Donnerstag, 19. März 2026

Der Große Sysop: Wie Elon Musk X in ein illiberales Netzwerk verwandelt

Eine Analyse von über 1500 Ereignissen zeigt: Die Umgestaltung von Twitter zu X ist kein bloßes Rebranding, sondern eine gezielte ideologische Transformation.

Seit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk 2022 hat sich die Plattform radikal verändert. Was einst als „digitale Agora“ und wichtiger Kanal für Nachrichten und den Elitendiskurs galt, hat sich unter der Führung des Tech-Milliardärs zu einem Raum gewandelt, der zunehmend autoritäre Züge trägtEine Studie der Forscher João C. Magalhães, Clara Iglesias Keller und Robert Gorwa, die gerade in der Fachzeitschrift New Media & Society erschienen ist, beleuchtet diesen Prozess nun wissenschaftlichDie Autoren führen dabei den Begriff des „Platform Illiberalism“ (Plattform-Illiberalismus) ein, um die neue Form der digitalen Herrschaft zu beschreiben, die X heute prägt.

Kern der Untersuchung ist die Analyse von mehr als 1500 Einzelereignissen zwischen 2017 und 2025, die den Umbau der Plattform dokumentierenDie Forscher identifizieren dabei drei zentrale Prozesse: die politische Vereinfachung des Governance-Ökosystems, die extreme Machtkonzentration in Musks Händen und die Umdeutung bestehender Regeln zur Durchsetzung persönlicher Ideologien. Besonders deutlich wird dies beim massiven Abbau von Personal. So schrumpfte das Vollzeit-Team für „Trust and Safety“ (Vertrauen und Sicherheit) von ursprünglich etwa 230 auf nur noch rund 20 MitarbeiterMenschliche Moderation wurde weitgehend durch automatisierte Systeme und das Crowdsourcing-Modell der „Community Notes“ ersetzt, was die Transparenz und Kontrollierbarkeit der Plattform erheblich erschwert.

Die Studie vergleicht Musk mit der Figur des „Sysop“ (Systemadministrator) aus der Frühzeit des Internets, der seine Server nach eigenem Gutdünken und oft despotisch verwalteteDoch während diese frühen Administratoren meist kleine Nischen bedienten, steuert Musk eine globale Infrastruktur mit hunderten Millionen Nutzern. Dabei nutzt er seine Position, um die algorithmische Sichtbarkeit seines eigenen Accounts massiv zu steigern. Berichten zufolge befahl er Ingenieuren, das Empfehlungssystem so umzugestalten, dass seine Posts künstlich um den Faktor 1000 geboostet werdenDamit ist die Moderation und Verbreitung von Inhalten auf X nicht mehr das Ergebnis eines komplexen Regelwerks, sondern hängt oft von den persönlichen Launen einer einzelnen Person ab.

Hinter der rhetorischen Fassade der „maximalen Meinungsfreiheit“ verbirgt sich laut den Autoren ein ParadoxWährend Schutzregeln gegen Belästigung oder Falschinformationen – etwa zu Wahlen oder Covid-19 – systematisch geschwächt wurden, wurden gleichzeitig neue Regeln eingeführt oder bestehende missbraucht, um Kritiker mundtot zu machenSo wurden Journalisten gesperrt, die kritisch über Musk berichteten, oder Funktionen wie der „Blocken“-Button entgegen früherer Versprechen doch beibehalten, da App-Stores dies verlangenDie Studie zeigt auf, dass X unter Musk zu einem Werkzeug geworden ist, das illiberale Akteure wie Donald Trump in den USA oder Alice Weidel in Deutschland aktiv unterstützt, während marginalisierte Stimmen zunehmend verdrängt werden.

Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für die Demokratie weltweitX fungiert laut der Analyse inzwischen als Teil einer „illiberalen Öffentlichkeit“, in der autoritäre Einstellungen gefördert werdenGleichzeitig zeigt sich Musk gegenüber autoritären Regierungen dort pragmatisch, wo es seinen Geschäftsinteressen dient, etwa durch das Befolgen von Zensuraufforderungen aus China. Die Ergebnisse der Studie liefern damit eine fundierte Basis für die Debatte über die Regulierung großer Online-Plattformen. Sie machen deutlich, dass die Sicherung demokratischer Standards im digitalen Raum nicht allein dem Gutdünken einzelner Plattformbesitzer überlassen werden kann.

Stefan Krempl

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