Dienstag, 28. April 2026

Digitaler Euro: EZB bläst zum Angriff auf die Dominanz von Visa und Mastercard

Mit offenen europäischen Standards schafft die EZB die Basis für eine Bezahl-Alternative mit dem digitalen Euro, die Verbrauchern mehr Auswahl und Sicherheit bieten soll.

Die Einführung des digitalen Euros nimmt eine weitere wichtige technische Hürde. Um das geplante digitale Zentralbankgeld für die breite Masse praktikabel und für den Handel attraktiv zu machen, verzichtet die Europäische Zentralbank (EZB) auf die Entwicklung völlig neuer, isolierter Insellösungen. Stattdessen hat die Notenbank nun formelle Vereinbarungen mit drei maßgeblichen europäischen Standardisierungsorganisationen getroffen. Die European Card Payment Cooperation (ECPC), Nexo Standards und die Berlin Group sollen sicherstellen, dass der digitale Euro auf einem Fundament steht, das in der europäischen Finanzwelt bereits fest verankert ist.

Anstatt das Rad neu zu erfunden, setzt die EZB so auf Interoperabilität. Ziel ist es, die Kosten für die Markteinführung so gering wie möglich zu halten und gleichzeitig die Abhängigkeit von außereuropäischen, oft proprietären Systemen der großen internationalen Kartenanbieter und Tech-Giganten zu verringern. In einer Zeit, in der das europäische Zahlungswesen stark von US-amerikanischen Infrastrukturen dominiert wird, markiert diese Kooperation den Versuch, eine souveräne, offene Alternative zu etablieren, die für alle Marktteilnehmer frei zugänglich ist.

Konkret geht es um drei technologische Verfahren, die unterschiedliche Aspekte des Bezahlvorgangs abdecken. Die ECPC steuert den sogenannten CPACE-Standard bei. Dieser bildet die Basis für das kontaktlose Bezahlen via NFC (Near Field Communication), also das klassische „Tap-to-Pay“, das Käufer heute bereits von Kreditkarten oder Smartphones kennen. Durch die Nutzung dieses Standards wird sichergestellt, dass digitale Euro-Zahlungen an physischen Terminals im Laden ohne massive Hardware-Aufrüstungen funktionieren könnten.

Die zweite Säule bildet die Expertise von Nexo. Hier liegt der Fokus auf der Kommunikation zwischen den Kassensystemen der Händler und den Backend-Systemen der Zahlungsdienstleister. Diese Spezifikationen sind entscheidend, damit eine Transaktion nicht nur am Terminal ausgelöst, sondern auch im Hintergrund korrekt verbucht und abgewickelt wird. Die Berlin Group wiederum bringt ihre Erfahrung im Bereich der Kontenschnittstellen und des Mobile Bankings ein. Ihre Standards ermöglichen es, Zahlungen über Pseudonyme wie Mobilfunknummern zu initiieren und Kontostände in Echtzeit abzugleichen – eine Grundvoraussetzung für die Nutzerfreundlichkeit einer digitalen Währung im Alltag.

Piero Cipollone, Mitglied des EZB-Direktoriums, unterstreicht die Bedeutung dieser Partnerschaft als Bekenntnis zum privaten Sektor. Die offenen Standards sollen es ihm zufolge insbesondere neuen europäischen Anbietern erleichtern, in den Markt einzutreten. Sie seien so nicht gezwungen, teure Lizenzen für geschlossene Systeme zu erwerben. Das fördere den Wettbewerb und verhindere, dass der digitale Euro zu einem bürokratischen Monolith werde, den sich nur Branchenriesen leisten könnten.

Allerdings hängen die tatsächliche Skalierung und die Investitionssicherheit der Unternehmen noch an der politischen Entscheidungsebene. Erst wenn die europäischen Gesetzgeber die entsprechende Verordnung für den digitalen Euro verabschieden, herrscht endgültige Klarheit über dessen Status als gesetzliches Zahlungsmittel. Für die EZB und ihre Partner ist der jetzige Schritt aber ein Signal an den Markt, dass die technischen Weichen gestellt sind.

Die Vision hinter dieser Standardisierung geht über den digitalen Euro hinaus. Durch die Verwendung einheitlicher „technischer Sprachen“ dürften nationale Bezahlsysteme, die bisher oft an den Landesgrenzen enden, künftig leichter europaweit agieren. Ein nationales Kartensystem könnte so theoretisch an Terminals im gesamten Euroraum akzeptiert werden, ohne dass jedes Mal komplexe technische Anpassungen nötig wären. So würde der digitale Euro indirekt zum Katalysator für ein wirklich integriertes europaisches Zahlungssystem, das sich gegen die globale Konkurrenz behaupten könnte.

Stefan Krempl

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