Obwohl die Mehrheit der Unternehmen mittlerweile auf Künstliche Intelligenz setzt, stoßen Menschen mit Behinderungen im Netz weiterhin auf massive Hürden.
An diesem Donnerstag wird weltweit der Global Accessibility Awareness Day begangen: Ein Aktionstag, der das Bewusstsein für digitale Barrierefreiheit schärfen soll. Das Thema brennt, denn in Deutschland gilt eigentlich das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das klare Vorgaben macht. Doch die Realität hinkt den gesetzlichen Ansprüchen und den Versprechungen der Tech-Industrie hinterher. Das belegt der sechste „State of Digital Quality in Accessibility Report“, den der Fachanbieter Applause veröffentlicht hat. Die Ergebnisse zeigen eine große Lücke zwischen dem technischen Aufwand der Unternehmen und dem Nutzen für die Betroffenen.
Auf den ersten Blick sieht die Entwicklung vielversprechend aus, denn die Wirtschaft hat das Thema zumindest technisch auf dem Schirm. Laut der Analyse setzen inzwischen 78 Prozent der Unternehmen Künstliche Intelligenz ein, um die Barrierefreiheit ihrer Webseiten und Apps zu verbessern. Die Algorithmen sollen dabei helfen, bestehende Fehler im Code automatisiert zu korrigieren, neue barrierefreie Funktionen zu entwickeln oder schnell Untertitel, Transkripte und Alternativtexte für Bilder zu generieren. Die Hoffnung der Entwicklerteams ist groß, mithilfe von KI-Code-Assistenten die gesetzlichen Vorgaben schneller und effizienter zu erfüllen. Doch der Schein trügt, denn die Qualität der KI-generierten Ergebnisse schwankt in der Praxis sehr.
Das dicke Ende folgt beim Blick auf die Nutzerseite. Seit dem Stichtag am 1. Januar 2026 sind erschreckende 56 Prozent der Menschen, die auf assistive Technologien angewiesen sind, regelmäßig auf digitale Angebote gestoßen, die noch immer nicht barrierefrei waren. Für die weltweit rund 1,3 Milliarden Menschen, die mit einer Form von Behinderung leben, sind solche Softwarefehler nicht nur ein kleines Ärgernis. Vielmehr führen sie direkt in die digitale Isolation. Wenn Apps und Webseiten versagen, bedeutet das den Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe, Online-Shopping oder digitalen Behördengängen.
Ein Grund für das kollektive Scheitern liegt in der Überschätzung der Automatisierung. Die Erhebung von Applause entlarvt eine Schwachstelle: Rein automatisierte Tools erkennen lediglich 20 bis 40 Prozent der relevanten Barrierefreiheitsprobleme. Eine KI kann zwar prüfen, ob ein Bild ein sogenanntes Alt-Text-Attribut besitzt. Sie versteht aber nicht zwingend, ob der generierte Text im Kontext der Seite überhaupt Sinn ergibt oder den Nutzer in die Irre führt. Empathie und das tiefe Verständnis für das reale Nutzerverhalten lassen sich nicht einfach programmieren.
Für Unternehmen hat diese Nachlässigkeit wirtschaftliche Konsequenzen. Die Studie zeigt eine extrem geringe Frustrationstoleranz bei den Betroffenen, die mangels Alternativen erzwungen ist: 92 Prozent der Nutzer von assistiven Technologien brechen digitale Erlebnisse sofort ab, wenn diese nicht mit Screen-Readern, Untertiteln oder alternativen Navigationsmöglichkeiten kompatibel sind. Wer hier patzt, verliert Kunden an die Konkurrenz.
Stefan Krempl
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