst sogenannte „Air-Gapped“-Systeme, die physisch vom Internet getrennt sein sollen, benötigen für Wartung und Updates oft den Zugriff der US-HerstellerWerden diese Leistungen durch Sanktionen unterbunden, ist die langfristige Betriebssicherheit gefährdet.

Nur ein einziges Land in Europa gilt derzeit als Vorreiter in Sachen digitaler Eigenständigkeit: ÖsterreichDie Alpenrepublik hat konsequent auf Open-Source-Lösungen wie Nextcloud und LibreOffice umgestellt und betreibt eine weitgehend souveräne Militär-CloudAuch in den Niederlanden gibt es Bestrebungen, diesem Beispiel zu folgen, wenngleich dort aktuell noch Abhängigkeiten von Microsoft und Amazon bestehen.

Die Sorge vor dieser Übermacht der US-Hyperscaler wird auch von der Bevölkerung geteilt. Eine begleitende Umfrage in großen EU-Staaten ergab, dass rund zwei Drittel der Befragten in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Italien die Speicherung staatlicher Daten bei US-Konzernen als Bedrohung für die europäische Sicherheit betrachten.

Experten vom FOTI fordern daher ein UmsteuernStatt Milliarden an Steuergeldern in Form von Lizenzgebühren an US-Unternehmen abzuführen, sollte dieses Kapital in den Aufbau einer eigenen, europäischen Cloud-Industrie fließenDigitale Resilienz müsse zum Kernbestandteil der europäischen Verteidigungsstrategie werdenEin „Weiter so“ könne sich Europa angesichts der unberechenbaren geopolitischen Lage nicht mehr leisten.

Stefan Krempl

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