Forscher ziehen Bilanz zum autonomen Nahverkehr in Baden-Württemberg. Die Technik überzeugt, doch für den Massenmarkt fehlen noch klare Regeln ohne Begleitpersonal.
Die Mobilitätswende in Baden-Württemberg nimmt Fahrt auf, und zwar ohne menschliches Zutun am Steuer. Der nun veröffentlichte Abschlussbericht des Projekts „RABus“ (Reallabor für den automatisierten Busbetrieb) liefert ein klares Bild: Autonome Kleinbusse sind bereit, den öffentlichen Nahverkehr grundlegend zu ergänzen. Über vier Jahre lang untersuchten Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gemeinsam mit Partnern wie der ZF Friedrichshafen AG, wie sich automatisierte Shuttles im echten Mischverkehr in Mannheim und Friedrichshafen bewähren. Das Ergebnis der über 1600 Testfahrten ist ermutigend, denn die Technologie scheint mehr als eine bloße Vision und stößt auf eine bemerkenswert hohe Akzeptanz in der Bevölkerung.
Professor Martin Kagerbauer vom Institut für Verkehrswesen des KIT betont, dass automatisierte Angebote die Mobilität gerade dort deutlich verbessern könnten, wo klassische Busse an ihre Grenzen stoßen. Besonders in ländlichen Regionen oder Randlagen, in denen der Linienverkehr oft ausgedünnt ist, bieten die Shuttles neue Möglichkeiten für alltägliche Wege zum Einkaufen, zur Schule oder zum Bahnhof. Die detaillierte Analyse der Fahrten zeigt, dass diese Technik das Potenzial hat, bisher notwendige Autofahrten zu ersetzen und so einen handfesten Beitrag zum Klimaschutz und zur Entlastung der Straßen zu leisten.
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg ist das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrgäste. Die Befragungen der Probanden ergaben, dass die Offenheit gegenüber der Technik groß ist, solange sie sich an Bord gut aufgehoben fühlen. Dabei geht es nicht nur um die technische Zuverlässigkeit der Systeme, die Hindernisse wie Fußgänger oder Radfahrer im komplexen Mischverkehr sicher erkennen müssen, sondern auch um das soziale Sicherheitsgefühl im Fahrzeuginneren. Ein gut einsehbarer Innenraum, verständliche Informationen über den aktuellen Fahrzustand und eine direkte Sprechverbindung zu einer Leitstelle sind laut den Wissenschaftlern essenziell, um dauerhaftes Vertrauen aufzubauen.
Technisch gesehen markiert das Projekt einen Meilenstein für die deutsche Automobil- und Verkehrsindustrie. Zum Einsatz kamen Elektro-Shuttles, die mit modernster Sensorik ausgestattet sind. Eine Kombination aus Radar, Lidar und Kameras ermöglicht es den Fahrzeugen, ihre Umgebung präzise zu erfassen und eigenständig durch den Stadtverkehr zu navigieren. Im Rahmen des Reallabors agierten die Systeme auf einem hohen Automatisierungsgrad, bei dem das Fahrzeug in einem definierten Bereich theoretisch ohne menschlichen Eingriff fahren kann. Dennoch war während der Testphase aus Sicherheitsgründen und aufgrund der aktuellen gesetzlichen Lage stets eine Sicherheitsbegleitperson an Bord, die im Notfall hätte eingreifen können.
Der nächste große Schritt für einen wirtschaftlichen Betrieb ist der Übergang zu Fahrzeugen, die komplett ohne Begleitperson auskommen. Erst wenn Shuttles ohne Personal an Bord regulär zugelassen werden können, lassen sich die Betriebskosten so weit senken, dass ein flächendeckender Einsatz für Kommunen attraktiv wird. Dafür müssen noch organisatorische und rechtliche Fragen abschließend geklärt werden. Es geht dabei um ganz praktische Zuständigkeiten: Wer übernimmt die Verantwortung, wenn ein autonomes System einmal nicht verfügbar ist, und wer wartet die komplexe Software im laufenden Betrieb? Die Forscher plädieren hier für eine eindeutige Rollenverteilung zwischen Fahrzeugherstellern, Software-Anbietern und den kommunalen Verkehrsunternehmen.
Die in Baden-Württemberg gewonnenen Erkenntnisse sind die Basis für weitere große Vorhaben in Deutschland. Die Ergebnisse fließen direkt in laufende Projekte wie „Kira“ und „Alike“ ein, die autonome Kleinbusse in Regionen wie Hamburg, Darmstadt und dem Kreis Offenbach erproben. Ziel bleibt ein modernes und bedarfsgerechtes Verkehrssystem, das den zunehmenden Fachkräftemangel im Busgewerbe abfedert und gleichzeitig eine Mobilitätsgarantie für alle Bürger einlöst – unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Mittelfristig könnten die Roboter-Busse so laut der Analyse zum Standardbild auf deutschen Straßen werden und den ÖPNV flexibler und verlässlicher machen.
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