Trotz massiver Bedenken rund um Menschenrechte und demokratische Souveränität bauen europäische Finanzschwergewichte ihre Beteiligungen an Palantir deutlich aus.
Die Zahlen einer Recherchekooperation unter Führung von Follow the Money zeichnen ein Bild, das im krassen Gegensatz zur öffentlichen Debatte über ethische Investments steht. Während Menschenrechtsorganisationen und Sicherheitsexperten seit Jahren vor der Software des US-Unternehmens Palantir warnen, fließen Milliarden von europäischen Konten in die Aktien des Daten-Spezialisten. Ende 2025 hielten über einhundert große Banken, Vermögensverwalter und Pensionsfonds aus Europa Anteile im Gesamtwert von mindestens 27 Milliarden US-Dollar. Innerhalb eines Jahres steigerten diese Institutionen laut dem Bericht ihren Aktienbestand um fast 70 Prozent. Zu den namhaftesten Investoren gehören Branchengrößen wie die Deutsche Bank, Barclays, BNP Paribas sowie der norwegische Staatsfonds Norges Bank.
Dieser Investitionsboom findet in einem explosiven Umfeld statt. Palantir, 2003 unter anderem von Peter Thiel gegründet, ist tief in die US-Sicherheitsarchitektur verstrickt. Die Software des Unternehmens hilft Behörden dabei, gigantische Datenmengen in Echtzeit zu analysieren – sei es zur Zielerfassung auf Schlachtfeldern oder zur Identifizierung irregulärer Migranten durch die US-Grenzschutzbehörde ICE. Genau diese Einsätze bringen Kritiker auf den Plan. Amnesty International rügte das Unternehmen bereits für mangelnde Sorgfaltspflichten. Analysten wie MSCI vergeben verheerende Noten im Bereich der Bürgerrechte. Dennoch scheint die enorme Profitabilität der Aktie, deren Kurs im Jahr 2025 förmlich explodierte, moralische Bedenken in den Hintergrund zu drängen.
Brisant dabei ist die politische Komponente. Mit der zweiten Amtszeit von Donald Trump hat Palantir massiv an Einfluss gewonnen. Zahlreiche Regierungsmitarbeiter und Berater im Weißen Haus halten Anteile an der Firma. Experten wie die ehemalige EU-Abgeordnete Sophie in ’t Veld warnen vor einer gefährlichen Verflechtung von Ideologie, Politik und Business. Die Liberale sieht in der Allianz aus Trump, JD Vance und den Palantir-Gründern eine Bedrohung für demokratische Grundwerte. Thiel selbst sorgte in der Vergangenheit mit der Aussage für Aufsehen, dass Freiheit und Demokratie seiner Ansicht nach nicht vereinbar seien. Seine Gegner befürchten, dass europäische Staaten durch die Abhängigkeit von Palantir-Technologie in Bereichen wie Verteidigung, Polizei und Gesundheitswesen ihre digitale Souveränität verspielen.
In Deutschland ist die Lage besonders widersprüchlich. Während die Cyber-Abteilung der Bundeswehr warnt und der Einsatz der Software auf nationaler Ebene untersagt ist, nutzen Polizeibehörden in mehreren Bundesländern die Tools weiterhin. Konstantin von Notz (Grüne), Vizevoorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums, zeigt sich fassungslos über das steigende finanzielle Engagement europäischer Akteure. Dies stehe im direkten Widerspruch zu den Werten, für die Deutschland und Europa eigentlich eintreten. Auch die Ökonomin Francesca Bria warnt davor, dass Palantir kein gewöhnliches Privatunternehmen sei, sondern ein verlängerter Arm des US-Sicherheitsapparates. Wer dort investiere, finanziere letztlich die Erosion europäischer Demokratie.
Palantir selbst weist die Vorwürfe als absurd zurück. Das US-Unternehmen betont, seine Mission bestehe gerade darin, westliche liberale Demokratien zu stützen. Man investiere erhebliche Ressourcen in den Dialog mit Menschenrechtsorganisationen und sei stolz auf die europäischen Investitionen. Doch für Beobachter wie Marietje Schaake vom Stanford Institute for Human-Centered AI bleibt ein fader Beigeschmack. Indem europäische Banken Milliarden in US-Konzerne pumpen, vergrößern sie die technologische Kluft zu heimischen Alternativen und schwächen so langfristig die eigenen Interessen des Kontinents. Die Verantwortung der Finanzakteure, ihre Hebelwirkung für Verhaltensänderungen bei Palantir zu nutzen oder sich gegebenenfalls zurückzuziehen, scheint bisher der Aussicht auf schnelle Rendite untergeordnet zu sein.
Stefan Krempl
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