Wegen Überlastung testet die EU-Kommission ein KI-Tool von Accenture und Anthropic zur Bewerberauswahl. Das sorgt für Debatten über digitale Souveränität und Datenschutz.
Die EU tritt weltweit als Vorreiter bei der Regulierung Künstlicher Intelligenz auf. Doch nun sucht sie selbst Zuflucht bei US-amerikanischen Tech-Giganten, um den eigenen Verwaltungsapparat funktionsfähig zu halten. Das Europäisches Amt für Personalauswahl (EPSO) versinkt seit Jahren in einer Bewerberflut, die mit traditionellen Methoden kaum noch zu bewältigen ist. Wie aus internen Dokumenten hervorgeht, über die Euractiv berichtet, führt die EU-Kommission deshalb ein neues, KI-gestütztes System namens „Job Matching Application“ ein. Es soll künftig Zehntausende von Lebensläufen analysieren, bewerten und in Ranglisten einordnen. Die technologische Basis dafür stammt aber nicht aus Europa, sondern aus dem Silicon Valley.
Der Handlungsbedarf sei akut, heißt es in der Meldung. Das europäische Einstellungsverfahren gelte seit Langem als schwer- und fehleranfällig. Frühere Versuche, das System durch Online-Tests zu modernisieren, hätten zu technischen Pannen geführt. Gleichzeitig explodierten die Bewerberzahlen. Ein einziges aktuelles allgemeines Auswahlverfahren für den begehrten dauerhaften Beamtenstatus zog fast 175.000 Bewerbungen an – fast das Dreifache der ursprünglich prognostizierten Menge.
Angesichts solcher Zahlen kapitulieren menschliche Personaler zunehmend. Ein interner EU-Beamter beschrieb die Situation treffend bildhaft, die Exekutivinstanz suche permanent nach der Stecknadel im Heuhaufen. Die Bearbeitung einer Bewerbung dauert im Schnitt drei bis vier Monate. Um diesen Prozess zu verkürzen, soll nun die KI übernehmen.
Entwickelt wird die neue Software vom IT-Dienstleister Accenture. Das Herzstück des Systems bildet dem Bericht zufolge indes das Sprachmodell Claude des US-Unternehmens Anthropic, das als direkter Konkurrent zu OpenAIs ChatGPT gilt. Gehostet wird die gesamte Infrastruktur auf den Cloud-Servern von Amazon Web Services (AWS). Damit begibt sich die EU-Kommission in die Abhängigkeit von US-Konzernen, was insbesondere im Kontext der europäischen Debatte über digitale Souveränität Fragen aufwirft. Das System soll nicht nur für reguläre EPSO-Wettbewerbe genutzt werden, sondern auch interne Stellenbesetzungen sowie die Rekrutierung von Zeit- und Vertragsmitarbeitern beschleunigen.
Aus technischer Sicht durchlaufen die Bewerber künftig ein zentralisiertes Verfahren. Lebensläufe und Zeugnisse werden über ein neues Portal hochgeladen und in einer zentralen Datenbank gesammelt. Die KI nutzt anschließend semantische Analysen, um zu prüfen, ob die Qualifikationen und Erfahrungen eines Kandidaten tatsächlich mit den komplexen Anforderungen der jeweiligen Stellenausschreibung übereinstimmen. Die Kommission verspricht sich davon eine höhere Treffsicherheit: Das Tool könne verborgene Talente entdecken, die bei einer klassischen, sturen Stichwortsuche durch das Raster gefallen wären. Zudem soll die administrative Last für die Behörden sinken.
Trotz der Automatisierung betont die Brüsseler Regierungsinstitution, dass die Letztentscheidung immer beim Menschen verbleibe. Die KI agiere lediglich als Assistenzwerkzeug. Der Auswahlausschuss lege die Kriterien fest und bestimme, wer die nächste Runde erreicht. Zudem sieht das Verfahren Transparenzrichtlinien vor: Bewerber müssen vorab über den KI-Einsatz informiert werden und haben das Recht, eine menschliche Überprüfung der Entscheidung einzufordern, bevor es zu persönlichen Vorstellungsgesprächen kommt.
Dennoch löst das Projekt hinter den Kulissen Bedenken aus. Interne Kommunikationsprotokolle offenbaren Ängste vor algorithmischen Verzerrungen und dem Missbrauch persönlicher Daten. Große Sprachmodelle neigen zudem zu Halluzinationen und Intransparenz bei der Entscheidungsfindung. Wissenschaftliche Studien warnen vor einer subtilen Benachteiligung: Sprachmodelle neigen dazu, Lebensläufe positiver zu bewerten, die zuvor ebenfalls von einer KI verfasst wurden.
Datenschutzrechtlich steht das Projekt unter genauer Beobachtung durch den Europäischen Datenschutzbeauftragten, der die Einhaltung der strengen EU-Regeln prüft. Zwar versichert die Kommission, dass echte Bewerberdaten weder an Anthropic übermittelt noch zum Training des Modells verwendet würden. Doch die Herkunft der Testdaten bleibe unklar.
Stefan Krempl
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