Ein vertraulicher Bericht offenbart weitere massive Mängel bei der Digitalisierung landbasierter Operationen – und bringt das Verteidigungsministerium in Erklärungsnot.
Die Vision einer digital vernetzten Bundeswehr, in der Panzer, Schützen und Gefechtsstände in Echtzeit Daten und Befehle austauschen, gleicht derzeit eher einem teuren Funkloch. Das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) suggeriert unter Boris Pistorius (SPD) nach außen hin zwar Fortschritte bei der „Digitalisierung Landbasierter Operationen“ (D-LBO). Doch ein unter Verschluss gehaltener Testbericht zeichnet ein Bild des Scheiterns. Das Papier ist als „VS – Nur für den Dienstgebrauch“ eingestuft und wird den Abgeordneten des Bundestages seit Januar vorenthalten. Laut der Welt am Sonntag belegt es, dass das milliardenschwere System in der Praxis nicht nur instabil ist, sondern eine handfeste Gefahr für die Truppe darstellt.
Lebensgefahr statt High-Tech
Der Bericht über die Einsatzprüfung im niedersächsischen Munster im November vorigen Jahres liest sich wie eine Mängelliste aus der analogen Steinzeit. Erschreckend: Selbst der simple Sprechfunk zwischen Kampfpanzern vom Typ Leopard 2 A7V versagte im Test. Die Technik war derart unzuverlässig, dass Soldaten nicht einmal erkennen konnten, ob ihr Funkspruch überhaupt gesendet wurde. In einer Gefechtssituation, in der ein Befehl zum „Stopfen“ – dem sofortigen Feuerstopp – über Leben und Tod entscheiden kann, ist eine solche Unsicherheit nicht hinnehmbar. Das Testurteil fällt der Welt am Sonntag zufolge daher so aus, dass eine Nutzung des Systems derzeit eine „Gefahr für Leib und Leben“ darstelle und selbst für den regulären Ausbildungs- und Übungsbetrieb ungeeignet sei.
Die Probleme erschöpfen sich nicht in akustischen Ausfällen. Das sogenannte „Friendly Force Tracking“ (FFT), das die Position eigener und verbündeter Einheiten auf digitalen Karten anzeigen soll, funktionierte laut Bericht nur sporadisch. In einem realen Szenario erhöht dies das Risiko von Eigenbeschuss (Friendly Fire) deutlich. Auch die Reichweite des Systems blieb weit hinter den Anforderungen zurück; selbst Distanzen von zehn Kilometern konnten nicht zuverlässig überbrückt werden. Statt klarer Kommunikation vernahmen die Panzerbesatzungen oft nur „Aquariumsgeräusche“ – ein gurgelndes Rauschen, das den Funkverkehr zur Farce machte.
Transparenz unter Verschluss
Während die technischen Mängel das Projekt physisch ausbremsen, sorgt die Informationspolitik des Ministeriums für politischen Zündstoff. Bereits im Mai 2025 war ein erster Einsatztest krachend gescheitert. Dennoch hatte Pistorius noch im September im Bundestag erklärt, das Projekt befinde sich „im Plan“. Die nun bekannt gewordenen Details des November-Tests belegen, dass das Ministerium den Ernst der Lage offenbar kannte, aber nicht offen kommunizierte.
Abgeordnete des Verteidigungsausschusses fordern seit Wochen vergeblich Einsicht in das Dokument. Die Begründung aus dem Ministerium, der Bericht sei „zu technisch“ und für Laien kaum verständlich, wird durch die nun vorliegenden Zitate widerlegt: Die Bewertung „ungenügend“ und die Warnung vor Lebensgefahr sind militärisches und politisches Klartext-Vokabular. Dass der Test in Munster sogar im Einvernehmen mit den beteiligten Firmen abgebrochen werden musste, verschwiegen die Zuständigen dem Parlament ebenfalls wochenlang.
Ein Zeitplan am Abgrund
Die Bundeswehr steht unter enormem Zeitdruck. Die Einsatzfähigkeit der Landstreitkräfte ist ein Kernversprechen gegenüber der NATO, insbesondere im Hinblick auf die „Brigade Litauen“. Wenn jedoch die technische Basis – der Funk – nicht funktioniert, wackelt das gesamte Konstrukt der vernetzten Operationsführung. Das Ministerium verweist auf die Komplexität des Vorhabens, bei dem ganze Technikgenerationen übersprungen werden müssen. Tatsächlich geht es bei D-LBO um die Digitalisierung von zehntausenden Fahrzeugen und die Einführung einer zentralen Middleware-Technik, dem „Tactical Core“, der im Test ebenfalls erhebliche Probleme bereitete.
Ob das Ziel der Einsatzreife bis September 2026 gehalten werden kann, ist laut dem Testbericht „derzeit nicht absehbar“. Kritiker befürchten, dass das Elf-Milliarden-Euro-Projekt zu einem weiteren Rüstungsgrab wird, während die Truppe weiterhin mit veralteter Analogtechnik in die Manöver ziehen muss. Das Ministerium lehnt detaillierte Stellungnahmen unter Verweis auf die Sicherheit ab – Informationen über fehlende Fähigkeiten könnten Rückschlüsse auf die Einsatzbereitschaft zulassen. Nach den neuen Enthüllungen ist diese ohnehin kaum mehr geheimzuhalten.
Stefan Krempl
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