Donnerstag, 26. März 2026

Flugtaxis und Fusion: Chinas radikaler Plan gegen die Krise

Um das ambitionierte Wachstumsziel von 2035 zu erreichen, setzt die Volksrepublik alles auf eine Karte: Die staatlich verordnete Marktreife von Science-Fiction.

In den sterilen Konferenzsälen Pekings herrscht eine Sprache, die für Außenstehende oft wie eine Mischung aus bürokratischer Askese und ideologischem Pflichtbewusstsein klingt. Begriffe wie „neue qualitative Produktivkräfte“ oder „industrielle Modernisierung“ dominieren die offiziellen Dokumente. Doch wer den aktuellen 15. Fünfjahresplan der Volksrepublik China entschlüsselt, findet darin eine Vision, die selbst die kühnsten Träume eines Elon Musk blass aussehen lässt. Wie der Economist berichtet, skizziert die Kommunistische Partei (KP) eine Zukunft, in der Lieferdrohnen und Flugtaxis den Himmel beherrschen, humanoide Roboter die Fabriken besiedeln und 6G-Geräte direkt mit dem menschlichen Gehirn kommunizieren.

Dieser technokratische Masterplan ist mehr als eine Wunschliste. Er ist das Fundament für Chinas Versuch, die Rolle des ewigen Aufholers endgültig abzustreifen. Während das Land in den letzten Jahren bei Elektroautos, grüner Energie und – mit Abstrichen – Künstlicher Intelligenz (KI) den Anschluss an den Westen gefunden oder ihn gar überholt hat, zielt das neue Papier auf die absolute Dominanz in den „Frontier Technologies“. Es geht nicht mehr nur darum, bestehende Technik effizienter zu kopieren oder zu skalieren, sondern das Unbekannte zu kommerzialisieren.

Der Druck hinter dieser Ambition ist enorm. Staatschef Xi Jinping hat das Ziel ausgegeben, China bis 2035 zu einem „modernisierten sozialistischen Staat“ zu machen. Rein rechnerisch bedeutet das, dass das Pro-Kopf-BIP von derzeit knapp 14.000 US-Dollar auf bis zu 30.000 US-Dollar steigen soll. In einer Phase, in der die chinesische Inlandsnachfrage schwächelt und geopolitische Spannungen den Export erschweren, sieht die Führung nur einen Ausweg: radikale Produktivitätsgewinne durch technologische Durchbrüche.

Die Strategie unterscheidet sich dabei deutlich von früheren Ansätzen. Laut Analysen der Forschungsfirma Rhodium werden industrielle Planung und wissenschaftliche Innovation nun eins. Wo früher separate Ziele für Forschung und Wirtschaft existierten, fordert der neue Plan die sofortige Kommerzialisierung von Feldern wie Wasserstoffantrieben oder Brain-Computer-Interfaces (BCI) innerhalb der nächsten fünf Jahre. Für noch experimentellere Bereiche wie die Kernfusion oder das Quantencomputing verlangt Peking bereits jetzt konkrete „Anwendungsszenarien“. Das bedeutet im Klartext: Es sollen Industriemuster und Lieferketten für Technologien entstehen, die weltweit noch im Laborstadium stecken.

Das System der chinesischen Planwirtschaft funktioniert dabei wie ein gigantischer Signalverstärker. Sobald ein Sektor im Fünfjahresplan namentlich erwähnt wird, öffnen sich die Schleusen für staatliche Gelder auf nationaler und lokaler Ebene. Privates Kapital folgt meist blind, da das staatliche Engagement als Garantie gegen das Scheitern missverstanden wird. Ganze Armeen von Bürokraten in den Provinzen spezialisieren sich fortan auf das jeweilige Thema, errichten Spezialzonen und locken Experten an.

Dass dieser Top-down-Ansatz funktionieren kann, zeigt das Beispiel KI. Als China 2017 ankündigte, bis 2025 zur Weltspitze gehören zu wollen, reagierten westliche Experten noch mit Skepsis. Spätestens seit dem Erfolg des chinesischen KI-Modells DeepSeek, das es mit US-amerikanischen Spitzenprodukten aufnehmen kann, lacht niemand mehr über Pekings Ambitionen. Auch die sogenannte „Low-Altitude Economy“ – der kommerzielle Luftverkehr in geringer Höhe etwa mit Drohnen – ist in China bereits Realität, unterstützt durch vereinfachte Genehmigungsverfahren und massive Förderungen.

Doch der Weg zur technologischen Vorherrschaft ist mit Risiken gepflastert. Kritiker weisen darauf hin, dass die staatliche Planwut oft zu massiver Kapitalverschwendung führt. Wenn lokale Beamte blindlings versuchen, die Vorgaben aus Peking zu erfüllen, entstehen oft Doppelstrukturen oder Industrien in Regionen, denen es schlicht an den nötigen Fachkräften fehlt. Zudem ist Chinas Erfolgsbilanz keineswegs lückenlos: Bei hochmodernen Halbleitern und im Passagierflugzeugbau hinkt das Land trotz Milliardeninvestitionen weiterhin Jahre hinterher.

Ein anderes Problem ist die Sichtbarkeit der Pläne. Das Programm „Made in China 2025“ alarmierte die US-Politik und führte zu schmerzhaften Exportbeschränkungen, etwa bei Chip-Fertigungsmaschinen. Auch wenn Peking heute vorsichtiger formuliert, dürften die neuen Ziele in Washington erneut die Alarmglocken schrillen lassen – insbesondere durch die Erwähnung „unkonventioneller Maßnahmen“ zur Zielerreichung.

Die größte Hürde bleibt die Natur der Innovation selbst. In der Vergangenheit kopierte China Technologien, für die es bereits reife Märkte gab. Nun stößt das Land an die „blutende Kante“ des Fortschritts, wo niemand weiß, ob es für humanoide Roboter im Alltag oder invasive Gehirnimplantate überhaupt ein tragfähiges Geschäftsmodell gibt. Die KP agiert, als kenne sie die Antworten auf diese Fragen bereits – doch am Ende könnten die Marktkräfte und die Gesetze der Physik ein gewichtiges Wort mitreden.

Stefan Krempl

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